
Michael Crichton
als Jeffery Hudson

 Die Intrige

 Roman

 

 

 

 

 

 

 

 VORWORT

 1967 war ich Medizinstudent. Ich ging im zweiten Jahr auf die Harvard Medical School und finanzierte meine Ausbildung mit Taschenbuch-Thrillern, die ich unter einem Pseudonym schrieb. Meine Methode dabei war, einfach alle Schulden bis zu den nchsten Ferien auflaufen zu lassen. Dann setzte ich mich hin, schob die Lehrbcher beiseite und schrieb wie besessen tglich achtzehn Stunden. Normalerweise hatte ich einen Aussto von fnfundzwanzig getippten Seiten pro Tag.
Am Ferienende schickte ich das fertige Manuskript an meinen Verleger in New York  in der Hoffnung, er werde es sofort kaufen, ohne um eine berarbeitung zu bitten. Es war sogar unbedingt notwendig, da er es auf der Stelle kaufte, weil jedesmal meine Studiengebhren fllig waren; und es war notwendig, da er es ohne berarbeitungswnsche annahm, weil ich am nchsten Tag wieder Vorlesungen und keine Zeit mehr fr nderungen hatte.
Es war eine hektische, ziemlich schreckliche Arbeitsweise.
Doch im nachhinein war ich immer noch froh, da meine Karriere auf diese Weise begann, denn das befreite mich von allen Brden, die normalerweise auf jungen Autoren lastete.
Ich qulte mich nicht damit herum, ob ich meine eigene Ausdruckskraft besa; ich kmmerte mich nicht um groe Kunst; ich schrieb unter Pseudonym, in sehr hohem Tempo.
Und die blichen Sorgen wegen Qualitt oder Originalitt der eigenen Schaffenskraft waren gegenstandslos, da es mein erklrtes Ziel war, ganz und gar unoriginell zu sein  etwas so magerecht auf den Taschenbuchmarkt Zugeschnittenes zu schreiben, da meine Verleger meine Arbeit ohne Zgern kaufen wrden. Mit Hochdruck unterzog ich mich einem bungsprogramm, dessen Ziel vllige Unoriginalitt war.
Meine ersten Taschenbcher waren die blichen Abwandlungen von Spionagegeschichten aus dem Kalten Krieg der sechziger Jahre, wie sie durch Ian Fleming populr wurden. In meinen Romanen waren alle Frauen schn, alle Mnner fuhren Ferrari, und nahezu jeder trug eine Schuwaffe. Diese Bcher machten mir groen Spa, zum Teil, weil sie nicht das Geringste mit meinem Alltag als Medizinstudent zu tun hatten. Ich vermute, der Druck, mglichst schnell neue Geschichten zu verfassen, htte unvermeidlich dazu gefhrt, da ich einen Roman im medizinischen Umfeld schrieb. Die Vorteile lagen auf der Hand  Recherchen waren nicht erforderlich, und ich konnte auf allerhand Erfahrungen zurckgreifen. Einige dieser Erfahrungen machten mir schwer zu schaffen; in meiner Studentenzeit lie ich mich hufig zu hchster moralischer Entrstung hinreien, was ja bei jungen Menschen um die Zwanzig nicht selten vorkommt. Tatsache ist aber auch, da sich die damalige amerikanische Medizin sehr von der heutigen unterschied. Es war die Zeit, bevor rzte durch die Krankenversicherung reich und aufgrund von Kunstfehlern verdchtig wurden, bevor sie durch Polikliniken austauschbar und aufgrund der sich verbreitenden Labortests zu puren Technokraten wurden. Damals wurde Medizin noch als Berufung verstanden. rzte waren angesehen. Fr die Allgemeinheit rangierten Mediziner knapp hinter Richtern am obersten Gerichtshof.
Daher berrascht es vermutlich kaum, da die Medizin in den sechziger Jahren ein ausgesprochen selbstgeflliger Berufszweig war. Strittigkeiten und Mibruche wurden nicht ernsthaft zur Sprache gebracht. Und nur in ersten schwachen Anstzen deuteten sich die ethischen Fragen an, die spter eine so herausragende Rolle spielen sollten. Eine dieser whrendmeine Studentenzeit von der Medizin ausgeklammerten Fragen betraf das Problem der Abtreibung, die damals in den Vereinigten Staaten weitestgehend illegal war. Eine Million Amerikanerinnen flog jedes Jahr auer Landes, um sich freiwillig einer Abtreibung zu unterziehen. Diejenigen, die sich den Flug nicht leisten konnten, tauchten hufig in der Notaufnahme auf, septisch und blutend. In jeder Stadt gab es Engelmacher, die in Hinterzimmern praktizierten, und bei Bedarf wurden verschchterten Frauen die Adressen zugeflstert  ein schbiges, gefhrliches Gewerbe, bei dem die gesamte rzteschaft so tat, als existiere es nicht.
Ich wei noch, wie ich einmal einen Oberarzt fragte, warum die rzteschaft nicht die Unzulnglichkeiten und Gefahren der derzeitigen Situation zur Sprache bringe. Abtreibung ist illegal, erwiderte er. Ich weiߓ, sagte ich. Trotzdem ist es vom medizinischen Standpunkt aus gefhrlich und untragbar.
Aber es ist illegal, sagte er, und mehr gab es dazu nicht zu sagen.
Ich hatte das Gefhl, da es dazu durchaus mehr zu sagen gab, und so ersann ich eine Geschichte, die meiner Betroffenheit Ausdruck verleihen sollte. Ich schrieb Die Intrigeinnerhalb von zehn Tagen whrend der Frhjahrssemesterferien. Ich schickte das Manuskript an meinen Verleger und erhielt im Gegenzug den Anruf, vor dem ich mich so lange gefrchtet hatte.
Es gefllt uns, sagte mein Lektor, aber wir mchten ein paar nderungen.
O nein, sthnte ich.
Sie miverstehen mich offenbar, sagte er. Das sind gute Neuigkeiten. Wir mchten das Buch im Hardcover verffentlichen.
Aber wir meinen, da es zunchst etwas berarbeitet werden mu.
Nein, sagte ich. Verffentlichen Sies einfach als Taschenbuch, so wie immer.
Er schwieg zunchst verblfft. Normalerweise mchten Autoren, da ihre Bcher als Hardcover verffentlicht werden , sagte er.
Ich nicht, sagte ich. Und ich mchte es auch nicht berarbeiten.
Ich bin auf der Uni, ich habe keine Zeit. Letzten Endes aber berredete er mich dazu, den Roman im Sommer umzuschreiben, und ein Jahr darauf, 1968, wurde Die Intrige verffentlicht. Auf dem Einband war kein Foto des Autors abgedruckt, eines gewissen Jeffery Hudson, von dem es lediglich hie, es handle sich um das Pseudonym eines amerikanischen Wissenschaftlers, der in Boston studierte und derzeit in London lebt. (Ich hielt es fr klger, den Autor mglichst auer Reichweite mglicher Interviewer anzusiedeln.) Das Buch sorgte fr einen kleinen Aufruhr in den Medizinerkreisen von Boston. Smtliche Studenten lasen es und fragten: Wer ist dieser Hudson, der sich so gut in der medizinischen Fakultt auskennt? Ich schaltete mich in die Unterhaltungen ein. Ja, sagte ich damals. Ich frage mich auch, wer das wohl ist.
Aber ich wollte nicht, da irgend jemand Bescheid wute. Die Medizin war ein ernstes Geschft, und ein Student, der Spannungsromane schrieb, war offensichtlich nicht mit dem gebhrenden Ernst bei der Sache.
Daher geriet ich in helle Panik, als ich einige Monate spter erfuhr, da das Buch von den Mystery Writers of America, dem amerikanischen Kriminalschriftstellerverband, als bester Kriminalroman des Jahres fr den Edgar Allan Poe Award vorgeschlagen worden war. Lynn Nesbit, meine Agentin, rief an und sagte, ich msse zum Festbankett nach New York fahren und, falls ich gewinnen sollte, den Preis entgegennehmen.
Die Aussicht war entsetzlich, denn dadurch wrde meine Identitt enthllt werden. Ich trstete mich mit der Hoffnung, da ich nicht gewinnen wrde.
Wie es das Schicksal wollte, gewann ich. Am spten Freitagnachmittag stahl ich mich aus der Klinik davon, flog nach New York und nahm meinen Preis entgegen. Ich freute mich, da ich den Edgar hatte, aber meine Verleihungsansprache fiel sehr hastig aus. Ich wollte nicht fotografiert werden; jedes Blitzlicht erfllte mich mit Grauen. Die nchsten paar Wochen lebte ich in steter Panik, die Kunde von der Ehrung knne irgendwie meinen Professoren in Boston zu Ohren kommen.
Doch das geschah nie. Selbst als das Buch nach Hollywood verkauft wurde, schaffte ich es irgendwie, meine Identitt geheimzuhalten. Gleichzeitig fiel es mir immer schwerer, zu kaschieren, was mit mir geschah  und wie ich mehr und mehr empfand. Nun, da ich als Schriftsteller erfolgreich war, stellte ich fest, da ich ernsthaft daran dachte, mich von der Medizin zu verabschieden, sobald ich meinen Doktor in der Tasche hatte. Genau das ist schlielich geschehen.
Daher empfinde ich im nachhinein eine ganze Menge fr dieses kleine Buch, trotz aller nur zu offensichtlichen Unzulnglichkeiten.
Es handelt sich hierbei um das Werk eines jungen, noch nicht einmal fnfundzwanzigjhrigen Mannes, das voller Hingabe, aber auch in betrchtlicher Eile geschrieben wurde. Nun, da die Intrigewiederverffentlicht wird, kann ich den Leser nur um Nachsicht mit einem jungen Mann und seinen ein Vierteljahrhundert alten Ergssen bitten, Michael CrichtonLos Angeles 12. Oktober 1993 bersetzt von Georg Schmidt 

 

 Montag, 10. Oktober

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 Alle Herzchirurgen sind Spinner, und Conway ist keine Ausnahme.
Noch im grnen Operationsmantel, die Mtze auf dem Kopf, strzte er am Morgen um halb neun auer sich vor Wut ins Pathologische Labor. Wenn Conway wtend ist, spricht er stoweise mit zusammengebissenen Zhnen. Sein Gesicht luft rot an, und an den Schlfen zeichnen sich purpurne Flecken ab.
Alles Idioten, zischte er, gottverdammte Idioten. Er hmmerte mit der Faust an die Wand, da die Flaschen in den Schrnken klirrten.
Wir alle wuten, was los war. Conway macht tglich zwei Operationen am offenen Herzen; mit der ersten fngt er um halb sieben an. Wenn er zwei Stunden spter im Pathologischen Labor auftaucht, gibt es dafr nur einen Grund. Diese blden Pfuscher, sagte Conway. Er trat mit dem Fu nach dem Abfalleimer. Klappernd rollte er ber den Boden. Den Schdel schlag ich ihm ein, seinen gottverdammten Schdel, sagte Conway, mit verzerrtem Gesicht zur Decke hochstarrend, als rufe er Gott an. Gott kannte das alles, genau wie wir. Die Wut, die zusammengebissenen Zhne, das Gehmmer und Gefluche. Es war jedesmal das gleiche. Manchmal richtete sich seine Wut gegen den Thoraxspezialisten, manchmal gegen die Schwestern, manchmal gegen die Techniker. Merkwrdigerweise nie gegen Conway. Und wenn ich hundert Jahre alt werde, stie er hervor, nie werde ich einen ordentlichen Ansthesisten finden. Nie. Es gibt einfach keinen. Alles vertrottelte Scheikerle  alle miteinander.
Wir sahen uns verstohlen an; diesmal war es Herbie. Etwa viermal im Jahr war Herbie dran. Die brige Zeit waren er und Conway die besten Freunde, und Conway hob ihn in den Himmel und nannte ihn den besten Ansthesisten im ganzen Land, besser als Lewis in der Mayo-Klinik, besser als irgend jemand. Doch viermal im Jahr war Herbert Landsman schuld daran, wenn jemand auf dem Operationstisch starb. In der Herzchirurgie war die Quote ziemlich hoch: fnfzehn Prozent bei den meisten Chirurgen, acht Prozent bei Conway. Und weil Frank Conway so gut war, ein Mann mit begnadeten Hnden, ein Genie, deshalb fanden sich alle mit seinen Launen und Wutanfllen ab. Einmal hatte er ein Mikroskop auf den Boden geschmissen, ein Schaden von hundert Dollar. Doch weil Conway ein Achtprozenter war, hatte niemand auch nur mit der Wimper gezuckt. Natrlich gab es in Boston alles mgliche Gerede darber, wie er seinen Prozentsatz so niedrig hielt. Man behauptete, Conway lehne komplizierte Flle ab, er operiere keine alten Leute, er probiere nie irgendwelche neuen und gefhrlichen Methoden aus. Das alles stimmte natrlich nicht.
Conway hatte eine so niedrige Sterblichkeitsquote, weil er ein ausgezeichneter Chirurg war. Einfach deshalb. Da er ansonsten ein Widerling war, nahm man nicht so wichtig. Wtend blickte er sich im Labor um. Wer hat heute Dienst?
Ich, sagte ich. Ich war an diesem Tag in der Pathologischen Abteilung der diensthabende Oberarzt. Wenn er irgend etwas wollte, mute er sich an mich wenden. Brauchen Sie einen Tisch?
Ja, verdammte Scheie.
Wann?
Heute abend.
Das war eine Gewohnheit von Conway. Er machte seine Obduktionen immer am Abend, oft bis spt in die Nacht hinein.
Es war, als ob er sich selbst bestrafen wollte. Nie durfte ihm jemand zusehen, nicht einmal seine Assistenten. Manche behaupteten, er weine dabei. Andere, er kichere. Doch niemand wute das genau. Auer Conway.
Ich sag im Bro Bescheid, da sie Ihnen einen reservieren sollen.
Ja, verdammt noch mal. Er schlug auf den Tisch. Eine Mutter von vier Kindern!
Ich sag ihnen, sie sollen alles vorbereiten.
Stillstand  noch bevor wir das Herz aufgemacht hatten.
Aus. Wir haben fnfunddreiig Minuten massiert. Zwecklos. Nichts.
Wie ist der Name? fragte ich. Im Bro brauchten sie den Namen.
McPherson, sagte Conway. Mrs. McPherson. Er ging zur Tr und blieb davor stehen. Er schien zu schwanken; sein Krper sackte zusammen, seine Schultern fielen nach vorn.
Mein Gott, sagte er. Eine Mutter von vier Kindern. Wie, zum Teufel, soll ich das dem Mann beibringen? Er hob die Hnde, hielt sie vors Gesicht und starrte vorwurfsvoll seine Finger an, als htten sie ihn verraten. Und gewissermaen hatten sie das ja.
Mein Gott, sagte er. Warum bin ich nicht Dermatologe geworden? Einem Dermatologen stirbt nie jemand. Dann stie er die Tr auf und ging hinaus.
Als wir allein waren, sagte einer der Assistenten: Ist er immer so? Er war sehr bla.
Ja, sagte ich. Immer.
Ich trat ans Fenster und blickte hinaus auf den dichten Morgenverkehr, der sich langsam durch den Nieselregen schob. Es wre mir leichter gefallen, Mitgefhl fr Conway zu empfinden, wenn ich nicht gewut htte, da er sich selbst was vorspielte, eine Art Ritual zu seiner eigenen Abreaktion, das er jedesmal auffhrte, wenn ihm ein Patient starb. Sicherlich brauchte er das, doch den meisten von uns wre es lieber gewesen, er htte zu diesem Zweck Kreuzwortrtsel gelst.
Conway strte uns und hielt uns bei der Arbeit auf. Am Morgen war das besonders schlimm, weil wir die Gewebeschnitte untersuchen muten und damit ohnedies meist im Rckstand waren.
Ich wandte mich vom Fenster ab und nahm mir den nchsten Schnitt vor. Wir arbeiten in unserem Labor nach einer zeitsparenden Methode: Die Pathologen stehen an hfthohen Arbeitstischen und untersuchen die Exzisionen. Vor jedem hngt ein Mikrofon an der Decke, das mit einem Fupedal ein- und ausgeschaltet werden kann. Auf diese Weise sind die Hnde frei. Wenn man etwas zu sagen hat, tritt man auf das Pedal und spricht ins Mikrofon. Die Befunde werden auf Band aufgenommen und spter von den Sekretrinnen abgeschrieben.
Ich bemhte mich seit einer Woche, mir das Rauchen abzugewhnen, und dieses Prparat erleichterte mir das: es war ein in ein Stck Lungengewebe eingebetteter weier Knoten. Auf dem beigefgten rosa Etikett stand der Name des Patienten; er lag in diesem Moment mit aufgeschnittener Brust unten im OP.
Erst wenn die Chirurgen den pathologischen Befund hatten, konnten sie die Operation fortsetzen.
War es ein gutartiger Tumor, so wrden sie nur einen Lungenlappen entfernen; war es ein bsartiger, die ganze Lunge und smtliche Lymphknoten. Ich trat auf das Pedal.
Patient AO-vier-fnf-zwei-drei-drei-sechs Joseph Magnuson.
Prparat ist ein Schnitt aus der rechten Lunge, Oberlappen, Gre  ich nahm den Fu vom Pedal und ma es  fnf mal sieben Komma fnf Zentimeter. Das Gewebe ist blarosa, mit Luft gefllt und knistert bei Berhrung. Die Pleuraoberflche ist glatt und glnzend, keine Anzeichen fr Fibrose oder Verwachsungen. Einige Blutungen vorhanden. Im Parenchym ein unregelmiger weier Knoten, Gre  ich ma den Knoten  etwa zwei Zentimeter im Durchmesser. Die Schnittflche ist weilich und hart. Keine erkennbare Bindegewebskapsel.
Das umgebende Gewebe ist leicht verwachsen.
Makroskopischer Eindruck: Lungenkrebs, bsartig. Metastase Fragezeichen. Absatz. Unterschrift John Berry.
Ich nahm ein Stck von dem weien Klumpen heraus und fertigte einen Gefrierschnitt an. Es gab nur eine Mglichkeit, mit Sicherheit festzustellen, ob er gutartig oder bsartig war: eine mikroskopische Untersuchung, und die geht mit dem Gefrierschnitt am schnellsten. Normalerweise mute man, um ein mikroskopisches Prparat herzustellen, das Gewebe in sechs oder sieben Bder tauchen, und das dauerte mindestens sechs Stunden, manchmal Tage. So lange konnten die Chirurgen nicht warten. Als das Gewebe hartgefroren war, schnitt ich einen Teil mit dem Mikrotom heraus, frbte ihn und ging damit zum Mikroskop. Ich brauchte gar nicht die strkste Einstellung; schon bei schwacher Vergrerung sah ich deutlich das spitzenartige Netzwerk des Lungengewebes mit den zarten Alveolblschen, in denen der Austausch von Gas zwischen Blut und Luft stattfindet. Und klar hob sich davon die weie Masse ab.
Ich trat mit dem Fu auf das Pedal. Mikroskopische Untersuchung des Gefrierschnitts. Die weiliche Masse scheint aus undifferenzierten Parenchymzellen zu bestehen, die das normale umgebende Gewebe infiltriert haben. In den Zellen zahlreiche unregelmige hypochromatische Kerne und eine groe Anzahl von Kernteilungen. Einige mehrkernige Riesenzellen.
Eine klar abgegrenzte Kapsel ist nicht zu erkennen. Diagnose: Primres Lungenkarzinom (bsartig). Ausgeprgte Anthrakose im umgebenden Gewebe.
Anthrakose ist eine Ansammlung von Kohlenstoff in der Lunge. Ganz gleich, in welcher Form man Kohlenstoff in sich aufnimmt, ob durch Einatmen von Zigarettenrauch oder Grostadtstaub  der Krper wird ihn nie mehr los. Er lagert sich in den Lungen ab.
Das Telefon klingelte. Das war bestimmt Scanion unten im OP, der es nicht erwarten konnte, den Befund zu kriegen. Wie alle Chirurgen ist Scanion todunglcklich, wenn er nicht schneiden kann. Es ist unertrglich fr ihn, wenn er vor dem groen Loch, das er in den Patienten hineingeschnitten hat, stehen und auf den Befund warten mu. Er denkt berhaupt nicht daran, da ein Bote die Gewebsprobe zuerst von der Chirurgischen Abteilung zum ziemlich weit entfernten Patho-logischen Labor bringen mu, bevor wir sie uns ansehen knnen. Und ihm kommt auch nie der Gedanke, da es noch elf andere Operationssle im Krankenhaus gibt, in denen jeden Vormittag zwischen sieben und elf Hochbetrieb herrscht.
Obwohl whrend dieser Zeit bei uns vier Assistenten und Pathologen die Untersuchungen vornehmen, kommen wir mit der Arbeit nie nach. Auf dem Weg zum Telefon streife ich meinen einen Gummihandschuh ab. Meine Hand war schweina; ich wischte sie am Hosenboden ab und nahm den Hrer.
Zur Sicherheit wird unser Telefon jeden Abend mit Alkohol und Formalin desinfiziert.
Hier Berry.
Was ist denn bei euch wieder mal los, Berry? Am liebsten wre ich ihm ber den Mund gefahren, doch ich nahm mich zusammen und sagte blo: Es ist ein Karzinom.
Hab ich mir gedacht, sagte Scanion, als sei meine ganze Untersuchung berflssig gewesen.
Ja, sagte ich und legte auf.
Ich hatte schreckliche Lust auf eine Zigarette. Nach dem Frhstck hatte ich nur eine geraucht, und im allgemeinen rauche ich zwei.
Als ich an meinen Tisch trat, sah ich, da drei Prparate warteten: eine Niere, eine Gallenblase und ein Blinddarm. Whrend ich meinen Handschuh wieder berstreifte, klickte die Sprechanlage.
Dr. Berry?
Ja? Die Sprechanlage hat ein sehr starkes Mikrofon, so da man von jeder Stelle des Labors in normalem Tn mit der Sekretrin sprechen kann. Es hngt hoch oben an der Decke, weil die neuen Assistenten meistens hinstrzen und hineinschreien, ohne daran zu denken, wie empfindlich es ist. Und dann platzt dem Mdchen am anderen Ende fast das Trommelfell.
Dr. Berry, Ihre Frau mchte Sie sprechen. Ich schwieg einen Moment. Judith und ich haben eine Abmachung: am Vormittag keinerlei Anrufe. Von sieben bis elf ist bei mir Hochbetrieb, sechs Tage in der Woche, und manchmal, wenn einer von uns krank ist, auch sieben.
Normalerweise hlt sie sich strikt daran. Sie rief mich nicht einmal an, als Johnny mit seinem Dreirad gegen einen Lastwagen fuhr und an der Stirn genht werden mute. Okay, sagte ich, stellen Sie durch. Ich blickte auf meine Hand. Der Handschuh war halb bergestreift. Ich zog ihn herunter und ging wieder ans Telefon. Hallo?
John? Ihre Stimme zitterte. Seit Jahren hatte sie nicht so geklungen  nicht mehr seit dem Tod ihres Vaters.
Was gibts denn?
John, Arthur Lee hat eben angerufen. Art Lee war ein mit uns befreundeter Gynkologe; bei unserer Hochzeit war er Brautfhrer gewesen.
Was ist denn passiert?
Er rief eben an und wollte dich sprechen. Er ist in einer Klemme.
In was fr einer Klemme? Whrend ich sprach, winkte ich einem Assistenten und deutete auf meinen Tisch. Die Prparate muten schnellstens untersucht werden.
Ich wei nicht, sagte Judith. Er ist verhaftet worden.
Mein erster Gedanke war: Das kann nur ein Irrtum sein.
Bist du ganz sicher?
Ja, ich sag dir doch, er hat gerade eben angerufen. John, ist es wegen 
Keine Ahnung, sagte ich. Ich wei nicht mehr als du.
Ich klemmte den Hrer zwischen Ohr und Schulter, streifte meinen andern Handschuh ab und warf beide in einen mit Plastiktuch ausgeschlagenen Kbel. Ich fahre gleich hin, sagte ich. Reg dich nicht auf. Wahrscheinlich ist es nur irgendeine Kleinigkeit. Vielleicht war er wieder mal betrunken.
Ich ruf dich so schnell wie mglich an. Ich legte auf, nahm meine Schrze ab und hngte sie an den Haken neben der Tr.
Dann ging ich den Korridor hinunter zu Sandersons Bro.
Sanderson war der Chef des Pathologischen Labors, ein Mann von mehr wrdevollem Aussehen. Er war achtundvierzig und das Haar an seinen Schlfen erst leicht grau meliert. Sein Gesicht war dster und nachdenklich. Er hatte genausoviel zu befrchten wie ich. Art ist verhaftet worden, sagte ich.
Er studierte gerade einen Obduktionsbefund. Warum? fragte er und klappte die Akte zu.
Ich wei nicht. Ich wrde gern hinfahren.
Soll ich mitkommen?
Nein, sagte ich. Besser, ich spreche allein mit ihm.
Rufen Sie mich an, sobald Sie Bescheid wissen, sagte Sanderson und starrte mich ber seine Halbbrille hinweg an.
Okay.
Er nickte. Als ich zur Tr hinausging, hatte er die Akte bereits wieder aufgeschlagen und las weiter. Falls ihn die Sache beunruhigte, so lie er es sich nicht anmerken. Aber das tat Sanderson nie.
Als ich unten in der Halle in die Tasche griff und die Wagenschlssel hervorholen wollte, fiel mir ein, da ich ja keine Ahnung hatte, wo sie Art hingebracht hatten, und so ging ich zum Empfangspult, um Judith anzurufen und sie danach zu fragen. Hinter dem Pult sa Sally Planck, eine gutmtige Blondine, deren Name den Assistenzrzten Stoff zu endlosen Witzeleien gab. Ich rief Judith an und fragte sie, wo Art sei, doch sie wute es nicht. Sie hatte ganz vergessen, ihn danach zu fragen. Also rief ich Betty an, Arthurs Frau, ein hbsches, tchtiges Mdchen, das in Stanford seinen Doktor in Biochemie gemacht hatte. Bis sie vor ein paar Jahren ihr drittes Kind bekam, hatte sie in Harvard in einem Forschungsinstitut gearbeitet.
Normalerweise ist sie die Ruhe selbst. Nur einmal hatte ich sie aufgeregt gesehen  als George Kovacs im Suff ihren ganzen Patio vollpinkelte. Betty schien wie gelhmt von dem Schock. Sie sagte, sie htten Arthur in die Charles Street gebracht. Er sei am Morgen verhaftet worden, als er gerade in die Praxis fahren wollte. Die Kinder wren vllig verstrt; sie htte sie nicht zur Schule geschickt, sondern daheim behalten. Was, um Himmels willen, solle sie ihnen sagen? Da das Ganze ein Irrtum wre, sagte ich und legte auf.
Ich ging zum rzteparkplatz, stieg in meinen Volkswagen und fuhr los, vorbei an all den glnzenden Cadillacs. Die groen Wagen gehren alle rzten mit eigener Praxis; Pathologen werden vom Krankenhaus bezahlt und knnen sich solche schimmernden Rsser nicht leisten. Es war Viertel vor neun, die Zeit des strksten Stoverkehrs, in Boston eine Sache auf Leben und Tod. Boston hat die hchste Unfallquote der Vereinigten Staaten, noch hher als Los Angeles, was jeder Unfallchirurg besttigen kann. Oder jeder Pathologe; wir bekommen eine Menge Verkehrstote zur Obduktion. Sie fahren wie die Irren; wenn man auf der Unfallstation sieht, wie die Leichen reinkommen, denkt man, es sei Krieg. Judith sagt immer, das kme davon, da sie unterdrckt sind. Art meint, der Grund sei, da sie katholisch sind und glauben, Gott werde schon auf sie aufpassen, wenn sie falsch berholen, doch Art ist ein Zyniker.
Einmal, bei einer rzteparty, erzhlte ein Chirurg, da an vielen Augenverletzungen die Plastikfiguren am Armaturenbrett schuld sind. Die Leute wrden bei einem Zusammensto nach vorn geschleudert und stchen sich an der Madonna, die sie da vorn befestigt haben, die Augen aus. Art fand das schrecklich komisch.
Er lachte, bis ihm die Trnen kamen. Geblendet durch Religion , sagte er und bog sich vor Lachen. Geblendet durch Religion.
Die meisten Leute bei der Party verstanden nicht, warum er darber so lachte; sie fanden es albern und geschmacklos. Ich glaube, ich war von allen der einzige, der begriff, warum Art das so komisch fand. Ich war auch der einzige, der wute, unter welchem Druck er stndig bei seiner Arbeit stand. Ich bin schon ziemlich lange mit Art befreundet  seit wir zusammen studiert haben. Er ist ein intelligenter Kerl und ein guter Arzt, und er glaubt an das, was er tut. Wie die meisten rzte mit eigener Praxis ist er ein wenig zu selbstherrlich, ein wenig zu autokratisch, und er glaubt immer ganz genau zu wissen, was das beste ist, doch das kann man einfach nicht in jedem Fall. Er erfllt eine wichtige Funktion. Irgendwer mu ja schlielich in unserer Stadt die Abtreibungen machen.
Ich wei nicht genau, wann er damit anfing; vermutlich kurz nach seiner Assistentenzeit auf der Gynkologischen Station.
Es ist keine besonders schwierige Operation  jede gutausgebildete Schwester kann sie machen. Die Sache hat nur einen kleinen Haken. Sie ist gesetzlich verboten. Ich wei noch sehr gut, wie ich dahinterkam. Einige Assistenten im Pathologischen Labor machten dumme Bemerkungen ber Arthur Lee; sie bekamen eine Menge Ausschabungsproben auf den Tisch, die positiv waren. Die Ausschabungen waren aus verschiedenen Grnden angeordnet worden  unregelmige Menstruation, Unterleibsschmerzen, Zwischenblutungen , und bei einigen deutete das Material auf das Bestehen einer Schwangerschaft hin. Mich beunruhigte dieses Gerede, denn die Assistenten waren jung und hatten ein loses Mundwerk. Ich sagte ihnen, sie sollten mit diesem Unsinn aufhren; durch derartige Witze knnte der Ruf eines Arztes leicht ruiniert werden. Dann machte ich mich auf die Suche nach Arthur. Ich fand ihn in der Krankenhauskantine.
Art, sagte ich, da ist eine Sache, ber die ich mit dir reden mu.
Er bi von seinem Krapfen ab und trank einen Schluck Kaffee; anscheinend war er bester Stimmung. Hoffentlich nichts Gynkologisches, sagte er lachend. Nicht direkt. Ich habe nur gehrt, wie einige der Assistenten darber redeten, da du im letzten Monat ein halbes Dutzend Schwangerschaftspositive Abrasionen hattest. Bist du davon verstndigt worden? Seine gute Laune schien pltzlich verflogen. Ja, sagte er, natrlich.
Ich wollte dich blo darauf aufmerksam machen. Wenn das rauskommt, knntest du Schwierigkeiten mit der rztekammer kriegen, und  Er schttelte den Kopf. Wie kommst du denn auf die Idee?
Na ja, du weit doch, wie das aussieht.
Ja, sagte er. Es sieht so aus, als ob ich Abtreibungen mache.
 Er sagte es ganz leise, fast flsternd, und sah mir dabei direkt in die Augen. Ein unbehagliches Gefhl stieg in mir auf. Du hast recht, wir mssen darber reden, sagte er. Hast du heute abend gegen sechs Zeit fr einen Drink?
Ich glaube schon.
Dann treffen wir uns auf dem Parkplatz. Und vielleicht knntest du dir bis dahin eine Krankengeschichte von mir ansehen?
Okay, sagte ich stirnrunzelnd.
Der Name ist Suzanne Black. Die Nummer AO-zwei-zweieins- drei-sechs-fnf.
Ein wenig verwundert, da er die Nummer auswendig wute, kritzelte ich sie auf eine Serviette. Ein Arzt merkt sich alles mgliche von seinen Patienten, aber kaum die Krankennummer.
Sieh dir den Fall gut an, sagte Art, aber sag bitte niemandem etwas darber, bevor wir miteinander gesprochen haben.
Verwirrt ging ich ins Labor zurck. Ich hatte eine Obduktion zu machen, und als ich damit gegen vier Uhr fertig war, ging ich in die Registratur und suchte mir Suzanne Blacks Krankengeschichte heraus. Ich las sie gleich dort  sie war nicht sehr lang. Suzanne Black studierte an einem Bostoner College. Mit zwanzig Jahren war sie zum erstenmal zu Dr. Lee gekommen, wegen Menstruationsstrungen. Nach ihren Angaben hatte sie einige Zeit zuvor die Rteln gehabt und danach unter stndiger Mdigkeit gelitten. Ihr Collegearzt hatte sie auf eine vermutete Mononukleosis hin untersucht. Seit etwa zwei Monaten hatte sie alle sieben bis zehn Tage leichte Blutungen und keine richtige Menstruation. Sie war immer noch stndig mde und lethargisch. Der krperliche Befund war im groen und ganzen normal, nur die Temperatur etwas erhht. Auch das Blutbild war in Ordnung, abgesehen von einem leichten Hmoglobinmangel.
Dr. Lee hatte zur Regulierung ihrer Menstruationsstrungen eine Ausschabung vorgenommen. Das Ganze war 1956 gewesen, vor Einfhrung der strogentherapie. Das Abrasionsmaterial war normal; keine Anzeichen fr einen Tumor oder eine Schwangerschaft. Das Mdchen schien gut darauf anzusprechen.
Sie blieb drei Monate unter Kontrolle und hatte regelmige Perioden.
Der Fall schien vllig klar. Krankheit oder seelische Belastung knnen bei einer Frau die biologische Uhr aus dem Takt bringen; mit einer Ausschabung kann man diese Uhr wieder richtig einstellen. Ich verstand nicht, warum Art mich gebeten hatte, mir den Fall anzusehen. Ich warf einen Blick auf den pathologischen Befund. Dr. Sanderson hatte das Abrasionsmaterial untersucht. Die Diagnose war kurz und eindeutig: makroskopischer Eindruck normal, mikroskopischer Befund normal.
Ich legte die Krankengeschichte in den Schrank zurck und ging ins Labor. Als ich dort ankam, war mir immer noch nicht klar, was an der Sache Besonderes sein sollte. Ich ging im Labor herum und tat dies und jenes, und schlielich setzte ich mich hin und schrieb den Bericht ber die Obduktion.
Ich wei nicht, was mich auf die Idee brachte, mir das mikro- skopische Prparat anzusehen. Wie in den meisten Krankenhusern werden auch bei uns im Lincoln smtliche Prparate aufgehoben, denn auf diese Weise ist es mglich, einen Fall zwanzig oder dreiig Jahre zurckzuverfolgen. Sie sind in langen Ksten eingeordnet, wie Karteikarten in einer Bibliothek.
Wir hatten einen ganzen Raum voll solcher Ksten.
Ich ging zu dem betreffenden Kasten und suchte mir Prparat 1365 heraus. Auf dem Etikett standen die Nummer der Krankengeschichte und Dr. Sandersons Initialen und darunter in Druckbuchstaben: Abrasio. Ich ging mit dem Prparat in den Mikroraum, wo in einer langen Reihe zehn Mikroskope stehen.
Eins davon war frei; ich schob das Prparat hinein und schaute es mir an. Ich sah es auf den ersten Blick.
Der Schnitt stammte von einer Uterusausschabung und zeigte eine normale Gebrmutterschleimhaut in der Wachstumsphase.
Doch was mich stutzig machte, war die Frbung. Das Prparat war mit Zenker-Formalin gefrbt, so da das Ganze strahlend blau und grn aussah. Es war eine ziemlich ungewhnliche Frbungsmethode, die man nur zu speziellen diagnostischen Zwecken anwandte. Normalerweise verwendet man Hematoxylin- Eosin, das eine rosa und purpurne Frbung ergibt. Fast alle Gewebeproben sind mit H & E gefrbt, und wenn dies nicht der Fall ist, so sind die Grnde dafr im pathologischen Befund angegeben. In Dr. Sandersons Befund stand jedoch nicht, da das Prparat mit Zenker-Formalin gefrbt sei. Es schien dafr nur eine Erklrung zu geben: Das Prparat war vertauscht worden. Ich sah mir die Schrift auf dem Etikett an. Kein Zweifel, es war Sandersons Schrift. Was konnte da passiert sein? Im selben Moment fiel mir ein, da es noch andere Mglichkeiten gab. Vielleicht hatte Sanderson vergessen, die ungewhnliche Frbungsmethode in seinem Befund zu vermerken.
Oder er hatte zwei Schnitte angefertigt, den einen mit H & E, den anderen mit Zenker-Formalin gefrbt und nur den Zenker aufgehoben. Oder die Prparate waren vertauscht worden.
Keine dieser Mglichkeiten war besonders berzeugend. Ich dachte die ganze Zeit darber nach und wartete ungeduldig, bis es sechs Uhr war und ich mich mit Art auf dem Parkplatz traf und in seinen Wagen stieg. Er schlug vor, irgendwo anders hinzufahren. Als er losfuhr, sagte er: Hast du die Krankengeschichte gelesen?
Ja, sagte ich. Sehr interessant.
Und hast du dir auch das Prparat angesehen?
Ja. Ist es das Original?
Du meinst, ob das Prparat von Suzanne Blacks Ausschabung stammt? Nein.
Du httest besser aufpassen sollen. Die Frbung stimmt nicht. Mit so was kannst du dich schn in die Nesseln setzen.
Wo ist das Prparat her? Art lchelte leise. Aus einem Fachgeschft fr biologisches Lehrmaterial. Schnitt eines normalen Endometriums.
Und wer hat es vertauscht?
Sanderson. Wir hatten damals noch nicht viel Erfahrung auf dem Gebiet. Es war seine Idee, ein falsches Prparat in den Kasten zu tun und es im Befund als normal zu bezeichnen.
Inzwischen machen wir das natrlich viel raffinierter. Jedesmal, wenn Sanderson normales Abrasionsmaterial kriegt, macht er davon ein paar zustzliche Schnitte und hebt sie auf.
Ich verstehe nicht ganz, sagte ich. Soll das heien, da Sanderson mit dir unter einer Decke steckt?
Ja, sagte Art. Seit mehreren Jahren. Sanderson war ein beraus kluger, beraus liebenswrdiger und beraus korrekter Mann. Du mut wissen, sagte Art, diese ganze Krankengeschichte ist falsch. Das Mdchen war zwanzig, das stimmt.
Und sie hatte die Rteln. Und sie hatte eine Menstruationsstrung, doch der Grund war, da sie schwanger war. Ein Junge, der sie angeblich liebte und heiraten wollte, hatte ihr das Kind bei einem Wochenendausflug angehngt, doch sie wollte zuerst das College fertig machen, und dabei konnte sie kein Baby brauchen. Auerdem hatte sie whrend des ersten Trimesters die Rteln gehabt. Sie war nicht besonders intelligent, aber was das bei einer Schwangeren fr Folgen haben kann, wute sie.
Sie war vllig durcheinander, als sie zum erstenmal zu mir kam. Sie druckste eine Weile herum, und dann platzte sie mit dem Ganzen heraus und fragte, ob ich ihr das Kind nicht wegmachen knnte.
Ich war ziemlich entsetzt. Ich hatte damals eben erst meine Praxis aufgemacht und noch etwas von meinem Idealismus gerettet. Sie war vllig mit den Nerven herunter und tat, als sei die ganze Welt fr sie zusammengebrochen. Und in gewisser Weise stimmte das wohl auch. Sie sah sich nur aus dem College fliegen und als ledige Mutter eines migebildeten Kindes.
Sie war ein nettes Mdchen, und sie tat mir ehrlich leid, doch ich sagte nein. Ich sagte ihr, da ich so etwas unmglich machen knne.
Daraufhin fragte sie mich, ob eine Abtreibung eine gefhrliche Operation sei. Zuerst dachte ich, sie htte die Absicht, es selber zu versuchen, und so sagte ich ja. Dann erzhlte sie mir, da sie von einem Mann im Norden der Stadt wte, der es fr zweihundert Dollar machen wrde. Er sei mal Sanitter bei der Marine gewesen oder so etwas. Wenn ich es nicht machen wrde, dann wrde sie zu diesem Mann gehen, sagte sie, stand auf und ging. Er schttelte den Kopf und seufzte. Die Sache ging mir den ganzen Abend nicht aus dem Kopf, und ich fhlte mich schrecklich. Ich hate sie  weil sie in meine neue Praxis eingedrungen war, in mein klar vorgezeichnetes Leben, weil sie mich vor so ein Problem stellte. Ich konnte nicht schlafen; ich dachte die ganze Nacht daran. Ich malte nur aus, wie sie in irgendein stinkiges Hinterhaus ging, zu einem schmierigen kleinen Kerl, der sie womglich umbringen wrde. Ich dachte an meine Frau und unser einjhriges Baby und daran, wie schn das alles sein kann. Ich dachte an die verpfuschten Abtreibungen, die ich als Assistent gesehen hatte, an die Mdchen, die um drei Uhr morgens eingeliefert worden waren, blutend und schweiberstrmt. Und natrlich fiel mir auch ein, was ich selbst durchgemacht hatte, als ich noch aufs College ging. Einmal hatten Betty und ich sechs volle Wochen darauf gewartet, da ihre Periode kam. Ich wute nur zu gut, wie leicht so was passieren kann  Ich zog an meiner Zigarette und sagte nichts. Mitten in der Nacht stand ich auf und machte mir Kaffee. Ich trank sechs Tassen und sa da und starrte auf die Wand. Bis zum Morgen rang ich mich zu der berzeugung durch, da das Gesetz nicht richtig sei. Ich war zu dem Schlu gekommen, da ein Arzt eine Menge Mglichkeiten hat, Gott zu spielen und dabei Mist zu machen, da dies aber eine gute Tat gewesen wre. Eine Patientin war mit ihren Schwierigkeiten zu mir gekommen, und ich hatte mich geweigert, ihr zu helfen, obwohl das in meiner Macht gestanden htte. Und das lie mir keine Ruhe  ich hatte es abgelehnt, sie zu behandeln. Es war genauso schlimm, als wenn ich einem Kranken Penicillin verweigert htte, genauso grausam und genauso idiotisch. Am nchsten Morgen ging ich zu Sanderson.
Ich wute, da er im allgemeinen sehr liberale Ansichten hatte.
Ich schilderte ihm die Sache und sagte ihm, da ich die Absicht htte, eine Ausschabung zu machen. Er sagte, er wrde die pathologische Untersuchung selbst vornehmen, und das hat er dann auch getan. So fing das Ganze an.
Und seither hast du stndig Abtreibungen gemacht?
Ja, sagte Art. In Fllen, wo ich es fr gerechtfertigt hielt.
Wir gingen in eine Kneipe im nrdlichen Teil der Stadt, ein einfaches Lokal voller italienischer und deutscher Arbeiter. Art war beraus gesprchig; es schien fast, als sei er froh, sich das alles von der Seele reden zu knnen. Die Moral mu doch mit der Wissenschaft Schritt halten, fing er wieder an. Wenn jemand vor der Wahl steht, moralisch zu sein und zu sterben oder unmoralisch zu sein und am Leben zu bleiben, dann wird er auf jeden Fall das Leben whlen. Die Menschen wissen, da eine Abtreibung heutzutage keine schwere, gefhrliche Operation mehr ist. Sie wissen, es ist eine einfache Sache, und sie fordern ihr persnliches Glck, das sie sich damit verschaffen knnen. Und wenn sie eine Abtreibung wollen, dann kriegen sie sie auch. Wenn sie reich sind, fliegen sie nach Japan oder Puerto Rico; wenn sie arm sind, gehen sie zu dem Marinesanitter.
Aber kriegen tun sie sie, so oder so.
Art, sagte ich. Es ist gegen das Gesetz. Er lchelte. Ich wute gar nicht, da du so viel Respekt vor dem Gesetz hast.
Das war eine Anspielung auf meine Vergangenheit. Nach dem College hatte ich eineinhalb Jahre Jura studiert. Dann hatte ich die Nase davon voll und sattelte auf Medizin um.
Dazwischen spielte ich eine Zeitlang Soldat. Das hat doch damit nichts zu tun, sagte ich. Wenn sie dich erwischen, stecken sie dich ins Kittchen und nehmen dir die Approbation.
Das weit du doch.
Ich tu, was ich tun mu, und ich bin berzeugt, da ich richtig handle.
Ich sah ihm an, da er es ernst meinte. Und im Lauf der Zeit kamen mir selbst verschiedene Flle unter, in denen eine Abtreibung die einzig mgliche humane Lsung war. Art bernahm sie, und ich half Dr. Sanderson, sie in der Pathologischen Abteilung zu vertuschen. Wir machten das so raffiniert, da das Gewebekomitee nie dahinterkam. Das Gewebekomitee des Lincoln-Krankenhauses bestand aus den Chefrzten smtlicher Abteilungen sowie sechs weiteren rzten, die stndig wechselten. Das Durchschnittsalter seiner Mitglieder war einundsechzig, und mindestens ein Drittel davon waren jeweils Katholiken. Natrlich lie es sich nicht vllig geheimhalten.
Viele der jngeren rzte wuten, was Art tat, und hieen es gut, weil er bei der Auswahl der Flle strenge Mastbe anlegte.
Die meisten von ihnen htten selbst Abtreibungen gemacht; sie trauten sich nur nicht. Ein paar waren gegen Art und htten ihn gerne hochgehen lassen, wenn sie den Mut dazu gehabt htten: Arschlcher wie Whipple und Gluck, deren engstirnige Moral Mitleid und gesunden Menschenverstand ausschlossen. Lange Zeit hatte ich die Whipples und Glucks gefrchtet.
Spter ignorierte ich sie und achtete nicht mehr auf ihre schiefen, vorwurfsvollen Blicke und verkniffenen Gesichter.
Vielleicht war das ein Fehler.
Denn jetzt hatte man Art geschnappt, und wenn sein Kopf rollte, dann waren auch Sanderson und ich dran.
Vor dem Polizeirevier gab es keine Mglichkeit, den Wagen abzustellen. Schlielich fand ich ein paar Straen weiter einen Parkplatz und ging rasch zurck, um herauszufinden, warum Arthur Lee verhaftet worden war.


2

 Als ich vor ein paar Jahren bei der Army war, machte ich in Tokio Dienst bei der Militrpolizei, und in dieser Zeit habe ich viel gelernt. Die Militrpolizei war damals, kurz vor Ende der Besatzungsra, allseits uerst unbeliebt. Die Japaner erinnerten wir mit unseren weien Helmen und Uniformen an die verhate Militrherrschaft. Und fr die Amerikaner, die sich auf der Ginza mit Sake oder, wenn sie es sich leisten konnten, mit Whisky vollaufen lieen, symbolisierten wir die ganze Unfreiheit und Beengtheit des Soldatenlebens. Wir waren deshalb fr alle, die uns sahen, ein rotes Tuch, und mehr als einer meiner Freunde bekam das zu spren. Einem wurde mit einem Messer das Auge ausgestochen. Ein anderer wurde umgebracht. Natrlich waren wir bewaffnet. Ich wei noch, wie ein abgebrhter Captain, nachdem die Pistolen an uns ausgegeben worden waren, sagte: Jetzt, wo ihr eure Waffen habt, gebe ich euch einen guten Rat: bentzt die Kanone nie.
Stellt euch vor, ihr knallt einen besoffenen Rowdy ab  meinetwegen sogar in Notwehr , und dann stellt sich heraus, sein Onkel ist Kongreabgeordneter oder General. Tragt das Schieeisen so, da man es sehen kann, aber lat es im Halfter.
Kapiert? Praktisch lief das darauf hinaus, da wir stndig bluffen muten.
Wir entwickelten in dieser Hinsicht beachtliche Fhigkeiten  wie brigens alle Polizisten. Daran mute ich denken, als ich im Revier Charles Street dem unfreundlichen Polizeisergeant gegenberstand. Er sah mich an, als wrde er mir am liebsten den Schdel einschlagen.
Ja? Was gibts?
Ich mchte Dr. Lee sprechen, sagte ich.
Er grinste. Meinen Sie das kleine Chinesenschwein?
Ich mchte ihn sprechen, wiederholte ich.
Geht nicht.
Er wandte sich ab und kramte zwischen den Papieren auf seinem Schreibtisch herum.
Warum nicht? Wren Sie bitte so freundlich, nur das zu erklren?
Nein, sagte er. Ich bin nicht so freundlich.
Ich holte meine Fllfeder und mein Notizbuch hervor. Geben Sie mir bitte Ihre Dienstnummer.
Solldas ein Witz sein? Verschwinden Sie. Sie knnen ihn nicht sprechen.
Sie sind gesetzlich verpflichtet, auf Verlangen Ihre Dienstnummer anzugeben.
Was Sie nicht sagen.
Ich warf einen Blick auf seine Schulter und tat, als ob ich mir die Nummer aufschrieb. Dann ging ich zur Tr.
Wo wollen Sie denn hin? murmelte er.
Zur nchsten Telefonzelle, sagte ich. Wirklich ein Jam- mer. Ihre Frau hat bestimmt Stunden gebraucht, um Ihnen diese Schulterstreifen anzunhen. Unten sind sie in zehn Sekunden. Sie machen das mit einer Rasierklinge. Hinterlt keinerlei Spuren.
Langsam erhob er sich hinter seinem Schreibtisch. Also, was wollen Sie?
Dr. Lee sprechen.
Er sah mich nachdenklich an. Sind Sie sein Anwalt? Ich nickte.
Herrgott noch mal, warum haben Sie das nicht gleich gesagt.
 Er nahm einen Schlsselbund aus der Schreibtischschublade.
Kommen Sie mit. Er lchelte mich an, doch sein Blick war immer noch feindselig. Wir gingen durch einen Korridor in den hinteren Teil des Gebudes. Er sagte nichts, sondern brummte nur ein paarmal. Schlielich wandte er sich halb zu mir um und sagte: Sie werden verstehen, da ich mich an meine Vorschriften halten mu. Noch dazu, wos um Mord geht.
Schon gut, sagte ich. Die Zelle, in der Art sa, war freundlich und sauber und die Luft darin ertrglich. Tatschlich gehren die Zellen in Boston zu den besten von Amerika. Kein Wunder: EineMenge bekannter Leute haben schon in diesen Zellen gesessen. Brgermeister, hohe Beamte und so. Schlielich kann man keine ordentliche Kampagne fr seine Wiederwahl fhren, wenn man in einer miesen und dreckigen Zelle sitzt. Das wrde sich schlecht machen. Art hockte auf seinem Bett und starrte auf die Zigarette in seiner Hand. Der Zementboden war voller Stummel und Asche. Als wir den Gang herunterkamen, blickte er auf. John!
Sie knnen zehn Minuten mit ihm reden, sagte der Sergeant.
Ich trat ein. Der Sergeant sperrte die Tr hinter mir zu und blieb, an das Gitter gelehnt, stehen.
Vielen Dank, sagte ich. Sie knnen jetzt gehen. Er sah mich wtend an und schlenderte mit den Schlsseln klappernd davon.
Als er weg war, sagte ich zu Art: Na, alter Junge. Er schwieg.
Art ist ein kleiner, stets sehr penibel gekleideter Mann. Er stammt aus San Francisco, aus einer groen Familie von rzten und Anwlten. Vermutlich war seine Mutter Amerikanerin: er sieht nicht sehr chinesisch aus. Seine Haut ist eher olivfarben als gelb, seine Augen sind kaum geschlitzt, und er hat hellbraunes Haar. Er ist sehr nervs und fuchtelt beim Reden dauernd mit den Hnden herum. Im Ganzen wirkt er eigentlich mehr wie ein Romane. Jetzt war er sehr bla und bedrckt. Er stand auf und begann ruhelos und mit fahrigen Bewegungen in der Zelle auf und ab zu gehen.
Gut, da du gekommen bist.
Falls jemand danach fragen sollte  dein Anwalt hat mich geschickt. Ich holte mein Notizbuch hervor. Hast du deinen Anwalt verstndigt?
Nein, noch nicht.
Warum nicht?
Ich wei nicht. Er rieb sich die Augen. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Ich verstehdas alles nicht 
Wer ist dein Anwalt? Er sagte mir den Namen, und ich schrieb ihn in mein Notizbuch.
Es war ein guter Anwalt, und den wrde er wahrscheinlich auch brauchen.
Okay, sagte ich. Ich rufe ihn dann gleich an. Also, was ist los?
Ich bin verhaftet worden, sagte Art. Wegen Mord.
Das hab ich gehrt. Warum wolltest du mich sprechen?
Weil du doch von solchen Dingen was verstehst.
Von Mord? Wieso denn das?
Du hast doch Jura studiert.
Nur ein Jahr lang, sagte ich. Und das ist zehn Jahre her. Ich kann mich kaum noch an irgend etwas erinnern.
John, sagte er, es geht um ein medizinisches und juristisches Problem. Du mut mir helfen.
Wie wrs, wenn du mir das Ganze erst mal erzhlen wrdest? 
John, ich habs nicht getan. Ich schwre dir, ich habs nicht getan. Ich hab das Mdchen nicht angerhrt. Er ging immer noch nervs auf und ab. Ich packte ihn am Arm. Komm, setz dich, sagte ich, und erzhl mir das Ganze. Von Anfang an und schn langsam. Er schttelte den Kopf, drckte seine Zigarette aus und zndete sich sofort eine neue an. Dann sagte er: Heute morgen, gegen sieben, haben sie mich von zu Hause abgeholt. Sie haben mich hierhergebracht und angefangen, mich zu verhren. Zuerst sagten sie, es wre nur eine Routinesache.
Dann wurden sie immer unangenehmer.
Wie viele waren es?
Zwei. Manchmal drei.
Sind sie grob geworden? Haben sie dich geschlagen? Angeleuchtet?  Er schttelte den Kopf.
Haben sie dir gesagt, da du deinen Anwalt anrufen kannst?
Ja. Aber erst spter. Als sie mich ber meine verfassungsmigen Rechte belehrten. Er setzte sein trauriges, zynisches Lcheln auf. Ich hab dir ja gesagt  zuerst haben sie das Ganze als eine Routinesache hingestellt, und deshalb bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, meinen Anwalt anzurufen.
Sie haben eine ganze Stunde auf mir rumgehackt, bevor sie das Mdchen zum erstenmal erwhnten.
Welches Mdchen?
Karen Randall.
Doch nicht etwa  Er nickte. J. D. Randalls Tchter.
Du lieber Himmel.
Sie fragten mich, ob ich sie kenne und ob sie eine Patientin von mir sei. Ich sagte ja, sie sei vor einer Woche bei mir in der Praxis gewesen. Wegen einer Amenorrhe.
Seit wann hatte sie keine Menstruation?
Seit vier Monaten.
Hast du ihnen das gesagt?
Nein, danach haben sie nicht gefragt.
Und dann? fragte ich.
Sie wollten alle mglichen Einzelheiten ber ihren Besuch wissen. Ob sie noch irgendwelche anderen Beschwerden hatte und wie sie sich benommen hat. Ich habe es abgelehnt, darber Auskunft zu geben. Ich sagte, ich knnte meine Schweigepflicht nicht verletzen. Da wechselten sie pltzlich das Thema und wollten wissen, wo ich gestern abend gewesen bin. Ich sagte, ich htte meine Abendvisite im Spital gemacht und sei dann ein bichen im Park spazierengegangen. Sie fragten, ob ich noch einmal in meiner Praxis gewesen bin. Ich sagte nein.
Darauf fragten sie, ob mich jemand im Park gesehen hat. Ich sagte, das wte ich nicht; ich knnte mich nicht erinnern, jemand Bekanntem begegnet zu sein.
Art zog gierig an seiner Zigarette. Seine Hand zitterte. Dann haben sie mich in die Zange genommen. Ob ich ganz bestimmt nicht noch einmal in der Praxis gewesen sei? Ob ich wirklich nach der Visite im Park spazierengegangen sei? Ob ich Karen seit der vergangenen Woche nicht noch mal gesehen htte? Ich hatte keine Ahnung, worauf sie hinauswollten.
Und worum geht es?
Karen Randall wurde heute morgen um vier von ihrer Mutter ins Memorial-Krankenhaus gebracht. Sie blutete stark und war bei ihrer Einlieferung in einem hmorrhagischen Schockzustand.
Ich wei nicht, wie sie sie behandelt haben  jedenfalls ist sie gestorben. Die Polizei glaubt, ich habe ihr gestern abend eine Abtreibung gemacht.
Ich runzelte die Stirn. Das Ganze war mir reichlich unklar.
Wie kommen sie auf die Idee? Und wie knnen sie so fest davon berzeugt sein?
Das hab ich sie immer wieder gefragt, aber sie haben es mir nicht gesagt. Vielleicht hat das Mdchen phantasiert und im Krankenhaus meinen Namen genannt. Keine Ahnung.
Ich schttelte den Kopf. Art, Polizisten frchten eine ungerechtfertigte Verhaftung wie die Pest. Wenn sie dich verhaftet haben, ohne dir wirklich was nachweisen zu knnen, werden eine Menge Leute ihren Job verlieren. Schlielich bist du ein angesehener Arzt und nicht irgendein besoffener Strolch ohne Geld und ohne Freunde. Sie wissen, da du dir einen erstklassigen Anwalt leisten kannst. Sie htten nie gewagt, dich zu verhaften, wenn sie keine handfesten Beweise htten.
Art winkte ab. Ich kann nur sagen, ich wei es nicht.
Du mut es wissen.
Nein, verdammt noch mal, sagte er und blieb stehen. Ich habe nicht die leiseste Vermutung. Ich sah ihn einen Moment schweigend an und berlegte, wann ich ihm die Frage stellen sollte; da ich es frher oder spter tun mute, war mir klar. Er bemerkte meinen Blick. Nein, sagte er.
Was, nein?
Ich habs nicht getan. Hr auf, mich so anzusehen. Er setzte sich und begann mit den Fingern aufs Bett zu trommeln.
Herrgott noch mal, ich 
Erzhl mir von Karens Besuch, sagte ich.
Da gibts nicht viel zu erzhlen. Sie hat mich um eine Abtreibung gebeten, aber ich habe abgelehnt, weil sie schon im vierten Monat war. Ich hab ihr erklrt, warum ich es nicht machen kann, da es schon zu spt ist und da in diesem Stadium ein Bauchschnitt ntig wre.
Und sie hat sich damit abgefunden?
Ich hatte den Eindruck.
Was hast du in das Krankenblatt eingetragen?
Nichts. Ich hab gar keins angelegt. Ich seufzte. Das knnte man dir ankreiden. Warum nicht?
Weil ich doch gar nicht die Absicht hatte, sie zu behandeln.
Ich wute, da sie nicht mehr wiederkommen wrde. Wozu sollte ich da ein Krankenblatt anlegen?
Wie willst du das der Polizei erklren?
Mein Gott, wenn ich gewut htte, da sie mich verhaften werden, dann htte ich verschiedenes anders gemacht. Ich zndete mir eine Zigarette an und lehnte mich zurck, so da ich die kalte Wand an meinem Hinterkopf sprte. Eins stand fr mich bereits fest  das war eine verdammt lausige Sache.
Und die kleinsten Dinge, die in einem anderen Zusammenhang vllig unwichtig gewesen wren, konnten sich jetzt als beraus wichtig und bedeutungsvoll erweisen.
Wer hat sie zu dir geschickt?
Karen? Ich nehme an, Peter.
Peter Randall?
Ja. Er war ihr Hausarzt.
Du hast sie gar nicht danach gefragt? Im allgemeinen war Art in solchen Dingen sehr genau.
Nein. Sie kam ziemlich spt am Abend, und ich war mde.
Auerdem kam sie sofort zur Sache; sie war sehr direkt und hat nicht lange herumgeredet. Als sie mir das Ganze erzhlte, nahm ich an, Peter htte sie zu mir geschickt, damit ich sie ber die Situation aufklre. Denn da es zu spt war, um einen Abortus einzuleiten, war ja sonnenklar.
Wieso hast du das angenommen? Er zuckte die Achseln. Keine Ahnung.
Ich sah immer noch nicht klar. Ich war berzeugt, da er mir nicht alles gesagt hatte. Sind auch schon andere Mitglieder der Familie Randall an dich berwiesen worden?
Wie meinst du das?
So wie ichs gesagt habe.
Ich glaube nicht, da das von Bedeutung ist, sagte er.
Vielleicht doch.
Ganz bestimmt nicht, sagte er. Das kannst du mir glau- ben.
Ich zog seufzend an meiner Zigarette. Ich wute, wie dickkpfig Art sein konnte. Okay, sagte ich. Dann erzhl mir noch ein bichen was ber das Mdchen.
Was mchtest du wissen?
Hast du sie schon vorher irgendwann mal gesehen?
Nein.
Hast du mal eine Freundin oder Bekannte von ihr behandelt? 
Nein.
Woher weit du das so genau?
Zum Teufel, genau wei ichs nicht, sagte er, aber ich glaube kaum. Sie war doch erst achtzehn.
Okay, sagte ich. Vermutlich stimmte es. Ich wute, da Art im allgemeinen nur Abtreibungen bei verheirateten Frauen machte, die meistens schon Ende zwanzig oder lter waren. Er hatte mir oft gesagt, da er es bei Jngeren nur sehr ungern und selten tte. Bei lteren und verheirateten Frauen war die Gefahr, da es herauskam, wesentlich geringer; sie waren vernnftiger, und bei ihnen konnte man sich eher darauf verlassen, da sie den Mund hielten. Doch ich wute auch, da er in letzter Zeit fter bei jungen Mdchen Schwangerschaftsunterbrechungen vorgenommen hatte. Einmal hatte er, halb im Scherz, gesagt, er empfinde es als ungerechte Begnstigung, sich nur auf verheiratete Frauen zu beschrnken.
Wie war sie, als sie in deine Praxis kam? sagte ich. Was fr einen Eindruck hattest du von ihr?
Ein sehr nettes Mdchen, sagte Art. Hbsch und intelligent und selbstsicher. Sehr direkt, wie ich schon sagte. Sie kam herein, setzte sich, faltete die Hnde auf dem Scho und rckte sofort mit dem Ganzen heraus. Sie verwendete verschiedene medizinische Ausdrcke, zum Beispiel Amenorrhe. Doch das fand ich nicht weiter erstaunlich, denn sie stammte ja aus einer Arztfamilie.
War sie nervs?
Ja, sagte er, aber das sind sie alle. Deshalb ist ja in manchen Fllen die Diagnose so schwierig. Bei Amenorrhe mu man, vor allem, wenn es sich um ein junges Mdchen handelt, immer Nervositt als mgliche Ursache in Betracht ziehen. Die Verzgerung oder das Ausbleiben der Menstruation hat hufig psychische Grnde. Aber vier Monate?
Eben. Ich hielts ja auch fr hchst unwahrscheinlich, da das der Grund sein knnte. Auerdem hatte sie zugenommen.
Wieviel?
Fnfzehn Pfund.
Kein Beweis.
Nein, sagte er, aber ein Hinweis.
Hast du sie untersucht?
Nein. Ich wollte, aber sie hat abgelehnt. Sie wollte nichts weiter als eine Abtreibung, und als ich nein sagte, ging sie wieder.
Sagte sie, was sie vorhatte?
Ja, sagte Art. Sie zuckte die Achseln und sagte: Dann bleibt mir wohl nichts anderes brig, als es ihnen zu sagen und das Kind zu kriegen.
Du glaubst also, sie hatte nicht die Absicht, es sich von jemand anders wegmachen zu lassen? Er schttelte den Kopf.
Sie schien sehr verstndig, und was ich ihr sagte, schien ihr einzuleuchten. Ich bemhe mich ja in solchen Fllen immer, den Frauen klarzumachen, weshalb eine gefahrlose Abtreibung nicht mglich ist und da sie sich damit abfinden mssen, das Kind zu kriegen.
Offenbar hat sie sich aber doch anders entschlossen.
Offenbar.
Warum wohl? Er lachte. Kennst du ihre Eltern?
Nein, sagte ich, und im selben Moment erkannte ich meine Chance und fgte rasch hinzu: Du? Doch Art reagierte schnell. Sein Mund verzog sich zu einem leisen anerkennenden Grinsen, und dann sagte er: Nein. Aber ich habe von ihnen gehrt.
Was? fragte ich.
In diesem Augenblick kam der Sergeant zurck und steckte geruschvoll den Schlssel ins Schlo. Die Zeit ist um, sagte er.
Noch fnf Minuten, sagte ich.
Die Zeit ist um.
Art sagte: Hast du mit Betty gesprochen?
Ja, sagte ich. Es geht ihr gut. Ich werde sie gleich anrufen und ihr sagen, da das Ganze nicht so schlimm ist.
Sie macht sich sicher schreckliche Sorgen, sagte Art.
Judith wird sich um sie kmmern.
Art lchelte verlegen. Tut mir leid, da ich euch allen solche Unannehmlichkeiten bereite.
Nicht so schlimm. Ich warf einen Blick auf den Sergeant, der in der offenen Tr stand und wartete. Sie knnen dich nicht hierbehalten. Bis zum Nachmittag bist du sicher frei.
Der Sergeant spuckte auf den Boden.
Ich gab Art die Hand. Wo ist eigentlich die Leiche? fragte ich.
Vielleicht im Memorial. Aber wahrscheinlich haben sie sie schon ins City gebracht.
Ich werde mich erkundigen, sagte ich. Keine Sorge, Art, es wird sich alles aufklren.
Ich verlie die Zelle, und der Sergeant sperrte hinter mir zu.
Schweigend fhrte er mich den Gang hinunter, und erst, als wir in die Halle traten, sagte er: Der Captain mchte Sie sprechen.

Okay.
Der Captain brennt darauf, Ihnen ein paar Fragen zu stellen.

Na los, sagte ich. Bringen Sie mich zu ihm.

 

 3

 Auf dem Schild an der Tr mit der abbltternden grnen Farbe stand Morddezernat und darunter, auf einer Visitenkarte, Captain Peterson. Der Captain war ein krftiger, untersetzter Mann mit kurzgeschorenemgrauen Haar. Als er um den Schreibtisch herumkam, um mir die Hand zu geben, sah ich, da er mit dem rechten Bein hinkte. Er bemhte sich nicht, es zu verbergen; im Gegenteil, er schien es ein wenig zu bertreiben und lie seine Schuhspitze laut ber den Boden scharren.
Manche Polizisten sind, wie Soldaten, auf ihre Verwundungen stolz. Man merkte, da bei Peterson kein Autounfall die Ursache war. Ich berlegte, wie Peterson sich das wohl zugezogen hatte, und war eben zu dem Schlu gekommen, da es wahrscheinlich eine Schuverletzung war  denn nur selten bekommt man einen Messerstich ins Bein , als er seine Hand ausstreckte und sagte: Ich bin Captain Peterson.
John Berry.
Sein Hndedruck war warm und herzlich, doch seine Augen waren kalt und sein Blick durchdringend. Er deutete auf einen Sessel.
Der Sergeant sagt, er htte Sie noch nie gesehen, und deshalb wollte ich Sie gern kennenlernen. Merkwrdig, die meisten Bostoner Anwlte kennen wir.
Sie meinen sicher, die Strafverteidiger.
Ja, natrlich, sagte er freundlich. Die Strafverteidiger.
Er sah mich erwartungsvoll an.
Ich schwieg. Nach einer Weile sagte Peterson: Bei welcher Firma sind Sie?
Bei welcher Firma?
Ja.
Ich bin kein Anwalt, sagte ich. Ich wei nicht, wieso Sie mich fr einen halten. Er tat erstaunt. Der Sergeant war der Meinung.
So?
Ja. Sie haben ihm doch gesagt, Sie sind Anwalt.
Ich?
Ja, sagte Peterson und legte seine Hnde auf den Schreibtisch.
Wer sagt das?
Der Sergeant.
Da mu er sich irren. Peterson lehnte sich in seinem Sessel zurck und lchelte mich an. Es war ein freundliches Lcheln, als wollte er sagen: Bitte, nur keine Aufregung.
Wenn wir gewut htten, da Sie kein Anwalt sind, dann wrden wir Ihnen nicht erlaubt haben, mit Lee zu sprechen.
Nein? Ich bin aber gar nicht nach meinem Namen und meinem Beruf gefragt worden. Und man hat auch nicht verlangt, da ich eine Sprecherlaubnis beantrage.
Anscheinend war der Sergeant ein bichen durcheinander.
Den Eindruck hatte ich allerdings auch, sagte ich. Peterson lchelte ausdruckslos. Ich kannte diesen Typ: er war ein guter, begabter Polizist, einer, der wute, wann es besser war, einen Schlag einzustecken, und wann er zuschlagen mute. Ein sehr diplomatischer und hflicher Polizist  bis er die Oberhand gewonnen hatte. Also? sagte er schlielich. Ich bin ein Kollege von Dr. Lee.
Falls er berrascht war, so lie er es sich nicht anmerken.
Arzt?
Genau.
Mein Lieber, ihr rzte haltet zusammen wie Pech und Schwefel, sagte er, immer noch lchelnd. Wahrscheinlich hatte er in den letzten zwei Minuten mehr gelchelt als in den letzten zwei Jahren.
So? Glauben Sie? Langsam verschwand das Lcheln; vermutlich aus beranstrengung der dafr untrainierten Muskeln. Wenn Sie Arzt sind, sagte er, dann rate ich Ihnen, sich aus der Sache lieber rauszuhalten. Der Skandal knnte Ihre Praxis ruinieren.
Was fr ein Skandal?
Der ber den Proze.
Wirds denn einen Proze geben?
Ja, sagte Peterson. Und was damit verbunden ist, knnte Ihre Praxis ruinieren.
Ich habe keine Praxis, sagte ich. Arbeiten Sie in einem Forschungsinstitut?
Nein, sagte ich. Ich bin Pathologe.
Das schien ihn etwas aus der Fassung zu bringen. Er beugte sich vor, nahm sich zusammen und lehnte sich wieder zurck.
Pathologe, wiederholte er.
Ja. Ich arbeite in einem Krankenhaus und mache Autopsien.
 Peterson schwieg einen Moment. Er kratzte sich den Handrcken und blickte stirnrunzelnd auf den Schreibtisch. Schlielich sagte er: Ich wei nicht, was Sie vorhaben, Doktor. Aber wir brauchen Ihre Hilfe nicht, und Lee werden Sie kaum helfen knnen.
Warten wirs ab.
Peterson schttelte den Kopf. Darber sind Sie sich doch im klaren.
An Ihrer Stelle wre ich mir nicht so sicher.
Wissen Sie, fragte Peterson, wieviel ein Arzt in einer Schadenersatzklage wegen ungerechtfertigter Verhaftung verlangen knnte?
Eine Million Dollar, sagte ich.
Na ja, sagen wir fnfhunderttausend. Aber darauf kommts nicht so genau an. Wir haben keine Angst davor.
Sie glauben, Sie haben ausreichende Beweise?
Worauf Sie sich verlassen knnen. Peterson lchelte wieder.
Oh, ich wei, Dr. Lee kann Sie als Zeugen benennen. Das ist uns klar. Und Sie knnen eine groe Rede schwingen und versuchen, die Geschworenen mit Ihren umwerfenden wissenschaftlichen Argumenten aufs Kreuz zu legen. Aber an einer Tatsache, an der wesentlichen, kommen Sie nicht vorbei.
Und was fr eine Tatsache ist das?
Da ein junges Mdchen heute morgen im Memorial- Krankenhaus verblutet ist, infolge einer ungesetzlichen Abtreibung.
Daran gibts nichts zu deuteln.
Und Sie sind berzeugt, da Dr. Lee die Abtreibung gemacht hat?
Ich sage Ihnen doch, wir haben Beweise dafr, sagte Peterson freundlich.
Hoffentlich hieb- und stichfeste, sagte ich, denn Dr. Lee ist ein bekannter, angesehener 
Hren Sie mal, sagte Peterson und zeigte zum erstenmal Ungeduld, wofr halten Sie eigentlich dieses Mdchen  fr ein Zehndollarflittchen? Sie war ein nettes Mdchen, ein verdammt nettes Mdchen, aus einer guten Familie. Und so ein junges hbsches Mdchen ist abgeschlachtet worden. Obwohl sie nicht zu irgendeiner Hebamme oder irgendeinem Quacksalber gegangen ist. Dazu war sie zu intelligent und hatte zuviel Geld.
Und wieso glauben Sie, da Dr. Lee es war?
Das geht Sie nichts an.
Ich zuckte die Achseln. Dr. Lees Anwalt wird die gleiche Frage stellen, und dem knnen Sie das nicht sagen. Wenn Sie darauf keine bessere Antwort wissen 
Das lassen Sie nur unsere Sorge sein. Ich wartete. Irgendwie interessierte es mich, wie gut, wie diplomatisch Peterson wirklich war. Er brauchte mir nicht das mindeste zu verraten; er brauchte kein einziges Wort mehr zu sagen. Wenn er noch irgend etwas sagte, dann war das ein Fehler.
Peterson sagte: Wir haben eine Zeugin, die gehrt hat, wie das Mdchen Dr. Lee beschuldigte.
Das Mdchen befand sich bei seiner Einlieferung ins Kran- kenhaus in einem schweren Schockzustand. Sie war im Delirium und halb bewutlos. Was sie gesagt hat, drfte als Beweis kaum ausreichen.
Zu der Zeit, als sie es sagte, war sie in keinem Schockzustand.
Sie hat es viel frher gesagt.
Zu wem?
Zu ihrer Mutter, sagte Peterson befriedigt grinsend. Sie hat ihrer Mutter gesagt, da Lee es war. Als sie von zu Hause wegfuhren. Und ihre Mutter wird das beschwren.


4

 Ich bemhte mich, mir nichts anmerken zu lassen. Ich bemhte mich, gleichgltig dreinzublicken. Zum Glck hat man als Arzt darin einige bung; es fllt einem nicht schwer, uerlich gelassen zu bleiben, wenn ein Patient einem erzhlt, da er in einer Nacht zehnmal mit seiner Frau schlft, im Traum seine Kinder ersticht oder tglich zwei Liter Wodka trinkt. Es gehrt zum Nimbus eines Arztes, sich durch nichts aus der Fassung bringen zu lassen. So? sagte ich.
Peterson nickte. Eine zuverlssige Zeugin, sagte er. Eine reife Frau, ruhig und besonnen. Und uerst attraktiv. Sie wird einen ausgezeichneten Eindruck auf die Geschworenen machen.

Kann sein.
Sie sehen, ich bin ganz offen zu Ihnen, sagte Peterson.
Wie wrs, wenn Sie mir jetzt sagen wrden, warum Sie sich derart fr Dr. Lee interessieren?
Aus einem ganz einfachen Grund. Ich bin mit ihm befreundet.

Er hat Sie als ersten angerufen  vor seinem Anwalt.
Er darf doch zwei Telefongesprche fhren.
Sicher, sagte Peterson, aber die meisten rufen ihren Anwalt und ihre Frau an.
Er wollte eben mich sprechen.
Ja, sagte er. Aber warum?
Ich bin nicht nur Arzt, sagte ich. Ich hab auch mal Jura studiert.
Sie sind fertig ausgebildeter Jurist?
Nein, sagte ich.
Peterson strich mit der Hand ber die Schreibtischkante.
Ich frchte, dann verstehe ich nicht ganz, wieso 
Ich glaube nicht, da das irgendwie von Wichtigkeit ist, sagte ich.
Mglicherweise sind Sie in die Sache verwickelt?
Mglich ist alles, sagte ich.
Soll das ja heien?
Das soll heien, da alles mglich ist.
Er sah mich einen Moment nachdenklich an. Wenn Sie alles fr mglich halten, wieso sind Sie dann so berzeugt, da Dr.
Lee es nicht war?
Ich bin nicht sein Verteidiger.
Jeder kann mal einen Fehler machen, meinen Sie nicht? sagte Peterson. Sogar ein Arzt.
Als ich hinaus in den Regen trat, kam ich zu dem Schlu, da es Unsinn war, sich gerade jetzt das Rauchen abgewhnen zu wollen. Peterson hatte mich ziemlich nervs gemacht; ich rauchte zwei Zigaretten hintereinander und nahm mir vor, im nchsten Drugstore eine neue Schachtel zu kaufen. Ich hatte ihn anfangs fr borniert und unfhig gehalten. Das war er durchaus nicht. Wenn er die Wahrheit gesagt hatte, dann hatte er einen Beweis, der Arts Verhaftung rechtfertigte. Vielleicht wrde er nicht ausreichen, um Art zu berfhren, doch Petersons Vorgehen war dadurch gedeckt.
Peterson hatte vor einem Dilemma gestanden. Einerseits war es gefhrlich, Dr. Lee zu verhaften; andererseits war es gefhrlich, ihn nicht zu verhaften, wenn ausreichende Indizien vorzuliegen schienen. Peterson hatte eine Entscheidung treffen mssen, und er hatte sie getroffen. Jetzt mute er, solange es ging, dazu stehen. Dabei stand ihm jederzeit ein Ausweg offen: Wenn es schiefging, konnte er die Schuld auf Mrs. Randall schieben und sich darauf berufen, nur seine Pflicht getan zu haben. Denn wenn ausreichende Indizien vorlagen, dann mute man handeln und durfte sich nicht darum kmmern, ob man rechthatte oder nicht  die Indizien berechtigten einen dazu .
Ich ging in den Drugstore und kaufte zwei Schachteln Zigaretten.
Von der Telefonzelle aus rief ich im Labor an und sagte Bescheid, da ich heute nicht mehr kommen wrde. Dann rief ich Judith an und bat sie, zu Betty zu gehen und sich um sie zu kmmern. Sie fragte, ob ich Art gesehen htte und wie es ihm ginge, und ich sagte, alles sei in Ordnung und sie wrden ihn sicher in ein paar Stunden entlassen.
Im allgemeinen verschweige ich Judith nichts. Nur manchmal diese oder jene Kleinigkeit, zum Beispiel, wie sich Cameron Jackson vor ein paar Jahren beim Chirurgenkongre auffhrte. Ich wute, Camerons Frau wrde ihr leidtun, wie es bei der Scheidung der beiden im letzten Frhjahr dann der Fall war. Es war eine typische Medizinerscheidung, wie wir das in Kollegenkreisen zu nennen pflegen. Cameron, ein vielbeschftigter, tchtiger Orthopde, kam immer seltener zu den Mahlzeiten heim und verbrachte sein ganzes Leben im Krankenhaus. Seine Frau ertrug das nicht lange. Zuerst richtete sich ihr Groll auf die Orthopdie und schlielich gegen Cameron.
Sie bekam die Kinder und dreihundert Dollar wchentlich zugesprochen, doch glcklich ist sie nicht. Viel lieber mchte sie Cameron  ohne Orthopdie.
Auch Cameron ist nicht glcklich. Als ich ihn vor einer Woche traf, deutete er an, da er die Absicht htte, eine Krankenschwester zu heiraten, mit der er befreundet ist. Die Leute wrden sich darber natrlich den Mund zerreien, doch die wrde wenigstens Verstndnis fr ihn haben.
Ich mu oft an Cameron Jackson und all die anderen Kollegen denken, denen es so geht wie ihm. Meistens dann, wenn ich noch sptabends im Labor sitze und den ganzen Tag soviel zu tun gehabt habe, da ich einfach nicht dazugekommen bin, zu Hause anzurufen und zu sagen, da ich spter komme.
Art Lees Ehe ist von einer geradezu starren Festigkeit. Vielleicht liegt das daran, da er Chinese ist, aber das kann nicht der einzige Grund sein. Sowohl Art als auch seine Frau sind sehr gebildet und emanzipiert, doch ganz scheint es ihnen nicht gelungen zu sein, alle Traditionen abzustreifen. Art hat stndig ein schlechtes Gewissen, weil er sich seiner Familie so wenig widmet, und er berhuft seine drei Kinder mit Geschenken; sie sind schrecklich verzogen. Er ist ganz vernarrt in sie, und wenn er von ihnen zu erzhlen anfngt, findet er kein Ende.
Seine Einstellung zu Betty ist komplizierter und unklarer.
Manchmal scheint er zu wollen, da sie wie ein treuer Hund um ihn herumstreicht, und hufig tut sie das auch. Gelegentlich jedoch lehnt sie sich gegen ihn auf.
Betty Lee ist eine der schnsten Frauen, die ich kenne. Sie ist schlank und anmutig und hat eine sanfte Stimme; neben ihr wirkt Judith derb und laut, fast maskulin. Judith und ich sind seit acht Jahren verheiratet; wir lernten uns kennen, als ich Assistent war und sie auf dem Smith College ihr letztes Semester machte. Judith ist auf einer Farm in Vermont aufgewachsen und fr ein hbsches Mdchen bemerkenswert praktisch und nchtern. Ich sagte: Kmmere dich um Betty.
Ja, natrlich.
Versuch sie zu beruhigen.
Okay.
Und halt ihr die Reporter vom Hals.
Glaubst du denn, da welche kommen werden?
Ich wei nicht. Wenn ja, la sie nicht zu ihr. Sie versprach es, und ich legte auf und rief George Bradford an, Arts Anwalt.
Bradford war ein ausgezeichneter Anwalt und ein Mann mit den richtigen Beziehungen; er war Hauptinhaber der Firma Bradford, Stone und Whitlaw. Man sagte mir, da er nicht da sei, und so hinterlie ich eine Nachricht.
Als letzten rief ich Lewis Carr an, Professor der medizinischen Klinik am Memorial-Krankenhaus. Es dauerte eine Weile, bis die Zentrale ihn aufgetrieben hatte; dann meldete er sich wie immer in munterem Ton: Hier Carr.
Ich bins, Lew  John Berry.
Hallo, John. Was haben Sie auf dem Herzen. Das war typisch. Die meisten rzte befolgen, wenn sie von Kollegen angerufen werden, eine Art Ritual: Zuerst fragen sie, wie es einem geht, dann erkundigen sie sich, wie es mit der Arbeit steht und dann nach der Familie. Doch Carr hielt sich nicht an Rituale.
Ich sagte: Ich rufe wegen Karen Randall an.
Und was wollen Sie wissen? fragte er zurckhaltend. Anscheinend war die Angelegenheit im Memorial ein heies Eisen.
Was Sie mir sagen knnen. Was Sie gehrt haben.
Hren Sie, John, sagte er, ihr Vater ist ein groer Mann bei uns. Vielleicht ists besser, ich habe nichts gehrt. Wer interessiert sich denn dafr?
Ich.
Und warum?
Ich bin mit Art Lee befreundet.
Sie haben ihn verhaftet, nicht? Ich habs kaum glauben knnen. Ich dachte immer, Lee ist viel zu gerissen 
Lew, was ist letzte Nacht passiert? Carr seufzte. Mein Gott, eine frchterliche Sache. Ein entsetzliches Schlamassel.
Sie ist morgens um drei eingeliefert worden.
Und?
Ich mchte am Telefon nicht darber sprechen, sagte Carr. Am besten, Sie kommen her.
Okay, sagte ich. Nur noch eins: Ist die Leiche noch bei euch?
Nein, sie haben sie ins City gebracht.
Ist sie schon obduziert worden?
Keine Ahnung.
Schn, sagte ich, ich schau spter vorbei. Ob ich mir das Krankenblatt ansehen kann?
Kaum, sagte Carr. Es ist beim Alten.
Knnen Sies ihm nicht entreien?
Ich frchte, nein, sagte er. Also dann bis spter, sagte ich.
Ich legte auf, warf noch eine Mnze ein und rief das Leichenschauhaus des City-Krankenhauses an. Alice, die Sekretrin, besttigte, da die Leiche zu ihnen gebracht worden war.
Alice litt an einer Unterfunktion der Schilddrse und hatte eine Stimme wie eine Bageige. Ist sie schon obduziert?
Sie fangen gerade damit an.
Ob sie nicht noch ein bichen warten knnen? Ich wrde gern dabeisein.
Ich glaube kaum, da sich das machen lt, brummte Alice.
Irgend so ein eifriger Bursche vom Memorial ist da.
Sie riet mir, mich zu beeilen. Ich sagte, ich wrde sofort kommen.


5

 In Boston galten die Randalls als alteingesessene Familie; das hie, da sich unter ihren Ahnen mindestens ein Pilgervater befunden haben mute, der mit der Mayflower ins Land gekommen war.
Die Randalls waren seit vielen Generationen rzte, und in der jngeren Vergangenheit hatten sie eine Reihe bedeutender Mediziner hervorgebracht. Joshua Randall war zu Anfang des Jahrhunderts ein berhmter Gehirnchirurg gewesen, der fr die Entwicklung der Neurochirurgie in Amerika mindestens ebensoviel getan hatte wie Cushing. Er war ein strenger, despotischer Mann, ber den man sich heute noch in rztekreisen eine legendre Geschichte erzhlt.
Wie viele Chirurgen seiner Zeit hatte Joshua Randall seinen Assistenten strikt untersagt, zu heiraten. Einer seiner Assistenten hielt sich nicht an dieses Gebot, und als Randall ein paar Monate spter dahinterkam, befahl er seine smtlichen Assistenten zu sich. Nachdem sie sich in einer Reihe aufgebaut hatten, sagte er: Dr. Jones, treten Sie bitte einen Schritt vor.
Zitternd gehorchte der Missetter. Stimmt es, da Sie sich verehelicht haben? fragte Randall. Es klang, als diagnostiziere er eine abstoende Krankheit.
Jawohl, Sir.
Haben Sie noch etwas zu Ihrer Verteidigung zu sagen, bevor ich Sie aus meinem Stab entlasse? Der junge Arzt berlegte einen Moment; dann sagte er: Jawohl, Sir. Ich verspreche, da ich es nie wieder tun werde.
Randall soll sich ber diese Antwort so amsiert haben, da er den Assistenten behielt.
Auf Joshua Randall folgte Winthrop Randall, der Thoraxchirurg.
J. D. Randall, Karens Vater, war Herzchirurg und hatte sich auf Klappenfehler spezialisiert. Ich hatte ihn nie kennengelernt, aber ein- oder zweimal gesehen  einen grimmigen, patriarchalisch wirkenden Mann mit vollem weien Haar und gebieterischem Gebaren. Er war der Schrecken seiner Assistenten; trotzdem drngte sich alles darum, von ihm ausgebildet zu werden.
Sein Bruder Peter war Internist und hatte eine sehr elegante, sehr exklusive Praxis. Angeblich war er ein tchtiger Arzt, doch Genaueres wute ich nicht darber. J. D. hatte einen Sohn, Karens Bruder, der in Harvard Medizin studierte. Vor einem Jahr war das Gercht umgegangen, da er bei einem Examen durchgefallen sei; seither hatte ich nichts ber ihn gehrt.
In einer anderen Stadt und in einer anderen Zeit htte man es vielleicht unbegreiflich gefunden, da ein Junge das Wagnis auf sich nahm, eine so berhmte Familientradition fortsetzen zu wollen. Doch nicht in Boston: Fr die reichen alten Bostoner Familien gab es schon seit langem nur zwei standesgeme Ttigkeitsbereiche. Der eine war die Medizin, der andere die Jurisprudenz; auerdem kam hchstens noch die philosophische Fakultt in Frage, aber in diesem Fall mute man mindestens Professor in Harvard werden. Doch die Randalls waren keine Philosophen- oder Juristenfamilie. Sie waren eine rztefamilie, undjeder Randall strebte danach, sein Medizinstudium hinter sich zu bringen und eine Assistentenstelle im Memorial zu kriegen. Sowohl auf der Universitt wie im Memorial hatte man seit jeher bei weniger begabten Randalls beide Augen zugedrckt, doch auf die Lnge gesehen hatte die Familie die in sie gesetzten Erwartungen immer wieder mehr als erfllt.
Auf dem Gebiet der Medizin konnte man auf den Namen Randall setzen. Das war so ziemlich alles, was ich ber die Randalls wute; auerdem noch, da sie sehr reich, berzeugte Anhnger der Episkopalkirche, bekannt fr ihren Gemeinsinn, allseits angesehen und sehr mchtig waren. Jetzt ging es darum, mehr ber sie herauszufinden.
In Boston herrscht die weitverbreitete Meinung, nirgends auf der Welt gebe es eine bessere rztliche Versorgung als hier.
Die Brger der Stadt sind so fest davon berzeugt, da es darber so gut wie keine Diskussionen gibt. Heie und leidenschaftliche Diskussionen hingegen gibt es ber die Frage, welches das beste Krankenhaus von Boston ist. ber eins sind sich dabei alle einig: ganz unten auf der Rangliste steht das City-Krankenhaus. Es liegt nicht weit vom Bordellviertel am Rand der Negerslums. Ehrend ich durch ein Schlagloch nach dem anderen rumpelte, fhlte ich mich sehr weit entfernt vom Memorial, der Wirkungssttte der Randalls.
Drei Blocks vor dem Krankenhaus kam ich am Schlachtfeld  vorbei. Bei Nacht wimmelte es dort von Huren, Zuhltern und Rauschgiftschtigen; der Name stammt von den rzten des City-Krankenhauses, die aus dieser Gegend so viele Einlieferungen mit Stich- und Schuverletzungen bekommen, da sie oft das Gefhl haben, in einem Frontlazarett zu arbeiten.
DasCity ist ein riesiger, drei Straenblocks umfassender Gebudekomplex. Es hat ber 1350 Betten, die zum grten Teil mit Alkoholikern und Asozialen belegt sind. Das rztliche Establishment von Boston rmpft berdas City die Nase, doch fr Assistenten und Praktikanten ist es eine gute Ausbildungssttte, denn man bekommt dort mehr medizinische Probleme zu sehen als in einem vornehmeren Krankenhaus. Ein gutes Beispiel dafr ist Skorbut. Nur sehr wenige Menschen im heutigen Amerika leiden an Skorbut. Man kriegt ihn nur, wenn man allgemein unterernhrt ist und monatelang kein Obst ist.
Das kommt so selten vor, da man in den meisten Krankenhusern nur alle drei Jahre einen Fall sieht; im City sind es ein halbes Dutzend Falle im Jahr, vor allem im Frhling, der Skorbutsaison. Andere Beispiele sind schwere Tuberkulose, tertire Syphilis, Schu- und Stichverletzungen, Unflle und menschliches Elend. Mit alldem hatdas City mehr zu tun als alle anderen Bostoner Krankenhuser.
Das Inneredes City ist ein von einem Irren erdachtes Labyrinth.
Endlose Korridore, ber und unter der Erde, verbinden das Dutzend einzelner Spitalsgebude. An jeder Ecke gibt es groe grne Wegweiser, doch die helfen nicht viel; das Ganze bleibt hoffnungslos verwirrend. Whrend ich durch die Korridore und Gebude ging, mute ich an meine Assistentenzeit in den verschiedenen Abteilungendes City denken. Allerlei kleine Einzelheiten fielen mir ein. Die Seife: eine seltsame, billige, widerlich riechende Seife, die berall verwendet wurde.
Die Papierscke, die neben jedem Waschbecken hingen, der eine fr die Papierhandtcher, der andere fr die Rektalhandschuhe.
Aus Sparsamkeit hob man benutzte Handschuhe auf, reinigte sie und benutzte sie wieder. Die kleinen Namensschilder aus Plastik in Schwarz, Blau oder Rot, je nach Abteilung.
Ich hatte ein Jahr in diesem Krankenhaus verbracht, und in dieser Zeit hatte ich mehrere offizielle Obduktionen gemacht.
Es gibt vier Flle, in denen eine Obduktion gesetzlich vorgeschrieben ist. Jeder Pathologe kann die Liste im Schlaf aufsagen: Wenn der Patient infolge einer Gewalttat oder unter ungewhnlichen Umstnden stirbt.
Wenn der Patient tot ins Krankenhaus eingeliefert wird.
Wenn er innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach der Einlieferung stirbt.
Wenn ein Patient auerhalb des Krankenhauses ohne rztliche Versorgung stirbt.
In allen diesen Fallen wirdim City eine Obduktion vorgenommen.
Wie viele Stdte hat Boston kein eigenes gerichtsmedizinisches Institut, sondern das Bro des Coroners befindet sich im zweiten Stock des Mallory Building, der Pathologischen Abteilungdes City. In Routinefllen fhren meistens Assistenten des Krankenhauses, in denen der Patient gestorben ist, die Obduktion durch. Fr einen unerfahrenen Assistenten ist solch eine vom Coroner angeordnete Obduktion eine sehr aufregende Angelegenheit. Man hat zum Beispiel noch nie einen Vergifteten oder durch Strom Getteten gesehen und frchtet nun, irgend etwas Wichtiges zu bersehen. Die einzige, von Assistent zu Assistent berlieferte Lsung besteht darin, mit peinlichster Genauigkeit vorzugehen, stndig Fotos oder Notizen zu machen und alles aufzuheben, das heit, Gewebeteile von allen wichtigen Organen fr den Fall aufzu- bewahren, da das Gericht eine berprfung des Obduktionsergebnisses verfgt. Das ist natrlich eine kostspielige Sache, da man dazu eine Menge Gefe, Konservierungsmittel und Platz in den Khlschrnken braucht. In Fllen, fr die sich die Polizei interessiert, ist es jedoch eine Selbstverstndlichkeit.
Doch trotz aller Vorkehrungen hat man whrend der ganzen Obduktion stndig diese Angst, verlt einen der schreckliche Gedanke nicht, der Staatsanwalt oder der Verteidiger knnte irgendein Gutachten oder irgend welches entscheidendes Beweismaterial verlangen, das man nicht liefern kann, weil man nicht alle Mglichkeiten bedacht hat. Aus irgendeinem Grund  kein Mensch wei heute mehr, warum  stehen gleich hinter dem Eingang des Mallory zwei kleine steinerne Sphinxe.
Jedesmal, wenn ich sie sehe, rgere ich mich; vielleicht, weil einen Sphinxe in einer Pathologischen Abteilung an gyptische Einbalsamierungskammern erinnern.
Ich stieg in den zweiten Stock hinauf, um mit Alice zu reden.
Sie war schlecht gelaunt und mrrisch; aus irgendeinem Grund htten sie mit der Obduktion noch nicht angefangen; es ginge zu wie in einem Irrenhaus, und sie wte nicht mehr, wo ihr der Kopf stnde; ob ich schon gehrt htte, da eine Grippeepidemie im Anzug sei? Ich nickte und fragte: Wer macht denn die Obduktion bei Karen Randall? Alice runzelte mibilligend die Stirn. Sie haben irgendwen vom Memorial rbergeschickt. Ich glaube, er heit Hendricks.
Das berraschte mich. Ich hatte gedacht, man wrde irgendeine Kapazitt damit beauftragen. Ist er drinnen? fragte ich und deutete mit dem Kopf auf die andere Seite der Halle.
Hmm, brummte Alice.
Vorbei an den Khlschrnken, in denen die Leichen aufbewahrt wurden, und an dem Schild mit der AufschriftUNBEFUGTEN ZUTRITT VERBOTENging ich auf die zwei Schwingtren zu.
Die Tren waren aus Holz und hatten keine Fenster; auf der einen standEINGANG, auf der anderenAUSGANG. Ich stie die eine auf und trat in den Obduktionsraum. Hinten in einer Ecke standen zwei Mnner und unterhielten sich.
Es war ein ziemlich groer Raum mit dunkelgrn gestrichenen Wnden. Der Boden war aus Zement, und ber die niedrige Decke liefen Leitungsrohre; auf die Inneneinrichtung legte man hier nicht viel Wert. Hintereinander standen fnf Tische aus rostfreiem Stahl in dem Raum, jeder zwei Meter lang. Sie waren leicht abgeschrgt und hatten einen erhhten Rand. ber die Tische rann ein dnner Schleier Wasser und flo am unteren Ende in ein Abzugsloch. Das Wasser lief whrend der ganzen Obduktion und splte Blut und Gewebeteile weg. Auch der riesige, in ein Milchglasfenster eingebaute Ventilator und das kleine chemische Luftverbesserungsgert, das einen falschen Fichtennadelduft in den Raum blies, waren eingeschaltet.
Auf der einen Seite war ein Umkleideraum, in dem die Pathologen ihre Straenanzge auszogen und Operationsmntel und eine Gummischrze anlegten. An der Wand befanden sich vier Waschbecken. ber dem letzten hing ein Schild mit der Aufschrift:DIESES BECKEN NUR ZUM HNDEWSCHEN. In den brigen wurden die Instrumente und die entnommenen Prparate gereinigt. An einer anderen Wand stand eine Reihe einfacher Schrnke, die Handschuhe, Behlter fr die Aufbewahrung von Prparaten, Konservierungsmittel, Reagenzien und eine Kamera enthielten. Ungewhnliche Untersuchungsstcke wurden vor der Entfernung fotografiert.
Als ich eintrat, wandten sich die beiden Mnner zu mir um.
Sie hatten ber einen Fall diskutiert, eine Leiche, die auf dem letzten Tisch lag. Den einen kannte ich flchtig; es war Gaffen, ein Assistenzarzt. Den anderen hatte ich noch nie gesehen; ich nahm an, da es Hendricks war. Hallo, John, sagte Gaffen.
Was fhrt Sie denn hierher?
Karen Randalls Obduktion.
Sie werden gleich anfangen. Wollen Sie sich nicht umziehen? 
Nein, nicht ntig, sagte ich. Ich mchte nur zusehen. In Wirklichkeit htte ich mich gern umgezogen, doch das wre nicht gut gewesen. Wenn ich meine Rolle als unbeteiligter Beobachter beibehalten wollte, mute ich meinen Straenanzug anlassen. Auf keinen Fall durfte ich den Eindruck erwekken,da ich an der Obduktion aktiv teilnahm und das Ergebnis irgendwie beeinflute. Ich sagte zu Hendricks: Ich glaube, wir kennen uns nicht. Ich bin John Berry.
Jack Hendricks. Er lchelte, gab mir aber nicht die Hand.
Er trug Handschuhe und hatte offenbar die Leiche damit berhrt.
Ich habe Hendricks eben etwas Interessantes gezeigt, sagte Gaffen und deutete mit dem Kopf auf die Leiche. Er trat zurck, damit ich sie sehen konnte. Es war eine junge Schwarze.
Sie war ein hbsches Mdchen gewesen, bevor ihr jemand drei runde Lcher in die Brust und in den Bauch geschossen hatte.
Hendricks hat bisher nur im Memorial gearbeitet, sagte Gaffen. Deshalb ist so was ziemlich neu fr ihn. Ich hab ihn eben gefragt, woher wohl diese kleinen Wunden stammen.
Gaffen deutete auf mehrere Risse an den Armen und Beinen.
Hendricks sagte: Ich dachte, vielleicht sind es Kratzer von einem Stacheldraht. Gaffen lchelte traurig. Stacheldraht, wiederholte er.
Ich sagte nichts. Ich wute, was das war, doch ich wute auch, da es jemand mit wenig Erfahrung nie erraten wrde.
Wann ist sie eingeliefert worden? fragte ich. Gaffen sah Hendricks an. Dann sagte er: Um fnf Uhr morgens. Aber der Tod mu schon gegen Mitternacht eingetreten sein. Er wandte sich wieder zu Hendricks: Sagt Ihnen das nichts? Hendricks schttelte den Kopf und bi sich in die Unterlippe.
Es gefiel mir nicht, wie Gaffen ihn behandelte, doch dieser arrogante Ton war jngeren Kollegen gegenber blich.
Was glauben Sie, sagte Gaffen, wo sie diese fnf Stunden nach ihrem Tod gelegen hat?
Ich wei nicht, sagte Hendricks bedrckt. Raten Sie.
Im Bett?
Ausgeschlossen. Sie hat nicht flach gelegen. Sie ist halb gesessen, halb auf die Seite gerollt. Hendricks warf einen Blick auf die Leiche; dann schttelte er wieder den Kopf.
Sie haben sie im Rinnstein gefunden, sagte Gaffen. In der Charleston Street, zwei Blocks vom Schlachtfeld. Im Rinnstein.

Oh.
Knnen Sie sich jetzt denken, was das fr Wunden sind? Hendricks schttelte den Kopf. Ich wute, das wrde ewig so weitergehen; Gaffen wrde es bis zum letzten auskosten. Ich rusperte mich und sagte: Das sind Rattenbisse, Hendricks.
Ganz typisch: eine Punktur und darunter ein keilfrmiger Ri.
Rattenbisse, sagte er leise.
Sie mssen noch viel lernen, sagte Gaffen. Er schaute auf seine Uhr. Tja, ich hab noch eine Menge zu tun. War nett, Sie mal wieder zu sehen, John. Er streifte seine Handschuhe ab und wusch sich die Hnde; dann trat er wieder zu Hendricks.
Hendricks starrte noch immer auf die Schuwunden und Bisse.
Sie hat im Rinnstein gelegen?
Ja.
Hat sie denn die Polizei nicht gefunden?
Doch. Aber erst nach fnf Stunden.
Wer hat sie umgebracht?
Meine Sorge, sagte Gaffen verchtlich. Sie war schon sechsmal bei uns. Einmal wegen einem syphilitischen Primraffekt am Mund und fnfmal wegen Eileiterentzndung.
Tripper? fragte ich.
Gaffen nickte. Als sie sie fanden, sagte er, hatte sie vierzig Dollar in ihrem Bstenhalter. Er sah Hendricks kopfschttelnd an und ging hinaus. Als wir allein waren, sagte Hendricks: Ich verstehe noch immer nicht. Soll das heien, sie war eine Prostituierte?
Ja, sagte ich. Siewurde erschossen und lag fnf Stunden im Rinnstein und wurde von Kanalratten angeknabbert. Er starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an. So was gibts, sagte ich. Und gar nicht so selten. Die Schwingtr ging auf, und ein Mann rollte eine Leiche herein, die mit einem weien Tuch zugedeckt war. Er sah uns an und sagte: Randall?
Ja, sagte Hendricks. Welchen Tisch nehmen Sie?
Den mittleren.
Okay. Er schob den Wagen hin und hob die Leiche drauf.
Sie war schon ganz steif. Dann zog er das Tuch rasch weg, faltete es zusammen und legte es auf den Wagen.
Ihre Unterschrift bitte, sagte er zu Hendricks und hielt ihm ein Formular hin.
Hendricks kritzelte seine Unterschrift drauf. Ich verstehe nicht viel von Obduktionen, sagte Hendricks zu mir. Ich hab erst eine gemacht, und das war ein Arbeitsunfall. Ein Mann mit einer Kopfverletzung. Aber so was noch nie  Ich sagte: Warum hat man gerade Sie damit beauftragt?
Vermutlich reiner Zufall, sagte er. Ich hab gehrt, Weston wollte sie machen, aber anscheinend 
Leland Weston?
Ja.
Weston war der Chefpathologe des City, ein groer alter Mann und wahrscheinlich der beste Pathologe von Boston.
Na, dann knnen wir ja anfangen, sagte Hendricks. Er ging zum Waschbecken und schrubbte sich lange und umstndlich die Hnde. Ein Pathologe, der sich vor einer Obduktion die Hnde schrubbt, ist ein widerlicher Anblick. Er wirkt grotesk  wie das Zerrbild eines Chirurgen: ein Mann in Operationskleidung  ausgebeulte Hosen, am Hals ausgeschnittene, kurzrmelige Bluse , der sich die Hnde subert, um einen Patienten zu operieren, dem es scheiegal sein kann, ob die Sterilitts- vorschriften eingehalten werden oder nicht.
Doch Hendricks Sorgfalt hatte einen anderen Grund; ich wute, er versuchte nur das Ganze hinauszuschieben.
Eine Obduktion ist nie eine angenehme Sache. Doch besonders scheulich ist sie, wenn die Tote so jung und hbsch ist wie Karen Randall. Sie lag nackt auf dem Rcken, und ber ihr ausgebreitetes blondes Haar flo das Wasser. Ihre klaren blauen Augen starrten zur Decke hinauf. Whrend Hendricks sich immer noch die Hnde wusch, sah ich mir die Leiche an und berhrte die Haut. Sie war kalt und glatt, die Farbe grauwei; die Haut eines Mdchens, das verblutet war. Hendricks sah nach, ob ein Film in der Kamera war; dann bat er mich, zurckzutreten, und machte drei Aufnahmen von verschiedenen Seiten. Ich sagte: Haben Sie ihre Krankenkarte?
Nein. Die hat der Alte. Ich hab nur den Entlassungsbefund der Notaufnahmestation.
Und wie lautet der?
Klinische Diagnose: Tod infolge Vaginalblutung, kompliziert durch anaphylaktischen Schock.
Anaphylaktischer Schock? Wieso?
Keine Ahnung, sagte Hendricks. Irgendwas ist in der Notaufnahme passiert. Was, hab ich nicht rausgekriegt.
Interessant, sagte ich.
Als Hendricks mit den Fotos fertig war, ging er zur Schiefertafel.
In den meisten Obduktionsrumen gibt es eine Schiefertafel, auf die der Pathologe der Reihe nach seine Befunde schreiben kann  oberflchliche Verletzungen der Leiche, Gewicht und Aussehen von Organen und so weiter. Er ging zu der Tafel und schrieb darauf Karen Randall und die Fallnummer.
Im selben Moment trat ein Mann ein. Ich erkannte ihn sofort an seiner Glatze und seiner leicht vornbergebeugten Haltung.
Es war Leland Weston. Obwohl Weston schon ber sechzig war und vor der Pensionierung stand, strotzte er vor Energie und Betriebsamkeit. Er drckte mir krftig die Hand.
Weston bernahm selbst die Obduktion. Er begann wie immer damit, da er ein halbes dutzendmal um die Leiche herumging und sie, leise vor sich hin murmelnd, aufmerksam ansah. Schlielich blieb er stehen und wandte sich zu mir.
Haben Sie sie angeschaut, John?
Ja.
Und was ist Ihr Eindruck?
Sie mu in letzter Zeit ziemlich zugenommen haben, sagte ich. An den Hften und Brsten sind Streifenbildungen. Sie hat auch leichtes bergewicht.
Gut, sagte Weston. Sonst noch was?
Ja, sagte ich. Sie ist blond, doch auf ihrer Oberlippe ist ein dnner Strich dunkles Haar, und auch auf den Unterarmen hat sie dunkle Haare. Sie sehen zart und flaumig aus, wie neu.
Sehr schn, sagte Weston nickend. Er lchelte leise und ein wenig spttisch  ein Lcheln, das ich gut kannte, denn er war mein Lehrer gewesen. Weston hatte die meisten Pathologen in Boston ausgebildet. Aber das Wichtigste haben Sie bersehen, sagte er.
Er deutete auf die Schamgegend, die sauber rasiert war.
Das, sage er.
Aber es ist doch eine Schwangerschaftsunterbrechung bei ihr gemacht worden, sagte Hendricks. Das wissen wir doch.
Bevor wir sie obduziert haben, wissen wir gar nichts, sagte Weston streng. Wir drfen uns keine Vordiagnose erlauben.
Er lchelte. Das ist ein Vorrecht der Kliniker. Er zog ein Paar Handschuhe an und sagte: Das mu der beste und genaueste Obduktionsbericht werden, den wir je gemacht haben.
Denn J. D. Randall wird ihn bis ins letzte zerpflcken. Fangen wir an. Er betrachtete aufmerksam die Schamgegend.
Schwer zu sagen, warum sie rasiert ist. Es knnte auf eine Operation hindeuten, doch manche Frauen tun das selbst, aus rein persnlichen Grnden. In diesem Fall fllt auf, da es sehr sorgfltig gemacht wurde  man sieht nicht den leisesten Kratzer. Das scheint ein wichtiger Hinweis zu sein: Es gibt keine Krankenschwester, die an einer so fleischigen Stelle eine properative Rasur machen kann, ohne auch nur einmal auszurutschen.
Schwestern haben es immer sehr eilig, und auf einen kleinen Kratzer kommts ihnen nicht an. Also 
Hat sie sich selbst rasiert, sagte Hendricks. Vermutlich, sagte Weston. Doch auszuschlieen ist eine Operation natrlich nicht.
Flink und geschickt machte er weiter. Zuerst ma und wog er das Mdchen. Sie war 1,62 m gro und wog hundertvierzig Pfund. Wenn man bedachte, wieviel Blut sie verloren hatte, war das ein ziemliches Gewicht. Weston schrieb es an die Tafel und machte den ersten Schnitt. Der bliche Obduktionsschnitt wird in Form eines Ypsilon von beiden Schultern zur Mitte des Krpers unterhalb des Brustkastens und dann weiter zum Schambein gefhrt. Dann klappt man Haut und Muskeln an drei Stellen zurck, zertrennt die Rippen, um Lungen und Herz freizulegen, und ffnet den Bauch. Die Halsschlagader und der Dickdarm werden abgebunden und durchtrennt, Luftrhre und Kehlkopf entfernt und mit einem Griff die gesamten Eingeweide  Herz, Lungen, Magen, Leber, Milz, Nieren und Drme  herausgenommen.
Darauf wird die Leiche zugenht. Nun kann man die einzelnen Organe in Ruhe untersuchen und Teile fr die mikroskopische Untersuchung entnehmen. Whrend der Pathologe damit beschftigt ist, schneidet der Labordiener die Kopfhaut auf, ffnet die Schdeldecke und entfernt das Gehirn.
Erst jetzt wurde mir bewut, da kein Labordiener da war.
Ich fragte Weston danach. Stimmt, sagte er. Wir machen das allein. Alles. Ich sah Weston zu, wie er seinen Schnitt machte. Seine Hnde zitterten leicht, doch er fhrte das Skalpell erstaunlich schnell und sicher. Als er den Bauch ffnete, quoll Blut hervor.
Absaugen, sagte er. Rasch.
Hendricks holte eine Flasche mit einem Gummischlauch. Die Abdominalflssigkeit  dunkelrotes, fast schwarzes Blut  wurde entfernt und gemessen. Es waren beinahe drei Liter.
Zu dumm, da wir die Krankenkarte nicht haben, sagte Weston. Ich wte gern, wie viele Einheiten sie ihr in der Notaufnahme gegeben haben.
Ich nickte. Die normale Blutmenge bei einem Menschen von durchschnittlicher Gre betrgt nur ungefhr fnf Liter. Diese groe Menge in der Bauchhhle lie auf irgendeine Perforation schlieen.
Als die Flssigkeit abgesaugt war, fuhr Weston mit der Sektion fort. Er entfernte die inneren Organe und legte sie in eine Stahlschssel. Dann trug er sie zu einem der Becken, wusch sie und untersuchte sie nacheinander, wobei er mit dem obersten, der Schilddrse, begann. Merkwrdig, sagte er und wog sie in der Hand. Bestimmt nicht mehr als fnfzehn Gramm schwer. Normalerweise wiegt eine Schilddrse zwischen zwanzig und dreiig Gramm.
Wahrscheinlich eine normale Abweichung, sagte Weston.
Er schnitt sie auf und betrachtete die Schnittflche. Es war nichts Ungewhnliches daran.
Dann zertrennte er die Luftrhre bis zur Abzweigung zu den Lungen, die nicht dunkelrot, sondern weilich und erweitert waren.
Anaphylaktischer Schock, sagte Weston. Wissen Sie, wogegen sie allergisch war?
Nein, sagte ich. Hendricks machte sich Notizen. Weston schnitt die in die Lungen fhrenden Stammbronchien auf und ffnete die Pulmonalarterien und -venen. Dann legte er mit zwei kreisfrmigen Schnitten die vier Herzkammern frei.
Vllig normal, sagte er. Auch die Koronararterien waren normal, abgesehen von einer leichten Sklerose. Alles war normal, bis wir zum Uterus kamen. Er war dunkelrot von einem Blutergu und nicht sehr gro, etwa wie eine Glhbirne, und auch so geformt. Als Weston ihn in seinen Hnden drehte, sahen wir den Schnitt durch Schleimhaut und Muskel. Daher also das Blut in der Bauchhhle.
Was mich erstaunte, war die geringe Gre. Er sah berhaupt nicht aus wie der Uterus einer Schwangeren, und schon gar nicht wie der eines Mdchens, das im vierten Monat schwanger ist. Nach vier Monaten ist der Fetus etwa fnfzehn Zentimeter lang, sein Herz schlgt, Gesicht und Augen und Knochen entwickeln sich, und der Uterus ist merklich vergrert.
Weston schien das gleiche zu denken. Wahrscheinlich haben sie ihr was zur Stillung der Blutung und zum Zusammenziehen gegeben, aber trotzdem  das ist doch verdammt merkwrdig.
Er durchschnitt die Uteruswand und klappte sie auf. Die Innenseite war sorgfltig abgeschabt; zu der Perforation mute es erst spter gekommen sein. Das Innere des Uterus war voll Blut und zahlreicher gelber Gerinnsel. Weston entfernte das Blut und die Gerinnsel und betrachtete die abgeschabte Uterusschleimhaut.
Das hat kein vlliger Laie gemacht, sagte Weston. Es mu jemand gewesen sein, der zumindest die Grundprinzipien einer Curettage kennt.
Abgesehen von der Perforation.
Ja, sagte er. Abgesehen davon.
Na ja, fgte er hinzu, eins wissen wir jetzt wenigstens.
Sie hats nicht selbst gemacht.
Das war sehr wesentlich. Sehr hufig sind Vaginalblutungen die Folge von Abtreibungsversuchen, die die Frauen selbst vornehmen  mit Medikamenten, Salz- oder Seifenlsung, Stricknadeln und anderen Instrumenten. Doch eine derartige Ausschabung konnte das Mdchen nicht selbst gemacht haben.
Sie erforderte eine Vollnarkose. Ich sagte: Finden Sie, da das aussieht wie der Uterus einer Schwangeren?
Zweifelhaft, sagte Westen. Sehr zweifelhaft. Sehen wir uns mal die Ovarien an.
Weston ffnete die Eierstcke und suchte nach dem Corpus luteum, dem Gelbkrper, der nach Ausstoung des Eis zurckbleibt.
Er fand keinen. Doch das allein bewies nichts; der Corpus luteum beginnt nach drei Monaten zu verkmmern, und dieses Mdchen war angeblich im vierten Monat. Der Labordiener kam herein und sagte zu Weston: Kann ich schon aufrumen?
Ja, sagte Weston. Meinetwegen. Der Labordiener vernhte den Schnitt und breitete ein sauberes Tuch ber die Leiche. Ich wandte mich zu Weston. Untersuchen Sie das Gehirn nicht?
Keine Erlaubnis, sagte Weston.
Der Coroner bestand bei Sektionen im allgemeinen nur dann auf einer Gehirnuntersuchung, wenn Anzeichen fr eine Neuropathie vorlagen.
Man sollte doch meinen, da eine rztefamilie wie die Randalls 
Oh, J. D. htte nichts dagegen. Es ist Mrs. Randall. Sie will einfach nicht, da das Gehirn entfernt wird. Kennen Sie sie? Ich schttelte den Kopf.
Das ist vielleicht eine Frau, sagte Weston trocken. Er beugte sich wieder ber die Organe und untersuchte den Magen-Darm-Trakt von der Speiserhre bis zum Anus. Es war alles vllig normal. Ich ging, bevor er ganz fertig war; was ich sehen wollte, hatte ich gesehen, und ich wute, da der Bericht unklar sein wrde. Zumindest auf Grund der makroskopischen Untersuchung lie sich nicht eindeutig sagen, ob Karen Randall schwanger gewesen war. Eine merkwrdige Sache.

 

 6

 Es ist mir so gut wie unmglich, eine Lebensversicherung abzuschlieen. So geht es den meisten Pathologen: ein Blick gengt fr die Versicherungen, und sie kriegen eine Gnsehaut  die stndige Gefahr, sich eine Tuberkulose, bsartige oder tdliche Infektionen zuzuziehen, bildet ein unzumutbares Risiko. Ich kenne nur einen Menschen, fr den es noch schwieriger ist, sich versichern zu lassen, und das ist ein Biochemiker namens Jim Murphy. Als Murphy noch jnger war, spielte er als Lufer in der Yale-Mannschaft, und einmal wurde er von der Presse zum Lufer des Jahres gewhlt. Das ist an sich schon eine beachtliche Leistung, aber noch erstaunlicher scheint es, wenn man Murphy kennt und seine Augen sieht.
Murphy ist nmlich fast blind. Er trgt eine zolldicke Brille und geht mit gesenktem Kopf, als ob ihn das Gewicht der Brille herunterziehe. Seine Sehkraft ist schon unter normalen Umstnden kaum ausreichend, doch wenn er aufgeregt oder nervs ist, dann rennt er in alles hinein, was ihm im Weg steht.
Bei oberflchlicher Betrachtung scheint es rtselhaft, wie Murphy es schaffte, Sportler zu werden. Um das zu begreifen, mu man sehen, wie er sich bewegt. Er ist unwahrscheinlich flink, und dabei kenne ich niemanden, der einen solchen Gleichgewichtssinn hat wie Murphy. Sein Leben lang hatte Murphy eine Vorliebe fr ausgefallene Sportarten. Mit dreiig verfiel er aufs Bergsteigen. Er war ganz begeistert davon, fand aber keine Versicherung, die ihn aufnahm. Also schaltete er auf Sportwagenrennen um und war darin ganz erfolgreich, bis er mit einem Lotus von der Piste abkam, sich viermal berschlug und mehrmals beide Schlsselbeine brach. Daraufhin kam er zu dem Schlu, da es besser sei, versichert zu sein, als aktiv Sport zu treiben, und gab alles auf.
Murphy ist so flink, da er sogar in einer Art Kurzschrift spricht, als sei es ihm zu dumm, sich mit Artikeln und Prono- men aufzuhalten. Er macht seine Sekretrinnen und Laborantinnen verrckt, nicht nur mit seiner Redeweise, sondern auch mit seinem Fenstertick. Murphy besteht darauf, da die Fenster stndig weit offenstehen, auch im Winter, denn er hat eine unberwindbare Abneigung gegen schlechte Luft.
Als ich in sein Labor trat, das in einem Anbau der Bostoner Frauenklinik untergebracht ist, sah ich berall pfel. Sie lagen auf den Khlschrnken, auf den Arbeitstischen und als Briefbeschwerer auf den Schreibtischen. Seine beiden Laborantinnen, die unter ihren weien Mnteln dicke Pullover trugen, kauten beide an einem Apfel. Von meiner Frau, sagte Murphy, als er mir die Hand gab. Eine ihrer Spezialitten. Mchtest du einen?
Nein, vielen Dank, sagte ich.
Er rieb den Apfel, den er in der Hand hielt, am rmel ab und bi hinein. Wirklich prima.
Ich hab nicht viel Zeit, sagte ich.
Immer diese Hast, Herrgott noch mal, sagte Murphy. Seit Monaten hab ich dich und Judith nicht gesehen. Wo steckt ihr die ganze Zeit? Terry spielt in der ersten Belmont-Elf. Als Torwart.
Er nahm ein Foto von seinem Schreibtisch und hielt es mir unter die Nase. Es zeigte seinen Sohn im Fuballdre, mrrisch in die Kamera starrend. Er sah genauso aus wie Murphy: klein, aber zh.
Wir mssen uns bald mal sehen und Familienneuigkeiten austauschen, sagte ich.
Hmm. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit verschlang Murphy den Apfel. Mssen wir. Was macht das Bridge? Wir haben das ganze letzte Wochenende gespielt. Mit den 
Murphy, sagte ich, ich habe da ein Problem.
Wahrscheinlich ein Magengeschwr, sagte Murphy und nahm einen weiteren Apfel von seinem Schreibtisch. Kein Wunder bei deiner Nervositt.
Es ist eine Sache, die auf deiner Linie liegt, sagte ich. Er grinste pltzlich interessiert. Steroide? Vermutlich das erstemal, da sich ein Pathologe fr Hormone der Nebennierenrinde interessiert. Er setzte sich hinter den Schreibtisch und legte die Fe darauf. Schie los. Murphy befat sich mit der Erforschung der Steroidproduktion bei schwangeren Frauen und Embryos. Da sein Labor in der Frauenklinik untergebracht war, hatte einen praktischen, wenn auch etwas makabren Grund: Er sa auf diese Weise dicht an der Quelle, und das waren in diesem Fall Schwangere und Totgeburten, die man ihm gelegentlich berlie, begehrte Flle in der Frauenklinik, ber die sich oft wilde Streitereien entspannen.
Kannst du bei einer Obduzierten einen Hormontest auf Schwangerschaft machen? fragte ich. Er kratzte sich nachdenklich am Kopf. Ich glaube schon. Aber wozu? Konntest du nicht bei der Obduktion feststellen, ob die Frau schwanger war?
In diesem Fall leider nicht. Eine sehr merkwrdige Sache.
Hm. Einen anerkannten Test gibts da nicht, aber ich denke, es wird sich machen lassen. In welchem Monat war die Frau?
Vermutlich im vierten.
Im vierten? Und da lt sichs nicht am Uterus feststellen?
Murphy 
Ja, ja, schon gut. Wenn sie im vierten Monat war, dann wirds wohl gehen, sagte er. Kannst dus machen?
Genau das ist unser Job hier, sagte er. Steroidanalysen.
Was hast du? Ich verstand ihn nicht und sah ihn fragend an. Blut oder Urin?
Ach so. Blut. Ich griff in die Tasche und zog ein Reagenzrohr mit Blut hervor, das ich bei der Obduktion abgezapft hatte.
Ich hatte Weston um Erlaubnis gebeten, und er hat nichts dagegen gehabt.
Murphy nahm das Rhrchen, hielt es gegen das Licht und knipste mit dem Finger dran. Ich brauche zwei Kubik, sagte er. Das drfte gengen.
Wann kannst du mir Bescheid sagen?
In zwei Tagen. Ich brauche achtundvierzig Stunden fr den Test. Ist das Totenblut?
Ja. Besteht da nicht die Mglichkeit, da die Hormone denaturiert sind? Murphy seufzte. Du solltest fter mal ein bichen in deinen alten Lehrbchern schmkern. Denaturieren knnen nur Proteine, und Steroide sind ja keine Proteine, oder? Ich glaub nicht, da das Ganze ein Problem ist. Der normale Kaninchentest ist der Nachweis von Choriongonatropin im Urin. Doch in unserem Labor knnen wir das Choriongonatropin oder das Progesteron oder die Betahydroxylierten Verbindungen im Blut messen. In der Schwangerschaft steigt der Progesteronspiegel um das Zehnfache, der Estriolspiegel um das Tausendfache. So ein Anstieg lt sich natrlich mhelos bestimmen.
Er warf einen Blick auf das Rhrchen. Wirklich kein Problem.
Wir tun es einfach in eine Fraktionierrhre und lassen es durchlaufen, sagte er. Vielleicht machen wirs zur Sicherheit zweimal, fr den Fall, da eine Bestimmung nicht klappt. Von wem ist es?
Was? Er fuchtelte mit dem Rhrchen herum. Na, das Blut?
Ach, von irgendeiner Patientin, sagte ich achselzuckend.
Sie soll im vierten Monat schwanger gewesen sein, und du kannst das nicht feststellen? Mensch, John, da stimmt doch irgendwas nicht. Willst dus mir nicht verraten  deinem alten Kumpel, deinem alten Bridgepartner?
Vielleicht ist es besser, ich sag dir das erst nachher.
Okay, okay, ich will nicht bohren. Aber du sagst es mir bestimmt?
Ich versprech dirs.
Dein Wort in Gottes Ohr, sagte er und stand auf.

 

 7

 Nach letzten Zhlungen gibt es 25 000 menschliche Krankheiten und fr 5000 davon Behandlungsmethoden. Trotzdem trumt jeder junge Arzt davon, eine neue Krankheit zu entdekken.
Dies ist die schnellste und sicherste Mglichkeit, sich in der Medizin einen Namen zu machen. Praktisch gesehen, ist es viel besser, eine neue Krankheit zu entdecken als eine Behandlungsmethode fr eine bereits bekannte; die neue Behandlungsmethode wird jahrelang getestet und diskutiert, whrend man eine neue Krankheit ohne langes Hin und Her akzeptiert.
Lewis Carr zog das groe Los, als er noch Praktikant war: Er entdeckte eine neue Krankheit. Es war etwas ziemlich Seltenes  eine erbliche Dysgammaglobulinmie in der Beta-Fraktion bei einer vierkpfigen Familie , doch das war nicht so wichtig.
Das wesentliche war, da Lewis sie entdeckte und im New England Journal of Medicineeinen Artikel darber verffentlichte.
Sechs Jahre danach wurde er Professor an der medizinischen Klinik im Memorial. Es gab nie einen Zweifel, da er das werden wrde; er brauchte blo zu warten, bis irgendwer in Pension ging und ein Posten und ein Bro freiwurden. Carrs Bro war eng und noch dazu vollgestopft mit Stapeln von Fachzeitschriften, Befunden und Berichten. Es war schmutzig und alt und befand sich in einem dsteren Winkel des Calder Building, in der Nhe der Nierenabteilung. Und inmitten des Drecks und Durcheinanders thronte eine umwerfend hbsche Sekretrin, die uerst sexy und tchtig und vllig unnahbar wirkte; eine unfunktionelle Schnheit im Gegensatz zu der funktionellen Hlichkeit des Bros.
Dr. Carr macht gerade Visite, sagte sie, ohne zu lcheln.
Sie mchten bitte warten.
Ich ging in sein Zimmer, nahm einen Stapel alter Nummern des American Journal of Experimental Biologyvon einem Sessel und setzte mich. Gleich darauf kam Carr. Er trug einen weien Arztmantel (ein Klinikprofessor knpft seinen Mantel nie zu) und um den Hals ein Stethoskop. Sein Hemdkragen war zerfranst (Klinikprofessoren werden schlecht bezahlt), doch seine schwarzen Schuhe glnzten (Klinikprofessoren sind in Dingen, auf die es wirklich ankommt, penibel). Wie immer gab er sich sehr khl, sehr distanziert, sehr gewandt.
Leute, die Carr nicht mochten, behaupteten, er sei mehr als gewandt, er krieche seinen Vorgesetzten schamlos in den Hintern. Doch viele Leute neideten Carr seine rasche Karriere und seine Selbstsicherheit. Carr hatte ein rundliches, kindliches Gesicht; seine Wangen waren glatt und rot. Er hatte ein einnehmendes jungenhaftes Grinsen, das auf weibliche Patienten unwiderstehlich wirkte. Dieses Grinsen richtete er jetzt auf mich.
Hallo, John. Er schlo die Tr zu seinem Vorzimmer und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Ich konnte ihn hinter den Zeitschriftenstapeln kaum sehen. Er nahm das Stethoskop von seinem Hals, legte es zusammen und steckte es in die Tasche.
Dann sah er mich an.
Vermutlich ist das unvermeidlich  jeder Arzt, der hinter seinem Schreibtisch sitzt und einen ansieht, setzt eine bestimmte Miene auf und betrachtet einen mit einem nachdenklichen, bohrenden, prfenden Blick, der einen ganz nervs macht, auch wenn man genau wei, da einem gar nichts fehlt. So sah Lewis Carr mich jetzt an. Sie interessieren sich fr Karen Randall, sagte er, als verrate er mir eine wichtige Entdeckung.
Ich nickte.
Aus persnlichen Grnden. Ich nickte.
Was ich Ihnen sage, bleibt unter uns? Ich nickte.
Okay, sagte er. Eine scheuliche Sache. Ich war zwar nicht dabei, aber ich habe mich genau informiert. Davon war ich berzeugt. Lewis Carr war immer genau ber alles informiert, was im Memorial passierte; er wute mehr Klatsch als irgendeine Schwester. Er informierte sich rein reflektorisch, so wie andere Menschen atmen. Das Mdchen wurde heute morgen um vier eingeliefert. Sie war bei ihrer Ankunft moribund; als man sie aus dem Auto auf eine Tragbahre lud, befand sie sich im Delirium. Ihre Temperatur war 38,8, die Haut trocken mit verringertem Flssigkeitsdruck in den Geweben.
Sie hatte Atemnot, jagenden Puls, niedrigen Blutdruck und klagte ber Durst. Carr holte tief Luft. Der diensthabende Praktikant untersuchte sie und ordnete einen Kreuzungstest an, damit sie eine Transfusion machen konnten. Er nahm ihr Blut zur Bestimmung der Leukos und des Hmatokrits ab und injizierte schnell einen Liter D 5 (fnfprozentige Traubenzukkerlsung, um die verlorene Flssigkeit zu ersetzen). Er versuchte, die Blutungsquelle festzustellen, was ihm jedoch nicht gelang. Also gab er ihr Oxytocin zur Kontraktion des Uterus und zur Stillung der Blutung und tamponierte vorlufig die Vagina.
Dann erfuhr er von der Mutter, wer das Mdchen war, und drehte vllig durch. Er holte den Assistenten und begann mit der Bluttransfusion. Und dann gab er ihr zur Sicherheit eine ordentliche Dosis Penicillin. Leider, ohne vorher auf ihrem Krankenblatt nachzusehen oder ihre Mutter zu fragen, ob sie dagegen allergisch ist, was bei 9 bis 10 Prozent aller Patienten der Fall ist.
Und das war sie.
Und wie, sagte Carr. Zehn Minuten, nachdem er es ihr intramuskulr gespritzt hatte, bekam sie einen Erstickungsanfall und kriegte trotz offener Atemwege keine Luft. Inzwischen hatten sie aus der Registratur das Krankenblatt holen lassen, und dem Praktikanten wurde klar, was er angerichtet hatte. Er gab ihr sofort ein Milligramm Epinephrin intramuskulr. Als sie darauf nicht reagierte, spritzte er ihr langsam intravens Benadryl, Cortison und Aminophyllin, und sie machten ihr eine Sauerstoffberdruckbeatmung. Doch sie wurde zyanotisch, bekam Krmpfe und starb innerhalb zwanzig Minuten.
Ich zndete mir eine Zigarette an. In der Haut dieses Praktikanten htte ich nicht stecken mgen. Wahrscheinlich, sagte Carr, wre das Mdchen auf jeden Fall gestorben. Genau wissen wirs nicht, aber wir haben Grund zu der Annahme, da ihr Blutverlust bei der Einlieferung bereits an die fnfzig Prozent betrug. Das drfte die uerste Grenze sein  Sie wissen ja, ein Schock ist in so einem Fall fast unvermeidlich.
Vermutlich htten wir sie also ohnedies nicht retten knnen.
Aber das ndert natrlich nichts.
Ich fragte: Warum hat ihr der Praktikant eigentlich Penicillin gegeben?
Das tun wir bei bestimmten Symptomen routinemig, sagte Carr. Wenn bei uns ein Mdchen mit einer Vaginalblutung und hohem Fieber eingeliefert wird, so da Verdacht auf eine Infektion besteht, machen wir eine Curettage, stecken sie ins Bett und spritzen ihr eine ordentliche Dosis Penicillin. Am nchsten Tag schicken wir sie meistens wieder nach Hause.
Und aufs Krankenblatt schreiben wir Abortus.
Das wurde bei Karen Randall auch als Diagnose eingetragen? Abortus? Carr nickte. Spontanabortus. Das machen wir immer so, um keine Scherereien mit der Polizei zu kriegen. Wir haben hier ziemlich viel mit Abtreibungen zu tun, mit selbstgemachten und Fremdabtreibungen. Manche Mdchen haben soviel Seife in der Vagina, da sie schumen wie berladene Geschirrsplautomaten.
Andere werden mit schweren Blutungen eingeliefert.
Und alle sind hysterisch und erzhlen uns die phantastischsten Lgengeschichten. Wir behandeln sie stillschweigend und schicken sie so bald wie mglich wieder weg.
Und meldet nie der Polizei etwas?
Wir sind rzte und keine Gehilfen des Staatsanwalts. Zu uns kommen im Jahr etwa hundert solche Mdchen. Wenn wir jede anzeigen wrden, mten wir die ganze Zeit als Zeugen vor Gericht stehen und knnten keine Kranken behandeln.
Aber gibt es denn nicht eine gesetzliche Vorschrift 
Natrlich, sagte Carr rasch. Wir sind gesetzlich verpflichtet, es zu melden. Wir sind auch gesetzlich verpflichtet, Krperverletzungen zu melden, aber wenn wir jeden Betrunkenen, der sich mit jemandem geprgelt hat, melden wrden, htten wir viel zu tun. Kein Krankenhaus meldet alles.
Aber wenn es sich um Abtreibungen handelt 
Sie mssen folgendes bedenken, sagte Carr. Ein groer Teil dieser Flle sind normale Fehlgeburten. Ein groer Teil sind Abtreibungen, aber selbst wenn einem das klar ist, htte es keinen Sinn, etwas zu unternehmen. Angenommen, Sie kommen dahinter, da das Mdchen bei irgendeinem Pfuscher gewesen ist, und Sie verstndigen die Polizei. Wenn sie am nchsten Tag erscheinen, erzhlt ihnen das Mdchen, da es ein Spontanabortus war. Oder da sie versucht hat, es selbst zu machen. Oder sie sagt berhaupt nichts. Und dann ist die Polizei bse. Vor allem auf den Arzt, weil der sie geholt hat.
Das ist tatschlich schon passiert?
Ja, sagte Carr, ich habs selbst zweimal erlebt. Das eine Mdchen war halb verrckt vor Angst, als sie eingeliefert wurde, sie mte sterben. Sie wollte den Kerl, der es gemacht hatte, anzeigen und bestand darauf, da wir die Polizei verstndigen.
Am nchsten Morgen, nachdem wir ihr eine ordentliche Ausschabung gemacht hatten, fhlte sie sich ausgezeichnet, und jetzt, nachdem alles gutgegangen war, wollte sie nichts mit der Polizei zu tun haben. Als sie kam, sagte sie, es sei alles ein dummer Irrtum gewesen.
Ihr begngt euch also damit, den Pfuschern den Dreck wegzurumen? 
Wir bemhen uns, Leute gesund zu machen. Weiter nichts.
Ein Arzt hat keine Urteile zu fllen. Wir bringen ja auch in Ordnung, was schlechte Autofahrer und Besoffene angerichtet haben. Aber es ist nicht unsere Sache, uns jemanden vorzuknpfen und ihm eine Lektion ber Autofahren oder Saufen zu erteilen. Wir haben die Leute nur wieder auf die Beine zu bringen.
Ich hatte keine Lust, mit ihm zu streiten; ich wute, das htte keinen Sinn gehabt. Also wechselte ich das Thema. Und was ist mit den Beschuldigungen gegen Lee? Wie war das?
Als das Mdchen starb, sagte Carr, bekam Mrs. Randall einen hysterischen Anfall. Sie fing an zu schreien, und so gaben wir ihr ein Beruhigungsmittel. Darauf nahm sie sich etwas zusammen, behauptete aber weiter, ihre Tchterhtte gesagt, da Lee die Abtreibung gemacht hat. Sie bestand darauf, die Polizei zu verstndigen.
Mrs. Randall hat sie selbst angerufen?
Ja.
Und wie lautet die Krankenhausdiagnose?
Abortus. Das ist der zutreffende medizinische Ausdruck. Ob es ein knstlicher, ungesetzlicher Abortus war, haben wir nicht zu entscheiden. Das wird die Obduktion beweisen.
Das hat sie bereits bewiesen, sagte ich. Und zwar war der Eingriff gar nicht schlecht gemacht, abgesehen von einer einzigen Verletzung der Gebrmutterschleimhaut. Er mu von jemandem durchgefhrt worden sein, der etwas davon versteht  nur leider nicht genug.
Haben Sie mit Lee gesprochen?
Ja, heute morgen, sagte ich. Er sagt, er war es nicht. Und auf Grund des Obduktionsergebnisses glaube ich ihm.
Vielleicht ein Kunstfehler 
Bestimmt nicht. Dazu hat Art zu viel Erfahrung. Carr nahm das Stethoskop aus der Tasche und drehte es, dster vor sich hin starrend, zwischen den Fingern. Wirklich eine scheuliche Sache, sagte er. Sie mu aufgeklrt werden, sagte ich. Wir knnen nicht den Kopf in den Sand stecken und Art im Stich lassen.
Nein, natrlich nicht, sagte Carr. Aber J. D. schumt vor Wut.
Das kann ich mir denken.
Er hat den armen Praktikanten fast umgebracht, als er dahinterkam, was er mit dem Mdchen gemacht hat. Ich war dabei. Ich dachte, er erwrgt ihn mit bloen Hnden.
Wie heit dieser Praktikant?
Roger Whiting. Ein netter Junge.
Wo ist er jetzt?
Wahrscheinlich zu Hause. Er ist um acht Uhr frh heimgegangen.
 Stirnrunzelnd zupfte Carr an seinem Stethoskop.
John, sagte er, warum sind Sie eigentlich so scharf darauf, sich in die Angelegenheit einzumischen? Wrs nicht besser, Sie wrden die Finger davon lassen?
Ich bin gar nicht scharf darauf, sagte ich. Ich wrde viel lieber in meinem Labor sitzen. Aber mir bleibt keine Wahl.
Ich frchte, sagte Carr langsam, das Ganze ist so verkorkst, da sich leider nicht viel machen lassen wird. J. D. ist auer sich vor Wut.
Das haben Sie schon gesagt.
Ich mchte ja nur, da Sie die Situation richtig verstehen.
Carr senkte den Kopf und blickte auf seinen Schreibtisch. Die Sache ist doch in den besten Hnden. Und soviel ich wei, hat Lee einen sehr guten Anwalt. Alles ist bestimmt in besten Hnden, wiederholte er. Wen meinen Sie damit?Die Randalls ? Die Trottel, die ich auf der Polizeistation gesehen habe?
Die Bostoner Polizei hat einen ausgezeichneten Ruf.
Auf den schei ich.
Er seufzte leise und sagte: Was wollen Sie eigentlich beweisen? 
Da Lee es nicht gewesen ist.
Carr schttelte den Kopf. Darum gehts doch gar nicht.
Ich finde, genau darum gehts.
Nein, sagte Carr. Es geht darum, da J. D. Randalls Tchter infolge einer Abtreibung umgekommenist und da jemand dafr ben mu. Lee macht Abtreibungen  es wird nicht schwer sein, das vor Gericht zu beweisen. Und bei einem Bostoner Gericht wird bestimmt mehr als die Hlfte der Geschworenen katholisch sein. Sie werden ihn schon aus Prinzip verurteilen.
Aus Prinzip?
Sie mssen genau wissen, was ich meine, sagte Carr und rutschte nervs auf seinem Sessel hin und her. Da sie Lee zum Sndenbock machen werden.
Genau.
Und was halten Sie davon?
Ein Mann, der Abtreibungen macht, begibt sich in Gefahr.
Er verstt gegen das Gesetz. Und wenn er beider Tchter eines bekannten Bostoner Arztes eine 
Aber Lee sagt doch, er hat es nicht getan. Carr lchelte traurig. Na und? Was ndert das?

 

 8

 Wenn man das College hinter sich hat, dauert es dreizehn Jahre, bis man Herzchirurg ist. Man mu vier Jahre Medizinstudium, ein Jahr Praktikum, drei Jahre allgemeine Chirurgie, zwei Jahre Thoraxchirurgie und zwei Jahre Herzchirurgie absolvieren. Und irgendwann dazwischen mu man auch noch zwei Jahre Soldat spielen. Es gehrt schon was dazu, diese Last auf sich zu nehmen, seinen Blick auf ein so fernes Ziel zu richten. Bis man es geschafft hat, ist man ein ganz anderer geworden und den brigen Menschen durch seine Erfahrungen und durch die vllige Hingabe, die dieser Beruf verlangt, entfremdet. Chirurgen sind sehr einsame Menschen. Daran dachte ich, als ich durch die Glaswand der Zuschauerkabine hinunter in OP 9 blickte. Die Kabine war in die Decke eingebaut und bot einen guten Blick ber den ganzen Raum. Studenten und Assistenten saen oft hier oben und sahen bei den Operationen zu. Im OP war ein Mikrofon, so da man alles hren konnte  das Klirren der Instrumente, das rhythmische Zischen des Atemapparats, die gedmpften Stimmen , und wenn man auf einen Knopf drckte, dann konnte man mit den Leuten dort unten sprechen.
Bevor ich hierherkam, war ich in J. D. Randalls Bro gewesen.
Ich hatte darum gebeten, mir Karen Randalls Krankenkarte ansehen zu drfen, doch Randalls Sekretrin sagte mir, sie htte sie nicht. J. D. htte sie, und J. D. operiere gerade. Das hatte mich ein wenig berrascht. Ich war berzeugt gewesen, er hatte sich wegen der Angelegenheit den Tag freigenommen.
Doch anscheinend war er gar nicht auf die Idee gekommen.
Die Sekretrin hatte gesagt, er sei vermutlich mit der Operation gleich fertig, doch ein Blick durch die Glasscheibe sagte mir, da es noch eine ganze Weile dauern wrde. Brust und Herz des Patienten waren noch offen; sie hatten noch nicht einmal mit dem Zunhen begonnen. Ich mute also spter wiederkommen und Randall um die Karte bitten. Einen Moment blieb ich und sah zu. Eine Operation am offenen Herzen ist etwas unglaublich Fesselndes, eine Mischung aus Traum und Alptraum, phantastisch und bizarr. In dem Raum unter mir zhlte ich sechzehn Menschen, darunter vier Chirurgen. Alle waren in Bewegung, und ihre Bewegungen waren geschmeidig und genau aufeinander abgestimmt wie bei einem surrealistischen Ballett. Der Patient, in grne Tcher gehllt, wirkte zwergenhaft klein neben der Herz-Lungenmaschine, einem riesigen Ding aus glnzendem Stahl in der Gre eines Autos, mit auf und nieder gleitenden Zylindern und rotierenden Rdern. Am Kopf des Patienten sa,umgeben von Apparaten, der Ansthesist.
Zwei Techniker berwachten die Skalen und Meinstrumente der Maschine, und um den Patienten drngten sich Schwestern, Assistenten und Chirurgen. Es gelang mir nicht, herauszufinden, welcher Randall war; mit ihren Mnteln und Masken sahen sie alle gleich aus, unpersnlich und verwechselbar.
Das waren sie natrlich nicht. Einer dieser vier Mnner trug die Verantwortung fr alles, was die sechzehn taten. Und die Verantwortung fr den siebzehnten, den Menschen, dessen Herz stillstand. In einer Ecke sah man auf einem Fernsehschirm das Elektrokardiogramm. Das normale EKG ist eine munter auf und ab hpfende Linie; jede Zacke zeigt einen Herzschlag an, eine Welle der elektrischen Energie, die den Herzmuskel in Bewegung hlt. Diese Linie war flach; ein gerader Strich. Das bedeutete, nach einem der Hauptprinzipien der Medizin war der Patient tot. Ich blickte auf die rosa Lungen in der offenen Brust; sie bewegten sich nicht. Der Patient atmete nicht.
Das alles tat die Maschine fr ihn. Sie pumpte sein Blut, reicherte es mit Sauerstoff an, reinigte es von Kohlensure. In der gegenwrtigen Form gab es die Maschine seit etwa zehn Jahren.
Die Leute unter mir schienen keinerlei Ehrfurcht vor der Maschine oder der Operation zu empfinden. Sie taten nchtern und sachlich ihre Arbeit. Vielleicht war das einer der Grnde, warum das Ganze so phantastisch wirkte. Ich sah fnf Minuten lang zu, ohne zu merken, wie die Zeit verstrich. Dann ging ich.
Drauen auf dem Korridor standen an eine Tr gelehnt zwei Praktikanten, die Mtzen auf dem Kopf, die Masken locker um den Hals. Sie aen Krapfen und tranken Kaffee und unterhielten sich lachend.

 

 9

 Roger Whiting wohnte in der Nhe des Memorial im dritten Stock eines Mietshauses. Seine Frau ffnete mir; ein reizloses Mdchen, etwa im siebenten Monat schwanger. Was mchten Sie? fragte sie gereizt. Ich wrde gern Ihren Mann sprechen.
Mein Name ist Berry. Ich bin Pathologe im Lincoln. Sie sah mich unfreundlich und mitrauisch an. Mein Mann hat sich gerade hingelegt. Er hatte zwei Tage Dienst und ist mde.
Es ist etwas sehr Wichtiges.
Ein schmchtiger junger Mann in einer weien Hose tauchte hinter ihr auf. Er sah mehr als mde aus, vllig erschpft und ngstlich. Was gibts denn? fragte er.
Ich wrde gern mit Ihnen ber Karen Randall sprechen.
Das hab ich heute schon ein dutzendmal getan, sagte er.
Am besten, Sie wenden sich an Dr. Carr.
Bei dem war ich schon.
Whiting fuhr sich mit den Hnden durchs Haar. Dann sagte er zu seiner Frau: Okay, Liebling. Mach mir bitte ein bichen Kaffee, ja? Er wandte sich zu mir. Mchten Sie auch eine Tasse?
Bitte, sagte ich.
Wir setzten uns ins Wohnzimmer. Die Wohnung war klein, die Einrichtung billig und schbig. Doch ich fhlte mich gleich wie daheim; meine eigene Praktikantenzeit lag erst wenige Jahre zurck. Ich kannte das alles nur zu gut: die Geldsorgen, den anstrengenden Dienst, die ganze Drecksarbeit, die sie einem aufhalsen. Ich wute, wie es war, wenn einen mitten in der Nacht die Schwester weckte und fragte, ob sie Patient Jones ein Aspirin geben drfe; wenn man schlaftrunken durch einen den, endlosen Korridor wankte, um sich einen Patienten anzusehen. Ich wute, wie leicht man in den frhen Morgenstunden einen Fehler machen konnte; ich hatte als Praktikant einen herzkranken alten Mann fast umgebracht. Ich kann mir vorstellen, wie fertig Sie sind, sagte ich. Ich werds mglichst kurz machen.
Nein, nein, sagte er ernst. Wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann  Die Frau brachte zwei Tassen Kaffee. Sie sah mich bse an.
Der Kaffee war schwach.
Es wrde mich interessieren, wie das war, als das Mdchen eingeliefert wurde. Waren Sie in der Notaufnahme?
Nein. Ich hatte mich einen Moment hingelegt. Sie haben mich geholt.
Wie spt war es?
Ein paar Minuten vor vier.
Wie war das Ganze? Erzhlen Sie.
Ich hatte mich angezogen hingelegt, in dem kleinen Raum neben der Notaufnahme. Vorher hatte ich einer Frau, der die Infusionsnadel herausgerutscht war, eine neue Nadel eingefhrt.
Ich war eben eingeschlafen, als sie mich weckten. Er seufzte: Ich war ganz benommen, und so ging ich zur Wasserleitung und hielt meinen Kopf drunter. Als ich mich abgetrocknet hatte und in die Aufnahme ging, brachten sie gerade das Mdchen auf einer Trage herein.
War sie bei Bewutsein?
Ja, aber vllig desorientiert. Sie hatte eine Menge Blut verloren und war fiebrig und delirierte. Wir konnten ihr nicht richtig die Temperatur messen, weil sie die Zhne zusammenbi.
Unter der Achsel hatte sie 38,8. Ich nahm ihr Blut fr den Kreuzungstest ab.
Und dann?
Die Schwestern deckten sie zu und legten ihr die Fe hoch.
Dann habe ich sie untersucht. Es handelte sich eindeutig um eine Vaginalblutung infolge eines Abortus.
Waren in dem Blut irgendwelche Gewebeteile? Vielleicht Plazenta? Er schttelte den Kopf Nein. Aber sie blutete ja schon ziem- lich lange. Ihre Kleider  Er starrte vor sich hin, als ob er das Ganze im Geist vor sich sah. Ihre Kleider waren ganz von Blut durchtrnkt. Die Schwestern hatten grte Mhe, sie auszuziehen.
Hat sie whrenddessen irgendwas Verstndliches gesagt?
Eigentlich nicht. Hin und wieder hat sie was gemurmelt.
Irgend etwas ber einen alten Mann, glaube ich. Wen sie damit gemeint hat, wei ich nicht. Wir achteten nicht darauf.
Sonst hat sie nichts gesagt? Er schttelte den Kopf. Nur als sie ihr die Kleider aufschnitten.
Da hat sie versucht, die Schwestern wegzustoen, und einmal sagte sie: Nein, nein  nicht. Und eine Weile spter sagte sie: Wo bin ich?Aber das war nur wirres Gerede. Sie war nicht richtig bei sich.
Was haben Sie gegen die Blutung getan?
Zuerst hab ich versucht, sie zu lokalisieren. Das war nicht mglich, weil die Blutung so stark war. Auerdem konnten wir die Lampe nicht weit genug herunterziehen. Schlielich hab ich die Vagina mit Gaze tamponiert und eine Transfusion gemacht.
Wo war Mrs. Randall inzwischen?
Sie stand an der Tr. Sie war ganz ruhig, bis wir ihr sagten, was mit ihrer Tochter los sei. Da hat sie durchgedreht. Vllig durchgedreht.
Was war mit Karens Krankengeschichte? War sie schon mal im Krankenhaus gewesen?
Ich hab ihre Karte nicht gesehen, sagte er, das heit  erst spter. Sie mute aus der Registratur geholt werden. Ja, sie war schon ein paarmal bei uns  alle zwei Jahre seit ihrem fnfzehnten Lebensjahr zur Untersuchung. Die blichen Bluttests und so weiter. Ihr Vater hat natrlich dafr gesorgt, da das alles regelmig gemacht wurde.
Stand irgendwas Besonderes in ihrer Krankengeschichte? Auer der Allergie, meine ich? Er lchelte traurig. Gengt das nicht? Einen Moment lang war ich wtend auf ihn. Nicht da er Angst hatte, nahm ich ihm bel, sondern da er sich selbst so schrecklich leid tat. Am liebsten htte ich ihm gesagt, er msse sich daran gewhnen, da Menschen unter seinen Hnden starben, eine Menge Menschen. Und daran, da ihm Fehler passierten, denn die passieren jedem. Wenn er Mrs. Randall gefragt htte, ob bei Karen irgendeine Allergie bestnde, und Mrs. Randall nein gesagt htte, dann wre Whiting aus dem Schneider gewesen. Das Mdchen wre natrlich trotzdem gestorben, doch Whiting htte man keinen Vorwurf machen knnen. Sein Fehler war nicht, da er Karen Randall umgebracht hatte, sondern da er nicht vorher um Erlaubnis gefragt hatte. Am liebsten htte ich ihm das gesagt, doch ich lie es bleiben.
War auf der Karte irgendwas, das auf psychische Probleme schlieen lt?
Nein.
berhaupt nichts Aufflliges?
Nein. Pltzlich runzelte er die Stirn. Moment  doch.
Jetzt fllt mir etwas Merkwrdiges ein. Vor etwa sechs Monaten wurde eine komplette Schdeldurchleuchtung angeordnet.
Haben Sie die Aufnahmen gesehen?
Nein. Aber ich hab den Befund des Rntgenologen gelesen.

Und wie lautete der?
O.B. Nichts Krankhaftes festzustellen.
Warum wurden die Aufnahmen gemacht?
Das stand nicht drin.
Hatte sie irgendeinen Unfall? Vielleicht mit dem Auto?
Keine Ahnung.
Wer hat die Aufnahmen angeordnet?
Wahrscheinlich Dr. Randall. Peter Randall, meine ich. Er war ihr Arzt.
In dem Befund stand nicht, warum die Aufnahmen gemacht wurden?
Nein.
Das mu doch einen besonderen Grund gehabt haben, sagte ich.
Sicher, sagte er, doch es schien ihn nicht sehr zu interessieren.
Er starrte dster in seinen Kaffee; dann trank er einen Schluck. Schlielich sagte er: Den Kerl, der die Abtreibung gemacht hat, sollten sie aufhngen. Am liebsten wrde ichs selber tun.
Ich stand auf. Der Junge war vllig fertig und den Trnen nahe. Er sah nur eins: seine verpfuschte Karriere; verpfuscht, weil er bei der Tchter eines berhmten Arztes einen Fehler begangen hatte. In seiner Wut und Verzweiflung suchte auch er nach einem Sndenbock. Und es gab niemanden, der so dringend einen brauchte wie er. Haben Sie die Absicht, sich in Boston niederzulassen? fragte ich.
Ich hatte, sagte er und schlug die Augen nieder.
Ich ging in die nchste Telefonzelle und rief Dr. Carr an. Ich mute unbedingt Karen Randalls Krankenkarte sehen. Ich mute herauskriegen, was mit dieser Durchleuchtung gewesen war.
Lew, sagte ich. Ich mu Sie noch mal um Ihre Hilfe bitten.

Wieso? Was ist denn? Er schien zutiefst erschrocken.
Ich brauche unbedingt ihre Krankenkarte.
Ich habe Ihnen doch schon gesagt, da das nicht geht.
Ja, aber es ist etwas Neues aufgetaucht. Die Sache wird immer rtselhafter. Warum wurde diese Schdeldurchleuchtung 
Tut mir leid, sagte Carr. Ich kann Ihnen nicht helfen.
Lew, Randall kann doch die Karte nicht einfach 
Tut mir leid, John. Ich stecke bis ber den Kopf in Arbeit.
Ich hab einfach keine Zeit. Man merkte, da er sich genau berlegte, was er sagte, da er sich jeden Satz durch den Kopf gehen lie, bevor er ihn aussprach.
Lew, was soll das? War Randall bei Ihnen und hat Ihnen den Mund gestopft?
Ich finde, sagte Carr, mit dieser Sache sollen sich die Stellen befassen, die dafr zustndig sind. Ich denke nicht daran, mich da einzumischen, und auch Sie sollten das lieber bleibenlassen.
Schn, wenn das Ihre Ansicht ist, sagte ich und legte auf.
Eigentlich berraschte mich Carrs Verhalten nicht. Er hielt sich immer strikt an die Regeln, wie ein Musterknabe. Es htte mich berrascht, wenn er es in diesem Fall nicht getan htte. Auf der Fahrt zur Medizinischen Akademie kam ich am Lincoln- Krankenhaus vorbei. Davor, neben dem Taxiplatz, stand Frank Conway und starrte, leicht vorgebeugt, die Hnde in den Taschen, die Strae hinunter. Irgendwie drckte seine Haltung tiefe Resignation aus, eine ungeheure, berwltigende Mdigkeit.
Ich fuhr an den Straenrand und hielt an. Taxi gefllig?
Ich mu zur Kinderklinik, sagte er. Er schien erstaunt, da ich angehalten hatte. Conway und ich sind nicht besonders befreundet. Er ist ein guter Arzt, doch kein sehr angenehmer Mensch. Seine beiden ersten Frauen haben sich von ihm scheiden lassen, die zweite schon nach sechs Monaten.
Die liegt auf meinem Weg, sagte ich. Das stimmte zwar nicht, doch ich mute mit ihm reden. Er stieg ein, und ich fuhr los.
Was wollen Sie denn in der Kinderklinik? fragte ich.
Ich mu zu einer Konferenz. Wir haben jede Woche ein Kollegium ber kongenitale Erkrankungen. Und wo wollen Sie hin?
Einen Freund abholen, sagte ich. Wir wollen zusammen essen gehen.
Er nickte und lehnte sich zurck. Conway war noch ziemlich jung, erst fnfunddreiig. Er hatte in seiner Assistentenzeit unter den grten Kapazitten des Landes gearbeitet, und jetzt war er selber eine  zumindest hatte er den Ruf. Ob er wirklich so gut war, lie sich schwer sagen; Conway war einer der wenigen rzte, die so schnell so berhmt werden, da sie sich wie Politiker oder Filmstars blind ergebene Anhnger und ebenso blinde unvershnliche Feinde erwerben; entweder man liebt sie, oder man hat sie. uerlich war Conway eine eindrucksvolle Erscheinung, ein krftiger, untersetzter Mann mit graumeliertem Haar und klaren blauen Augen.
Ich mu mich wegen heute morgen entschuldigen, sagte Conway. Ich htte mich nicht so auffhren drfen.
Schon gut, sagte ich.
Ich mu mich auch bei Herbie entschuldigen. Ich hab da ein paar Dinge gesagt 
Er trgt es Ihnen bestimmt nicht nach.
Es ist mir wirklich furchtbar unangenehm, sagte Conway.
Aber wenn einem ein Patient so unter den Hnden kollabiert, und man steht da und kann nichts tun  Sie haben ja keine Ahnung, wie das ist.
Ich nickte, und wir schwiegen eine Weile. Dann sagte ich: Wrden Sie mir einen Gefallen tun?
Gern. Was denn?
Erzhlen Sie mir ein bichen was ber J. D. Randall.
Er wandte den Kopf und sah mich an. Warum? Wegen dieser Sache? Ich nickte.
Sie haben Lee verhaftet, nicht?
Ja.
Hat ers getan?
Nein.
Sind Sie sicher?
Ich glaube, was er mir sagt.
Conway seufzte. Na und? sagte er. Angenommen, man wrde versuchen, Ihnen so was anzuhngen? Wrden Sies nicht auch abstreiten?
Darum geht es nicht.
Aber das ist doch ganz klar. Jeder wrde das abstreiten.
Und wieso halten Sie nicht fr mglich, da Art es wirklich nicht getan hat?
Das halte ich nicht nur fr mglich, sondern fr sehr wahrscheinlich.

Und? Conway schttelte den Kopf. Ich frchte, Sie sehen die Sache nicht ganz richtig. J. D. ist ein groer Mann. J. D. hat seine Tchter verloren. Und bequemerweise gibt es da euren Chinesen, von dem man wei, da er so was macht. Das ist doch ein gefundenes Fressen.
So was hnliches hab ich schon mal gehrt. Das kann ich einfach nicht glauben.
Dann kennen Sie J. D. Randall nicht.
Da haben Sie recht.
J. D. Randall, sagte Conway, J. D. Randall ist das grte Arschloch des Universums. Er ist reich und mchtig und angesehen. Kein Problem fr ihn, einen kleinen Chinesen fertigzumachen.
Aber was fr ein Interesse kann er daran haben? Conway lachte. Mensch, sind Sie wirklich so naiv? Ich mu ein ziemlich dummes Gesicht gemacht haben.
Wissen die denn nicht  Als er merkte, da ich keine Ahnung hatte, brach er ab, verschrnkte die Arme ber der Brust und starrte schweigend auf die Strae.
Was?
Fragen Sie lieber Art.
Warum wollen Sies mir nicht sagen?
Fragen Sie Lew Carr, sagte Conway. Vielleicht sagt ders Ihnen. Aus mir kriegen Sie nichts raus.
Schn, sagte ich, dann erzhlen Sie mir wenigstens ein bichen von Randall.
Was wollen Sie wissen? Was fr ein Chirurg er ist? Ich nickte.
Als Chirurg, sagte Conway, ist er der letzte Dreck. Ein Nichtsknner. Ihm sterben Leute unterm Messer, die nicht zu sterben brauchten. Junge Leute, krftige Leute.
Ich schwieg.
Auerdem ist er hundsgemein, ein richtiges Ekel. Er schikaniert seine Assistenten bis aufs Blut, ntzt sie aus, wo er nur kann. Er kann sich das leisten, weil sich alle darum reien, unter ihm zu arbeiten. Ich kenne ihn durch und durch; ich hab selbst zwei Jahre Thoraxchirurgie bei ihm gemacht, bevor ich nach Houston ging und dort Herzchirurgie machte. Ich war neunundzwanzig, als ich Randall kennenlernte, und er neunundvierzig.
Anfangs wirkte er sehr imposant mit seiner Wichtigtuerei und seinen Bond-Street-Anzgen und seinen Freunden mit ihren Schlssern in Frankreich. Das alles macht ihn natrlich noch nicht zu einem guten Chirurgen, aber es beeindruckt die Leute. Es umgibt ihn mit einem Nimbus.
Ich sagte nichts. Conway steigerte sich in das Thema hinein, sprach mit zunehmender Erregung, gestikulierte mit den Hnden. Ich htete mich, ihn zu unterbrechen.
J. D. ist noch einer von der alten Garde, sagte Conway.
Er hat in den vierziger und fnfziger Jahren angefangen.
Chirurgie war damals ganz was anderes als heute; die Hauptsache war manuelle Geschicklichkeit, wissenschaftliche Kenntnisse hielt man nicht fr so wichtig. Kein Mensch hatte eine Ahnung von Elektrolyse und Chemie, und Randall hat sich auch nie dafr interessiert. Die heutigen jungen rzte aber sind vollgestopft mit Kenntnissen ber Enzyme und Serumnatrium.
Fr Randall sind das spanische Drfer.
Aber er hat doch einen guten Ruf, sagte ich.
Den hatte John Wilkes Booth auch, sagte Conway. Eine Zeitlang.
Ist da nicht ein bichen berufliche Eifersucht im Spiel?
Bestimmt nicht. Mit Randall nehm ichs jederzeit auf, sagte er. Den lasse ich am ausgestreckten Arm verhungern.
Ich lchelte.
Wie ist er denn persnlich?
Das hab ich doch schon gesagt. Ein Arschloch. Ein Riesenarschloch.
Wissen Sie, was seine Assistenten von ihm sagen? Da er mit einem Hammer und einem Dutzend Ngel in der Tasche rumluft  fr den Fall, da er auf irgendwen stt, den er kreuzigen kann. Und noch was anderes sagen seine Assistenten.
Da J. D. Randall so gerne Herzen zerschneidet, weil er selber nie eins gehabt hat. Diese Englnder, die damals im Jahr 1630 nach Boston gingen, knnen nicht ganz bei Verstand gewesen sein. Eine so weite Seereise nach einer feindseligen Wildnis erforderte mehr als Mut, mehr als Verwegenheit  so etwas kann man nur aus Verzweiflung und Fanatismus tun. Und aus einem tiefen, unvershnlichen Ha auf die englische Gesellschaft. Zum Glck beurteilt die Geschichte Menschen nach ihren Handlungen, nicht nach ihren Motiven. Aus diesem Grund knnen die Bostoner es sich erlauben, in ihren Ahnen Kmpfer fr Demokratie und Freiheit zu sehen, Revolutionshelden, liberale Knstler und Dichter. Doch Boston hat noch ein anderes Gesicht, ein dunkles Gesicht  es ist auch die Stadt des Pran- gers, der Spierute, der Daumenschraube und der Hexenjagden.
Kaum jemandem ist heute klar, was diese Folterwerkzeuge wirklich waren: Zeugnisse der Verblendung, der Neurose, des Sadismus; Merkmale einer Gesellschaft, die besessen war von Angst vor Snde, Verdammnis, Fegefeuer, Krankheit und Indianern  ungefhr in dieser Reihenfolge. Kurz, einer Gesellschaft reaktionrer religiser Fanatiker. Hinzu kommt ein geographischer Faktor: Boston war einst ein Sumpf. Manche behaupten, daher kmen das stndige schlechte Wetter und das feuchte Klima; andere meinen, das sei Unsinn.
Die Bostoner neigen dazu, vieles aus der Vergangenheit ihrer Stadt zu bersehen und zu vergessen, doch sosehr sie sich auch bemhen, es gelingt ihnen nicht, den Puritanismus gnzlich abzustreifen.
Wir alle sind der Vergangenheit verhaftet, einzeln und als Gesamtheit. Die Vergangenheit zeigt sich in unserem Knochenbau, in unserer Behaarung, in unserer Hautfarbe und auch in der Art, wie wir gehen, stehen, essen  und denken. Das waren meine Gedanken, als ich zu stud. med. William Harvey Shattuck Randall fuhr.
William Harvey Shattuck Randall war ein krftiger blonder Junge mit einem offenen, nicht unsympathischen Gesicht und einer footballhaften Frische und Natrlichkeit, die in einem seltsamen und ein bichen komischen Kontrast zur Einrichtung seines Zimmers stand. Er wohnte im ersten Stock von Sheraton Hall, dem Studentenheim der Mediziner. Wie die meisten hatte er ein Einzelzimmer, doch ein besonders groes. Auf jeden Fall war es grer als die winzige Bude im vierten Stock, in der ich als Student gewohnt hatte. Die Zimmer im obersten Stock sind billiger. Die Wnde hatten eine andere Farbe als damals. Zu meiner Zeit waren sie grau wie Dinosauriereier gewesen, jetzt waren sie kotzgrn. Doch sonst hatte sich nichts gendert  es waren die gleichen den Korridore, die gleichen dreckigen Treppen, der gleiche muffige Geruch nach verschwitzten Socken, Lehrbchern und Chlor. Randalls Zimmer war hbsch eingerichtet; die Mbel sahen aus wie bei einer Auktion in Versailles gekauft  zerschlissener roter Samt und abgeblttertes Gold, die dem Raum die wehmtige Atmosphre verblaten Prunks gaben. Randall trat von der Tr zurck. Bitte, kommen Sie rein, sagte er. Er fragte nicht, wer ich war. Er hatte auf den ersten Blick erkannt, da ich Arzt war. Wenn man lange mit rzten zu tun hat, entwickelt man ein Gespr dafr. Ich trat ein und setzte mich.
Ist es wegen Karen? Er schien eher geistesabwesend als traurig, als htte er ber irgendein schwieriges Problem nachgedacht und mte sich erst davon losreien.
Ja, sagte ich. Sicherlich komme ich ungelegen, aber 
Nein, nein, durchaus nicht. Worum gehts? Ich zndete mir eine Zigarette an und warf das Streichholz in einen vergoldeten Aschenbecher aus venezianischem Glas.
Ich htte Sie gern einiges ber sie gefragt.
Bitte.
Anscheinend interessierte es ihn berhaupt nicht, wer ich war. Er setzte sich mir gegenber in einen Sessel, schlug die Beine bereinander und sagte: Was mchten Sie wissen?
Wann haben Sie sie zum letztenmal gesehen?
Am Samstag. Sie kam mit dem Bus von Northampton, und ich hab sie nach dem Mittagessen abgeholt und nach Hause gefahren.
Was fr einen Eindruck hat sie gemacht? Er zuckte die Achseln. Sie schien vllig in Ordnung und bester Laune. Sie erzhlte allen mglichen Collegeklatsch  Sie wissen ja sicher, sie war auf dem Smith College in Northampton  und von ihrer Zimmerkollegin und redete ber Kleider und dergleichen.
War sie deprimiert? Oder nervs?
Nein. berhaupt nicht. Sie war genau wie immer. Vielleicht ein bichen aufgeregt, weil sie lngere Zeit nicht daheim gewesen war. Ich glaube, sie hat sich ein bichen Sorgen wegen dem College gemacht. Meine Eltern behandelten sie immer wie ein kleines Kind, und sie dachte, sie trauten ihr nicht zu, da sies schaffen wrde. Und deshalb war sie vielleicht ein bichen bockig.
Wann hatten Sie sie davor zuletzt gesehen?
Ich wei nicht genau. Ende August, glaube ich.
Dann haben Sie sich sicher gefreut, sie wiederzusehen?
Ja, natrlich, sagte er. Wir haben uns immer sehr gut vertragen. Sie war sehr lebhaft, ein richtiger Quirl. Und eine prima Schauspielerin. Sie konnte groartig ihre Professoren nachmachen oder irgendwelche Freunde und Bekannten.
Deshalb hat sie auch den Wagen gekriegt.
Den Wagen?
Ja, am Samstag abend, sagte er. Wir haben zusammen gegessen. Karen, ich, Ev und Onkel Peter.
Ev?
Meine Stiefmutter, sagte er. Wir nennen sie alle Ev.
Sie waren also zu fnft?
Nein, zu viert.
Und Ihr Vater?
Der hatte im Krankenhaus zu tun. Er sagte es, als sei daran nichts Besonderes, und ich hakte nicht weiter nach.
Karen wollte fr das Wochenende einen Wagen, fuhr er fort, aber Ev wollte ihr keinen geben, damit sie nicht die ganze Nacht wegbleibt. Da hat Karen Onkel Peter gefragt, ob sie seinen Wagen haben kann. Als sie merkte, da er nicht recht wollte, hat sie gedroht, ihn nachzumachen, und da war er sofort einverstanden und hat ihr den Wagen geborgt.
Und wie ist Onkel Peter nach Hause gekommen?
Ich habe ihn mitgenommen, als ich heimfuhr, und bei sich zu Hause abgesetzt.
Sie waren also am Samstag ziemlich lange mit Karen zusammen.

Ja. Etwa von ein Uhr mittags bis neun oder zehn Uhr abends.
Sie sind mit Ihrem Onkel weggefahren?
Ja.
Und Karen?
Sie ist bei Ev geblieben.
Ist sie an dem Abend noch ausgegangen?
Vermutlich. Deshalb wollte sie ja den Wagen.
Hat sie gesagt, was sie vorhatte?
Sie wollte nach Harvard fahren. Sie hat dort im College ein paar Freundinnen.
Haben Sie sie am Sonntag auch gesehen?
Nein. Nur am Samstag.
Als Sie mit ihr zusammen waren  ist sie Ihnen da irgendwie verndert vorgekommen? Er schttelte den Kopf. Nein. berhaupt nicht. Auer, da sie ein bichen zugenommen hatte, aber das tun wohl alle Mdchen, wenn sie aufs College kommen. Im Sommer hatte sie viel Tennis gespielt und war oft schwimmen. Als sie auf die Schule kam, hat sie damit aufgehrt, und darum hat sie wahrscheinlich ein paar Pfund angesetzt. Er lchelte leise. Ich habe sie deshalb aufgezogen. Sie hat ber das schlechte Essen geschimpft, und da hab ich zu ihr gesagt: Wenn du trotzdem so zugenommen hast, dann mut du aber ziemlich verfressen gewesen sein.
Neigte sie schon immer dazu, leicht zuzunehmen?
Karen? Nein. Die war immer ein mageres kleines Ding, eine richtige Range. Erst in letzter Zeit ist sie so auseinandergegangen.

Es war also das erste Mal, da sie bergewicht hatte? Er zuckte die Achseln. Keine Ahnung. Ehrlich gesagt, ich habe nie weiter darauf geachtet.
Haben Sie sonst noch irgendwas bemerkt?
Nein, nicht da ich wte. Ich sah mich im Zimmer um. Auf dem Schreibtisch, neben einigen Lehrbchern, stand ein Foto von ihm und Karen. Sie sahen beide braun und gesund aus. Er bemerkte meinen Blick und sagte: Das war letztes Frhjahr auf den Bahamas. Das erste Mal, da wir alle zusammen eine Woche Urlaub machten  die ganze Familie. Es war herrlich. Ich stand auf und sah mir das Foto nher an. Es war eine ausgezeichnete Aufnahme von ihr. Ihre Haut war dunkelbraun, und das pate gut zu ihren blauen Augen und ihrem blonden Haar.
Ich htte eine etwas merkwrdige Frage, sagte ich. Hatte Ihre Schwester schon immer dunkles Haar auf der Oberlippe und den Armen?
Komisch, sagte er leise, das fllt mir erst jetzt ein, wo Sie danach fragen. Ja, sie hatte einen leichten Flaum, und Peter sagte ihr am Samstag, sie solle ihn doch bleichen oder mit Wachs wegmachen. Zuerst war sie eingeschnappt, doch dann hat sie gelacht.
Er war also neu?
Ja, ich glaube. Kann aber auch sein, da sie ihn schon immer hatte, und ich habe ihn nicht bemerkt. Warum?
Nur so, sagte ich.
Er stand auf und sah das Bild an. Sie war berhaupt nicht der Typ fr eine Abtreibung, sagte er. Sie war ein richtig nettes Mdchen, immer lustig und gut gelaunt und voller Lebensfreude. Alle haben sie gern gehabt.
Wo war sie den Sommer ber? Er schttelte den Kopf. Keine Ahnung.
Das wissen Sie nicht?
Na ja, nicht genau. Offiziell war sie auf Cape Cod und hat in einer Kunstgalerie in Provincetown gearbeitet. Er schwieg einen Moment. Aber ich glaube, die meiste Zeit war sie am Beacon Hill. Sie hatte dort irgendwelche Freunde. Karen hatte eine Schwche fr so komische Typen.
Freunde oder Freundinnen?
Beides. Er zuckte die Achseln. Aber Genaues wei ich darber nicht. Sie hats nur ein- oder zweimal nebenbei erwhnt.
Wenn ich sie danach fragte, hat sie gelacht und das Thema gewechselt. Darin war sie ganz gro; wenn sie ber irgendwas nicht reden wollte, dann war es unmglich, sie dazu zu bringen.
Hat sie irgendwelche Namen genannt?
Mglich. Aber ich kann mich an keinen erinnern. Das war so eine Angewohnheit von ihr, die einen auf die Palme bringen konnte: Sie hat oft von allen mglichen Leuten geredet und sie beim Vornamen genannt, als ob man sie gut kennen wrde. Es hatte gar keinen Zweck, sie darauf aufmerksam zu machen, da man keine Ahnung hat, wer Herbie und Susu und Allie ist. Er lachte.
Aber an genaue Namen knnen Sie sich nicht erinnern? Er schttelte den Kopf. Leider nein.
Schn, sagte ich. Sie sind sicher ziemlich fertig. Was machen Sie zur Zeit?
Chirurgie. Vorher hab ich meinen Gynkologie-Turnus gemacht.
Gefllts Ihnen?
Ganz gut.
Nachdem ich mich verabschiedet hatte, fragte ich: Wo haben Sie Gynkologie gemacht?
In der Frauenklinik. Er sah mich einen Moment stirnrunzelnd an. Ich kann mir denken, worauf Sie hinaus wollen. Ich habe fter bei Ausschabungen assistiert. Ich wei, wies gemacht wird. Aber ich hatte am Sonntag Nachtdienst im Krankenhaus. Daran gibts nichts zu rtteln.
Vielen Dank fr Ihre Ausknfte, sagte ich.
Gern geschehen, sagte er.
Als ich das Heim verlie, kam mir ein groer, magerer Mann mit silbernem Haar entgegen. Ich erkannte ihn schon von weitem. Eins zumindest konnte man J. D. Randall nicht absprechen: Er war eine unverwechselbare Persnlichkeit. Die Sonne stand schon tief am Himmel, und es herrschte ein seltsames goldgelbes Licht. Ich zndete mir eine Zigarette an und ging auf Randall zu. Er sah mich einen Moment mit groen Augen an; dann lchelte er. Ach, Dr. Berry.
beraus freundlich. Er streckte seine Hand aus. Ich nahm sie: sie war trocken und sauber; zehn Minuten lang bis fnfzehn Zentimeter ber den Ellbogen geschrubbt. Eine Chirurgenhand.
Tag, Dr. Randall.
Er sagte: Sie wollten mich sprechen? Ich runzelte die Stirn.
Meine Sekretrin sagte mir, da Sie da waren. Wegen dem Krankenblatt.
Ach ja, stimmt, sagte ich. Kommen Sie mit.
Es sollte sicher nicht wie ein Befehl klingen, doch es hrte sich so an. Mir fiel ein, da die Chirurgen in unserem Gesellschaftssystem die letzten Autokraten sind, die letzten, denen man unumschrnkte Befehlsgewalt zugesteht. Ein Chirurg trgt die Verantwortung fr das Wohlergehen des Patienten, fr das, was seine Mitarbeiter tun, fr alles. Wir gingen zurck zum Parkplatz. Ich hatte das Gefhl, da er nur hierhergekommen war, um mich zu sehen. Mir war zwar unerklrlich, woher er wute, da ich hier war, doch das Gefhl war sehr stark. Beim Gehen schwangen seine Arme locker vor und zurck. Ich sah seine Hnde; sie waren im Vergleich zum Krper unverhltnismig gro  riesige Hnde, krftig und haarig und rot. Die Ngel hatten die bei Chirurgen bliche Lnge von einem Millimeter. Sein Haar war kurzgeschnitten, und er hatte khle graue Augen. Ihren Namen habe ich heute schon von ver- schiedenen Leuten gehrt, sagte er. So?
Ja.
Auf dem Parkplatz blieb er neben einem silbernen Porsche stehen und lehnte sich an den blankpolierten Kotflgel. Irgendwas an seiner Miene hielt mich davon ab, das gleiche zu tun. Er sah mich einen Moment schweigend an; dann sagte er: Alle haben sich sehr anerkennend ber Sie geuert.
Das freut mich.
Sie sollen sehr tchtig und verantwortungsbewut sein. Ich zuckte die Achseln. Er lchelte leise. Viel zu tun gehabt heute?
Ziemlich.
Sie sind im Lincoln, nicht?
Ja.
Man scheint dort viel von Ihnen zu halten.
Ich gebe mir alle Mhe.
Wirklich, man schtzt Sie sehr.
Vielen Dank. Ich hatte keine Ahnung, worauf er zusteuerte.
Ich brauchte nicht lange zu warten.
Haben Sie schon mal dran gedacht, an ein anderes Krankenhaus zu gehen?
Wie meinen Sie das?
Na ja, falls sich eine Mglichkeit ergibt. Vielleicht wird mal irgendwo eine interessante Stelle frei. Ich sah ihn fragend an.
Was halten Sie davon?
Ich fhle mich ganz wohl im Lincoln.
Solange sich nichts Besseres bietet, sagte er.
Natrlich.
Kennen Sie William Sewall? William Sewall war der Chefpathologe des Memorial. Er war einundsechzig und stand vor seiner Pensionierung. Ich war ein wenig enttuscht von J. D. Randall. Das letzte, was ich von ihm erwartet hatte, war diese Unumwundenheit. Ja, sagte ich. Flchtig.
Er wird bald in Pension gehen 
Timothy Stone ist doch dort der zweite Mann. Er soll ausgezeichnet sein.
Ja, sicher, sagte Randall. Er blickte zum Himmel auf. Sicher.
Aber einige von uns sind nicht so ganz zufrieden mit ihm.
Das hre ich zum erstenmal.
Er lchelte kaum merklich. Es hat sich wohl noch nicht herumgesprochen.
Und Sie meinen, da man mit mir zufriedener wre?
Einige der Kollegen, sagte Randall langsam, sind dafr, sich nach jemand anders umzusehen. Vielleicht nach jemand ganz Neuem, der ein bichen frischen Wind in das Ganze hineinbringt.
So?
Ja, einige meinen, das wre das beste.
Ich bin mit Timothy Stone gut befreundet.
Ich verstehe nicht, inwiefern das von Bedeutung ist.
Insofern, sagte ich, als ich ihn nicht hintergehen mchte.
Das wrde ich Ihnen doch nie zumuten.
Ach nein?
Natrlich nicht, sagte Randall.
Dann habe ich Sie offenbar falsch verstanden, sagte ich.
Er setzte wieder sein freundliches Lcheln auf. Anscheinend.
Vielleicht habe ich mich nicht deutlich genug ausgedrckt.
 Ich wartete.
Er kratzte sich nachdenklich hinterm Ohr. Vermutlich war ihm klargeworden, da das nicht die richtige Taktik war, und er berlegte, wie er am besten an die Sache herangehen sollte. Er runzelte die Stirn.
Ich bin kein Pathologe, Dr. Berry, sagte er, aber ich bin mit verschiedenen Pathologen befreundet.
Tim Stone scheint nicht dazuzugehren.
Manchmal habe ich den Eindruck, Pathologen arbeiten schwerer als Chirurgen, schwerer als alle anderen rzte. Sie sind alle schrecklich berlastet.
Wem sagen Sie das?
Sie scheinen erstaunlich viel Zeit fr andere Dinge zu haben , sagte er.
Mein Gott, Sie wissen ja, wie das an manchen Tagen so ist, sagte ich. Allmhlich wurde ich wtend. Zuerst der Bestechungsversuch, dann die Drohung. Wenn ich schon nicht zu kaufen war, vielleicht lie ich mich einschchtern. Doch zugleich mit meiner Wut stieg eine merkwrdige Neugier in mir auf: Randall war kein Trottel, und ich wute, er wrde nicht so mit mir reden, wenn er nicht vor irgendwas Angst htte. Ich fragte mich gerade, ob er vielleicht die Abtreibung selber gemacht hatte, da fragte er: Haben Sie Familie?
Ja, sagte ich.
Sind Sie schon lange in Boston?
Ich kann jederzeit von hier weggehen, sagte ich, falls mich die pathologischen Prparate zu sehr anwidern.
Er steckte das ein, ohne mit der Wimper zu zucken. Er sah mich nur mit seinen grauen Augen an und sagte: Aha.
Wie wrs, wenn Sie mir ganz offen sagen wrden, was Sie auf dem Herzen haben?
Das ist ganz einfach, sagte er. Ich begreife Ihre Motive nicht. Ich wei, da Sie mit Dr. Lee befreundet sind, und ich wei auch, wie blind einen persnliche Zuneigung machen kann. Ich habe alles Verstndnis dafr, da Sie ihm helfen wollen, und ich bewundere Ihre Loyalitt gegenber Dr. Lee, doch ich finde, Sie gehen darin entschieden zu weit. Warum tun Sie das alles, Dr. Berry?
Aus Neugier, Dr. Randall. Aus purer Neugier. Ich mchte wissen, warum alle derart darauf aus sind, Dr. Lee diese Sache anzuhngen. Ich mchte wissen, warum Leute, zu deren Beruf es gehrt, objektiv und sachlich zu sein, in diesem Fall so voreingenommen und unsachlich sind.
Er griff in seine Jackentasche und holte eine Zigarrenschachtel hervor. Er ffnete sie, nahm eine dnne Zigarre heraus, bi das eine Ende ab und zndete sie an. Eins wrde ich gern klarstellen, sagte er. Dr. Lee macht Abtreibungen am laufenden Band. Das bestreiten Sie doch nicht, oder?
Nur weiter, bitte, sagte ich, sprechen Sie sich ruhig aus.
Abtreibungen sind gesetzlich verboten. Auerdem bilden sie, wie jeder chirurgische Eingriff, ein gewisses Risiko fr den Patienten  selbst wenn sie von einem fhigen Arzt vorgenommen werden, und nicht von einem versoffenen 
Auslnder? schlug ich vor.
Er lchelte. Dr. Lee, sagte er, ist bekannt dafr, da er ungesetzliche Abtreibungen macht und da er hchst zweifelhafte private Neigungen hat. Seine rztliche Ethik ist ebenfalls beraus zweifelhaft. Und was seine Haltung als Brger dieses Landes betrifft, so begeht er laufend strafbare Handlungen. Das ist es, worum es mir geht, Dr. Berry. Ich mchte wissen, was diese Schnffelei soll. Sie belstigen Mitglieder meiner Familie 
Das scheint mir nicht der richtige Ausdruck zu sein.
 und stecken Ihre Nase in eine Angelegenheit, die Sie berhaupt nichts angeht. Man sollte meinen, Sie haben Wichtigeres zu tun  Dinge, fr die das Lincoln-Krankenhaus ein Gehalt zahlt. Wie jeder Arzt haben Sie Pflichten und Verantwortlichkeiten.
Diese Pflichten erfllen Sie nicht. Statt dessen mischen Sie sich in fremde Familienangelegenheiten, stiften Unruhe und Verwirrung und bemhen sich, ein kriminelles Individuum der gerechten Strafe zu entziehen, einen Menschen, der gegen smtliche Gesetze der Medizin und gegen das Strafgesetz verstoen hat 
Eine Frage, Dr. Randall, sagte ich. Wenn Sie das schon als eine reine Familienangelegenheit betrachten: Was htten Sie getan, wenn Ihre Tochter zu Ihnen gekommen wre und Ihnen gesagt htte, da sie schwanger ist? Wenn sie Sie und nicht Dr. Lee konsultiert htte? Was htten Sie getan?
Das sind doch vllig sinnlose Spekulationen, sagte er.
Weichen Sie bitte nicht aus.
Er lief dunkelrot an. ber seinem gestrkten Hemdkragen traten die Adern hervor. Einen Moment prete er die Lippen zusammen, dann sagte er: Das verbitte ich mir. Offenbar schrecken Sie nicht einmal davor zurck, meine Familie in den Dreck zu ziehen, nur um Ihrem sauberen Freund zu helfen.
Ich zuckte die Achseln. Ich finde, das ist eine durchaus berechtigte Frage, sagte ich. Sie htten allerlei Mglichkeiten gehabt. Ich zhlte sie an den Fingern auf. Sie htten sie nach Tokio schicken knnen, in die Schweiz, nach Los Angeles, nach San Juan. Oder vielleicht haben Sie einen guten Freund in New York oder Washington. Das wre natrlich am bequemsten gewesen. Und am billigsten. Er kehrte mir den Rcken zu und sperrte die Wagentr auf. Denken Sie mal drber nach, sagte ich. Fragen Sie sich ganz offen, was Sie fr den Ruf Ihrer Familie alles getan htten.
Er warf nur einen wtenden Blick zu und lie den Motor an.
Und wenn Sie schon dabei sind, sagte ich, fragen Sie sich doch auch, warum sie nicht Sie gebeten hat, ihr zu helfen.
Meine Tochter, sagte er mit zornbebender Stimme, meine Tochter ist ein anstndiges  ein hochanstndiges Mdchen.
Sie ist zu keinerlei Unsauberkeit imstande. Wie knnen Sie es wagen, sie so 
Wenn sie so s und unschuldsvoll war, sagte ich, wie ist sie dann schwanger geworden? Er knallte die Tr zu, legte den Gang ein und brauste, in eine stinkende blaue Abgaswolke gehllt, davon.

 

 13

 Als ich heimkam, war alles finster und kein Mensch da. In der Kche lag ein Zettel; Judith war immer noch drben bei den Lees und kmmerte sich um die Kinder. Ich schaute in den Eisschrank; ich war hungrig, aber zu nervs, um mich hinzusetzen und mir ein Sandwich zu machen. Schlielich schenkte ich mir ein Glas Milch ein und a den Rest Krautsalat, doch die tiefe Stille war deprimierend. Als ich fertig war, ging ich hinber zu den Lees; sie wohnten nur ein paar Huser weiter.
Das Haus der Lees sieht aus wie alle in dieser Strae, ein massiver Ziegelbau im New-England-Stil, ziemlich alt. Es unterscheidet sich nicht im mindesten von den anderen. Ich hatte mich immer ber das Haus gewundert; irgendwie schien es nicht zu Art zu passen.
Die Stimmung drinnen war bedrckend. Betty sa mit einem starren Lcheln im Gesicht in der Kche und ftterte das ein Jahr alte Baby. Sie sah mde und schlampig aus; sonst war sie immer tipptopp und machte den Eindruck, nichts knne sie unterkriegen. Judith war bei ihr, und Jane, unsere Jngste, klammerte sich an Judiths Rock; eine Gewohnheit, die sie seit ein paar Wochen hatte. Im Wohnzimmer hrte ich die Jungen; sie spielten Ruber und Polizist und knallten mit Kapselrevolvern.
Bei jedem Knall zuckte Betty zusammen. Wenn sie doch blo aufhren wrden, sagte sie, aber ich hab einfach nicht das Herz  Ich ging ins Wohnzimmer. Smtliche Mbel waren umgekippt.
Hinter einem Sessel guckte Johnny, unser Vierjhriger, hervor; er winkte mir zu und scho. Auf der anderen Seite des Zimmers kauerten die beiden Lee-Jungen hinter der Couch. Es stank nach Pulver, und der Fuboden war mit Zndkapseln berst. Johnny scho und schrie: Ich habe dich getroffen.
Nein, nicht, rief Andy Lee. Er war sechs.
Doch. Du bist tot.
Ich bin nicht tot, sagte Andy und drckte ab. Es war keine Kapsel mehr drin, und der Revolver klickte nur leise. Er duckte sich und sagte zu Henry Lee: Ich mu neu laden. Gib mir Feuerschutz.
Okay, Kumpel.
Andy lud seinen Revolver, zielte und drckte ab, doch irgendwas klemmte. Verdammt, sagte er, legte wieder an und rief: Bum! Bum!
Du schummelst, rief Johnny hinter seinem Sessel. Du bist tot.
Du auch, sagte Henry. Ich hab dich eben umgelegt.
Nein, sagte Johnny und scho dreimal. Blo gestreift.
Bum! rief Henry. Aber jetzt! Ich ging in die Kche zurck, wo Judith neben Betty stand.
Sie streiten sich, wer wen umgelegt hat, sagte ich lchelnd.
Wie siehts aus? fragte Betty. Was hast du rausgekriegt? Ich sagte: Keine Sorge. Es wird alles in Ordnung kommen.
Sie lchelte spttisch; genauso wie Art.
Wirklich. Ich bin ganz sicher.
Hoffentlich hast du recht, sagte sie und schmierte dem Baby einen Lffel Apfelmus in den Mund. Es lief bers Kinn, und Betty kratzte es mit dem Lffel weg.
Bradford hat angerufen, sagte Judith. Arts Anwalt. Er kann den Fall nicht bernehmen.
Bradford?
Ja, sagte Betty. Vor einer halben Stunde.
Was hat er gesagt?
Nichts weiter. Blo, da es ihm nicht mglich ist, den Fall zu bernehmen.
Ich zndete mir eine Zigarette an und versuchte, mich zusammenzureien.
Ich ruf ihn gleich mal an.
Judith schaute auf die Uhr. Es ist schon halb sechs. Wahrscheinlich wird er nicht mehr 
Versuchen kann ichs ja, sagte ich. Ich ging in Arts Ar- beitszimmer. Judith kam mit.
Wie siehts aus? sagte sie. Ich schttelte den Kopf.
Schlimm?
Das lt sich noch nicht sagen, sagte ich. Ich setzte mich hinter Arts Schreibtisch und griff nach dem Telefon.
Hast du keinen Hunger?
Ich hab daheim eine Kleinigkeit gegessen, sagte ich.
Du siehst mde aus.
Nicht so schlimm.
Sie beugte sich ber den Schreibtisch, und ich kte sie auf die Wange.
Ach ja, Fritz Werner hat angerufen, sagte sie. Er wollte dich sprechen.
Das htte ich mir denken knnen. Wenn man irgendwas wissen wollte, brauchte man sich blo an Fritz zu wenden. Aber vielleicht war es wirklich etwas Wichtiges; mglicherweise konnte er mir weiterhelfen. Ich rufe ihn spter an.
Und damit ichs nicht vergesse, sagte sie. Morgen ist diese Party bei George Morris.
Ach du lieber Himmel. Daran hatte ich berhaupt nicht gedacht.
Wir mssen unbedingt hingehen, sagte sie. Du weit doch, wie George 
Also schn, sagte ich. Wann?
Um sechs. Wir brauchen ja nicht lange zu bleiben.
Okay, sagte ich.
Sie ging in die Kche zurck, und ich whlte Bradfords Nummer.
Die Sekretrin meldete sich: Bradford, Wilson und Sturges.

Kann ich bitte Mr. Bradford sprechen?
Tut mir leid, sagte die Sekretrin. Mr. Bradford ist nicht mehr da.
Wo kann ich ihn erreichen?
Morgen ab neun Uhr frh wieder im Bro.
So lange kann ich nicht warten.
Tut mir leid, Sir.
Das ntzt mir nichts, sagte ich. Ich mu ihn unbedingt sprechen. Hier Dr. Berry. Ich konnte nur hoffen, da ihr der Name etwas sagte.
Sie war pltzlich wie verwandelt. Wrden Sie bitte einen Moment warten, Herr Doktor.
Ein paar Sekunden summte es tonlos in der Leitung, dann meldete sie sich wieder. Mr. Bradford wollte gerade gehen.
Einen Moment, ich verbinde.
Danke.
Es blickte.
George Bradford.
Mr. Bradford, hier John Berry.
Abend, Dr. Berry. Was kann ich fr Sie tun?
Ich htte Sie gern wegen Art Lee gesprochen.
Ich wollte gerade gehen, Dr. Berry 
Ich wei, Ihre Sekretrin hat es mir gesagt. Vielleicht knnen wir uns irgendwo treffen.
Er zgerte einen Augenblick, und ich hrte, wie er seufzte.
Es klang wie das Zischen einer Schlange. Das htte, glaube ich, wenig Sinn. Ich frchte, meine Entscheidung steht fest.
Nur fr ein paar Minuten.
Wieder zgerte er. Also gut. Kommen Sie in zwanzig Minuten in meinen Klub. Den Trafalgar. Bis gleich.
Ich legte auf. Der Bastard  sein Klub war in der Innenstadt.
Ich mute mich schrecklich beeilen, um in zwanzig Minuten dort zu sein. Ich richtete meine Krawatte und rannte zu meinem Wagen hinaus.
Der Trafalgar-Klub befindet sich in einem kleinen, schbigen Haus in der Beacon Street, gleich unterhalb des Beacon Hill. Er ist so exklusiv, da ihn nur wenige Bostoner kennen. Ich war noch nie dort gewesen, doch sah alles genauso aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die Rume mit Mahagoni getfelt, die Decken hoch und staubig, die Ledersessel wuchtig, bequem und runzlig, und berall Orientteppiche. Die Atmosphre entsprach den Mitgliedern: steif und alt und maskulin. Als ich meinen Mantel auszog, fiel mein Blick auf ein Schild mit der lakonischen AufschriftWEIBLICHE GSTE NUR DONNERSTAGS VON16-17.30UHR ZUGELASSEN. Bradford erwartete mich in der Halle.
Er war ein kleiner, untersetzter Mann, makellos gekleidet.
Sein schwarzer, dezent gestreifter Anzug war nach dem langen Arbeitstag unzerdrckt, seine Schuhe glnzten, und seine Manschetten ragten genau das vorgeschriebene Stck unter den Jackettrmeln vor. Er trug eine Taschenuhr an einer silbernen Kette, und auf dem dunklen Stoff der Weste funkelte sein Phi- Beta-Kappa-Schlssel. Ich brauchte nicht im Whos Who nachzuschlagen; man sah ihm auf den ersten Blick an, da er irgendwo in Beverly Farms wohnte, da er das Harvard College und die Harvard Law School besucht hatte, da seine Frau in Vassar gewesen war und heute noch plissierte Rcke, Kaschmirpullover und Perlen trug und da seine Kinder in Groton oder Concord waren. Bradford strahlte das alles aus, dezent und unaufdringlich. Wie wrs mit einem Drink, sagte er, als er mir die Hand gab. Gern.
Die Bar war im ersten Stock, ein groer Raum mit hohen Fenstern, in dem es leicht nach Zigarrenrauch roch. In kleinen Gruppen saen Mnner beisammen und sprachen in gedmpftem Ton. Der Barmixer wute von jedem, was er trank; nur mich mute er fragen. Wir setzten uns in zwei bequeme Sessel am Fenster, und ich bestellte einen Wodka Gibson. Bradford nickte dem Mixer nur zu. Whrend wir auf die Drinks warteten, sagte er: Sie sind sicher sehr enttuscht ber meinen Entschlu, aber offen gesagt 
Ich nicht, sagte ich. Ich stehe ja nicht vor Gericht. Bradford griff in die Tasche, warf einen Blick auf seine Uhr und steckte sie wieder ein.
Vorlufig steht noch niemand vor Gericht, sagte er. Sehr viele Leute scheinen aber darauf aus zu sein, ihn vor Gericht zu bringen.
Er trommelte ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch und blickte mit dsterer Miene zum Barmixer hinber. Die Psychiater nennen das bertragung. Wie, sagte er, soll ich das verstehen?
Alle behandeln Art Lee, als ob er die Beulenpest htte.
Heit das, Sie wittern eine finstere Verschwrung?
Nein, sagte ich. Ich wundere mich nur.
Ein Freund von mir behauptet immer, alle rzte seien im Grund schrecklich naiv. Sie kommen mir gar nicht naiv vor.
Soll das ein Kompliment sein?
Nein, nur eine Feststellung. Er schwieg einen Moment.
Wirklich, es steckt nichts Geheimnisvolles dahinter, keinerlei Verschwrung. Sie mssen bedenken, ich habe viele Klienten.
Mr. Lee ist nur einer davon.
Dr. Lee.
Ganz recht. Dr. Lee. Er ist nur einer meiner Klienten, und ich habe gegenber allen Verpflichtungen, die ich so gut wie mglich zu erfllen trachte. Zufllig habe ich heute nachmittag mit der Staatsanwaltschaft telefoniert und bei der Gelegenheit gleich gefragt, wann die Verhandlung gegen Dr. Lee stattfinden wird. Leider habe ich zur gleichen Zeit einen Termin in einer anderen Sache, die ich schon vorher bernommen hatte.
Ich kann nicht bei zwei Verhandlungen zugleich sein. Ich habe das Dr. Lee erklrt. Die Drinks kamen. Bradford hob sein Glas. Cheers.
Cheers.
Er trank einen Schluck und starrte auf das Glas. Dr. Lee hat das vllig eingesehen. Ich habe ihm gesagt, da ich alles daransetzen werde, ihm einen ausgezeichneten Rechtsbeistand zu beschaffen. Wir haben in unserer Firma vier erfahrene Anwlte, und hchstwahrscheinlich wird es einem davon mglich sein 
Sicher ist es nicht? Er zuckte die Achseln. Was ist auf dieser Welt schon sicher?  Ich nippte an meinem Drink. Er schmeckte fad; der grte Teil war Wermut, nur eine Spur Wodka. Sind Sie mit den Randalls befreundet? fragte ich. Ich kenne sie, ja.
Hngt Ihr Entschlu damit zusammen?
Natrlich nicht. Er richtete sich auf. Ein Anwalt lernt sehr frh, Klienten und Freunde auseinanderzuhalten. Das ist einfach notwendig.
Vor allem in einer kleinen Stadt. Er lchelte. Einspruch, Euer Gnaden. Er trank einen Schluck. Unter uns gesagt, Dr.
Berry  Lee hat mein volles Mitgefhl. Wir sind uns darber einig, da Abtreibung eine Gegebenheit ist, mit der man sich abfinden mu; etwas ganz Alltgliches. Nach den letzten Statistiken werden in Amerika eine Million Abtreibungen im Jahr gemacht. Unsere Gesetze sind in dieser Hinsicht heuchlerisch, unklar und absurd streng. Doch vergessen Sie bitte nicht, da die rzte noch viel strenger sind als das Gesetz. Die Komitees, die in den Krankenhusern ber Schwangerschaftsunterbrechungen zu entscheiden haben, sind berngstlich. Sie lehnen Abtreibungen sogar in Fllen ab, in denen gesetzlich berhaupt nichts einzuwenden wre. Meiner Meinung nach mte sich erst einmal die vorherrschende Einstellung der rzte ndern, bevor man die Abtreibungsgesetze ndern kann.
Ich sagte nichts. Das Abschieben der Verantwortung auf andere ist eine alte, ehrwrdige Zeremonie, die Schweigen erheischt. Bradford sah mich an und fragte: Finden Sie nicht auch?
Doch, sicher, sagte ich. Ich frchte nur, es wird Dr. Lee nicht viel ntzen, wenn er das zu seiner Verteidigung vorbringt.

Ich meine ja auch nicht, da er das tun soll.
Dann habe ich Sie wohl miverstanden.
Offenbar, sagte er trocken.
Ehrlich gesagt, ich wei nicht recht, worauf Sie hinauswollen , sagte ich. Ich dachte immer, Anwlte haben einen scharfen Blick fr das Wesentliche.
Ich versuche, Ihnen meine Einstellung klarzumachen.
Ihre Einstellung ist vllig klar, sagte ich. Mir geht es um Dr. Lee.
Schn. Sprechen wir ber Dr. Lee. Er ist nach einem siebzig Jahre alten Gesetz des Staates Massachusetts angeklagt, nach dem Abtreibung ein Verbrechen darstellt, das mit Geldbue und Haft bis zu fnf Jahren zu ahnden ist. Bei einer Abtreibung mit Todesfolge kann auf eine Haftstrafe zwischen sieben und zwanzig Jahren erkannt werden.
Ist es Totschlag oder fahrlssige Ttung?
Weder noch. Juristisch gesehen 
Eine Freilassung gegen Kaution ist also mglich?
In diesem Fall kaum, denn der Staatsanwalt beabsichtigt, gem dem Common Law, nach dem jeder durch ein Verbrechen verursachte Todesfall Mord darstellt, Anklage wegen Mordes zu erheben.
Hm.
Ich bin berzeugt, es wird der Staatsanwaltschaft nicht schwerfallen zu beweisen, da Dr. Lee laufend Abtreibungen vorgenommen hat. Sie wird beweisen, da Karen Randall Dr.
Lee vor einiger Zeit konsultiert hat und da er unbegreiflicherweise ihren Besuch nicht in seine Kartei eingetragen hat.
Sie wird beweisen, da er fr die entscheidenden Stunden am Sonntag abend kein berzeugendes Alibi hat. Und sie wird Mrs. Randall als Zeugin aussagen lassen, da das Mdchen ihr gesagt hat, Lee htte die Abtreibung gemacht. Letzten Endes wird es darauf hinauslaufen, wen man fr glaubwrdiger hlt. Dr. Lee, ein Arzt, der erwiesenermaen laufend Abtreibungen vornimmt, wird sagen, er hat es nicht gemacht; Mrs. Randall wird sagen, er hat es gemacht. Wem wrden Sie glauben, wenn Sie Geschworener wren?
Es gibt keinen Beweis dafr, da Dr. Lee es in diesem Fall getan hat. Die Anklage kann sich nur auf Indizien sttzen.
Der Proze wird in Boston stattfinden.
Dann mu er eben woanders stattfinden, sagte ich. Mit welchem Argument soll man eine Verlegung beantragen? Da das moralische Klima hier ungnstig ist?
Das sind juristische Einzelheiten. Es geht darum, einen Menschen zu retten.
Aus lauter solchen juristischen Einzelheiten besteht das Gesetz. In ihnen liegt seine Strke.
Und seine Schwche. Er sah mich nachdenklich an. Die einzige Mglichkeit, Dr. Lee zu retten, wie Sie sagen, besteht darin, zu beweisen, da er den Eingriff nicht vorgenommen hat. Das heit, man mu denjenigen finden, der die Abtreibung gemacht hat. Das drfte ziemlich aussichtslos sein.
Warum?
Weil ich, als ich heute mit Lee sprach, den Eindruck hatte, da er lgt. Ich glaube, da er es war, Berry. Ich glaube, da er sie umgebracht hat. Als ich heimkam, waren Judith und die Kinder immer noch bei Betty. Ich machte mir einen Drink  diesmal einen starken  und setzte mich ins Wohnzimmer. Obwohl ich todmde war, gelang es mir nicht, mich zu entspannen. Ich neige dazu, leicht die Beherrschung zu verlieren. Ich wei das, und ich gebe mir alle Mhe, mich zusammenzunehmen; trotzdem stoe ich dauerndirgendwelche Leuten vor den Kopf. Ich glaube, ich mag die Menschen nicht besonders; vielleicht ist das einer der Grnde, warum ich Pathologe geworden bin. Als ich mir jetzt noch einmal alles durch den Kopf gehen lie, wurde mir bewut, da ich an diesem Tag viel zu oft die Beherrschung verloren hatte. Das war dumm; es brachte nichts ein, half einem nicht weiter, hatte mglicherweise nur geschadet. Das Telefon schrillte. Es war Sanderson, mein Chef. Er sagte als erstes: Ich rufe vom Labor aus an.
Verstehe, sagte ich.
Im Labor gab es mindestens sechs Anschlsse, und man konnte nie wissen, ob jemand mithrte. Was gibts Neues? sagte Sanderson. Allerlei, sagte ich. Und bei Ihnen?
Auch, sagte er.
Das konnte ich mir denken. Ganz klar, da alle, denen ich ein Dorn im Auge war, Sanderson gegenber alle mglichen Bemerkungen fallenlieen. Die einen machten Witze: Nanu, wo ist denn Ihre rechte Hand? Andere erkundigten sich besorgt: Ich habe gehrt, Berry ist krank? Nein? Aber er war doch heute nicht da, oder? Dann irgendeiner der Chefrzte: Kein Wunder, Sanderson, da wir so lange auf die Befunde warten mssen, wenn Sie Ihren Leuten dauernd freigeben.
Und schlielich jemand von der Verwaltung: Ein Krankenhaus ist wie ein Schiff; jeder hat auf seinem Posten zu sein.
Drckeberger knnen wir bei uns an Bord nicht brauchen.
Sagen Sie ihnen, ich habe die Syphilis im dritten Stadium, sagte ich. Das wird ihnen das Maul stopfen. Sanderson lachte. So schlimm ists auch wieder nicht, sagte er. Ich habe einen ziemlich dicken Schdel. Eine Weile halte ichs schon noch durch. Er schwieg einen Moment, dann sagte er: Was glauben Sie, wie lange Sie noch brauchen werden?
Keine Ahnung, sagte ich. Die Sache ist ziemlich verfahren.

Schauen Sie morgen mal vorbei, sagte er. Ich wrde gern mit Ihnen drber reden.
Mach ich, sagte ich. Vielleicht wei ich morgen auch schon mehr. Im Moment siehts so hnlich aus wie der Peru- Fall.
Ziemlich schlimm also, sagte Sanderson. Dann bis morgen.

Okay.
Ich legte auf. Mit meiner Anspielung hatte ich einen Fall gemeint, den wir vor drei Monaten gehabt haben, eine seltene Krankheit namens Agranulozytose, die auf einem vlligen Fehlen der weien Blutkrperchen beruht. Es ist eine sehr gefhrliche Sache, denn ohne weie Blutkrperchen kann der Krper keine Infektion abwehren. Die meisten Menschen tragen stndig irgendwelche Krankheitskeime in sich  Staphylo- oder Streptokokken und hufig auch Diphtheriebazillen oder Pneumokokken , und wenn die Abwehrkrfte des Krpers zusammenbrechen, dann wird er von diesen Erregern berschwemmt. Der Patient war ein amerikanischer Arzt gewesen, der beim Staatlichen Gesundheitsdienst in Peru arbeitete. Er hatte ein peruanisches Medikament gegen Asthma genommen und war eines Tages krank geworden. Er hatte entzndete Stellen im Mund, erhhte Temperatur und fhlte sich mde und zerschlagen. Ein Arzt in Lima, den er konsultierte, machte eine Blutuntersuchung und stellte fest, da die Zahl der weien Blutkrperchen bedrohlich abgesunken war.
Er flog mit dem nchsten Flugzeug nach Boston und legte sich zur Untersuchung in unser Krankenhaus. Man machte eine Knochenmarkspunktion; das heit, man fhrte eine Kanle in sein Brustbein ein und saugte etwas Mark ab, das ich mikroskopisch untersuchte. Zu meiner berraschung entdeckte ich darin eine Menge unreifer Zellen der Granulozytenreihe, was zwar abnormal, aber nicht allzu schlimm war. Ich dachte Verdammt noch mal, da stimmt doch irgendwas nicht und ging zu dem Doktor, der ihn behandelte.
Der Doktor hatte inzwischen festgestellt, da das peruanische Medikament, das der Patient nahm, eine Substanz enthielt, die 1942 in Amerika aus dem Handel gezogen worden war, weil sie die Bildung der weien Blutkrperchen hemmte. Der Doktor glaubte zu wissen, was dem Mann fehlte  er hatte sich infolge der Verminderung der weien Blutkrperchen infiziert.
Er meinte, man brauche nichts weiter zu tun, als das Medikament abzusetzen und darauf zu warten, da sich das Blut normalisierte. Ich sagte ihm, da das Mark unterm Mikroskop gar nicht so schlecht aussah. Wir schauten uns den Patienten an; es ging ihm immer noch ziemlich schlecht. Er hatte Geschwre im Mund und Staphylokokkeninfektionen an den Beinen und am Rcken. Er hatte hohes Fieber und war lethargisch und kaum ansprechbar.
Es war uns unbegreiflich, wieso er bei dem im Grunde normalen Knochenmarksbefund in so schlechtem Zustand war; wir diskutierten fast den ganzen Nachmittag darber. Schlielich, so gegen vier, fragte ich den Kollegen, ob an der Stelle, wo sie ihn punktiert hatten, vielleicht eine Infektion gewesen war. Er sagte, er htte nicht darauf geachtet, und so gingen wir zu dem Patienten und untersuchten seine Brust.
Groe berraschung: er war gar nicht punktiert worden. Das Knochenmark, das ich untersucht hatte, stammte nicht von diesem Patienten. Eine Schwester oder ein Praktikant hatte die Proben falsch etikettiert, und das von mir untersuchte Mark stammte von einem Mann mit Leukmieverdacht. Wir machten bei unserem Patienten sofort eine Punktion, und es stellte sich heraus, da die weien Blutkrperchen bei ihm tatschlich stark vermindert waren. Der Patient wurde gesund, doch das Kopfzerbrechen, das uns dieser Fall bereitete, werde ich nie vergessen.
Das gleiche Gefhl hatte ich jetzt  irgendwas stimmte nicht, irgendwie war in dieser Sache der Wurm drin. Es kam mir so vor, als ob ich dauernd gegen eine Mauer anrannte, als ob all die Leute, mit denen ich gesprochen hatte, einfach nicht begreifen wollten, worum es ging. Meine eigene Einstellung war vllig klar: Art war unschuldig, solange man seine Schuld nicht bewiesen hatte, und das hatte man bis jetzt nicht.
Doch allen anderen schien es ganz egal zu sein, ob Art schuldig war oder nicht. Was mir das wichtigste war, war den anderen vllig gleichgltig.
Ich mute herausfinden, warum.

 

 Dienstag, 11. Oktober

 l

 Als ich aufwachte, schien es ein Tag zu sein wie alle anderen.
Ich war zerschlagen, und drauen regnete es; es war kalt, grau und bedrckend. Ich zog meinen Pyjama aus und nahm eine heie Dusche. Whrend ich mich rasierte, kam Judith herein und gab mir einen Ku; dann ging sie in die Kche und machte das Frhstck. Ich grinste mich im Spiegel an und berlegte, was fr Operationen heute auf dem Programm standen.
Dann fiel es mir ein: Ich ging ja heute gar nicht ins Krankenhaus.
Die ganze Sache brach wieder ber mich herein. Es war kein Tag wie alle anderen. Ich trat ans Fenster und starrte auf die Tropfen an der Scheibe. Zum erstenmal fragte ich mich, ob ich nicht das Ganze hinschmeien und zur Arbeit gehen sollte.
Der Gedanke, zum Krankenhaus zu fahren, den Wagen auf dem Parkplatz abzustellen, meinen Mantel an den Haken zu hngen, meine Schrze umzubinden und meine Handschuhe anzuziehen  all die gewohnten, vertrauten Dinge zu tun , war pltzlich beraus verlockend, fast unwiderstehlich. Das war mein Job; ich tat ihn gern; ihn hatte ich gelernt. Wie kam ich dazu, statt dessen Detektiv zu spielen? In dem kalten Morgenlicht schien der Gedanke fast absurd.
Dann erinnerte ich mich wieder an die Gesichter, die ich gesehen hatte. Arts Gesicht, J. D. Randalls Gesicht, Bradfords geknstelte Zuversicht. Und mir wurde klar, da niemand Art helfen wrde, wenn ichs nicht tat.
Dies war ein schrecklicher, ja fast entsetzlicher Gedanke.
Judith setzte sich zu mir an den Frhstckstisch. Die Kinder schliefen noch; wir waren allein.
Was hast du heute vor? fragte sie.
Ich wei noch nicht genau.
Ich hatte mich schon selbst gefragt, was ich unternehmen sollte. Ich mute mehr herausfinden, wesentlich mehr. ber Karen, und vor allem ber Mrs. Randall. Ich wute ber beide noch viel zuwenig.
Am besten, ich fang mit dem Mdchen an, sagte ich.
Warum?
Nach allem, was ich ber sie gehrt habe, war sie ein prchtiges Mdchen, s und hbsch und reizend. Alle haben sie geliebt.
Vielleicht war sie das wirklich.
Kann sein, sagte ich, aber vielleicht wre es ganz gut, auer ihrem Bruder und ihrem Vater auch noch jemand anders danach zu fragen.
Und wen?
Am besten hre ich mich mal im Smith College um, sagte ich.
Das Smith College, das der exklusiven Erziehung von 2200 Mdchen dient, befindet sich in Northampton, einem gottverlassenen Nest im Westen von Massachusetts. Ich fuhr zwei Stunden auf der Autobahn bis zur Ausfahrt Holyoke und noch eineinhalb Stunden auf Nebenstraen, bis ich dort war. Ich habe Northampton nie gemocht. Fr eine Collegestadt hat es eine merkwrdig muffige Atmosphre; Gereiztheit und Frustration sind fast zu riechen  die Frustration von 2200 hbschen Mdchen, die verurteilt sind, vier Jahre in dieser den Gegend zu verbringen, und die Gereiztheit der Einheimischen, die mit ihnen fertigwerden mssen.
Der Campus ist wunderschn, vor allem im Herbst, wenn die Bltter sich rot und gelb frben. Sogar bei Regen ist er schn.
Ich ging ins Verwaltungsbro und suchte mir Karen Randall aus dem Verzeichnis heraus. Ich lie mir eine Campuskarte geben und machte mich auf den Weg zu ihrem Heim, der Henley Hall.
Es war ein weies Fachwerkhaus in der Wilbur Street, in dem vierzig Mdchen wohnten. Der Tagesraum im Parterre mit seinen hellen geblmten Mbeln wirkte auf irgendwie lppische Weise feminin. Es wimmelte von Mdchen mit Blue jeans und langem, glattem Haar. Neben der Tr war ein Empfangspult.
Ich mchte zu Karen Randall, sagte ich zu dem Mdchen.
Sie sah mich erschrocken an, als halte sie mich fr einen alten Lstling.
Ich bin ihr Onkel, sagte ich. Dr. Berry.
Ich war bers Wochenende nicht da, sagte sie. Ich habe Karen noch gar nicht gesehen, seit ich zurck bin. Sie ist am Samstag nach Boston gefahren.
Ich hatte Glck: Dieses Mdchen schien nichts zu wissen.
Ich fragte mich, ob es die anderen Mdchen wohl schon wuten.
Die Hausmutter wute es wahrscheinlich; ihr mute ich aus dem Weg gehen.
Moment, sagte das Mdchen hinter dem Pult. Da ist Ginnie.
Ihre Zimmerkollegin.
Ein dunkelhaariges Mdchen ging eben zur Tr hinaus. Sie trug enge Blue jeans und einen engen Pullover, wirkte aber insgesamt merkwrdig steif und zchtig. Es war, als ob sich ihr Gesicht von ihrem brigen Krper distanzierte.
Das Mdchen hinter dem Pult winkte Ginnie herbei und sagte: Das ist Dr. Berry. Er mchte zu Karen. Ginnie starrte mich an. Sie wute Bescheid. Ich nahm sie rasch am Arm, fhrte sie zu einem Sessel und drckte sie hinein.
Aber Karen ist 
Ich weiߓ, sagte ich. Eben deshalb mchte ich mit Ihnen reden.
Ich wei nicht, obdas Miss Peters recht ist. Ich mchte sie erst fragen, sagte Ginnie. Sie wollte aufstehen. Ich drckte sie sanft zurck.
Ginnie, sagte ich, ich war bei Karens Obduktion dabei.
Sie legte die Hand auf den Mund. Entschuldigen Sie meine Unumwundenheit, aber es gibt einige wichtige Fragen, die nur Sie beantworten knnen. Was Miss Peters sagen wrde, ist wohl klar.
Sie wrde mir verbieten, mit Ihnen zu sprechen, sagte Ginnie. Sie sah mich mitrauisch an, doch ich merkte, da ich ihre Neugier gereizt hatte.
Knnen wir nicht irgendwohin gehen, wo wir allein sind? fragte ich. Ich wei nicht 
Nur fr ein paar Minuten.
Sie stand auf und deutete mit dem Kopf den Gang hinunter.
Eigentlich drfen keine Mnner in unsere Zimmer, sagte sie, aber Sie sind ja ein Verwandter, nicht?
Ja, sagte ich.
Ginnies und Karens Zimmerwar im Parterre, auf der Rckseite des Hauses. Es war klein und eng und mit allerlei Kram vollgestopft  Fotos vonJungens , Briefen, Scherzpostkarten, Stundenplnen, Parfumflaschen, Stofftieren. Ginnie bot mir einen Stuhl an und setzte sich auf das eine Bett. Miss Peters hat mir gestern abend gesagt, sagte sie, da Karen  da sie einen tdlichen Unfall hatte. Sie hat mich gebeten, es vorlufig niemandem zu erzhlen. Es ist ganz merkwrdig  es war das erste Mal, da jemand, den ich kenne, gestorben ist  ich meine, jemand in meinem Alter und so. Komisch, ich hab fast gar nichts empfunden, es hat mich berhaupt nicht aufgeregt.
Irgendwie kann ichs noch gar nicht richtig glauben.
Kannten Sie Karen schon von frher her?
Nein. Wir haben uns erst auf dem College kennengelernt.
Haben Sie sich gut verstanden? Sie zuckte die Achseln.
Ihre Gesten wirkten alle irgendwie geknstelt, wie vor dem Spiegel eingebt. Doch, recht gut. Karen hat sich immer ein bichen abgesondert. Ihr lag nichts an dem ganzen Betrieb hier, und sie hat immer davon gesprochen, wie sehr sie das College hat. Das sagen wir natrlich alle hin und wieder  aber ich glaube, sie hat es wirklich gehat.
Woraus schlieen Sie das?
Aus ihrem ganzen Verhalten. Daraus, da sie kaum Vorlesungen besuchte und so oft wie mglich wegfuhr. Wenn sie sich bers Wochenende abmeldete, sagte sie immer, sie fahre zu ihren Eltern. Doch sie fuhr nie zu ihren Eltern; das hat sie mir erzhlt. Sie hat sie gehat. Ginnie stand auf und ffnete eine Schranktr. An die Innenseite war mit Reizwecken ein groes glnzendes Foto von J. D. Randall geheftet. Es war mit winzigen Lchern berst.
Wissen Sie, was sie immer gemacht hat? Abends vor dem Schlafengehen hat sie immer Pfeile auf dieses Bild geworfen.
Das ist ihr Vater; er ist Chirurg oder irgend so was. Ginnie machte die Schranktr zu. Und wie stand sie zu ihrer Mutter? 
Oh, die hat sie sehr gern gehabt. Das heit, ihre richtige Mutter, die schon lange tot ist. Sie hatte ja eine Stiefmutter.
Die scheint sie nicht sehr gemocht zu haben.
Worber hat Karen sonst noch geredet?
ber Jungens, sagte Ginnie und setzte sich wieder aufs Bett. Das ist bei uns Thema eins. Karen war hier irgendwo in der Nhe auf einer Privatschule und kannte von dort eine Menge Jungens. Einige, die jetzt in Yale studieren, haben sie oft besucht.
Hatte sie einen festen Freund?
Das glaube ich nicht. Aber haufenweise Verehrer. Sie rmpfte die Nase. Ich mchte ihr nicht gern was Schlechtes nachsagen, und ich habe auch keinen Grund, anzunehmen, da es wahr ist. Vielleicht ist es blo ein Mrchen.
Was?
Na ja, sie hat manchmal solche Andeutungen gemacht. Sie hat immer so getan, als ob sie wer wei wie toll ist und als ob sie ganz tolle Freunde htte.
Dabei hat sie nie richtig was erzhlt, sondern nur hin und wieder irgendwelche Bemerkungen fallengelassen. ber ihre Abtreibungen und so.
Ihre Abtreibungen?
Sie sagte, sie htte sich schon, bevor sie aufs College kam, zwei machen lassen. Stellen Sie sich das vor  wo sie doch erst siebzehn war! Als ich ihr sagte, da ich das nicht glaube, hat sie mir genau erklrt, wie es gemacht wurde. Da kamen mir dann doch Zweifel, ob es nicht tatschlich stimmte.
Ein Mdchen aus einer rztefamilie konnte natrlich leicht erfahren haben, wie eine Abtreibung gemacht wird. Das bewies nicht, da bei ihr selbst eine vorgenommen worden war.
Hat sie Ihnen gesagt, wer sie gemacht hat?
Nein, nur wie sie gemacht wurden. Sie hat stndig solche Dinge gesagt. Sie konnte ziemlich ordinr sein, und mir war natrlich klar, da sie mich damit schockieren wollte. Ich wei noch, am ersten Wochenende, als wir hier waren  nein, am zweiten , ging sie Samstag abend aus und kam erst spt nachts heim. Sie kroch im Finstern ins Bett und sagte: Herrgott, schwarzes Fleisch ist was Herrliches. Ich wute nicht, was ich sagen sollte  schlielich habe ich sie doch damals erst ganz kurz gekannt , und so hab ich gar nichts gesagt. Aber ich war doch ziemlich entsetzt.
Was hat sie sonst noch gesagt? Ginnie zuckte die Achseln. So genau wei ich das nicht mehr. Es waren immer solche kleinen Bemerkungen. Eines Abends, bevor sie bers Wochenende wegfuhr, stand sie pfeifend vor dem Spiegel und frisierte sich, und pltzlich sagte sie: Dieses Wochenende la ich mich mal wieder richtig drannehmen.
Und was haben Sie gesagt?
Ich sagte Viel Spaߋ. Was soll man denn schon sagen, wenn man aus dem Badezimmer kommt und jemand sagt so was zu einem? Sie meinte nur: Worauf du dich verlassen kannst.
Haben Sie ihr geglaubt?
Zuerst nicht, aber nach ein paar Monaten begann ich zu schwanken und dachte: Vielleicht stimmts wirklich.
Hatten Sie den Eindruck, da sie schwanger war?
Solange sie hier auf dem College war? Nein.
Sind Sie ganz sicher?
Sie hat nie irgendwas gesagt. Auerdem hat sie die Pille genommen.
Wissen Sie das bestimmt?
Ja, natrlich. Sie hat jeden Morgen ein groes Theater damit gemacht. Die Pillen sind ja auch noch da. Sie deutete auf den Schreibtisch. Dort, in der kleinen Flasche.
Ich stand auf, ging zum Schreibtisch und nahm die kleine Plastikflasche. Das Etikett war von einer Apotheke in Boston.
Ich holte mein Notizbuch hervor und schrieb mir die Rezeptnummer und den Namen des Arztes auf. Dann ffnete ich die Flasche und schttelte eine Pille heraus. Es waren noch vier Stck drin. Hat sie sie jeden Tag genommen? Ginnie nickte.
Ich war kein Gynkologe und kein Pharmazeut, doch einiges wute ich ber die Antibabypille. Erstens, da die meisten in einer Kalenderpackung verkauft wurden, und zweitens, da man von einer anfnglichen Hormondosis von zehn Milligramm inzwischen auf zwei Milligramm heruntergegangen war und da deshalb die Pillen ziemlich klein waren. Diese jedoch waren verhltnismig gro. Sie trugen kein Markenzeichen, waren kalkwei und fhlten sich krmelig an. Ich steckte eine in die Tasche und machte die Flasche wieder zur. Mir war ziemlich klar, was das fr Pillen waren.
Haben Sie mal einen von Karens Freunden kennengelernt? fragte ich. Ginnie schttelte den Kopf. Hat Ihnen Karen von ihnen erzhlt?
Kaum. Nichts Persnliches jedenfalls. Sie hat erzhlt, wie sie im Bett waren, und dabei hat sie kein Blatt vor den Mund genommen. Wie gesagt, es war fast, als ob sies darauf anlegte, einen zu schockieren. Moment. Sie stand auf und ging zu Karens Toilettentisch. Hinter dem Rahmen des Spiegels steck- ten ein paar Fotos. Sie nahm zwei heraus und gab sie mir.
Das war einer, von dem sie fter gesprochen hat, aber ich glaube, sie hat ihn in letzter Zeit nicht mehr gesehen. Soviel ich wei, hatte sie in den Sommerferien was mit ihm. Er ist in Harvard.
Der Junge auf dem Foto trug einen Footballdre mit der Nummer 71. Er stand vorgebeugt, die Hnde auf den Knien, und starrte mrrisch in die Kamera. Wie heit er?
Keine Ahnung.
Ich nahm ein Sportprogramm der Harvard-Universitt vom Schreibtisch und sah in der Spielerliste nach. Nummer 71 war ein Rechtsauen und hie Alan Zenner. Ich notierte mir den Namen und gab Ginnie das Foto zurck. Dieser hier, sagte sie und reichte mir das zweite Foto, war eine Neuerwerbung von ihr. Ich glaube, sie hat sich fter mit ihm getroffen. Ein paarmal ist sie nachts heimgekommen und hat sein Foto gekt, bevor sie zu Bett ging. Er heit Ralph, glaube ich.
Ralph oder Roger. Das Foto zeigte einen jungen Schwarzen in einem engen, glnzenden Anzug mit einer elektrischen Gitarre in der Hand. Er lchelte etwas gezwungen. Sie hat sich fter mit ihm getroffen?
Ja, ich glaube, er spielt in Boston in einer Band.
Und er heit Ralph?
Ja, oder so hnlich.
Wissen Sie, wie die Band heit? Ginnie runzelte die Stirn.
Sie hats mir mal gesagt, aber ich kann mich nicht erinnern.
Was Karens Bekannte betraf, so hat sie immer ziemlich geheimnisvoll getan. Sie hat nie so wie andere Mdchen ihre Freunde in allen Einzelheiten geschildert, sondern immer blo Andeutungen gemacht.
Und Sie glauben, mit diesem Jungen hat sie sich getroffen, wenn sie an den Wochenenden wegfuhr? Ginnie nickte.
Wohin ist sie denn immer bers Wochenende gefahren? Nach Boston?
Vermutlich. Nach Boston oder New Haven.
Ich drehte das Bild um. Auf der Rckseite stand: Foto Curzin, Washington Street.
Kann ich das Foto haben?
Bitte, sagte sie. Meinetwegen.
Ich steckte es ein und setzte mich wieder. Haben Sie mal irgendwelche Bekannten von ihr kennengelernt?
Nein, nie. Moment  doch. Ein Mdchen.
Ein Mdchen?
Ja. Eines Tages sagte mir Karen, da eine gute Freundin sie besuchen wrde. Sie schwrmte richtig von ihr und erzhlte mir, was fr ein tolles Mdchen sie sei. Ich war richtig gespannt auf sie. Als sie dann kam 
Ja?
Es war ganz komisch, sagte Ginnie. Siewar sehr gro und hatte unheimlich lange Beine, und sie sa die ganze Zeit da und redete nichts. Sie war recht hbsch, aber ganz merkwrdig  als ob sie nicht ganz bei sich wre. Vielleicht hatte sie irgendwas eingenommen; ich wei nicht. Nachdem sie eine Stunde so dagesessen hatte, fast als ob sie schlafen wrde, fing sie pltzlich an zu reden  so komisches Zeug.
Was?
Ich wei nicht, wie ich das sagen soll. Ganz komisches Zeug. In Rom bedrohen Roboter die rote Rose. Und irgendwas von Leuten, die auf Spaghettibumen sitzen. So eine Art Gedicht, aber vllig ohne Sinn.
Wie hie dieses Mdchen?
Ich wei nicht mehr. Angie, glaube ich.
War sie auf einem College?
Nein. Soviel ich mich erinnere, sagte Karen, sie sei Krankenschwester.

Denken Sie bitte mal nach. Vielleicht fllt Ihnen ihr Name doch noch ein, sagte ich. Ginnie starrte stirnrunzelnd auf den Fuboden; dann schttelte sie den Kopf. Nein, ich wei ihn wirklich nicht mehr.
Ich drngte sie nicht weiter, denn es war schon ziemlich spt.
Was knnen Sie mir sonst noch ber Karen sagen? fragte ich. War sie nervs? Gereizt?
Nein. Sie war immer sehr ruhig. Die Mdchen hier sind alle ziemlich nervs, vor allem vor den Examen, aber Karen lie sich durch nichts aus der Ruhe bringen.
War sie irgendwie aufgekratzt und redselig?
Karen? Solldas ein Witz sein? Karen war immer blo halb da. Nur wenn sie eine Verabredung hatte, da wurde sie munter  aber sonst war sie stndig mde und jammerte dauernd ber ihre Mdigkeit.
Hat sie viel geschlafen?
Ja. Die meisten Vorlesungen hat sie verschlafen.
Hat sie viel gegessen?
Nicht besonders viel. Sie hat auch die meisten Mahlzeiten verschlafen.
Dann mu sie ja ziemlich abgenommen haben.
Im Gegenteil, sie hat zugenommen, sagte Ginnie. Nicht stark, aber doch so viel, da ihr nach sechs Wochen ihre meisten Kleider nicht mehr paten. Sie mute sich ein paar neue kaufen.
Haben Sie sonst irgendwelche Vernderungen an ihr bemerkt? 
Hm  ich wei nicht, ob das irgendwie von Bedeutung ist, aber sie bildete sich ein, berall Haare zu kriegen. An den Armen und an den Beinen und ber dem Mund. Sie war ganz verzweifelt darber und hat sich dauernd die Beine rasiert.
Ich schaute auf die Uhr. Es war kurz vor zwlf. Schn, ich will Sie nicht lnger aufhalten. Sie wollen sicher zu einer Vorlesung.
Nicht so wichtig, sagte Ginnie. Das hier ist interessanter.

Wie meinen Sie das?
Na ja, wie Sie das alles so aus einem herausholen. Werden Sie mich vorladen lassen?
Vorladen?
Na, vor Gericht. Als Zeugin.
Es war, als setzte sie wieder eine Miene auf, die sie vor dem Spiegel eingebt hatte. Sie lchelte spttisch, mit leicht zusammengekniffenen Augen, wie eine Filmheldin. Sie mssen mich fr ziemlich dumm halten, was? sagte sie.
Ich frchte, ich verstehe nicht ganz 
Mir gegenber knnen Sie doch ruhig zugeben, da Sie Rechtsanwalt sind.
Wie kommen Sie denn darauf?
Ich habs schon nach zehn Minuten gemerkt  als Sie die Pillen vom Schreibtisch nahmen. Ein Arzt htte sie sich nie so genau angesehen, wie Sie das getan haben. Offen gesagt, ich glaube, Sie wren ein schrecklich schlechter Arzt.
Da haben Sie vermutlich recht, sagte ich.
Viel Glck fr Ihren Prozeߓ, sagte sie, als ich ging, und dabei zwinkerte sie mir zu.


2

 Die Tr des Rntgenraums im zweiten Stock des Memorial trug die merkwrdige AufschriftRADIOLOGISCHE DIAGNOSE, doch im Innern sah es aus wie in jedem anderen Rntgenraum.
Die Wnde bestanden aus weien Milchglasscheiben mit kleinen Klammern zur Befestigung der Filme. Der Raum war ziemlich gro, so da ein halbes Dutzend Rntgenologen zugleich darin arbeiten konnten.
Ich ging mit Hughes hinein. Er war Rntgenologe im Memorial, und ich kannte ihn schon seit vielen Jahren; er und seine Frau spielten manchmal mit Judith und mir Bridge. Sie waren gute Spieler mit einer richtigen Leidenschaft fr Bridge, fr die ich alles Verstndnis hatte, denn hin und wieder berkam sie auch mich.
Lewis Carr hatte ich nicht angerufen, weil ich wute, da er mir nicht helfen wrde. Hughes hingegen stand auf der Hierarchieleiter so weit unten, da es ihm egal war, ob ich mir die Aufnahmen von Karen Randall oder vom Aga Khan ansehen wollte, der sich vor ein paar Jahren hier eine Nierenoperation hatte machen lassen. Hughes ging sofort mit mir zum Rntgenraum.
Unterwegs fragte ich: Wie stehts mit deinem Sexleben? Das ist eine Sache, mit der Rntgenologen dauernd aufgezogen werden. Jeder wei, da sie von allen Fachrzten die geringste Lebenserwartung haben. Warum, ist nicht genau bekannt, doch vermutlich liegt es daran, da sie stndig den Rntgenstrahlen ausgesetzt sind. Frher standen die Rntgenologen, wenn Aufnahmen gemacht wurden, im selben Raum wie der Patient, und auf diese Weise bekamen sie so viele Gammastrahlen ab, da sie nach wenigen Jahren fertig waren. Auerdem waren frher die Filme weniger empfindlich, und so brauchte man eine riesige Strahlendosis, um ein gengend scharfes Bild zu kriegen. Trotz der inzwischen weiterentwickelten Technik und der greren Kenntnisse, ber die man heute auf diesem Gebiet verfgt, hat sich die Tradition, Rntgenologen wegen ihrer bleigeftterten Suspensorien und geschrumpften Hoden zu frotzeln, erhalten. Diese Witze sind fr sie wie die Strahlen ein Berufsrisiko. Hughes trug es mit Fassung. Sexuell, sagte er, bin ich wesentlich besser in Form als beim Bridge.
In dem Raum waren drei oder vier Rntgenologen an der Arbeit. Jeder hatte ein Kuvert voller Aufnahmen und ein Tonbandgert vor sich; sie nahmen eine Aufnahme nach der anderen heraus, diktierten den Namen und die Nummer des Patienten und die Art der Aufnahme, und dann klemmten sie sie an die Milchglasscheibe und sprachen die Diagnose ins Mikrofon.
Eine Wand des Raums war fr die Aufnahmen der Schwerkranken bestimmt; sie steckten nicht in Kuverts, sondern hingen an drehbaren Stndern, so da man schnell an sie herankonnte.
Das Archiv lag neben dem Rntgenraum. Hughes ging hinein und holte Karen Randalls Aufnahmen. Wir setzten uns vor eine der Glasscheiben, und Hughes klammerte das erste Bild daran.
Eine seitliche Schdelaufnahme, sagte er. Weit du, warum sie gemacht worden ist?
Nein, sagte ich.
Ich betrachtete das Bild, konnte aber wenig damit anfangen.
Die Auswertung von Schdelaufnahmen ist eine sehr schwierige Sache. Hughes studierte es eine Weile und zog mit seiner zugeschraubten Fllfeder verschiedene Linien nach. Anscheinend ohne Befund, sagte er schlielich. Keine Fraktur, keine Verkalkung, keine Anzeichen fr Luft oder fr Hmatom.
Sehen wir uns mal die anderen Bilder an. Er nahm die Seitenaufnahme von der Scheibe und befestigte die Frontalaufnahme.
Sieht auch normal aus, sagte er. Warum die Aufnahmen wohl gemacht worden sind? Hatte sie einen Autounfall?
Nicht, da ich wte.
Er kramte in dem Kuvert herum. Nein, anscheinend nicht, sagte er. Sie haben keine Gesichtsaufnahmen gemacht. Nur Schdelaufnahmen.
Hughes studierte eine Weile die Frontalaufnahme; dann hngte er noch einmal die Seitenaufnahme an die Scheibe. Er konnte nichts Abnormales entdecken.
Nun gut, sagte ich und stand auf. Vielen Dank fr deine Hilfe.
Als ich hinausging, fragte ich mich, ob mich diese Aufnahmen weitergebracht oder das Ganze nur noch mehr kompliziert hatten.

 

 3

 Ich trat in die Telefonzelle vor dem Krankenhaus, holte mein Notizbuch hervor und suchte die Nummer der Apotheke und die Rezeptnummer heraus. Dann nahm ich die Pille aus meiner Jackentasche.
Ich kratzte ein Stckchen mit dem Daumennagel ab und zerdrckte es auf der Handflche. Ich war ziemlich sicher, worum es sich handelte, doch um mich genau zu berzeugen, tat ich ein wenig von dem weien Pulver auf die Zungenspitze.
Der Geschmack war unverkennbar. Zerdrcktes Aspirin schmeckt scheulich. Ich rief die Apotheke an. Beacon- Apotheke.
Hier Dr. Berry, Lincoln-Krankenhaus. Ich htte gern eine Auskunft ber folgendes Medikament 
Einen Moment. Ich hole nur schnell einen Bleistift. Kurze Pause. So, bitte.
Das Rezept lautet auf den Namen Karen Randall. Die Nummer ist eins-vier-sieben-sechs-sechs-sieben-drei. Ausgestellt von Dr. Peter Randall.
Ich seh mal nach.
Der Hrer wurde hingelegt. Ich hrte leises Pfeifen und das Rascheln von Papier, und dann sagte der Apotheker: Ja, hier.
Darvon, zwanzig Kapseln, 75 Milligramm. Verordnung: Bei Schmerzen alle vier Stunden eine Kapsel. Das Rezept wurde zweimal eingelst. Mchten Sie die Daten?
Nein, sagte ich. Das gengt.
Sonst noch was?
Nein. Vielen Dank fr Ihre Mhe.
Gern geschehen.
Ich legte langsam den Hrer auf. Die Sache wurde immer rtselhafter. Warum tat ein Mdchen so, als nehme es Antibabypillen, und nahm in Wirklichkeit Aspirin, das es in einer Flasche aufbewahrte, in der ursprnglich ein Medikament gegen Menstruationsschmerzen gewesen war?

 

 4

 Abtreibung ist eine relativ seltene Todesursache. Dieses Faktum wird von der Gegenpropaganda und von den Statistiken verschleiert. Die Statistiken wie die Gegenpropaganda sind emotional und ungenau. Die Schtzungen schwanken stark, doch man ist sich ziemlich einig, da in Amerika jhrlich eine Million ungesetzlicher Abtreibungen vorgenommen werden und da etwa 5000 Frauen daran sterben. Die Sterblichkeitsrate betrgt also fnfhundert zu hunderttausend. Dies ist eine sehr hohe Ziffer, vor allem im Vergleich zur Sterblichkeit bei den in Krankenhusern vorgenommenen Schwangerschaftsunterbrechungen.
Sie betrgt null bis achtzehn zu hunderttausend, und somit ist eine Krankenhausabtreibung schlimmstenfalls so gefhrlich wie eine Mandeloperation.
Die Zahl der ungesetzlichen Abtreibungen mit Todesfolge ist also etwa fnfundzwanzigmal hher, als sie es sein mte. Die meisten Leute sind darber entsetzt. Doch Art, der ber diese Dinge sehr genau nachgedacht hat, ist anderer Ansicht. Er meint, einer der Grnde, weshalb Abtreibungen verboten blieben, sei ihre Ungefhrlichkeit. Man mu sich klarmachen, welches Ausma das Ganze hat, sagte er einmal zu mir. Eine Million Frauen  darunter kann man sich nicht viel vorstellen.
Aber umgerechnet bedeutet das, da alle dreiig Sekunden eine ungesetzliche Abtreibung gemacht wird, Tag fr Tag, Jahr fr Jahr. Es handelt sich also um eine ganz alltgliche und verhltnismig ungefhrliche Operation.
Um zu verdeutlichen, was er meinte, sprach er von der Todesschwelle.
So nannte er in seiner zynischen Art die Anzahl von Menschen, die jedes Jahr infolge unntiger, vermeidbarer Unflle sterben mssen, damit sich berhaupt irgendwer aufregt. Die Todesschwelle liegt bei etwa dreiigtausend pro Jahr  sie entspricht der Zahl von Amerikanern, die durch Autounflle ums Leben kommen. Auf unseren Straen kommen im Durchschnitt tglich achtzig Menschen um, sagte Art.
Und das betrachtet man als unabnderliche Tatsache. Was sind dagegen die vierzehn Frauen, die tglich infolge von Abtreibungen sterben? Seiner Schtzung nach mte die Zahl der Abtreibungen mit Todesfolge mindestens 50 000 im Jahr erreichen, um rzte und Juristen zum Handeln zu zwingen.
Das entsprche bei der gegenwrtigen Sterblichkeitsrate zehn Millionen Abtreibungen im Jahr.
Genau betrachtet, sagte er, erweise ich der Gesellschaft einen schlechten Dienst. Mir ist noch keine Patientin nach einer Abtreibung gestorben; also tue ich das meine, die Sterblichkeitsziffer niedrig zu halten. Fr meine Patientinnen ist das gut, fr die Gesellschaft als Ganzes aber schlecht. Die Gesellschaft bringt nur Angst oder ein unertrgliches Schuldgefhl zum Handeln. Wir sind groe Zahlen gewohnt; kleine beeindrucken uns nicht.
Dadurch, da bei seinen Abtreibungen nichts passiere, meinte er, trage er dazu bei, den Status quo aufrechtzuerhalten und zu verhindern, da die Gesetze gendert wrden. Und dann sagte er noch etwas.
Das Schlimme in unserem Land ist, sagte er, da die Frauen so wenig Mumm haben. Statt die Gesetze zu ndern, schleichen sie lieber zu irgendeinem Quacksalber und lassen sich einen gefhrlichen ungesetzlichen Eingriff machen. Die Gesetzgeber sind alle Mnner, und Mnner kriegen keine Kinder; sie knnen es sich leisten, moralisch zu sein. Genauso ist es bei den Pfarrern: du solltest mal sehen, wie schnell die Kirchen ihre Einstellung ndern wrden, wenn es weibliche Pfarrer gbe. Doch in der Politik und in den Kirchen herrschen Mnner, und die Frauen trauen sich nicht aufzumucken. Wenn jedes Jahr eine Million Frauen an ihre Angeordneten schreiben wrden, dann wrde sich vielleicht was tun. Aber die Frauen denken gar nicht daran. Ich glaube, dieser Gedanke deprimierte ihn am allermeisten. Das fiel mir ein, whrend ich zu einer Frau fuhr, die, nach allem, was mir zu Ohren gekommen war, gengend Mumm hatte: Mrs. Randall.
Nrdlich von Cohasset, etwa eine halbe Stunde von der Bostoner Innenstadt, liegt an einem felsigen Kstenstreifen ein exklusives Wohnviertel: alte, von gepflegten Rasenflchen umgebene Huser mit Blick aufs Meer. Das Haus der Randalls, ein riesiger, dreistckiger, neugotischer weier Fachwerkbau mit Trmchen und verschnrkelten Baikonen, lag an einem zum Wasser abfallenden grasbewachsenen Hang; das Grundstck war mindestens fnf Morgen gro. Ich fuhr die lange kiesbedeckte Zufahrt hinauf und parkte auf dem Wendeplatz neben zwei Porsches, einem schwarzen und einem kanariengelben.
Anscheinend fuhr die ganze Familie Porsche. An die linke Seite des Hauses war eine Garage angebaut, in der ein grauer Mercedes stand. Wahrscheinlich gehrte er den Dienstboten.
Ich stieg aus und fragte mich, wie ich wohl an dem Butler vorbeikommen wrde, als eine Frau aus der Haustr trat und die Vortreppe herunterkam. Sie streifte sich im Gehen ihre Handschuhe ber und schien es sehr eilig zu haben. Als sie mich sah, blieb sie stehen.
Mrs. Randall?
Ja, sagte sie.
Ich wei nicht, wie ich sie mir vorgestellt hatte, aber so bestimmt nicht. Sie war gro und schlank und trug ein beiges Chanelkostm. Sie hatte pechschwarzes, glnzendes Haar, lange Beine und sehr groe dunkle Augen und war hchstens dreiig. Auf ihren Backenknochen htte man Eiswrfel zerschlagen knnen; so hart sahen sie aus. Ich starrte sie einen Moment schweigend an und kam mir dabei reichlich idiotisch vor, doch ich wute einfach nicht, was ich sagen sollte. Sie runzelte die Stirn.
Was wollen Sie? fragte sie. Los, reden Sie doch. Ihre Lippen waren sinnlich und ihre Stimme heiser. Sie sprach hastig, mit leicht englischem Akzent.
Ich htte gern mit Ihnen gesprochen, sagte ich. ber Ihre Tochter.
Meine Stieftochter, sagte sie rasch und ging an mir vorbei zu dem schwarzen Porsche.
Ja, Ihre Stieftochter.
Ich habe bereits alles der Polizei erzhlt, sagte sie. Auerdem mu ich jetzt zu einer Verabredung und bin schon ziemlich spt dran  Sie schlo die Wagentr auf und ffnete sie.
Ich sagte: Mein Name ist 
Ich wei, wer Sie sind, sagte sie. Joshua hat mir gestern abend von Ihnen erzhlt. Er meinte, Sie wrden bestimmt hier auftauchen.
Und?
Er hat gesagt, ich soll Sie zum Teufel jagen, Dr. Berry. Sie gab sich alle Mhe, so zu tun, als ob sie wtend sei, doch ich merkte, da sie es nicht war. Dir Gesicht verriet etwas anderes  ich war mir nicht ganz sicher, ob Neugier oder Angst.
Sie lie den Motor an. Guten Tag, Doktor.
Ich beugte mich vor. Tun Sie immer, was Ihr Mann sagt?
Meistens.
Ich wei nicht, ob das in diesem Fall gut ist, sagte ich.
Sie wollte den Gang einlegen, doch dann wartete sie, die Hand auf dem Hebel. Wie soll ich das verstehen? fragte sie.
Ich frchte, Ihr Mann sieht die Sache nicht ganz richtig.
Wieso?
Sie wissen ganz genau, was ich meine, Mrs. Randall, sagte ich.
Sie stellte den Motor ab und sah mich an. Wenn Sie in drei- ig Sekunden nicht von diesem Grundstck verschwunden sind, sagte sie, rufe ich die Polizei. Doch ihre Stimme zitterte, und ihr Gesicht war bla.
Die Polizei? Ich glaube, das wre nicht sehr klug.
Sie zgerte einen Moment und sah mich unsicher an. Was wollen Sie?
Da Sie mir erzhlen, was in der Nacht, als Sie Karen ins Krankenhaus brachten, passiert ist. Sonntag nacht.
Wenn Sie das wissen wollen, brauchen Sie sich blo den Wagen anzusehen. Sie deutete auf den gelben Porsche.
Ich ging hin und schaute hinein. Es war entsetzlich.
Die Polsterung war einmal hellbraun gewesen; jetzt war sie rot: der Fahrersitz und der Sitz daneben und die Knpfe am Armaturenbrett. Auf dem Lenkrad waren rote Flecken und auf dem Bodenteppich eine rote Kruste. Sie mute massenhaft Blut verloren haben. Machen Sie die Tr auf, sagte Mrs. Randall.
Greifen Sie den Sitz an.
Ich strich mit der Hand darber. Der Sitz war feucht.
Zwei Tage ist es jetzt her, sagte sie. Und die Sitze sind noch immer nicht trocken. Soviel Blut hat Karen verloren. So hat er sie zugerichtet.
Ich machte die Tr zu. Ist das ihr Wagen?
Nein. Karen hatte keinen Wagen. Joshua wollte nicht, da sie einen fhrt, bevor sie einundzwanzig ist.
Wem gehrt er?
Mir, sagte Mrs. Randall.
Ich deutete auf den schwarzen Wagen, in dem sie sa. Und der?
Der ist neu. Wir haben ihn gestern gekauft.
Wir?
Ich. Joshua war einverstanden.
Und der gelbe?
Die Polizei meinte, wir sollen ihn vorlufig behalten, falls er als Beweisstck gebraucht wird. Ich fragte: Was ist Sonntag nacht passiert?
Ich bin nicht verpflichtet, Ihnen irgendwelche Ausknfte zu geben, sagte sie und prete die Lippen zusammen.
Nein, verpflichtet nicht. Ich lchelte hflich. Ich wute, ich hatte sie soweit; in ihren Augen war jetzt deutlich Angst. Sie wandte den Kopf ab und starrte durch die Windschutzscheibe.
Ich war allein zu Hause, sagte sie. Joshua war wegen eines dringenden Falls im Krankenhaus, und William hatte Nachtdienst. Karen war ausgegangen. Gegen halb vier hrte ich die Hupe plrren. Ich stand auf, zog einen Bademantel an und lief hinunter. Vor dem Haus stand mein Wagen. Der Motor lief, und die Scheinwerfer brannten, und die Hupe plrrte noch immer. Ich rannte hin  und da sah ich sie. Sie war ohnmchtig und lag ber dem Lenkrad. berall war Blut.
Sie holte tief Luft und kramte in ihrer Handtasche nach Zigaretten.
Sie zog eine Schachtel franzsische hervor. Ich gab ihr Feuer.
Und?
Ich habe sie auf den anderen Sitz geschoben und bin zum Krankenhaus gefahren. Sie zog gierig an der Zigarette. Unterwegs hab ich versucht herauszukriegen, was passiert war.
Wo sie blutete, war mir klar, denn ihr Rock war ganz durchtrnkt.
Und sie sagte: Lee wars. Dreimal hat sie es gesagt.
Nie werde ich das vergessen. Diese rhrende, leise, schwache Stimme 
War sie denn bei Bewutsein?
Ja, sagte Mrs. Randall. Aber als wir vor dem Krankenhaus vorfuhren, wurde sie wieder ohnmchtig.
Woher wissen Sie, da es eine Abtreibung war und keine Fehlgeburt?
Weil ich Karens Scheckheft in ihrer Handtasche fand, sagte sie. Sie hatte am selben Tag  am Sonntag  einen Scheck ber dreihundert Dollar ausgestellt. Daher wei ich, da es eine Abtreibung war.
Ist der Scheck eingelst worden? Haben Sie sich erkundigt? 
Natrlich ist er nicht eingelst worden, sagte sie. Der Mann, der ihn hat, sitzt ja im Gefngnis.
Ich sah sie stumm an.
So, sagte sie. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wrden. Sie stieg aus und lief die Vortreppe hinauf.
Ich dachte, Sie htten eine Verabredung, sagte ich.
Sie blieb stehen und drehte sich um. Ach, gehn Sie doch zum Teufel, sagte sie und knallte die Tr hinter sich zu.
Nachdenklich ging ich zu meinem Wagen. Sie hatte ihre Rolle sehr gut gespielt, und was sie gesagt hatte, klang durchaus berzeugend. Es gab nur zwei schwache Punkte. Erstens das Blut in dem gelben Wagen. Merkwrdig, da auf dem Beifahrersitz mehr Blut war als auf dem Fahrersitz. Und auerdem wute Mrs. Randall anscheinend nicht, da Art fr eine Abtreibung nur 25 Dollar nahm  gerade soviel, da seine Unkosten gedeckt waren. Mehr verlangte Art nie. Er hatte sich das zum Grundsatz gemacht, um sich ein reines Gewissen zu bewahren.


5

 FOTO CURZINstand auf dem schbigen, verbeulten Schild, und darunter in kleiner, vergilbter Schrift: Fotos fr alle Zwecke.
Pabilder, Reklame, Familienfotos. Entwickeln in einer Stunde.
 Es war ein Eckladen am nrdlichen Ende der Washington Street, ziemlich weit weg von den hellbeleuchteten Kinos und Kaufhusern. Ein kleiner alter Mann und eine kleine alte Frau standen hinter dem Ladentisch.
Ja? sagte der Mann leise und sah mich fast furchtsam an. Ich htte eine etwas ausgefallene Bitte, sagte ich.
Pabilder? Kein Problem. Die knnen Sie in einer Stunde haben. Wenn ntig, noch schneller.
Ja, sagte die Frau und nickte ernst. Wenns sein mu, noch schneller.
Nein, sagte ich. Es geht um etwas anderes. Meine Tochter wird nchste Woche sechzehn, und 
Wir machen keine Partyfotos, sagte der Mann. Tut mir leid.
Nein, leider nicht, sagte die Frau. Es geht nicht um Partyfotos, sondern meine Tochter 
Wir kommen nicht ins Haus, sagte der Mann. Ausgeschlossen.

Frhermal haben wir Partyfotos gemacht, fgte die Frau hinzu. Aber in unserem Alter  Ich holte tief Luft. Ich mchte Sie nur um eine Auskunft bitten, sagte ich. Meine Tochter ist ganz vernarrt in eine Rock-n-Roll-Band, und Sie haben diese Band mal fotografiert.
Es soll eine berraschung fr meine Tochter sein, und ich dachte, Sie knnten mir vielleicht 
Sechzehn ist Ihre Tochter? sagte er mitrauisch.
Ja. Nchste Woche hat sie Geburtstag.
Und wir sollen eine Band fotografiert haben?
Ja, sagte ich und gab ihm das Foto. Er starrte es lange an.
Aber das ist doch keine Band, das ist doch blo ein Mann, sagte er schlielich.
Ja, natrlich, aber er gehrt zu einer Band.
Das ist blo ein Mann.
Ich dachte, Sie knnten mir vielleicht, weil Sie doch das Foto gemacht haben  Er drehte das Bild um.
Ja, das haben wir gemacht, sagte er. Sehen Sie, da ist unser Stempel. Foto Curzin, das sind wir. Wir haben den Laden seit 1931. Vorher hatte ihn mein Vater, Gott hab ihn selig.
Ja, sagte die Frau.
Eine Band soll das sein? sagte der Mann und hielt mir das Bild unter die Nase.
Ein Mitglied einer Band.
So? sagte er. Er gab das Foto seiner Frau. Haben wir mal eine Band aufgenommen?
Kann schon sein, sagte sie. Ich merke mir das nicht so.
Wahrscheinlich ist es ein Reklamefoto, sagte ich.
Wie heit denn die Band?
Ich wei nicht. Eben deshalb bin ich ja hier. Auf dem Bild ist Ihr Stempel, und 
Das sehe ich, ich bin ja nicht blind, fuhr er mich an. Er bckte sich und schaute unter den Ladentisch. Ich kann ja mal nachsehen, sagte er. Wir heben nmlich Abzge von smtlichen Bildern auf.
Er legte Ste von Fotos auf den Tisch. Ich staunte; er hatte Dutzende von Bands aufgenommen.
Rasch bltterte er sie durch. Meine Frau kann sich die Namen nie merken, sagte er. Aber mir fallen sie alle wieder ein, wenn ich sie sehe. Das da sind die Do-Dahs.
Er bltterte weiter. Die Warbiers. Die Coffins. Die Cliques.
Die Skunks. Komisch, die Namen gehen einem nicht aus dem Kopf. Die Lice. Die Switchblades. Willy und die Willies. Die Jaguars.
Er bltterte so schnell, da ich die Gesichter kaum erkennen konnte.
Moment, sagte ich und deutete auf ein Foto. Ich glaube, das sind sie.
Er runzelte die Stirn. Die Zephyrs, sagte er in abflligem Ton. Ja, das sind dieZephyrs .
Ich sah mir das Foto an. Es waren fnf Schwarze, alle in dem gleichen glnzenden Anzug wie der Mann auf dem anderen Bild. Alle fnf lchelten nervs, als sei es ihnen unangenehm, fotografiert zu werden. Wissen Sie, wie sie heien? sagte ich.
Er drehte das Bild um. Auf die Rckseite waren die Namen gekritzelt. Zeke, Zach, Roman, George und Happy. Ja, das sind die Zephyrs.
Okay, sagte ich. Ich holte mein Notizbuch hervor und schrieb mir die Namen auf. Wissen Sie, wie ich sie erreichen kann?
Sie mchten sie wirklich fr die Geburtstagsparty Ihrer Tochter?
Warum nicht? Er zuckte die Achseln. Das sind ziemlich rauhe Burschen.
Na, einen Abend lang wirds schon gehen.
An Ihrer Stelle wrde ich mir das gut berlegen, sagte er.
Wissen Sie, wo ich sie finden kann?
Klar, sagte er und deutete mit dem Daumen die Strae hinunter. Sie spielen abends im Electric Grape. In dieser Kneipe, wo die ganzen Nigger rumhngen.
Danke, sagte ich und ging zur Tr.
Sehn Sie sich blo vor, sagte die Frau, und der Mann murmelte: Hoffentlich klappts mit der Party.
Ich nickte und machte die Tr hinter mir zu.
Alan Zenner war ein riesenhafter Kerl; ich schtzte ihn auf einsneunzig und zweihundert Pfund. Ich fing ihn vor dem Dillon-Sportplatz ab, als er vom Training kam. Es war spt am Nachmittag; die Sonne stand tief am Himmel und tauchte das Stadion und die umliegenden Gebude  das Vereinshaus, die Hockeyhalle und die Tennishallen  in goldenes Licht.
Zenner hatte sich eben geduscht; er rieb sein kurzgeschnittenes feuchtes Haar, als denke er an die Ermahnung des Trainers, nicht mit nassem Haar rauszugehen. Er sagte, er htte es eilig, weil er nach dem Abendessen noch lernen msse, und so sprachen wir, whrend wir ber die Lars-Anderson-Brcke zu den Harvard-Gebuden gingen. Eine Weile unterhielten wir uns ber nebenschliche Dinge.
Er wohnte im Leverett-Haus, und sein Hauptfach war Geschichte.
Das Thema seiner Abschluarbeit gefiel ihm nicht. Er machte sich Sorgen, ob man ihn in die Juristische Fakultt von Harvard aufnehmen wrde, denn dort machte man es Sportlern nicht leichter, sondern schaute nur auf die Noten. Vielleicht wrde es besser sein, wenn er nach Yale ging. Wir nahmen die Abkrzung durchs Winthrop-Haus und gingen hinauf zum Varsity Club, wo Alan mittags und abends a; das Essen sei gut, sagte er. Schlielich lenkte ich das Gesprch auf Karen.
Was? Sie auch?
Wie meinen Sie das?
Sie sind heute schon der zweite. Foggy war auch schon bei mir.
Foggy?
Ihr Alter. Sie hat ihn immer so genannt.
Warum?
Keine Ahnung. Sie hatte alle mglichen Namen fr ihn.
Was wollte er?
Mit mir reden.
Und? Er zuckte die Achseln. Ich hab ihm gesagt, er soll mich in Ruhe lassen.
Warum? Wir kamen zur Massachusetts Avenue, wo ziemlich starker Verkehr herrschte. Weil ich mit der Sache nichts zu tun haben will. Er ging ber die Strae und zwngte sich geschickt zwischen den Autos durch.
Ich fragte: Was wissen Sie darber?
Hren Sie, sagte er. Ich wei mehr darber als irgendwer anders. Mehr als ihre Eltern oder sonstwer.
Und Sie wollen nichts damit zu tun haben?
Genau.
Es ist eine sehr ernste Angelegenheit, sagte ich. Ein Mann wird beschuldigt, sie ermordet zu haben. Sie mssen mir sagen, was Sie wissen.
Schauen Sie, sagte er. Sie war ein nettes Mdchen, aber sie hatte Probleme. Wir hatten was miteinander, und eine Weile gings gut, aber dann wurden die Probleme zu gro, und wir haben Schlu gemacht. Das war alles. Weiter kann ich Ihnen nichts sagen.
Ich zuckte die Achseln. Die Verteidigung wird Sie zu dem Proze vorladen lassen. Dann mssen Sie unter Eid aussagen.
Ich denke gar nicht daran.
Es wird Ihnen nichts anderes brigbleiben, sagte ich.
Aber vielleicht kommts gar nicht zu einem Proze. Eben deshalb mchte ich ja mit Ihnen reden  um den Proze abzubiegen.
 Wir gingen die Massachusetts Avenue hinunter bis zu einer schbigen kleinen Kneipe mit einem Farbfernseher ber der Theke. Wir bestellten zwei Bier und sahen uns, whrend wir darauf warteten, den Wetterbericht an. Der Sprecher war ein dicker, kleiner Kerl, der grinsend fr morgen und bermorgen Regen vorhersagte.
Zenner sagte: Wieso interessieren Sie sich so fr die Sache? 
Weil ich Lee fr unschuldig halte.
Er lachte. Da sind Sie aber der einzige. Das Bier kam, und ich zahlte. Er trank einen Schluck und leckte sich den Schaum von der Lippe. Okay, sagte er und lehnte sich in der Nische zurck. Ich will Ihnen erzhlen, wie das Ganze war. Ich lernte sie letztes Frhjahr bei einer Party kennen  ich glaube, im April. Wir verstanden uns gleich prima, und ich war ganz hin von ihr.
Ich hatte keine Ahnung, wer sie ist, und ich hab sie auch nicht danach gefragt. Da sie noch reichlich jung war, ist mir natrlich klargewesen, aber als sie mir am nchsten Morgen sagte, da sie erst sechzehn sei, war ich doch ziemlich von den Socken  Sie hat mir aber wirklich gefallen. Sie war kein billiges Ding. Er trank mit einem Zug das halbe Glas aus.
Danach haben wir uns fter gesehen, und so nach und nach hat sie mir verschiedenes ber sich erzhlt. Sie hatte so eine komische Art, bruchstckweise mit allem rauszurcken. Es war so hnlich wie bei einem Illustriertenroman  Fortsetzung nchsten Samstag. Darin war sie ganz gro.
Wann haben Sie mit ihr Schlu gemacht?
Im Juni, Anfang Juli. Ich schlug ihr vor, zu ihrer Abschlufeier nach Concord zu kommen, doch sie wollte das nicht, und als ich sie nach dem Grund fragte, da sagte sie, es wre ihr nicht recht, wenn ihre Eltern mich zu Gesicht bekmen. Sie mssen wissen, sagte er, mein richtiger Name ist nmlich Zemnick, und ich bin in Brooklyn aufgewachsen. Sie knnen sich denken, wie sauer ich war, als sie das sagte, und ich hab natrlich sofort Schlu mit ihr gemacht. Das war damals ein ziemlicher Schlag. Inzwischen bin ich drber weg.
Sie haben sie nie mehr gesehen?
Doch, einmal. Es mu Ende Juli gewesen sein. Ich hatte in den Ferien einen Job in Cape Cod, und eine Menge Freunde von mir waren auch dort. Da hab ich verschiedenes ber sie gehrt  Dinge, von denen sie mir nie erzhlt hatte. Wie sie mit ihren Eltern ber Kreuz ist und wie sie ihren alten Herrn hat.
Und da sie sich mit allen mglichen schrgen Typen rumtreibt.
Da wurde mir verschiedenes klar, was ich vorher nicht begriffen hatte. Und irgendwer hat mir erzhlt, da sie sich ein Kind hat wegmachen lassen und berall rumerzhlt, da es von mir gewesen sei.
Er trank sein Bier aus und winkte dem Kellner. Ich bestellte mir auch noch eins.
Eines Tages hab ich sie zufllig getroffen. Ich hielt an einer Tankstelle, und da stand sie mit ihrem Wagen und tankte Benzin. Ich hab sie gefragt, ob das mit der Abtreibung stimmt, und sie sagte ja. Und als ich sie fragte, ob das Kind von mir war, da sagte sie ganz offen heraus, da sie nicht wte, von wem es gewesen sei. Ich hab mich umgedreht und bin weggegangen, und da rennt sie mir nach und sagt, das Ganze tte ihr schrecklich leid und ob wir uns nicht wieder vertragen knnten.
Und wie ich nein sage, da fngt sie an zu heulen. Na ja, Sie knnen sich ja denken, wie das ist, wenn man mit einem heulenden Mdchen an einer Tankstelle steht, und so hab ich mich fr den Abend mit ihr verabredet.
Und waren Sie abends mit ihr zusammen?
Ja. Es war furchtbar. Alan, tu dies; Alan, tu das; schneller, Alan, jetzt langsamer, Alan, du schwitzt ja so. Nicht einen Moment hat sie den Mund gehalten.
War sie auch den Sommer ber in Cape Cod?
Soviel ich wei, ja. Sie hat in einer Kunstgalerie gearbeitet oder so was. Aber die meiste Zeit war sie, glaube ich, am Beacon Hill. Sie hatte dort irgendwelche Freunde.
Was waren das fr Leute?
Keine Ahnung. Ich wei blo, da es ziemlich komische Typen gewesen sein sollen.
Haben Sie mal einen davon kennengelernt?
Ja, einmal, bei einer Party auf dem Cape. Irgendwer hat mich mit einem Mdchen bekannt gemacht, das angeblich mit Karen befreundet war. Sie hie Angela  Angela Harly oder Hardy oder so hnlich. Eine verdammt hbsche Puppe, aber ganz komisch.
Wieso?
Na ja, vllig beduselt. Anscheinend hatte sie irgendwas eingenommen. Dauernd quatschte sie so komisches Zeug wie Am Morgen opfert Gott im Norden oft sein Ohr. Sie war berhaupt nicht ansprechbar; man konnte kein Wort mit ihr reden. Ein Jammer, sie war wirklich verdammt hbsch.
Haben Sie Karens Eltern mal gesehen?
Ja, sagte er. Einmal. Und das hat mir gengt. Ein widerliches Paar. Stinkarrogant und scheifreundlich  Kein Wun- der, da sie sie gehat hat.
Woher wissen Sie, da sie sie gehat hat?
Sie hat doch von nichts anderem geredet. Ununterbrochen.
Stundenlang. Vor allem ber Foggy. Mein Gott, hat sie den gehat! Und ihre Stiefmutter auch  Sie wrden nicht glauben, was sie der fr Namen gegeben hat. Das Komische ist, da sie an ihrer richtigen Mutter sehr gehangen hat. Die ist gestorben, als Karen vierzehn oder fnfzehn war. Ich glaube, damals hat das Ganze angefangen.
Was?
Na, die Tablettenschluckerei und die ganze Schau, die sie abgezogen hat, um die Leute zu schockieren. Es war, als ob sie dauernd allen beweisen wollte, was fr ein tolles Ding sie sei.
Stndig hat sie irgendwelches Zeug geschluckt, und zwar so, da es jeder sehen konnte. Einige haben behauptet, sie sei rauschgiftschtig  ob das wirklich stimmte, wei ich nicht.
Die Leute haben sich ziemlich den Mund ber sie zerrissen  sie sagten, es gibt nichts, was Karen Randall nicht nehmen wrde, und kein Mann, mit dem sie nicht schlafen wrde. Er schnitt eine Grimasse, whrend er das sagte.
Sie haben sie aber anscheinend sehr gern gehabt, sagte ich.
Ja, sagte er. Eine Zeitlang.
Damals auf dem Cape haben Sie sie zum letztenmal gesehen?  Er nickte.
Der Kellner brachte das Bier. Er starrte auf sein Glas und drehte es zwischen den Fingern.
Nein, sagte er, es war nicht das letzte Mal.
Sie haben sie noch mal gesehen? Er zgerte einen Moment. Ja.
Wann?
Am Sonntag, sagte er. Am letzten Sonntag.

 

 6

 Ich bin erst gegen Mittag aufgestanden, sagte Zenner. Ich hatte am Abend zuvor, bei der Party nach dem Spiel, ein bichen zuviel getrunken und hatte einen frchterlichen Kater.
Ich fhlte mich entsetzlich. Auerdem war ich deprimiert, weil ich bei dem Spiel am Samstag saumig schlecht gewesen war und eine Menge Fehler gemacht hatte. Ich stand also auf und zog mich an. Die Krawatte mute ich dreimal binden, weil ich den Knoten einfach nicht hinkriegte. Wie gesagt, ich war vllig down, und auerdem hatte ich schreckliche Kopfschmerzen.
Ich bin gerade fertig, da geht die Tr auf, und sie kommt rein.
Einfach so, als ob berhaupt nichts gewesen wre.
Haben Sie sich gefreut?
Gefreut? Sie war die allerletzte, die ich htte sehen wollen, noch dazu an diesem Tag  das knnen Sie mir glauben. Ich war endlich ber die ganze Sache weg; es war mir schwer genug gefallen, sie mir aus dem Kopf zu schlagen. Und da taucht sie pltzlich auf  und hbscher denn je. Sie hatte ein bichen zugenommen, und das stand ihr. Meine Zimmerkollegen waren alle beim Mittagessen, und so war ich allein. Sie fragte, ob ich nicht mit ihr essen gehen mchte.
Und was haben Sie gesagt?
Natrlich nein.
Warum?
Weil ich nicht mit ihr Zusammensein wollte. Ich wute, das wrde einen Rckfall bei mir geben. Sie war wie die Pest, und ich hatte keine Lust, mich wieder anzustecken. Ich habe sie gebeten zu gehen, aber sie ging nicht. Sie setzte sich und steckte sich eine Zigarette an und sagte, ihr sei klar, da es zwischen uns aus sei, aber sie msse mit irgendwem reden.
Na ja, das kannte ich gut genug, und ich hatte die Nase voll davon. Aber sie ging einfach nicht. Sie blieb auf der Couch sitzen und sagte, ich wre der einzige Mensch, mit dem sie reden knnte.
Schlielich habe ich mich rumkriegen lassen. Ich hab mich hingesetzt und gesagt: Okay  was ist los?Dabei war mir vllig klar, da das idiotisch von mir war und da es mir leid tun wrde, genau wie letztes Mal.
Worber haben Sie gesprochen?
ber sie natrlich. Worber sonst? ber sie, ber ihre Eltern, ihren Bruder 
Hat sie sich mit ihrem Bruder verstanden?
Ja, ich glaube ganz gut. Obwohl der genauso ein Widerling ist wie ihr Vater  so ein eulgebildeter Streber. Er studiert brigens auch Medizin. Deshalb hat Karen sich gehtet, ihm verschiedene Dinge zu erzhlen. Da sie alle mglichen Tabletten nimmt und so.
Und was war dann?
Ich sa da und lie sie reden. Zuerst redete sie eine Weile von der Schule, und dann erzhlte sie mir von irgendwelchen komischen Meditationsbungen, die sie seit kurzem jeden Tag zweimal eine halbe Stunde machte. Sie sagte, es wre eine Art Seelenwsche oder so was. Sie war ganz begeistert davon.
Was fr einen Eindruck hat sie gemacht?
Sie war ziemlich nervs, sagte Zenner. Sierauchte eine Zigarette nach der anderen und spielte dauernd mit ihrem Ring herum. Sie zog ihn vom Finger, steckte ihn wieder drauf, drehte dran, zog ihn wieder runter  Die ganze Zeit.
Hat sie erzhlt, warum sie bers Wochenende nach Boston gekommen war?
Erst als ich sie danach fragte, sagte Zenner. Da hat sies mir gesagt.
Was?
Da sie sich eine Abtreibung machen lassen will.
Ich lehnte mich zurck und zndete mir eine Zigarette an.
Und? Er schttelte den Kopf. Ich habs ihr nicht geglaubt. Er schwieg einen Moment und trank einen Schluck Bier. Ich hab ihr berhaupt nichts mehr geglaubt. Ich hab einfach abgeschaltet  es war mir egal, was sie sagte. Ich wute, ich darf mich nicht darauf einlassen. Sie hatte immer noch so eine  so eine Macht ber mich.
Hat sie das gemerkt?
Sie hat alles gemerkt, sagte er. Ihr ist nie irgendwas entgangen.
Sie war wie eine Katze; sie verlie sich vllig auf ihren Instinkt, und der war immer richtig. Wenn sie in ein Zimmer trat, wute sie auf den ersten Blick ber jeden Bescheid.
Sie hatte ein unheimliches Gespr fr solche Dinge.
Haben Sie mit ihr ber die Abtreibung gesprochen?
Nein. Weil ichs ihr ja nicht geglaubt habe. Ich bin gar nicht darauf eingegangen. Doch nach einer Stunde hat sie wieder davon angefangen. Sie sagte, sie htte Angst, und ob sie nicht bei mir bleiben knnte. Immer wieder hat sie gesagt, sie htte Angst.
Haben Sie ihr das geglaubt?
Ich wute nicht, was ich glauben sollte. Nein. Nein, ich habs ihr nicht geglaubt. Er trank sein Bier aus und stellte das Glas hin. Verdammt noch mal, was htte ich denn tun sollen? Das Mdchen war doch vllig bergeschnappt. Das wute doch jeder. Verrckt war sie.
Wie lange war sie bei Ihnen?
Ungefhr eineinhalb Stunden. Dann bat ich sie zu gehen; ich sagte, ich mte essen gehen und danach lernen. Und da ging sie.
Wissen Sie, wohin?
Nein. Ich hab sie gefragt, aber sie lachte blo. Sie wte nie, wohin sie geht, sagte sie.7Es war schon ziemlich spt, als ich mich von Zenner verabschiedete, doch ich rief noch in Peter Randalls Praxis an. Er war nicht da. Ich sagte, es sei dringend, und seine Sprechstundenhilfe meinte, ich solle es doch mal in seinem Labor versuchen.
Dienstag und Donnerstag abends arbeitete er oft bis sptabends im Labor. Ich rief nicht an, sondern fuhr hin. Peter Randall war das einzige Mitglied der Familie Randall, das ich bereits kannte. Ich war ihm ein- oder zweimal bei rztepartys begegnet. Er war unmglich zu bersehen  erstens wegen seiner ueren Erscheinung und zweitens, weil er Partys liebte und an jeder, von der er erfuhr, teilnahm.
Er war ein ungeheuer dicker, pausbckiger, jovialer Mann mit drhnendem Lachen und rotem Gesicht. Er rauchte ununterbrochen, trank riesige Mengen, steckte voller amsanter Geschichten  ein richtiger Gesellschaftslwe, der jede Party zu einem Erfolg machte. Peter Randall war eine Stimmungskanone  gesellig, extrovertiert, stets guter Laune. Und weil er allgemein so beliebt war, durfte er sich viel herausnehmen.
Er konnte zum Beispiel die ordinrsten und schmutzigsten Witze erzhlen, und alle lachten. Innerlich sagte man sich: Das ist aber reichlich ordinr, aber man mute trotzdem lachen, und auch smtliche Frauen lachten. Ganz egal, was er tat  ob er mit einer Frau flirtete, sein Glas umstie, die Gastgeberin beleidigte , niemand nahm ihm irgendwas bel, kein Mensch runzelte die Stirn. Ich war gespannt, was er mir ber Karen erzhlen wrde.
Sein Labor war im fnften Stock des biochemischen Trakts der Medizinischen Akademie. Als ich den Korridor hinunterging, stieg mir der typische Laborgeruch in die Nase  eine Mischung aus Azeton, Bunsenbrennergas, Seife und Reagenzien.
Ein scharfer, sauberer Geruch. Sein Bro war klein. Hinter dem Schreibtisch sa ein Mdchen in einem weien Mantel und tippte einen Brief. Sie war bildhbsch; etwas, das mich nicht im mindesten berraschte. Was kann ich fr Sie tun? Sie hatte einen leichten auslndischen Akzent.
Ich mchte zu Dr. Randall.
Erwartet er Sie?
Ich habe vorhin in seiner Praxis angerufen, sagte ich. Ich wei nicht, obs ihm die Sprechstundenhilfe ausgerichtet hat.
Sie sah mich an und kam zu dem Schlu, da ich ein Kliniker war. Sie setzte diese etwas geringschtzige Miene auf, mit der Leute, die medizinische Forschungsarbeiten betreiben, uns Kliniker zu betrachten pflegen. Kliniker brauchen nmlich keinen Verstand bei ihrer Arbeit. Sie geben sich mit so lcherlichen, unwissenschaftlichen Dingen wie Patienten ab. Forscher hingegen bewegen sich in einer Welt reinen, klaren Intellekts.
Kommen Sie bitte mit, sagte sie. Sie stand auf und ging den Korridor hinunter. Sie trug Holzsandalen ohne Abstze.
Ich schaute auf ihren Popo, whrend ich hinter ihr her ging, und versuchte mir ihren Labormantel wegzudenken. Er bereitet gerade eine neue Inkubationsreihe vor, sagte sie ber ihre Schulter hinweg. Er ist sehr beschftigt.
Ich kann warten.
Wir traten ins Labor. Es war ein kahler, unfreundlicher Raum an einer Ecke des Anbaus. Die Fenster gingen auf den Parkplatz hinaus, auf dem zu dieser Zeit nur wenige Wagen standen.
Randall stand an einem langen Tisch, ber eine weie Ratte gebeugt. Als das Mdchen die Tr aufmachte, sagte er: Ah, Brigit. Sie kommen gerade im rechten Moment. Dann sah er mich. Nanu, wer ist dann das?
Mein Name ist Berry, sagte ich. Ich 
Ich wei, ich wei. Wir kennen uns doch. Er lie die Ratte los und gab mir die Hand. Die Ratte flitzte ber den Tisch. Am Rand blieb sie hocken und glotzte schnuppernd auf den Fubo- den hinunter.
Natrlich, wir haben uns schon fter gesehen, sagte Randall.
Er holte die Ratte, klemmte sie unter den Arm und lachte leise. Offen gesagt, mein Bruder hat mich eben Ihretwegen angerufen. Er war ziemlich auer sich. Wie hat er Sie genannt? Ach ja  einen widerlichen, unverschmten Schnffler. Er schien das beraus amsant zu finden. Er lachte laut und sagte: Kein Wunder, wenn Sie seiner geliebten Gattin so auf die Pelle rcken. Anscheinend haben Sie sie ziemlich fertiggemacht.

Das tut mir leid.
Aber wieso denn? sagte er grinsend. Er wandte sich zu Brigit: Wrden Sie bitte die andern holen? Wir mssen endlich anfangen.
Brigit rmpfte die Nase, und Randall zwinkerte ihr zu. Als sie drauen war, sagte er: Ein anbetungswrdiges Geschpf.
Sie hlt mich in Form.
In Form?
Klar, sagte er und klopfte sich auf den Bauch. Eine der verhngnisvollsten Folgen des heutigen bequemen Lebens ist die Erschlaffung der Augenmuskeln. Die Hauptschuld trgt das Fernsehen; man sitzt einfach da und bewegt die Augen nicht.
Davon werden sie schlapp und kraftlos  eine wahre Tragdie.
Da das bei mir nicht so ist, verdanke ich Brigit. Prventivmedizin im wahrsten Sinn des Wortes. Er seufzte genieerisch.
Aber was fhrt Sie zu mir? Ich kann mir nicht vorstellen, was ich fr Sie tun knnte. Brigit ja, aber ich?
Sie waren Karens behandelnder Arzt, sagte ich.
Stimmt, das war ich.
Er setzte die Ratte in einen kleinen Kfig. Dann ging er zu einer Reihe grerer Kfige und sah sich nach einer anderen um.
Diese verdammten Weiber. Dauernd sage ich ihnen, wie spottbillig Farbe ist, aber nie nehmen sie genug. Da! Er fuhr mit der Hand in einen Kfig und holte eine Ratte heraus. Die mit dem Farbfleck am Schwanz sind heute dran, erklrte er mir. Er hielt die Ratte so, da ich den dunkelroten Punkt sehen konnte. Wir haben ihnen gestern morgen Parathyroid-Hormon gespritzt. Nun werden sie bald ihrem Schpfer gegenbertreten.
Wissen Sie, wie man Ratten umbringt?
So ungefhr.
Sie mchten mir das nicht vielleicht abnehmen? Ich tus schrecklich ungern.
Nein, vielen Dank.
Er seufzte. Das habe ich mir gedacht. Tja, um auf Karen zurckzukommen  stimmt, ich war ihr behandelnder Arzt.
Was mchten Sie wissen?
Hatte sie im Sommer irgendeinen Unfall?
Einen Unfall? Nein.
Die Mdchen kamen herein  Brigit und zwei andere. Sie waren alle sehr hbsch, und ob durch Zufall oder Absicht  eine war blond, eine brnett und eine rothaarig. Sie bauten sich in einer Reihe vor ihm auf, und Randall lchelte sie nacheinander freundlich an, als htte er fr jede ein hbsches Geschenk.
Sechs Stcksinds heute, sagte er, dann knnen wir heimgehen. Haben Sie das Sezierbesteck bereitgelegt?
Ja, sagte Brigit und deutete auf einen langen Tisch, vor dem drei Sthle standen. Vor jedem Stuhl lagen eine Korkplatte, ein paar Nadeln, eine Pinzette, ein Skalpell und eine Schssel mit Eiswrfeln.
Was ist mit dem Schttelbad? Fertig?
Ja, sagte eins der beiden anderen Mdchen. Schn. Dann knnen wir ja anfangen. Die Mdchen setzten sich an den Tisch. Randall wandte sich zu mir um und sagte: Tja, dann mu ich wohl. Es ist jedes Mal furchtbar fr mich. Die kleinen Biester tun mir immer schrecklich leid 
Womit machen Sies?
Ach, das ist eine lange Geschichte. Er grinste. Sie mssen wissen, ich bin einer der grten Spezialisten im Tten von Ratten. Ich habe schon alles ausprobiert  Chloroform, den Hals brechen, Erwrgen. Sogar eine von diesen kleinen Guillotinen, die die Englnder so gern verwenden. Ein Freund hat mir mal eine aus London geschickt  er schwrt darauf , aber sie war stndig mit Haaren verstopft. Die einfachste Methode ist immer noch die beste, sagte er. Er hob eine Ratte hoch und sah sie nachdenklich an. Ich machs mit dem Hackmesser.
Das ist doch nicht Ihr Ernst?
Mein Gott, ich wei, es klingt schrecklich. Und es sieht auch schrecklich aus, aber es ist wirklich die beste Methode.
Vor allem, weil es bei den Versuchen, die wir machen, mit der Sektion schnell gehen mu.
Er trug die Ratte zu einem Becken, neben dem ein groer Holzblock stand. Er setzte die Ratte darauf und legte einen Wachstuchbeutel in das Becken. Dann ging er zu einem Schrank und nahm ein Hackmesser heraus, ein kurzes, schweres Ding mit einem Holzgriff. Die Dinger kriegt man in Laborbedarfsgeschften, sagte er. Aber sie sind zu fein und werden schnell stumpf. Das da hab ich einem Fleischer abgekauft.
Es ist ausgezeichnet. Er schliff die Klinge an einem Stein und probierte sie aus. Im selben Moment klingelte das Telefon, und Brigit sprang auf, lief hin und nahm ab. Die beiden anderen Mdchen lehnten sich auf ihren Sthlen zurck; anscheinend waren sie froh ber die Verzgerung. Auch Randall schien erleichtert.
Brigit sprach einen Moment, dann sagte sie: Der Autoverleih.
Sie schicken Ihnen den Wagen.
Endlich, sagte Randall. Sagen Sie, sie sollen ihn auf den Parkplatz stellen und die Schlssel hinter die Sonnenblende klemmen.
Whrend Brigit das ausrichtete, sagte Randall zu mir: Blde Sache. Mein Wagen ist gestohlen worden.
Gestohlen?
Ja, gestern.
Was fr einen Wagen haben Sie?
Einen kleinen Mercedes. Schon ziemlich klapprig, aber irgendwie hnge ich dran. Wenns nach mir ginge, sagte er grinsend, mten die Diebe wegen Kidnapping verhaftet werden, nicht wegen Autodiebstahls.
Haben Sie Anzeige erstattet?
Ja. Er zuckte die Achseln. Obwohls bestimmt zwecklos ist.
Brigit legte auf und setzte sich wieder auf ihren Platz. Randall nahm seufzend das Hackmesser. Also, sagte er, bringen wirs hinter uns.
Er packte die Ratte am Schwanz. Sie versuchte sich loszureien und stemmte sich mit allen vier Beinen gegen den Block.
Randall hob das Messer ber den Kopf und lie es niedersausen.
Mit einem dumpfen Krach schlug die Klinge auf den Block. Die Mdchen drehten die Kpfe weg. Ich wandte mich um und sah, wie Randall den gekpften, zappelnden Krper ber das Becken hielt. Er wartete einen Moment, bis das Blut herausgeflossen war; dann trug er ihn zu Brigit und legte ihn auf die Korkplatte. Nummer eins, sagte er. Er ging zu dem Block zurck, tat den Kopf in den Wachstuchbeutel und holte sich die nchste Ratte.
Brigit drehte den Krper auf den Rcken und befestigte ihn mit den Nadeln an der Korkplatte. Mit raschen, gebten Bewegungen trennte sie die Beine auf und lste das Fleisch und die Muskeln von den Knochen. Dann schnitt sie die Knochen vom Krper und legte sie in die Schssel mit den Eiswrfeln.
Ein Triumph der Wissenschaft, sagte Randall, als er die zweite Ratte auf den Block legte. In diesem Labor ist uns die erste In-vitro-Zchtung von Knochenkulturen gelungen. Wir knnen isoliertes Knochengewebe drei volle Tage lang am Leben erhalten. Das schwierigste daran ist, die Knochen herauszuprparieren und in das Bad zu legen, bevor die Zellen absterben. Aber das kriegen wir jetzt schon ganz gut hin.
Was ist eigentlich Ihr Gebiet?
Kalziumstoffwechsel, besonders in seiner Beziehung zum Parathyroid-Hormon und zum Thyrocalicitonin. Ich mchte dahinterkommen, auf welche Weise diese Hormone dem Knochengewebe Kalzium entziehen. Parathyroid war ein noch wenig erforschtes Sekret, das von vier kleinen Epithelkrperchen der Schilddrse, den sogenannten Nebenschilddrsen, abgesondert wurde. So ziemlich das einzige, was man darber wute, war, da es den Kalziumgehalt des Blutes steuerte und da diese Regulierung viel genauer erfolgte als etwa die des Blutzuckers oder der freien Fettsure. Vom Kalziumgehalt des Blutes hing die normale Funktion der Nerven und Muskeln ab, und man nahm an, da das Kalzium je nach Bedarf in den Knochen abgelagert und ihnen entnommen werde. Enthielt das Blut zuviel Kalzium, so wurde es in den Knochen gespeichert; war der Gehalt zu niedrig, wurde es ihnen entzogen. Wie das funktionierte, wute man nicht genau.
Ich habe mal ein interessantes Experiment gemacht, fuhr Randall fort. Ich legte bei einem Hund eine Arterienumleitung an, leitete sein Blut hindurch, entfernte mit Hilfe von Chemikalien das gesamte Kalzium und fhrte es ihm wieder zu. Das machte ich mehrere Stunden lang und entzog ihm riesige Mengen Kalzium. Trotzdem blieb der Kalziumgehalt des Blutes normal. Es wurde erstaunlich schnell den Knochen entzogen und dem Blut zugefhrt. Das Hackmesser traf krachend den Block. Die Ratte zappelte einen Moment. Als sie sich nicht mehr rhrte, trug Randall sie zu dem zweiten Mdchen.
Diese ganze Frage, auf welche Weise das Kalzium gespeichert und dem Blut zugefhrt wird, interessiert mich, sagte Randall. Denn obwohl das Knochengewebe kristallisch und hart und von starrer Struktur ist, kann es offenbar in Sekundenbruchteilen aufgebaut oder aufgelst werden. Ich mchte wissen, wie.
Er griff in den Kfig und nahm eine weitere Ratte mit einem dunkelroten Fleck auf dem Schwanz heraus. Ich beschlo also, eine In-vitro-Kultur anzulegen, um den Knochenstoffwechsel zu studieren. Alle hielten das fr unmglich. Er gehe zu langsam vor sich und sei unmglich zu messen, meinten sie.
Doch ich habs geschafft. Er seufzte. Wenn die Ratten mal die Weltherrschaft bernehmen sollten, werden sie mich als Kriegsverbrecher vor Gericht stellen.
Er legte die Ratte auf den Block. Ich bin dauernd auf der Suche nach einem Mdchen,das mir diese Arbeit abnimmt. Bis jetzt hab ich keins gefunden. Er deutete mit dem Kopf auf die drei am Tisch. Die hab ich nur unter der Bedingung gekriegt, da sie die Tiere nicht tten mssen.
Wie lange arbeiten Sie schon an der Sache?
Sieben Jahre. Mit einem halben Tag pro Woche habe ich angefangen. Dann wurde der ganze Dienstag draus und bald der Dienstag und der Donnerstag. Und schlielich kamen auch noch die Wochenenden dazu. Meine Praxis hab ich so weit wie mglich eingeschrnkt. Es ist wie eine Sucht.
Sie machen diese Arbeit gern?
Leidenschaftlich. Es ist ein Spiel, ein wundervolles Spiel.
Ein Ratespiel, von dem niemand die Lsung kennt. Aber wenn man nicht aufpat, kann es zur Besessenheit werden. Das Hackmesser sauste auf die dritte Ratte nieder. So, sagte Randall. Die Hlfte htten wir. Er kratzte sich nachdenklich am Bauch. Aber jetzt genug von mir. Weshalb wollten Sie mich sprechen?
Wegen Karen.
Ja, natrlich. Sie wollten wissen, ob sie einen Unfall hatte.
Nicht, da ich wte.
Warum sind dann im Sommer diese Schdelaufnahmen bei ihr gemacht worden?
Ach, darum gehts. Er streichelte die vierte Ratte beruhi- gend und legte sie auf den Block. Das war typisch Karen.
Wie meinen Sie das?
Sie kam schrecklich aufgeregt in meine Praxis, weil sie sich einbildete, zu erblinden. Na ja, Sie wissen ja, wie das bei sechzehnjhrigen Mdchen so ist: ihre Sehkraft htte in letzter Zeit so nachgelassen und sie knnte nicht mehr richtig Tennis spielen. Ich msse sie untersuchen. Also hab ich ihr etwas Blut abgezapft und es untersuchen lassen. Das macht immer groen Eindruck. Dann hab ich ihr den Blutdruck gemessen und verschiedene Fragen gestellt und so getan, als ob ich das Ganze sehr ernst nehme.
Und warum haben Sie die Schdelaufnahmen machen lassen? 
Das gehrte zur Behandlung.
Ich verstehe nicht ganz 
Es war eine rein psychosomatische Sache, sagte er. So wie bei neunzig Prozent aller Frauen, die zu mir kommen.
Irgendwas klappt nicht  zum Beispiel, man verliert ein Tennisspiel  undbums ! kriegt man irgendwelche krperlichen Beschwerden. Man geht zum Arzt, doch der kann nichts finden. Aber damit gibt man sich nicht zufrieden. Man geht zu einem anderen Arzt und dann zu noch einem, bis man einen findet, der einem die Hand ttschelt und sagt: Ja, Sie sind schwer krank.
Sie haben diese Untersuchungen also alle nur gemacht, damit irgendwas geschieht?
Nicht nur, sagte er. Ich bin sehr vorsichtig, und wenn jemand ber etwas so Ernstes wie Sehstrungen klagt, dann mu man der Sache schlielich nachgehen. Ich habe den Augenhintergrund geprft. Normal. Ich habe das Gesichtsfeld bestimmt. Normal. Doch sie blieb dabei, da sie zeitweise nicht richtig sehen knnte. Also hab ich ihr Blut abgenommen und Schilddrsenfunktion und Hormonspiegel prfen lassen.
Normal. Und die Schdelaufnahmen haben auch nichts erge- ben. Haben Sie sie gesehen?
Ja, sagte ich. Ich zndete mir eine Zigarette an, whrend er die nchste Ratte kpfte. Ich versteh aber noch immer nicht, warum 
Na, berlegen Sie doch mal  Sehstrungen, Kopfschmerzen, leichte Gewichtszunahme, Lethargie. Sie war zwar noch sehr jung, aber die Mglichkeit, da es ein Hypophysentumor ist, war ja trotzdem nicht vllig auszuschlieen. Ich habe die Tests gemacht, um festzustellen, ob sie eine Hypophysenstrung hat. Und auf den Schdelaufnahmen htte man ja, wenn die Sache so weit fortgeschritten gewesen wre, auch etwas sehen mssen. Doch es war alles ohne Befund. Sie hat sich das Ganze blo eingebildet.
Sind Sie ganz sicher?
Ja.
Bei den Laboruntersuchungen knnte doch ein Fehler passiert sein.
Stimmt. Ich wollte ja zur Sicherheit auch noch einen zweiten Test machen.
Und warum haben Sie keinen gemacht?
Weil sie nicht mehr gekommen ist, sagte Randall. Sie wissen doch, wie das in solchen Fllen ist. Bei ihrem ersten Besuch macht sie ein Riesentheater, weil sie glaubt, sie wird blind. Ich sage, sie soll in einer Woche wiederkommen, und die Sprechstundenhilfe macht einen Termin mit ihr aus. Nach einer Woche ist alles vorbei, und sie hats lngst vergessen. Whrend ich auf sie warte, spielt sie Tennis. Das Ganze war blo Einbildung.

Was war mit ihrer Menstruation, als sie Sie besuchte?
Sie sagte, ihre Perioden seien normal, sagte er. Wenn sie bei ihrem Tod im vierten Monat schwanger war, mu die Empfngnis kurz vor ihrem Besuch stattgefunden haben.
Und sie hat sich nie mehr bei Ihnen blicken lassen?
Nein. Aber das hat mich nicht weiter gewundert. Offen gesagt, sie war ein ziemlich konfuses Ding. Er ttete die letzte Ratte. Die Mdchen waren jetzt alle emsig an der Arbeit.
Randall sammelte die Kadaver ein, tat sie in den Wachstuchbeutel und warf ihn in einen Abfalleimer. So, sagte er, das wars. Er schrubbte sich grndlich die Hnde.
Also, dann vielen Dank fr Ihre Auskunft, sagte ich.
Keine Ursache. Er trocknete sich die Hnde mit einem Papierhandtuch ab. Dann wandte er sich zu mir um. Vielleicht sollte ich zur Polizei gehen und eine Art Erklrung abgeben, sagte er. Weil ich doch ihr Onkel bin und so.
Ich wartete.
J. D. wird nie mehr ein Wort mit mir reden, wenn er von unserem Gesprch erfhrt. Bitte denken Sie daran; mir wrs am liebsten, Sie erzhlten es nicht weiter.
Okay, sagte ich.
Ich wei nicht, was Sie vorhaben, sagte er, und ich wills auch gar nicht wissen. Aber Sie haben immer einen sehr besonnenen und vernnftigen Eindruck auf mich gemacht, und deshalb nehme ich an, es ist Ihnen bewut, worauf Sie sich da einlassen. Ich schwieg. Mein Bruder ist im Moment alles andere als besonnen und vernnftig. Er ist vllig bergeschnappt; es ist nichts aus ihm rauszukriegen. Sie waren doch bei der Obduktion dabei, nicht? Ich nickte.
Was ist denn dabei festgestellt worden?
Die makroskopische Untersuchung hat nichts ergeben.
Und die mikroskopische?
Das wei ich noch nicht.
Was fr einen Eindruck hatten Sie denn auf Grund der Obduktion?  Ich zgerte einen Moment; dann beschlo ich, ebenso aufrichtig zu sein wie er. Da sie nicht schwanger war, sagte ich.
Hmmm, sagte er. Hmmm. Er kratzte sich wieder am Bauch. Dann streckte er die Hand aus.
Ist ja hochinteressant, sagte er.
Ich drckte seine Hand.


8

 Als ich heimkam, stand am Straenrand ein groes Polizeiauto mit eingeschaltetem Blinklicht. Am Khler lehnte Captain Peterson und starrte mich mit verkniffenem Gesicht an, als ich in die Zufahrt einbog.
Ich stieg aus und warf einen Blick auf die Nachbarhuser.
Die Leute hatten das Blinklicht gesehen und schauten aus den Fenstern.
Ich hoffe, Sie stehen noch nicht allzu lange da, sagte ich.
Nein, sagte Peterson leise lchelnd. Ich bin eben erst gekommen. Ihre Frau hat mir gesagt, da Sie noch nicht zurck sind, und da hab ich hier drauen gewartet.
In dem zuckenden roten Lichtschein sah ich sein ausdrucksloses, blasiertes Gesicht. Mir war klar, da er es eingeschaltet hatte, um mich zu rgern. Gibts irgendwas? Er trat von einem Bein aufs andere. Leider ja, Dr. Berry.
Jemand hat sich ber Sie beschwert.
So?
Ja.
Wer denn?
Dr. Randall. Ich tat berrascht. Wieso?
Angeblich haben Sie seine Angehrigen belstigt. Seinen Sohn und seine Frau. Und die Schulkolleginnen seiner Tochter.

Belstigt? Und was haben Sie ihm gesagt?
Da ich der Sache nachgehen werde.
Deshalb sind Sie also hier. Er nickte lchelnd.
Das Blinklicht ging mir auf die Nerven. Ein Stck weiter standen ein paar Kinder auf der Strae und starrten uns schweigend an.
Ich sagte: Habe ich gegen irgendein Gesetz verstoen?
Mglicherweise.
Falls ich gegen ein Gesetz verstoen habe, sagte ich, dann kann mich Dr. Randall ja verklagen. Und er kann mich auch verklagen, falls er der Meinung ist, ich htte ihm irgendwelchen Schaden zugefgt. Das ist ihm doch sicher klar. Ich erwiderte sein Lcheln. Und Ihnen doch wohl auch.
Vielleicht wrs am besten, wir fahren in mein Bro und unterhalten uns darber.
Ich schttelte den Kopf. Keine Zeit.
Ich knnte Sie zur Einvernahme vorlufig festnehmen.
Sicher, sagte ich. Ich frchte nur, das wre nicht sehr klug. Ich habe meine Rechte als Staatsbrger in keiner Weise bertreten. Ich habe mich niemandem aufgedrngt und niemanden bedroht und niemanden gezwungen, nur etwas zu sagen, was er mir nicht sagen wollte.
Sie haben unbefugt fremdes Eigentum betreten. Das Grundstck der Randalls.
Das lag nicht in meiner Absicht. Ich habe mich verfahren und wollte irgendwen nach dem Weg fragen. Schlielich kam ich zu einem groen Gebude  so gro, da ich berhaupt nicht auf die Idee kam, es knnte ein privates Wohnhaus sein.
Ich hielt es fr eine Art Anstalt.
Fr eine Anstalt?
Ja. Fr ein Waisenhaus oder ein Altersheim oder so was hnliches. Ich fuhr hin, um nach dem Weg zu fragen. Stellen Sie sich meine berraschung vor, als ich dahinterkam, da ich rein zufllig 
Zufllig?
Knnen Sie mir das Gegenteil beweisen? Peterson grinste mhsam. Nicht schlecht, sagte er. Sie scheinen ja ziemlich clever zu sein.
Nicht so schlimm, sagte ich. Aber wie wrs, wenn Sie jetzt diesen blden Blinker ausschalten und aufhren wrden, die ganze Gegend verrckt zu machen? Sonst werde ich mich nmlich wegen Belstigung durch die Polizei beschweren. Und zwar beim Polizeichef, beim Staatsanwalt und beim Brgermeister.
 Er beugte sich widerwillig durchs Fenster und drehte an einem Knopf. Das Licht ging aus. Vielleicht, sagte er, wird Ihnen das alles noch mal sehr leid tun.
Kann sein, sagte ich. Vielleicht aber auch jemand anders.
 Er kratzte sich den Handrcken; so wie in seinem Bro.
Manchmal frage ich mich, sagte er, ob Sie ein anstndiger Mensch sind oder ein kompletter Idiot.
Vielleicht beides.
Er nickte langsam. Vielleicht beides. Er ffnete die Tr und zwngte sich hinters Lenkrad.
Ich ging ins Haus. Als ich die Tr zumachte, hrte ich ihn wegfahren.


9

 Eine Cocktailparty war das letzte, worauf ich Lust hatte, doch Judith lie sich nicht davon abbringen. Wahrend der Fahrt nach Cambridge sagte sie: Was war eigentlich los?
Was?
Na, mit der Polizei?
Randall hat sich beschwert. Ich htte ihn und seine Familie belstigt.
Und?
Ich frchte, er hat nicht ganz unrecht. Ich erzhlte ihr, was ich alles erfahren hatte. Als ich fertig war, sagte sie: Hrt sich ja reichlich merkwrdig an.
Dabei hab ich wahrscheinlich kaum die Oberflche angekratzt.

Glaubst du, da Mrs. Randall gelogen hat? Da das mit dem Dreihundertdollarscheck nicht stimmt?
Schon mglich, sagte ich.
Ihre Frage machte mich nachdenklich. Erst jetzt wurde mir bewut, da ich noch gar keine Zeit gehabt hatte, alles, was ich herausgefunden hatte, zu sortieren und zusammenzusetzen. Ich wute, da eine Menge Widersprchliches und Unklares darunter war, und ich hatte in das Ganze berhaupt noch keine Ordnung hineingebracht.
Wie gehts Betty?
Gar nicht gut. In der Zeitung war heute ein Artikel 
Tatschlich? Hab ich gar nicht gesehen.
Nur ein kleiner Artikel. Arzt wegen Abtreibung verhaftet.
Kaum Details, aber seinen Namen haben sie genannt. Betty hat eine Menge anonyme Anrufe gekriegt.
Gemeine?
Das kann man wohl sagen. Sie war sehr tapfer und hat sich bemht, so zu tun, als obs nicht so schlimm wre. Ob das gut ist, wei ich nicht. Ich, frchte, sie wirds nicht durchhalten.
Gehst du morgen wieder zu ihr?
Ja.
Ich parkte vor einem ruhigen Wohnblock, nicht weit vom Cambridge-City-Krankenhaus. Es war ein hbsches Viertel mit alten Fachwerkhusern, Ahornbumen an der Strae und Ziegelpflaster auf den Gehsteigen; die typische Cambridge- Atmosphre. Ich hatte gerade angehalten, als Hammond mit seinem Motorrad auftauchte. Norton Francis Hammond ist ein Hoffnungsschimmer am Horizont der Medizin. Ihm ist das nicht bewut, und das ist gut so; wte er es, wre er unertrg- lich. Hammond ist aus San Francisco und sieht aus wie einem kalifornischen Fremdenverkehrsplakat entsprungen  gro, blond, braun; das, was man einen gutaussehenden Mann nennt.
Er ist ein hervorragender Arzt, und im Memorial, wo er sein zweites Assistentenjahr absolviert, hlt man so viel von ihm, da man Dinge wie sein Haar, das ihm fast bis auf die Schultern reicht, und seinen groen gelockten Schnurrbart bersieht.
Er pfeift einfach darauf, was die andern rzte von ihm denken.
Und weil er von seinem Fach was versteht, ist er unangreifbar.
Die andern rzte finden ihn unmglich, knnen ihm aber nichts anhaben.
Hammond geht also unbehelligt seinen Weg. Da er Assistent ist, mu er Studenten und Praktikanten anlernen, wodurch er groen Einflu auf sie hat. Und darin liegt die Hoffnung fr die Medizin von morgen.
Man sollte meinen, da die jungen rzte dem Fortschritt gegenber aufgeschlossen sind, doch in der Medizin setzen sich Neuerungen schwer durch, denn die Jungen werden von alten rzten ausgebildet, und allzuoft sind die Studenten ein Abklatsch ihrer Lehrer. Auerdem besteht ein tiefer Zwiespalt zwischen den Generationen, besonders heutzutage. Die Jungen sind besser ausgebildet als die alte Garde; sie haben grere wissenschaftliche Kenntnisse, sie stellen tiefergehende Fragen, fordern umfassendere Antworten. Und sie versuchen, die Alten aus ihren Positionen zu verdrngen. Deshalb war Norton Hammond ein so bemerkenswerter junger Mann. Er trieb die Revolution voran, ohne zu rebellieren.
Hammond parkte sein Motorrad, sperrte es ab, streichelte es zrtlich und klopfte sich seine Hose ab. Dann sah er uns.
Hallo, Kinder.
Hallo, Norton. Wie gehts?
Prima, sagte er grinsend. Man darf sich nur nicht unterkriegen lassen. Er klopfte mir auf die Schulter. Was macht denn dein Privatkrieg? Ich hab davon gehrt.
Scheint sich ja ziemlich schnell rumzusprechen.
Schon irgendwelche Schrammen geholt?
Ein paar, sagte ich.
Na, da hast du ja bis jetzt Glck gehabt. A. L. hat sich anscheinend noch nicht richtig warmgeboxt.
A. L.? fragte Judith.
Arschloch. So nennen ihn die Jungens im dritten Stock.
Randall?
Klar, wen sonst. Er lchelte Judith an. Das Mdchen schaltet ja erstaunlich schnell. Er wandte sich wieder zu mir.
Angeblich schleicht A. L. im dritten Stock herum wie ein angeschossener Tiger. Er kanns nicht fassen, da es jemand gewagt hat, ihn anzugreifen.
Das kann ich mir denken, sagte ich.
Er soll entsetzlich sauer sein, sagte Hammond. Er hat sogar Sam Carlson zusammengestaucht. Kennst du Sam? Er ist einer von A. L.s Assistenten und pfuscht in den niederen Regionen der Chirurgie herum. Sam ist A. L.s Liebling  warum, wei kein Mensch. Manche behaupten, weil er so bld ist. Und das ist er wirklich  ein unbeschreiblich blder Hund  Also, gestern sitzt Sam in der Kantine und it ein Sandwich mit Geflgelsalat  wahrscheinlich hatte er die Kellnerin gefragt, was das ist , und pltzlich kommt Randall rein und sagt: Was machen Sie denn hier? Darauf sagt Sam: Ich esse ein Sandwich. Und da sagt A. L.: Weshalb, verdammt noch mal?
Und was hat Sam geantwortet? Hammond grinste. Ich habs aus ganz sicherer Quelle. Sam sagte: Ich wei nicht, Sir. Und dann schob er den Teller weg und stand auf und ging.
Mit knurrendem Magen, sagte ich.
Hammond lachte. Vermutlich. Er schttelte den Kopf.
Aber man kanns A. L. im Grunde nicht belnehmen. Er sitzt seit mindestens hundert Jahren im Memorial, und nie hatte er irgendwelchen rger. Jetzt brichts pltzlich von allen Seiten ber ihn herein. Zuerst der Schlamassel in der Apotheke, und dann die Sache mit seiner Tochter 
Was fr ein Schlamassel? fragte Judith.
Nanu, das Nachrichtensystem hat wohl nicht richtig funktioniert? Die rztefrauen sind doch sonst immer die ersten, die so was wissen. In unserer Apotheke ist der Teufel los!
Ist was weggekommen? fragte ich.
Wie? Du hast auch noch nicht davon gehrt?
Nein, was denn?
Zwlf Dutzend Morphiumampullen. Und zwar von den strksten.
Wann?
Letzte Woche. Den Apotheker hat fast der Schlag getroffen  er war mit einer Schwester beim Essen. Ist in der Mittagszeit passiert.
Und sie haben das Zeug bis jetzt nicht gefunden?
Nein. Sie haben das ganze Krankenhaus von unten nach oben gekehrt. Keine Spur.
Ist so was schon mal vorgekommen?
Angeblich vor ein paar Jahren. Aber damals wurde blo eine Handvoll Ampullen geklaut.
Glaubt man, da es ein Morphiumschtiger war? Hammond zuckte die Achseln. Mglich wrs. Aber das kann ich mir kaum vorstellen. So eine Menge? Dazu war doch das Risiko viel zu gro. Kannst du dir vorstellen, da du in die Memorial-Ambulanz reinschleichst und mit einer Schachtel Morphiumampullen wieder raus?
Kaum.
Eben.
Und zwlf Dutzend sind doch fr einen einzigen viel zuviel , sagte ich.
Deshalb glaube ich ja auch, da es nicht jemand fr sich selbst geklaut hat, sondern da das Ganze sorgfltig geplant war und da das Zeug verscherbelt werden soll.
Und da es ein Auenstehender war?
Meiner Meinung nach ja. Aber die Verwaltung glaubt, da es jemand vom Personal war.
Gibts dafr irgendwelche Anhaltspunkte?
Nein. Keine.
Wir gingen die Vortreppe hinauf.
Ist irgend jemand von den Angestellten schtig? fragte ich.
Er zuckte die Achseln. Angeblich war eine von den Schwestern auf der Herzstation schtig, aber sie hat vor einem Jahr eine Entziehungskur gemacht. Trotzdem haben sie sie sich vorgeknpft. Sie mute sich splitternackt ausziehen, und dann haben sie sie am ganzen Krper nach Einstichen abgesucht, aber keine gefunden.
Und was ist mit den 
rzten? Ich nickte. Das Thema rzte und Rauschgift ist im allgemeinen tabu. Es ist kein Geheimnis, da eine beachtliche Zahl von rzten schtig ist; ebenso wie es kein Geheimnis ist, da rzte eine hohe Selbstmordrate haben. Doch niemand spricht gern darber.
Soviel ich wei, ist keiner von ihnen schtig, sagte Hammmond.
Hat irgendwer gekndigt? Eine Schwester oder eine Sekretrin oder so? Er lchelte. Du scheinst dich brennend dafr zu interessieren, was? Ich zuckte die Achseln.
Warum? Glaubst du, da das Ganze irgendwas mit dem Mdchen zu tun hat?
Ich wei nicht.
Ich kann mir nicht vorstellen, da da ein Zusammenhang besteht. Aber wenn du willst, kann ich dich ja anrufen, falls ich irgendwas erfahre.
Tu das, sagte ich.
Wir warteten vor der Haustr. Drinnen hrte man Partylrm: das Klirren von Glsern, Reden, Lachen.
Viel Glck bei deinem Feldzug, sagte Hammond. Ich hoffe, du gewinnst. Jedenfalls drck ich dir beide Daumen.
Danke, sagte ich. Das kann ich brauchen.
Die Party wurde von George Morris gegeben, dem ersten Assistenten an der Internen Abteilung des Lincoln. Morris wollte seine Assistententtigkeit beenden und eine Privatpraxis erffnen, und so war es eine Art Einfhrungsparty fr ihn selbst.
Es fehlte an nichts, und Morris hatte sicher mehr dafr springen lassen, als er sich leisten konnte. Das Ganze erinnerte mich an die aufwendigen Partys, die Fabrikanten veranstalten, um ein neues Produkt oder eine neue Mode zu lancieren. Und um etwas hnliches ging es ja auch. George Morris, der achtundzwanzig war und eine Frau und zwei Kinder hatte, steckte bis zum Hals in Schulden: so wie jeder Arzt in seiner Lage. Und um sich aus dem Berg herauszugraben, brauchte er Patienten.
berweisungen. Konsultationen. Kurz gesagt, er brauchte die Untersttzung der bereits etablierten rzte, und deshalb hatte er zweihundert davon in sein Haus eingeladen und bewirtete sie mit den besten Getrnken und den besten kalten Platten, die in der Stadt aufzutreiben waren.
Fr mich war die Einladung sehr schmeichelhaft, denn als Pathologe konnte ich nicht das mindeste fr Morris tun; Pathologen beschftigen sich mit Leichen, und Leichen kann man nicht berweisen. Morris hatte Judith und mich eingeladen, weil wir befreundet waren.
Ich glaube, wir waren Morris einzige Freunde bei der Party.
Ich sah mich um: Die Chefrzte der meisten groen Krankenhuser waren da, und auch die Assistenten und deren Frauen.
Die Frauen standen in einer Ecke beisammen und redeten ber ihre Kinder; die rzte bildeten kleinere Gruppen, getrennt nach Krankenhusern und Spezialgebieten.
Judith stand neben mir; in ihrem blauen Cocktailkleid sah sie reizend und sehr jung aus. Sie kippte schnell einen Scotch hinunter und schien mit sich zu ringen, ob sie sich den Frauen anschlieen sollte.
Wenn sie doch blo auch mal ber Politik oder irgendwas reden wrden und nicht nur immer ber Medizin, sagte sie.
Ich lchelte; mir fiel Arts Meinung ber das politische Desinteresse der rzte ein. Art behauptete immer, rzte htten nicht nur keine politischen Ansichten, sondern sie versuchten auch gar nicht, sich welche zu bilden. Es ist wie bei den Offizieren , hatte er mal gesagt. Sie halten politische Ansichten fr unvereinbar mit ihrem Beruf. In gewisser Weise hatte er recht.
Art neigt berhaupt dazu, den Bogen zu weit zu spannen und andere Leute zu rgern und zu schockieren. Das ist ein typischer Zug von ihm. Ich glaube, es reizt ihn, auf der dnnen Linie zu balancieren, die die Wahrheit von der Unwahrheit, die Sachlichkeit von der Unsachlichkeit trennt. Dauernd wirft er irgendwelche Bemerkungen hin und lauert darauf, wie die anderen sie aufnehmen und darauf reagieren. Besonders gern tut er das, wenn er betrunken ist. Von allen rzten, die ich kenne, ist Art der einzige, der manchmal betrunken ist. Die andern knnen phantastische Mengen Alkohol vertilgen, ohne da man es ihnen anmerkt; sie werden fr eine Weile redselig und dann schlfrig. Art wird richtig betrunken und in betrunkenem Zustand besonders angriffslustig.
Mir war nie recht klar, warum das bei ihm so ist. Eine Weile dachte ich, es sei eine berempfindlichkeit gegen Alkohol, doch dann kam ich zu dem Schlu, da es eine Neigung ist, sich gehenzulassen, whrend andere alles dransetzen, sich zu beherrschen. Vielleicht braucht er das; vielleicht kann er nicht dagegen an; vielleicht ist es eine Art Ventil fr ihn, durch das er Dampf ablt. Kann sein, da es damit zusammenhngt, da er seinen Beruf hat. Das tun viele rzte, aus den verschiedensten Grnden: Jones, weil er auf Forschungsarbeiten festgenagelt ist und dadurch nicht soviel Geld verdient, wie er mchte; Andrews, weil die Urologie ihn um seine Frau und ein glckliches Familienleben gebracht hat; leiser, weil er als Dermatologe dauernd mit Patienten zu tun hat, die er nicht fr krank, sondern fr neurotisch hlt. Doch bei Art ist das anders. Art hat den Arztberuf an sich. Es ist fast, als ob er Mediziner geworden ist, um sich selbst unglcklich und wtend und traurig zu machen.
Manchmal, in ganz dunklen Momenten, glaube ich, da er Abtreibungen nur deshalb macht, um seine Kollegen herauszufordern und zu rgern. Wahrscheinlich ist das ungerecht, aber so ganz sicher bin ich mir nie. Wenn er nchtern ist, spricht er sehr vernnftig ber das Thema Abtreibung und bringt intelligente Argumente vor. In betrunkenem Zustand ist er unsachlich und berheblich und gibt Phrasen von sich.
Vielleicht trinkt er deshalb, weil er in betrunkenem Zustand seinem Ha auf die Medizin freien Lauf lassen kann und weil dieser Zustand ihn zugleich entschuldigt. Natrlich ist er, wenn er betrunken war, schon oft mit anderen rzten schrecklich aneinandergeraten; einmal sagte er Janis, da er seiner Frau ein Kind weggemacht habe, und Janis, der nichts davon wute, blickte drein, als htte er einen Tritt in den Bauch gekriegt.
Janis ist katholisch, seine Frau nicht. Art brachte dadurch eine vllig harmonische Dinnerparty auf der Stelle zum Platzen.
Ich war bei der Party dabei, und ich hatte danach eine ziemliche Auseinandersetzung mit Art. Ein paar Tage spter entschuldigte er sich bei mir, und ich sagte ihm, er solle sich bei Janis entschuldigen, was er dann auch tat. Merkwrdigerweise wurden Janis und Art spter gute Freunde, und Janis lie sich in Sachen Abtreibung bekehren. Auf welche Weise Art ihn berzeugte, wei ich nicht; aber jedenfalls gelang es ihm. Ich kenne Art so gut wie kaum ein anderer, und fr sehr bedeutungsvoll halte ich den Umstand, da er Chinese ist. Ich glaube, seine Herkunft und seine uere Erscheinung haben ihn stark geprgt. Es gibt in Amerika eine Menge chinesische und japanische rzte, und es gibt eine Menge Witze ber sie  halbherzige Witze ber ihre Energie und Tchtigkeit und ihren Drang nach oben. Es ist genau die gleiche Art von Witzen, wie man sie ber die Juden macht. Art, der halb Chinese, halb Amerikaner ist, hat sich von dieser Tradition freigemacht und auch von seiner konservativen Erziehung. Er ist genau den entgegengesetzten Weg gegangen und wurde ein Radikaler und Linker. Ein Beweis dafr ist seine Aufgeschlossenheit gegenber allen Neuerungen. Er hat von allen Bostoner Gynkologen die am modernsten eingerichtete Praxis. Wenn irgendwas Neues herauskommt, kauft er es sofort. Auch ber die Vorliebe der Asiaten fr neumodischen Kram gibt es eine Menge Witze, doch bei Art hat das andere Grnde. Art kmpft gegen Tradition und Routine und herkmmliche Methoden.
Wenn man seine Ideen und Theorien zum erstenmal hrt, ist man sehr beeindruckt. Erst spter wird einem klar, da er geradezu zwanghaft gegen smtliche Traditionen anrennt und immer und berall etwas auszusetzen sucht. Deshalb finde ich es ganz natrlich, da er damit anfing, Abtreibungen zu machen, obwohl ich mir ber seine Motive nicht ganz sicher bin.
Doch meiner Meinung nach sind die Grnde, warum ein Mensch etwas tut, nicht so wichtig wie der objektive Wert dessen, was er tut. Ein Mensch kann aus den richtigen Grnden das Falsche tun. In diesem Fall scheitert er. Oder er kann aus den falschen Grnden das Richtige tun. In diesem Fall ist er ein Held. Unter all den Leuten bei der Party gab es einen, der mir vielleicht helfen konnte: Fritz Werner. Doch obwohl ich mich berall nach ihm umsah, konnte ich ihn nicht entdecken.
Statt dessen stie ich auf Blake. Blake ist Chefpathologe im General; das Aufflligste an ihm ist sein riesengroer, runder, kahler Kopf. Sein Gesicht ist klein und kindlich, und mit seinem winzigen Kinn und seinen weit auseinanderliegenden Augen sieht Blake so aus, wie man sich den Menschen der Zukunft vorstellt. Er hat einen kalten, manchmal aufreizenden Intellekt und eine Leidenschaft fr Spiele.
Blake ist dauernd auf der Jagd nach medizinischphilosophischen Argumenten. Es macht ihm einen Heidenspa, einem Chirurgen logisch zu beweisen, da er kein Recht hat zu operieren, oder einem Internisten, da er ethisch verpflichtet ist, so viele Patienten wie mglich umzubringen. Blake spielt mit Worten und Ideen so wie Kinder mit einem Football. Mit Art versteht er sich sehr gut. Letztes Jahr hatten die beiden eine vierstndige Diskussion ber die Frage, ob ein Gynkologe fr smtliche Kinder, die er zur Welt gebracht hat, von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod moralisch verantwortlich ist.
Whrend ich zwischen den Gsten herumging, schnappte ich Bruchstcke von Witzen und Gesprchen auf, wie sie fr eine rzteparty typisch sind.
Haben Sie von diesem franzsischen Biochemiker gehrt, dessen Frau Zwillinge bekam? Er hat das eine Kind taufen lassen und das andere nicht, um ihre Entwicklung zu vergleichen.

Frher oder spter kriegen sie alle Bakterimie 
Na ja, was kann man denn von einem Hopkins-Schler schon anderes erwarten?
Und da hat er gesagt: Das Rauchen hab ich aufgegeben, aber das Trinken? Kommt berhaupt nicht in Frage.
 bei einem Fnfundsiebzigjhrigen. Wir haben eine Probeexzision gemacht und ihn wieder heimgeschickt. Wos so langsam wchst 
 kein Leberschaden festzustellen, obwohl ihm die Leber buchstblich bis zu den Knien hing 
Sie wollte heimgehen, wenn wir sie nicht operieren, und da haben wir natrlich 
Das Mdchen hat ihn vllig zugrunde gerichtet 
Tatschlich? Harry? Mit dieser kleinen Schwester von Station sieben? Mit dieser blonden?
Nicht zu fassen! So viele Artikel, wie der publiziert, kann doch kein Mensch lesen 
Metastasen im Herzen?
Kennen Sie den schon: In einem Zuchthaus, mitten in einer Wste, sitzen ein alter Lebenslnglicher und ein junger Hftling, der eben erst eingeliefert wurde. Der Junge redet dauernd von Ausbrechen, und nach ein paar Monaten bricht er tatschlich aus. Nach einer Woche fangen ihn die Wrter ein und bringen ihn zurck. Er ist vllig fertig, halb verhungert und verdurstet, und er erzhlt dem Alten, wie schrecklich es war: nichts als Sand, keine Oase, kein Zeichen menschlichen Lebens.
Der Alte hrt sich das eine Weile an, dann sagt er: Ja, ja.
Ich wei. Ich hab vor zwanzig Jahren selbst mal versucht auszubrechen.  Was?, sagt der Junge. Warum haben Sie mir das nicht gesagt? Sie wuten doch die ganzen Monate, da ich ausbrechen wollte? Warum haben Sie mir nicht gesagt, da es unmglich ist?Da zuckt der Alte die Achseln und sagt: Wer redet schon gern ber Mierfolge? Gegen acht, als ich allmhlich genug von dem Ganzen hatte, kam endlich Fritz Werner. Ich steuerte auf ihn zu, doch unterwegs fing mich Charlie Frank ab. Charlie stand leicht vornbergebeugt, mit verkniffenem, schmerzlich verzerrtem Gesicht und groen traurigen Augen, als htte er eben einen Schlag in den Bauch gekriegt. Es wirkte ziemlich dramatisch, doch Charlie sah immer so aus, als ahne er schreckliches Unheil, als trage er eine furchtbare Last auf den Schultern, die ihn zu Boden drckte. Ich hatte ihn noch nie lcheln sehen. Mit gepreter Stimme, fast flsternd, sagte er: Wie gehts ihm?
Wem?
Art Lee.
Ganz gut. Ich hatte keine Lust, mit Charlie Frank ber Lee zu sprechen.
Ist er tatschlich verhaftet worden?
Ja.
Oh, mein Gott, sthnte er.
Sie werden ihn sicher bald freilassen, sagte ich.
Glauben Sie wirklich?
Ganz bestimmt.
Oh, mein Gott. Er bi sich in die Unterlippe. Kann ich irgendwas fr ihn tun?
Ich glaube kaum.
Er hielt mich die ganze Zeit am Arm fest. Ich schaute zu Fritz Werner hinber und hoffte, er wrde es merken und mich loslassen. Es ntzte nichts.
Sagen Sie, John 
Was denn?
Ich hab gehrt, Sie sollen sich in der Sache stark engagieren? 
Na klar, ich bin doch mit Art Lee befreundet.
Es geht mich zwar nichts an, sagte er und beugte sich noch weiter zu mir vor, aber wissen Sie, was in den Krankenhusern geredet wird? Man sagt, Sie interessieren sich so dafr, weil Sie selber mit drinstecken.
Quatsch.
John, Sie knnten sich eine Menge Feinde machen.
Ich dachte an Charlie Franks Freunde. Er war Kinderarzt und hatte eine sehr gut gehende Praxis; er machte sich um seine kleinen Patienten mehr Sorgen als ihre Mtter und war deshalb sehr beliebt. Wie kommen Sie darauf?
Ich hab so ein Gefhl, sagte er und sah mich traurig an.
Und was soll ich Ihrer Meinung nach tun?
Halten Sie sich raus, John. Es ist gefhrlich, sich in so was einzumischen. Sehr gefhrlich. Und schlielich  wozu gibts denn ein Gericht?
Danke fr den Rat. Er drckte meinen Arm. Glauben Sie mir, ich meins gut mit Ihnen, John.
Okay, Charlie, ich wei.
Es ist wirklich gefhrlich, John.
Ich werd dran denken.
Diese Leute werden vor nichts zurckschrecken, sagte er.
Was fr Leute? Pltzlich lie er meinen Arm los. Meinetwegen tun Sie, was Sie fr richtig halten, sagte er achselzuckend und wandte sich ab.
Fritz Werner stand wie immer an der Bar. Er war gro und schrecklich mager, beinahe abgezehrt. Er hatte groe, dunkle Augen mit einem schwermtigen Ausdruck, der durch sein kurzgestutztes Haar noch mehr betont wurde. Mit seinem stelzenden Gang und seiner Gewohnheit, den dnnen Hals vorzurecken, wenn er mit jemanden sprach, erinnerte er an einen Vogel. Er hatte eine starke Ausstrahlung; vielleicht lag es daran, da er sterreicher war, oder an seiner Knstlernatur.
Sein Hobby war Malen und Zeichnen, und in seiner Praxis sah es immer unordentlich aus wie in einem Atelier. Sein Geld verdiente er sich als Psychiater, indem er sich geduldig die Probleme verdrossener Matronen anhrte, die zu dem Schlu gekommen waren, da in ihrem Kopf irgendwas nicht stimmte.
Er drckte lchelnd meine Hand. Hoffentlich klebt kein Gift dran.
Allmhlich kommts mir selbst schon so vor.
Er blickte um sich. Wie viele haben dich bereits gewarnt?
Nur einer. Charlie Frank.
Der ist immer fr einen da, wenn man einen schlechten Rat braucht, sagte Fritz.
Und was hltst du von der Sache?
Deine Frau sieht heute bezaubernd aus, sagte er.
Ich werds ihr sagen.
Wirklich bezaubernd. Wie gehts deiner Familie?
Danke, gut. Fritz 
Und wie stehts mit der Arbeit?
Hr doch mal, Fritz. Ich brauche deine Hilfe. Er lachte leise. Hilfe ist gut. Du brauchst einen Lebensretter.
Fritz 
Du hast mit einer Menge Leute geredet, sagte er. Was hltst du von Bubbles?
Bubbles?
Ja.
Ich sah ihn verstndnislos an. Ich kannte niemanden, der Bubbles hie. Wen meinst du?
Na, ihre Zimmerkollegin.
Die im Smith College?
Aber nein. Die vom letzten Sommer, auf dem Beacon Hill.
Sie hatten sich doch zu dritt ein Apartment gemietet  Karen und Bubbles und ein drittes Mdchen  eine Krankenschwester oder Laborantin oder irgend so was.
Wie heit denn diese Bubbles wirklich? Was macht sie? Jemand trat neben uns an die Bar, um sich einen Drink zu holen. Fritz starrte nachdenklich vor sich hin und sagte: Scheint ein ziemlich komplizierter Fall zu sein. Am besten, du schickst ihn mal zu mir. Zufllig hab ich morgen um halb drei noch eine Stunde frei.
Mach ich, sagte ich.
Gut. War nett, dich wieder mal zu sehen, John, sagte er und gab mir die Hand.
Judith unterhielt sich mit Norton Hammond; Norton lehnte an der Wand. Fritz hat recht, dachte ich, als ich auf die beiden zuging: Sie sah wirklich sehr hbsch aus. Dann merkte ich, da Hammond eine Zigarette rauchte. Das war reichlich ungewhnlich, denn Hammond rauchte sonst nicht.
Er hatte kein Glas in der Hand, und er rauchte langsam und mit tiefen Zgen.
Sieh dich blo vor, Mensch, sagte ich.
Er lachte. Das ist heute abend mein Protest gegen die Gesellschaft.

Ich hab ihm schon gesagt, jemand knnte es riechen, sagte Judith.
Kein Mensch kann hier was riechen, sagte Hammond.
Vermutlich stimmte das; der Raum war voll von dichtem blauen Rauch.
Du solltest dich trotzdem vorsehen.
berleg doch mal, sagte er und machte einen tiefen Zug.
Kein Bronchialkarzinom, kein Haferzellenkarzinom, keine chronische Bronchitis und kein Emphysem, keine arteriosklerotische Herzkrankheit, keine Zirrhose, kein Wernicke- Korsakoff. Eine wunderbare Sache.
Aber verboten.
Er zupfte lchelnd an seinem Schnurrbart. Ich dachte, dein Gebiet ist Abtreibung und nicht Marihuana, oder?
Ich kann nicht mehrere Kreuzzge fhren. Als ich sah, wie er einen Mundvoll Rauch einsog und klare Luft ausatmete, kam mir ein Gedanke. Norton, du wohnst doch auf dem Hill, nicht?
Ja.
Kennst du ein Mdchen, das Bubbles heit? Er lachte. Klar, wer kennt die nicht? Bubbles und Superhead.
Die beiden stecken dauernd zusammen.
Superhead?
Ja. Das ist zur Zeit ihr Freund. Ein Musiker und Komponist.
Komponiert Sachen, die so klingen, als ob zehn Hunde heulen.
Die beiden wohnen zusammen.
Hat sie nicht mal mit Karen Randall zusammen gewohnt?
Kann sein. Keine Ahnung. Wieso?
Wie heit diese Bubbles wirklich? Er zuckte die Achseln. Alle nennen sie blo Bubbles. Aber den Namen von dem Burschen wei ich: Samuel Archer.
Wo wohnt er?
Irgendwo hinterm State House. In einem Keller. Phantastische Bude, sagte er kopfschttelnd. Ganz auf Gebrmutter hergerichtet.
Gebrmutter?
Das mut du selber sehen, sonst glaubst dus nicht, sagte Norton und seufzte tief und genieerisch. Judith schien whrend der Rckfahrt merkwrdig gespannt. Sie hatte die Hnde um die Knie geschlungen und prete sie so fest zusammen, da die Knchel ganz wei waren.
Was hast du denn? fragte ich.
Nichts, sagte sie. Ich bin nur mde.
Haben dich die Weiber so fertiggemacht? Sie lchelte leise. Du entwickelst dich zu einer Berhmtheit.
Mrs. Wheathead war so auer sich, da sie heute nachmittag beim Bridge dauernd verloren haben soll.
Was haben sie sonst noch geredet?
Sie haben mich alle gefragt, warum du das tust  warum du dich so fr Art einsetzt. Sie finden es prima und fabelhaft und wundervoll, da jemand so zu seinem Freund hlt. Sie knnen blo nicht begreifen, warum.
Ich hoffe, du hast ihnen gesagt, weil ich ein feiner Kerl bin.
Das ist mir leider nicht eingefallen. Sie lchelte im Halbdunkel, doch ihre Stimme klang traurig, und ihr Gesicht sah mde aus. Ich wute, es war nicht leicht fr sie, sich die ganze Zeit um Betty zu kmmern. Doch irgendwer mute es ja tun.
Als wir heimkamen, ging Judith gleich hinein, um nach den Kindern zu sehen und Betty anzurufen. Ich fuhr Sally nach Hause, unseren Babysitter  ein kleines, schnippisches Ding.
Wenn ich sie sonst nach Hause fuhr, unterhielten wir uns immer ber nebenschliche, unverfngliche Dinge: wie es ihr in der Schule ging, auf welches College sie gehen wollte und so weiter. Doch heute war mir nicht danach zumute; ich fhlte mich alt und kontaktlos, wie jemand, der nach langer Zeit im Ausland in sein Land zurckkommt. Alles hatte sich verndert, auch die Kinder, die Jugend. Sie waren nicht, wie wir gewesen waren. Sie hatten andere Ziele und andere Probleme. Zumindest hatten sie andere Drogen. Die Probleme waren vielleicht die gleichen. Wenigstens schien es so.
Nach einer Weile kam ich zu dem Schlu, da ich bei der Party zuviel getrunken hatte und da es besser war, wenn ich den Mund hielt, und so lie ich Sally von ihrer Fahrprfung erzhlen und war ruhig.
Whrend sie erzhlte, fhlte ich mich erleichtert, und zugleich kam ich mir feige vor. Doch dann redete ich mir ein, dadas Unsinn sei, da ich keinerlei Grund hatte, mich fr unseren Babysitter zu interessieren, keinerlei Grund, mich zu bemhen, sie besser zu verstehen, und da sie mein Interesse womglich noch falsch auslegen wrde. Es war viel ungefhrlicher, ber ihre Fahrprfung zu reden; das war fester, solider, tragfhiger Boden.
Dann fiel mir pltzlich  warum, wei ich nicht  Alan Zenner ein. Und etwas, das Art mal gesagt hatte: Wenn du wissen willst, wie diese Welt ist, dann schalte im Fernsehen eine Diskussion ein und stell den Ton ab. Ein paar Tage spter tat ichs. Es war grotesk: Die Mnder, die sich bewegten, die Mienen und die Gesten mit den Hnden  alles ohne einen Ton, vllig lautlos. Man hatte keine Ahnung, was sie sagten.
Ich fand die Adresse im Telefonbuch: Samuel F. Archer, 1334 Langdon Street. Als ich die Nummer whlte, meldete sich eine Tonbandstimme: Dieser Anschlu ist leider zur Zeit auer Betrieb. Sollten Sie nhere Auskunft wnschen, bleiben Sie bitte am Apparat.
Ich wartete. Es klickte ein paarmal rhythmisch; dann meldete sich das Amt. Auskunft. Welche Nummer haben Sie gewhlt? 
Sieben-vier-zwei-eins-vier-vier-sieben.
Der Anschlu ist abgeschaltet.
Wissen Sie, warum?
Leider nein, Sir.
Mglicherweise war Samuel F. Archer umgezogen; vielleicht aber auch nicht. Ich fuhr gleich hin. Es war ein schbiges Haus am Osthang des Beacon Hill. Im Flur roch es nach Kohl und Babynahrung. Ich ging eine knarrende Holztreppe zum Keller hinunter. Unten brannte eine grne Lampe, deren Schein auf eine schwarzgestrichene Tr fiel.
Ich klopfte.
Hinter der Tr heulte und schrie und sthnte jemand. Die Tr ging auf, und ein junger Mann mit einem Vollbart und langem, strhnigem schwarzen Haar stand vor mir. Er trug Blue jeans, Sandalen und ein dunkelrotes Hemd mit weien Tupfen. Er sah mich ausdruckslos an; weder berrascht noch interessiert.
Ja?
Dr. Berry, sagte ich. Sind Sie Samuel Archer?
Nein.
Ist Mr. Archer da?
Ich frchte, er hat im Moment keine Zeit.
Ich htte ihn gern gesprochen.
Sind Sie ein Freund von ihm? Er starrte mich mitrauisch an. Ich hrte ein Scharren, ein Poltern, ein langgezogenes Pfeifen.
Ich brauche seine Hilfe, sagte ich.
Sein Blick wurde etwas freundlicher. Knnen Sie nicht spter noch mal vorbeischauen?
Es ist sehr dringend.
Sind Sie Arzt?
Ja.
Haben Sie einen Wagen?
Ja.
Was fr einen?
Einen 65er Chevrolet.
Welche Nummer?
Zwei-eins-eins-fnf-sechzehn.
Er nickte. Okay. Entschuldigen Sie, aber Sie wissen ja, wie das heutzutage ist. Man kann niemandem trauen. Kommen Sie rein. Er trat einen Schritt zurck. Nach der Autonummer hatte er mich gefragt, weil die meisten Beamten des Bostoner Rauschgiftdezernats Chevrolets fahren, deren Zulassungsnummern mit 412 oder 414 beginnen. Sagen Sie bitte nichts, fuhr er fort. Lassen Sie mich erst mit ihm reden. Er komponiert, und er hat eine ziemlich groe Dosis genommen. Schon vor sieben Stunden. Er wird bald zu sich kommen.
Wir traten in einen Raum, der aussah wie ein Wohnzimmer.
Mehrere Couchs standen darin und ein paar billige Lampen.
Die Wnde waren wei und mit seltsamen, ineinanderflieenden Mustern in fluoreszierenden Farben bemalt. Eine Ultraviolettlampe verstrkte den Effekt. Toll, sagte ich in der Hoffnung, da dies das passende Wort war.
Yeah, Mann.
Wir traten in den nchsten Raum. Er war halbdunkel. Ein kleiner, blasser Junge mit einem riesigen blonden Lockenkopf hockte, umgeben von elektronischen Gerten, auf dem Boden.
An der gegenberliegenden Wand standen zwei Lautsprecher.
Ein Tonbandgert lief. Der blasse Junge drehte an den Knpfen der Gerte und erzeugte die Tne. Er blickte nicht auf, als wir eintraten. Warten Sie hier, sagte der brtige Junge. Ich sags ihm.
Ich blieb neben der Tr stehen. Der brtige Junge ging zu ihm und sagte leise: Sam. Sam.
Sam blickte zu ihm auf. Hallo, sagte er.
Sam, Besuch fr dich.
Sam schien berrascht. Fr mich? Er hatte mich noch immer nicht bemerkt.
Ja. Ein sehr netter Mann. Wirklich, ein sehr netter Mann.
Verstehst du? Er ist sehr freundlich.
Schn, sagte Sam.
Er braucht deine Hilfe. Willst du ihm helfen?
Klar, sagte Sam.
Der Brtige winkte mir. Ich trat zu ihnen und sagte: Was hat er genommen?
LSD, sagte er. Vor sieben Stunden. Er mte jetzt bald auftauchen. Gehen Sie sachte mit ihm um, ja?
Okay, sagte ich.
Ich hockte mich vor Sam hin. Sam sah mich mit leerem Blick an.
Ich kenn Sie nicht, sagte er nach einer Weile.
Ich bin John Berry.
Sam rhrte sich nicht. Mann, sind Sie alt, sagte er.
Finden Sie? sagte ich.
Yeah, Mann. He, Marvin, sagte er und sah zu seinem Freund auf, hast du gesehen, wie alt der Bursche ist?
Ja, sagte Marvin.
Mann, sooo alt.
Sam, sagte ich, ich bin Ihr Freund.
Ich streckte ihm meine Hand hin; ganz langsam, um ihn nicht zu erschrecken. Er drckte sie nicht; er nahm sie an den Fingern und hob sie etwas hoch. Er drehte sie langsam und blickte auf die Innenflche und dann auf den Rcken.
Dann bog er die Finger leicht um.
He, Mann, sagte er. Sie sind Arzt.
Ja, sagte ich.
Sie haben Arzthnde. Das spr ich.
Ja.
He, Mann  schne Hnde.
Er schwieg eine Weile und betrachtete meine Hand, drckte und streichelte sie, betastete die Haare auf dem Rcken, die Ngel, die Fingerspitzen.
Wie sie strahlen, sagte er. Solche Hnde mcht ich auch haben.
Haben Sie doch, sagte ich.
Er lie meine Hnde los und blickte auf seine. Nein. Die sind ganz anders, sagte er schlielich.
Ist das schlimm? Er sah mich verstrt an. Was wollen Sie?
Sie bitten, mir zu helfen.
Yeah. Okay.
Ich htte gern eine Auskunft.
Marvin trat einen Schritt vor, und mir wurde klar, da das ein Fehler gewesen war. Sam wurde unruhig; ich schob Marvin weg.
Schon gut, Sam. Alles okay.
Sie sind ein Bulle, sagte Sam.
Ach wo, Sam. Ich bin kein Bulle.
Doch. Sie lgen.
Er kriegt manchmal Anflle von Verfolgungswahn, sagte Marvin. Und Angstzustnde.
Sie sind ein Bulle, ein lausiger Bulle.
Nein, Sam. Ich bin kein Bulle. Wenn Sie mir nicht helfen wollen, dann gehe ich.
Ein Bulle sind Sie, ein Polyp, ein Schnffler.
Nein, Sam. Wirklich nicht.
Langsam beruhigte er sich wieder und sackte zusammen.
Ich holte tief Luft. Sam, Sie haben doch eine Freundin.
Bubbles.
Ja.
Und die ist mit einem Mdchen namens Karen befreundet. Er starrte vor sich hin. Es dauerte lange, bis er antwortete.
Ja. Karen.
Bubbles hat im letzten Sommer mit Karen zusammen gewohnt.

Ja.
Sein Atem ging pltzlich schneller, und er ri die Augen auf.
Ich legte meine Hand auf seine Schulter. Ruhig, Sam. Ganz ruhig. Ist irgendwas?
Karen, sagte er, auf die gegenberliegende Wand starrend.
Sie war  schrecklich.
Sam 
Sie war das letzte. Das allerletzte.
Sam, wo ist Bubbles?
Weg. Angela besuchen. Angela 
Angela Harding, sagte Marvin. Sie und Karen und Bubbles haben sich letzten Sommer zusammen eine Bude gemietet.
 Im selben Moment sprang Sam auf und brllte aus voller Lunge: Bulle! Bulle! Er strzte sich auf mich und versuchte mir einen Schwinger zu versetzen, und als er nicht traf, einen Futritt. Ich packte seinen Fu, und er strzte der Lnge nach hin, wobei er an eins der elektronischen Gerte stie. Ein lautes, schrilles Heulen erfllte das Zimmer.
Ich hol das Thorazin, sagte Marvin. (Thorazin ist ein Tranquilizer, der die Wirkung des LSD aufhebt und gegeben wird, um schlechte Reisen zu beenden.) Nein, kein Thorazin , sagte ich. Helfen Sie mir lieber. Ich packte Sam und drckte ihn nieder. Bulle! Bulle! Bulle! schrie er ber das Geheul hinweg und zappelte und strampelte. Marvin starrte mich hilflos an.
Sams Kopf zuckte auf und nieder und bumste auf den Boden.
Er schob seinen Fu drunter, damit Sam sich nicht am Kopf verletzte. Sam schlug um sich und versuchte sich loszureien.
Pltzlich lie ich ihn los. Er richtete sich halb auf und sah seine Hnde an und dann mich.
He, Mann. Was ist los?
Nichts. Gar nichts, sagte ich.
Ich nickte Marvin zu, und er ging zu dem Gert und schaltete es aus. Das Geheul brach ab. Es war still im Zimmer.
Sam setzte sich auf und starrte mich an.
Mann, sagte er und strich ber meine Wange, sind Sie schn.
Und dann kte er mich.
Judith lag schon im Bett, als ich heimkam.
Na, was war? Ich begann mich auszuziehen. Ich hab einen Ku gekriegt.
Von Sally?
Nein. Von Sam Archer.
Dem Komponisten? Ich nickte.
Wieso?
Das ist eine lange Geschichte.
Ich bin noch gar nicht mde, sagte sie.
Ich erzhlte ihr das Ganze; dann stieg ich ins Bett und kte sie.
Komisch, sagte ich, ich bin noch nie von einem Mann gekt worden.
Sie streichelte meinen Hals. Und wie wars?
Nicht besonders.
Nein? sagte sie. Ich mags. Sie zog mich zu sich nieder.
Ich wette, du bist von vielen Mnnern gekt worden.
Manche knnens gut, manche nicht.
Und zu welchen gehre ich?
Zu denen, dies gut knnen.
Danke fr das Kompliment.
Sie leckte mit der Zunge meine Nasenspitze. Das war kein Kompliment, sagte sie, sondern eine Aufforderung.

 

 Mittwoch, 12. Oktober

 l

 Einmal im Monat hat Gott Erbarmen mit der Wiege der Freiheit und lt in Boston die Sonne scheinen. Heute war dieser Tag: khl, hell und klar; die Luft herbstlich frisch. Ich wachte mit dem Gefhl auf, da sich allerlei tun wrde. Ich frhstckte ausgiebig und a genieerisch zwei Eier. Dann ging ich in mein Arbeitszimmer, um mich auf den Tag vorzubereiten. Als erstes machte ich eine Liste von allen, mit denen ich gesprochen hatte, und berlegte, wer davon verdchtig war.
Die Hauptverdchtige bei jeder Abtreibung ist die Frau selbst, weil so viele Eigenabtreibungen vorkommen. Doch die Obduktion hatte gezeigt, da der Eingriff unter Narkose vorgenommen worden war; deshalb konnte sie es nicht selbst gemacht haben.
Ihr Bruder wute, wie man eine Abtreibung vornahm, doch er hatte in jener Nacht Dienst gehabt. Das lie sich nachprfen, und vielleicht wrde es ganz gut sein, das zu tun, doch vorlufig hatte ich keinen Grund, ihm nicht zu glauben. Peter Randall und J. D. kamen theoretisch beide in Frage. Doch irgendwie konnte ich mir von beiden nicht vorstellen, da sie es getan hatten.
Blieb also Art brig oder einer von Karens Beacon-Hill- Freunden oder irgendwer, mit dem ich noch nicht gesprochen hatte, von dem ich vielleicht gar nichts wute. Ich starrte eine Weile auf die Liste; dann rief ich das City-Krankenhaus an und lie mich mit dem Mallory Building verbinden. Alice war nicht da, und so sprach ich mit einer anderen Sekretrin.
Haben Sie schon den Obduktionsbefund von Karen Randall? 
Wie ist die Krankennummer?
Das wei ich nicht.
Es wre aber wesentlich einfacher, wenn Sie sie mir sagen knnten, sagte sie unfreundlich. Sehen Sie doch bitte mal nach, sagte ich. Ich wute, da die Sekretrin einen Karteikasten vor sich stehen hatte, der alphabetisch und nach Nummern geordnet die Befunde aller Obduktionen enthielt, die in den letzten vier Wochen gemacht worden waren. Es war wirklich nicht schwierig fr sie, ihn herauszusuchen.
Nach einer langen Pause sagte sie: Hier ist er. Vaginalblutung infolge Perforation des Uterus nach versuchter Dilation und Curettage bei dreimonatiger Schwangerschaft. Sekundre Diagnose: Anaphylaktischer Schock.
So? sagte ich stirnrunzelnd. Sind Sie ganz sicher?
Ich hab vorgelesen, was hier steht, sagte sie.
Vielen Dank.
Verblfft legte ich auf.
Judith stellte mir eine Tasse Kaffee auf den Schreibtisch und sagte: Was ist denn?
Im Obduktionsbefund steht, da Karen Randall schwanger war.
Was? Ich nickte.
Du warst doch berzeugt, da sies nicht war.
Eben.
Natrlich war es mglich, da ich mich irrte. Vielleicht hatte es sich bei der mikroskopischen Untersuchung herausgestellt.
Aber irgendwie schien mir das unwahrscheinlich.
Ich rief Murphy in seinem Labor an und fragte ihn, was der Hormontest ergeben hatte, doch er war noch nicht fertig  erst gegen Mittag. Ich sagte, ich wrde noch mal anrufen. Dann suchte ich mir aus dem Telefonbuch die Adresse von Angela Harding heraus. Sie wohnte in der Chestnut Street, einer sehr guten Gegend.
Ich fuhr zu ihr. Die Chestnut Street ist eine Seitenstrae der Charles Street, unterhalb des Beacon Hill. Es ist ein ruhiges Viertel mit Wohnhusern, Antiquittenlden, netten Restaurants und kleinen Lebensmittelgeschften; viele junge Akademiker wohnen dort  rzte und Anwlte und Bankiers, die eine gute Adresse brauchen, es sich aber nicht leisten knnen, hinaus nach Newton oder Wellesley zu ziehen, und auch alte rzte und Anwlte und Bankiers, Leute ber fnfzig und sechzig, deren Kinder erwachsen und verheiratet sind und die deshalb wieder in die Stadt zurckgezogen sind.
Natrlich wohnen dort auch ein paar Studenten, doch meistens zu dritt oder zu viert in einem kleinen Apartment, weil sie sich nur so die Mieten leisten knnen. Die lteren Leute mgen die Studenten; sie bringen ein bichen Farbe und Leben in die Gegend. Das heit, sie mgen die Studenten, wenn sie sauber aussehen und sich ordentlich benehmen.
In Angela Hardings Haus gab es keinen Lift; ich ging die Treppe zum ersten Stock hinauf und klopfte an ihre Tr. Ein schlankes, dunkelhaariges Mdchen ffnete. Sie trug einen Minirock und einen Sweater und eine groe, altmodische blaue Brille. Auf die eine Wange hatte sie eine Blume gemalt.
Angela Harding?
Nein, sagte sie. Da kommen Sie zu spt. Die ist schon weg. Aber vielleicht kommt sie bald wieder.
Mein Name ist Dr. Berry, sagte ich. Ich bin Pathologe.
Oh.
Sie bi sich in die Unterlippe und starrte mich mitrauisch an.
Sind Sie Bubbles?
Ja, sagte sie. Woher wissen Sie das? Dann schnippste sie mit den Fingern. Ach so. Sie sind der, der gestern abend bei Superhead war.
Ja.
Sie trat zurck. Kommen Sie rein. In der Wohnung waren fast berhaupt keine Mbel; die Wohnzimmereinrichtung bestand aus einer Couch und ein paar Kissen auf dem Boden, und durch eine offene Tr sah ich ein ungemachtes Bett.
Ich htte gern ein paar Ausknfte ber Karen Randall, sagte ich.
Bitte, sagte sie und sah mich fragend an.
Hat sie letzten Sommer hier bei Ihnen gewohnt?
Ja.
Wann haben Sie sie zum letztenmal gesehen?
Ich hab sie seit Monaten nicht gesehen. Und Angela auch nicht, sagte sie.
Hat Angela Ihnen das gesagt?
Ja, natrlich.
Wann hat sie Ihnen das gesagt?
Gestern abend. Wir haben gestern abend ber Karen gesprochen.
Wir haben erst gestern von der Sache gehrt.
Wer hats Ihnen erzhlt? Sie zuckte die Achseln. Mein Gott, so was hrt man doch.
Was?
Na, da sie bei einer Abtreibung draufgegangen ist.
Wissen Sie, wer die Abtreibung gemacht hat?
Sie haben irgendeinen Arzt verhaftet, sagte sie. Das wissen Sie doch sicher.
Ja, sagte ich.
Wahrscheinlich war ers, sagte sie achselzuckend. Sie strich ihr langes schwarzes Haar aus dem Gesicht. Sie war sehr bla. Obwohl ich das Ganze nicht recht glauben kann.
Wieso?
Na, Karen war doch nicht bescheuert. Ich kann mir nicht vorstellen, da sie sich noch mal darauf eingelassen htte. Sie hatte das doch schon ein paarmal durchgemacht  erst im letzten Sommer 
Da hat sie sich auch eine Abtreibung machen lassen?
Klar. Und danach hatte sie schreckliche Depressionen. Sie hat ein paar Trips gemacht, und die sind alle schiefgegangen.
Sie hat frchterliche Zustnde gekriegt, und sie wute, da das mit der Abtreibung zusammenhing, doch sie hat immer wieder LSD genommen. Es war grauenhaft. Einmal hat sie sich eingebildet, sie sei ein Messer. Sie kratzte an den Wnden rum und schrie die ganze Zeit, sie wre voll Blut, und die ganzen Wnde wren voll Blut und die Fenster wren schwarze tote Babys. Entsetzlich.
Und was haben Sie getan?
Versucht, sie zu beruhigen. Sie zuckte die Achseln. Was htten wir sonst tun sollen? Sie nahm eine Tasse und eine kleine Drahtschlinge vom Tisch und pustete in die Drahtschlinge. Lauter kleine Seifenblasen lsten sich davon und schwebten herab. Sie bckte ihnen nach. Eine nach der anderen fiel auf den Boden und zerplatzte.
Wer hat die Abtreibung im Sommer gemacht? fragte ich.
Bubbles lachte. Woher soll ich das wissen?
Was war damals?
Mein Gott, irgendein Kerl hatte sie angebumst. Sie hat gesagt, sie lt sichs wegmachen, und als sie eines Tages heimkam, wars erledigt.
Keine Komplikationen?
Nein. Sie pustete wieder eine Reihe Seifenblasen aus der Schlinge und blickte ihnen nach. Nicht, da ich wte. Entschuldigen Sie mich einen Moment.
Sie ging in die Kche, schenkte sich ein Glas Wasser ein und schluckte eine Kapsel.
Was ist das? fragte ich.
Eine Bombe.
Eine Bombe?
Noch nie gehrt? Sie fuchtelte ungeduldig mit der Hand.
Lifts. Jets. Bennies.
Amphetamin?
Methedrin.
Nehmen Sie das oft?
Typisch Arzt. Sie strich wieder ihr Haar zurck. Dauernd die Fragen.
Wo haben Sie das Zeug her? Ich hatte die Kapsel gesehen. Sie enthielt mindestens fnf Milligramm. Im allgemeinen gab es auf dem schwarzen Markt nur Kapseln mit einem Milligramm.
Am besten, Sie vergessens. Okay? sagte sie.
Warum haben Sies dann vor mir genommen? fragte ich.
Sie lachte. Vielleicht aus Angabe.
Hat Karen auch Putschmittel genommen?
Es gibt nichts, was Karen nicht genommen hat. Sie seufzte.
Sie hat sich das Zeug gespritzt.
Anscheinend machte ich ein ziemlich dummes Gesicht, denn sie bohrte ihren Finger in die Ellbogenbeuge, als wrde sie sich eine intravense Spritze geben.
Ich kenn sonst keinen Menschen, der sichs spritzt, sagte Bubbles. Aber Karen war so berdreht.
Womit hat sie ihre Trips gemacht? fragte ich.
Mit LSD. Und einmal mit DMT.
Wie hat sie sich danach gefhlt?
Furchtbar. Vllig down.
Und was war nach dieser Sache im Sommer?
Den restlichen Sommer ber hat sie sich mit keinem Kerl mehr eingelassen. Als ob sie Angst hatte.
Wissen Sie das genau?
Ja, sagte sie. Ganz genau.
Ich blickte mich um. Wo ist Angela?
Weggegangen.
Wohin? Ich htte sie gern gesprochen. Bubbles zuckte die Achseln. Keine Ahnung.
Ich hab gehrt, sie ist Schwester, sagte ich. Bubbles nickte.
Im selben Moment ging die Tr auf, und ein groes schlankes Mdchen strzte ins Zimmer. Ich kann den Bastard nirgends finden. Er hat sich versteckt, der gemeine  Sie sah mich und brach ab.
Bubbles deutete auf mich. Der Opa will dich sprechen.
Angela Harding setzte sich auf die Couch und zndete sich eine Zigarette an. Sie trug ein sehr kurzes schwarzes Kleid, schwarze Netzstrmpfe und schwarze Lackstiefel. Sie hatte langes dunkles Haar und ein hartes, klassisch schnes Gesicht, das wie gemeielt aussah, das Gesicht eines Mannequins. Ich konnte sie mir schlecht als Krankenschwester vorstellen.
Sind Sie der, der sich fr Karen interessiert? Ich nickte.
Setzen Sie sich, sagte sie. Was wollen Sie wissen? Bubbles sagte: Ang, ich hab ihm nichts 
Hol mir doch bitte ein Coke, Bubbles, ja? sagte Angela.
Bubbles nickte und ging in die Kche. Mchten Sie auch eins?
Nein, danke.
Sie zuckte die Achseln. Wie Sie wollen. Sie zog an der Zigarette und drckte sie aus. Ihre Bewegungen waren ein wenig hastig, doch ihr Gesicht war ruhig und verriet nichts.
Ich wollte vor Bubbles nicht ber Karen sprechen, sagte sie leise. Das Ganze hat sie ziemlich mitgenommen.
Die Sache mit Karen?
Ja. Sie war gut mit ihr befreundet.
Und Sie?
Nicht so gut.
Warum?
Anfangs hab ich sie ganz gern gemocht. Ich fand sie sehr nett; ein bichen berspannt vielleicht, aber sehr nett. Wir haben uns gut verstanden, und so haben wir drei uns zusammen eine Bude genommen. Spter schleppte Bubbles Superhead an, und ich steckte die ganze Zeit mit Karen zusammen. Das war aber leider nicht ganz einfach.
Warum?
Weil sie so verschroben war. Weil sie sich so verrckt aufgefhrt hat.
Bubbles kam mit der Flasche Coke. Wie kannst du so was sagen?
Vor dir nicht. Vor dir hat sie sich zusammengenommen.
Du bist doch blo wtend auf sie wegen 
Ja, ja, schon gut. Angela warf den Kopf zurck und schlug ihre langen Beine bereinander. Sie meint die Sache mit Jimmy. Jimmy war Assistent bei uns auf der Gynkologischen Station.
Sie haben auch dort Dienst gemacht?
Ja, sagte sie. Jimmy und ich sind miteinander gegangen, und es war alles in Butter zwischen uns. Bis Karen sich an ihn ranmachte.
Angela wich meinem Blick aus und zndete sich eine Zigarette an. Mir war nicht ganz klar, ob sie mit mir oder mit Bubbles sprach.
Ich htte das nie von ihr gedacht, sagte Angela. Wo wir doch so eng befreundet waren. Ich meine, es gibt doch gewisse Regeln 
Mein Gott, sie hat ihn eben gern gemocht, sagte Bubbles.
Ja  so schnell mal zwischendurch. Fr drei Tage. Angela stand auf und ging im Zimmer auf und ab. Ihr Kleid reichte knapp bis zur Mitte der Schenkel. Sie war ein umwerfend hbsches Mdchen, viel hbscher als Karen.
Du weit ganz genau, da das nicht stimmt, sagte Bubbles.
Du weit, da Jimmy 
Gar nichts wei ich, sagte Angela. Alles, was ich wei, ist, da Jimmy jetzt in Chicago bald mit seiner Assistentenzeit fertig ist und da ich nicht bei ihm bin. Wenn ich bei ihm wre, vielleicht 
Vielleicht, sagte Bubbles.
Was wre dann vielleicht? fragte ich.
Ach, nichts, sagte Angela.
Ich sagte: Wann haben Sie Karen zum letztenmal gesehen?
Ich wei nicht mehr genau. Irgendwann im August, glaube ich. Bevor sie aufs College ging.
Am letzten Sonntag haben Sie sie nicht gesehen?
Nein, sagte sie, weiter auf und ab gehend. Nein.
Merkwrdig. Alan Zenner hat sie letzten Sonntag gesehen.
Wer?
Alan Zenner. Ein Freund von ihr. Sie hat ihm gesagt, da sie Sie besuchen wollte.
Angela und Bubbles sahen sich verstohlen an. Bubbles sagte: Dieser gemeine 
Sie war nicht hier?
Nein, sagte Angela gereizt. Wir haben sie nicht gesehen.
Aber er war ganz sicher 
Wahrscheinlich hat sie sichs anders berlegt. Ist doch leicht mglich. Karen hat dauernd ihre Entschlsse gendert, von einer Minute zur anderen. Ich sag Ihnen doch, sie war nicht ganz zurechnungsfhig.
Ang, jetzt hr mal  sagte Bubbles.
Hol mir doch bitte noch ein Coke, ja? fuhr Angela sie an.
Bubbles stand gehorsam auf und ging in die Kche.
Bubbles ist ein nettes Mdchen, sagte Angela, aber ein bichen naiv. Sie sieht die Welt durch eine rosarote Brille.
Deshalb hat die Sache mit Karen sie so fertiggemacht.
Ich sagte nichts, und sie ging noch ein paarmal auf und ab und blieb dann pltzlich vor mir stehen. Haben Sie sonst noch irgendwelche Fragen? sagte sie in eisigem Ton.
Ich schttelte den Kopf. Ich wollte nur wissen, ob Sie Karen gesehen haben.
Nein. Das hab ich Ihnen doch schon gesagt.
Ich stand auf. Also, dann vielen Dank. Angela nickte, und ich ging zur Tr. Als Angela sie hinter mir zumachte, hrte ich Bubbles fragen: Ist er weg? Und Angela sagte: Halts Maul.


2

 Kurz vor zwlf rief ich Bradfords Kanzlei an, und die Sekretrin sagte mir, da George Wilson, einer von seinen Teilhabern, Lees Fall bernommen habe. Sie verband mich mit ihm. Er wirkte am Telefon sehr konziliant und selbstsicher, und wir vereinbarten, uns um fnf zu einem Drink zu treffen, doch nicht im Trafalgar Club, sondern bei Crusher Thompsons, einem Lokal im Zentrum. Danach a ich in einem Drive-in zu Mittag und las die Morgenzeitungen. Die Meldung ber Arts Verhaftung war inzwischen auf die Titelseite vorgedrungen; smtliche Zeitungen brachten sie mit groen Schlagzeilen, und in allen war ein Foto von Art. Er hatte dunkle, sadistische Ringe unter den Augen, sein Mund war verkniffen und sein Haar zerzaust. Er sah aus wie ein gemeiner Halunke. In den Artikeln stand nicht viel; im wesentlichen nur, da er verhaftet worden war. Mehr war auch gar nicht ntig; das Bild sagte genug, und ein unvorteilhaftes Bild stellt keinen unzulssigen Eingriff in ein schwebendes Verfahren dar. Nach dem Essen rauchte ich eine Zigarette und zog Bilanz. Viel hatte ich nicht herausgekriegt. Was ich ber Karen erfahren hatte, war zu widersprchlich und ungenau. Ich hatte keine klare Vorstellung von ihr, und ebensowenig klar war, was sie getan hatte und was passiert war, als sie bers Wochenende nach Boston kam, um sich eine Abtreibung machen zu lassen.
Um eins rief ich noch mal Murphys Labor an. Murphy meldete sich selbst.
Ich bins, Murphy. Was gibts Neues?
ber Karen Randall?
Na klar. Was sonst?
Weston vom City hat eben angerufen, sagte er. Er wollte wissen, ob du mir eine Blutprobe gebracht hast.
Und was hast du gesagt?
Ja.
Und er?
Er wollte das Ergebnis wissen. Ich habs ihm gesagt.
Und wie ist das Ergebnis?
Smtliche Hormon- und Sekretspiegel sind normal. Sie war nicht schwanger. Vllig ausgeschlossen.
Okay, sagte ich. Vielen Dank.
Ein kleines Stck brachte mich das weiter. Nicht viel, aber immerhin.
John, du wolltest mir doch erklren, worum es geht.
Kann ich noch nicht, sagte ich.
Du hasts mir versprochen.
Ich weiߓ, sagte ich. Aber ich kanns dir noch nicht sagen.

Da du einem alten Freund so was antust, sagte Murphy.
Sarah wird mich erschlagen. Sarah war seine Frau. Sie hungerte nach Klatsch.
Tut mir leid, aber es geht wirklich nicht.
Wenn sie sich scheiden lt, sagte er, verklag ich dich auf Schadenersatz.


3

 Um drei war ich im City-Krankenhaus. Der erste, auf den ich im Mallory Building stie, war Weston. Er sah mde aus und begrte mich mit einem schiefen Lcheln.
Wie ist der mikroskopische Befund? fragte ich. Negativ, sagte er. Keine Schwangerschaft.
Tatschlich?
Ja. Er warf einen Blick in die Mappe mit dem Obduktionsprotokoll.
Kein Zweifel.
Als ich heute vormittag anrief, sagte man mir, der Befund lautet auf Schwangerschaft im dritten Monat.
Mit wem haben Sie gesprochen? fragte Weston vorsichtig.
Mit einer Sekretrin.
Da mu irgendein Irrtum passiert sein.
Anscheinend, sagte ich.
Er gab mir die Mappe. Mchten Sie sich die Schnitte ansehen? 
Ja, gern.
Wir gingen ins Lesezimmer, einen langen, in einzelne Nischen abgeteilten Raum, in dem die Pathologen ihre Mikroskope und Schnitte aufbewahrten und ihre Obduktionsbefunde schrieben.
Vor einer der Nischen blieben wir stehen. Da, sagte Weston und deutete auf eine Schachtel mit Prparaten. Ich bin gespannt, was Sie davon halten. Er ging hinaus, und ich setzte mich vor das Mikroskop, schaltete das Licht ein und machte mich an die Arbeit. In der Schachtel waren dreiig Schnitte von den wichtigsten Organen. Sechs stammten von verschiedenen Teilen des Uterus; die nahm ich mir zuerst vor. Auf den ersten Blick war mir klar, da das Mdchen nicht schwanger gewesen war. Zur Sicherheit sah ich mir aber noch ein paar andere Schnitte an. Sie zeigten keine wesentlichen Unterschiede.
Ich berlegte. Das Mdchen war nicht schwanger gewesen, hatte sich aber eingebildet, es zu sein, weil ihre Perioden ausgeblieben waren. Aber aus welchem Grund waren ihre Perioden ausgeblieben? Ich versuchte eine Differentialdiagnose zu stellen.
Bei einem Mdchen dieses Alters mute man als erstes seeli- sche Ursachen in Betracht ziehen. Die mit dem Schulbeginn und der Umstellung auf eine neue Umgebung verbundene Aufregung und Belastung konnte vorbergehend die Menstruation hemmen  doch nicht drei Monate lang. Und auerdem erklrte das nicht die anderen Symptome: Gewichtszunahme, Vernderungen der Krperbehaarung und so weiter. Die nchste Mglichkeit waren hormonale Strungen. Auch das erschien uerst unwahrscheinlich, lie sich aber leicht feststellen.
Ich legte den Nebennierenschnitt unters Mikroskop. Alles normal. Als nchstes sah ich mir die Eierstockschnitte an. Hier waren die Vernderungen auffallend. Die Follikel waren klein, unreif, geschrumpft. Ovarialtumor war auszuschlieen.
Zum Schlu schob ich den Schilddrsenschnitt unters Objektiv.
Bereits bei schwchster Einstellung war die Atrophie der Drse zu erkennen. Die Follikel waren geschrumpft, die Basalzellen verkmmert. Eindeutig Hypothyreose, also Unterfunktion der Schilddrse.
Die Schilddrse, die Nebennieren und die Eierstcke waren also krankhaft verndert. Die Diagnose war klar, aber was war die Ursache? Ich schlug die Mappe auf und las den Bericht durch. Weston hatte ihn geschrieben; der Stil war klar und knapp. Im mikroskopischen Befund wies er darauf hin, da die Gebrmutterschleimhaut dnn und abartig aussah; das Aussehen der anderen Drsen bezeichnete er als normal, fgte jedoch hinzu: Eventuell krankhafte Vernderungen im Anfangsstadium.
 Ich klappte die Mappe zu und ging zu ihm.
Sein Bro war gro, voller Bcherregale und sehr gemtlich.
Er sa hinter einem alten, wuchtigen Schreibtisch, eine Pfeife im Mund, und wirkte sehr professoral und ehrwrdig. Na, was ist? fragte er.
Ich zgerte. Einen Moment lang hatte ich mich gefragt, ob er zu denen bergelaufen war, die Art was anhngen wollten. Doch das war lcherlich; Weston lie sich nicht kaufen, nicht in seinem Alter, bei seinem Ruf. Auerdem stand er der Familie Randall nicht besonders nahe. Er hatte keinen Grund, einen falschen Bericht zu verfassen.
Wenn ich ganz offen sein darf, sagte ich, ich habe mich ein wenig ber Ihren mikroskopischen Befund gewundert.
Er zog an seiner Pfeife. So?
Ja. Ich habe mir die Schnitte angesehen, und sie kommen mir ziemlich atrophisch vor. Vielleicht sollten Sie  Er lachte leise. Ich wei, was Sie sagen wollen. Da ich sie mir noch mal ansehen sollte, sagte er lchelnd. Ich habe sie mir ein zweites Mal angesehen. Mir ist klar, da von dem Befund viel abhngt, und deshalb war ich sehr genau. Als ich die Schnitte das erste Mal untersuchte, hatte ich den gleichen Eindruck wie Sie  mglicherweise Unterfunktion der Hirnanhangdrse (Panhypopituitarismus) mit Schdigung aller drei Zielorgane: Schilddrse, Nebennieren und Eierstcke. Und deshalb habe ich mir noch einmal die Organe makroskopisch angeschaut. Aber wie Sie ja selbst gesehen haben  an den Organen war nichts besonders Abnormales.
Vielleicht war es erst im Anfangsstadium, sagte ich.
Knnte natrlich sein, sagte er. Am besten wre es, man wrde sich das Gehirn ansehen, um festzustellen, ob ein Neoplasma oder ein Infarkt vorliegt. Aber das ist leider nicht mglich. Die Leiche wurde heute morgen eingeschert. Er blickte lchelnd zu mir auf. Setzen Sie sich doch, John. Es macht mich ganz nervs, wenn Sie so dastehen.
Als ich mich gesetzt hatte, sagte er: Ich hab mir also die Organe angesehen und dann noch mal die Schnitte. Da ich mir jetzt nicht mehr so sicher war, hab ich mir ein paar alte Schnitte von Panhypopituitarismus rausgesucht und mit den Randall- Schnitten verglichen. Meine Zweifel, ob es sich nicht vielleicht doch um eine Hypophysenstrung handelt, wurden immer strker. Ich wollte irgendeine Besttigung. Aus diesem Grund habe ich Jim Murphy angerufen.
Ach, deshalb?
Ja. Seine Pfeife war ausgegangen. Er zndete sie wieder an. Ich vermutete, da Sie die Blutprobe entnommen hatten, um Oestradioltests machen zu lassen, und da Sie Murphy damit beauftragt hatten. Ich wollte wissen, ob Sie ihn gebeten hatten, auch andere Hormonspiegel zu bestimmen.
Warum haben Sie nicht einfach mich angerufen?
Habe ich ja, aber bei Ihnen im Labor wute niemand, wo Sie sind.
Ich nickte. Alles, was er sagte, klang vllig einleuchtend.
Langsam lste sich meine Spannung. brigens, sagte Weston,  ich habe gehrt, da vor einiger Zeit bei Karen Randall Schdelaufnahmen gemacht worden sind. Wissen Sie, was dabei herausgekommen ist?
Nichts, sagte ich. Sie waren o. B.
Er seufzte. Also hilft uns das auch nicht weiter.
Vielleicht doch, sagte ich.
Wieso?
Ich habe mich erkundigt, warum sie gemacht worden sind.
Weil sie ber Sehstrungen klagte.
Weston zuckte die Achseln. Wissen Sie, was in den meisten Fallen die Ursache von Sehstrungen ist?
Nein.
Zuwenig Schlaf, sagte er und klemmte die Pfeife zwischen die Zhne. Was wrden Sie in meiner Lage tun? Auf Grund von Beschwerden, deren Ursache rntgenologisch nicht festzustellen war, eine Diagnose stellen?
Und die Schnitte? fragte ich.
Die erlauben auch keine eindeutige Diagnose. Er schttelte langsam den Kopf. Die Sache ist schon kompliziert genug, John. Ich denke nicht daran, sie durch eine Diagnose, die ich nicht hundertprozentig vertreten kann, noch mehr zu komplizieren.
Mglicherweise mte ich vor Gericht dafr einstehen. Ich habe keine Lust, meinen Kopf dafr hinzuhalten. Wenn der Staatsanwalt oder der Verteidiger das Material durch einen Pathologen begutachten lassen mchte und wenn der bereit ist, seinen Kopf hinzuhalten  bitte. Das Material steht jederzeit zur Verfgung. Aber ich werde mich hten. Eine Lehre zumindest habe ich aus meinen Erfahrungen mit der Justiz gezogen.
Was fr eine?
Nie eine Stellung zu beziehen, wenn man nicht sicher ist, da man sie gegen jeden Angriff verteidigen kann, sagte er lchelnd. Das klingt vielleicht wie ein Ratschlag fr einen General, aber ein Proze ist ja eine Art Krieg.


4

 Ich mute mit Sanderson sprechen. Ich hatte ihm versprochen, ihn zu informieren, und auerdem brauchte ich dringend seinen Rat. Als ich durch die Halle des Lincoln ging, traf ich Harry Fallon.
Harry trug einen Regenmantel, und seinen Hut hatte er tief in die Stirn gezogen. Er ist Internist und hat eine groe Vorstadtpraxis in Newton; frher war er mal Schauspieler. Als ich ihn begrte, schob er seinen Hut ein Stck zurck. Seine Augen waren blutunterlaufen, sein Gesicht bla. Ich bin schrecklich erkltet, krchzte er.
Zu wem willst du denn?
Zu Dr. Gordon. Er holte ein Papiertaschentuch hervor und schneuzte laut hinein. Wegen meiner Erkltung.
Ich lachte. Du sprichst ja, als ob du ein Paket Watte im Hals httest.
Er nieste. Ich wei wirklich nicht, was daran so komisch ist.
Er hatte natrlich recht. Alle praktizierenden rzte haben Angst davor, krank zu werden. Schon kleine Erkltungen sind schlecht fr ihr Image, und ernste Erkrankungen werden vor den Patienten streng geheimgehalten. Als der alte Henley in seinen letzten Jahren eine chronische Nierenentzndung bekam, setzte er alles daran, seine Patienten nichts davon merken zu lassen. Er besuchte seinen Arzt mitten in der Nacht und schlich zu ihm wie ein Dieb.
Kommt mir gar nicht so schlimm vor, sagte ich.
Ha! Meinst du? Hr dir das an. Er schnaubte wieder mit einem langgezogenen prustenden Gerusch durch die Nase, das wie das Tten eines Nebelhorns klang. Und das geht jetzt schon zwei Tage so. Zwei entsetzliche Tage. Meine Patienten sehen mich schon ganz komisch an.
Was nimmst du denn dagegen?
Heien Grog, sagte er. Das ist das beste gegen Viren.
Aber anscheinend hat sich alles gegen mich verschworen. Als ob das noch nicht gengt, hab ich heute auch noch einen Strafzettel gekriegt. Wegen falschem Parken.
Ich lachte, doch irgendwo in einem Winkel meines Hirns qulte mich etwas; das dunkle Gefhl, da ich etwas bersehen oder vergessen hatte  ein Gefhl, das mich ganz nervs machte.
Ich fand Sanderson in der Bibliothek. Das ist ein rechteckiger Raum, in dem ein paar Reihen Klappsthle und ein Projektor und eine Leinwand stehen. Hier werden die pathologischen Befunde berprft und diskutiert, und diese Besprechungen sind so hufig, da man fast nie an die in der Bibliothek untergebrachten Bcher rankann. Auf den Regalen standen Karteiksten, die die Befunde smtlicher Obduktionen enthielten, die seit 1923 im Lincoln gemacht worden sind. Vorher hatte man sich nicht besonders darum gekmmert, wie viele Leute an dieser und jener Krankheit starben, doch die rasche Entwicklung auf dem Gebiet der Medizin brachte es mit sich, da man sich immer mehr dafr interessierte. Ein Beweis dafr war die Zahl der Obduktionen; die Befunde des Jahres 1923 fllten einen kleinen Kasten; die des Jahres 1965 nahmen ein halbes Regal ein. Siebzig Prozent aller im Krankenhaus gestorbenen Patienten wurden jetzt obduziert, und man dachte bereits daran, von den Befunden Mikrofilme anzufertigen, um sie besser archivieren zu knnen.
In einer Ecke des Raums standen ein elektrischer Kaffeetopf, eine Dose Zucker und ein Stapel Pappbecher, und an der Wand darber hing ein Schild mit der Aufschrift: Ein Becher 5 Cent.
Bezahlung Ehrensache. Sanderson bastelte an dem Topf herum; anscheinend funktionierte er wieder einmal nicht.
Generationen von rzten hatten sich bereits damit herumgergert; es hie, da niemand seine Assistenzzeit im Lincoln beenden drfe, bevor er diese Tcken nicht gemeistert habe.
An dem verdammten Ding werd ich mir noch mal einen tdlichen Schlag holen, murmelte Sanderson. Es knisterte leise, als er den Stecker in die Dose tat. Sahne und Zucker?
Bitte, sagte ich.
Sanderson fllte zwei Becher, den Topf mit ausgestreckten Armen von sich weghaltend. Jeder wute, da Sanderson alles Technische hate. Mit dem menschlichen Krper und seinen Funktionen stand er in bestem, fast instinktivem Einvernehmen, doch alles Mechanische, Metallische, Elektrische war ihm ein Greuel. Er lebte in stndiger Angst, sein Auto, sein Fernseher oder seine Stereoanlage knnten kaputtgehen, und betrachtete sie alle als potentielle Verrter und Deserteure.
Sanderson war ein groer, krftig gebauter Mann; frher einmal war er in der Rudermannschaft von Harvard gewesen.
Seine Unterarme und Handgelenke waren so dick wie bei anderen die Waden. Sein Gesicht war meist ernst und nachdenklich; man htte ihn fr einen Richter halten knnen oder fr einen ausgezeichneten Pokerspieler. Hat Weston seine Meinung gendert? fragte er. Nein.
Das klingt ja ziemlich verzweifelt.
Das bin ich auch.
Sanderson schttelte den Kopf. Niemand wrde Weston dazu bringen, einen falschen Befund zu schreiben. Wenn er sagt, da er sich nicht sicher war, dann stimmt das auch.
Knnten Sie sich die Schnitte nicht mal ansehen?
Sie wissen doch ganz genau, da das unmglich ist, sagte Sanderson.
Er hatte recht. Wenn er im Mallory auftauchte und darum bat, die Schnitte untersuchen zu drfen, wrde Weston das als persnliche Beleidigung auffassen. So etwas tat man nicht.
Ich sagte: Und wenn er Sie darum bitten wrde 
Warum sollte er das?
Ich wei nicht.
Weston hat seine Diagnose gestellt und seinen Namen druntergesetzt.
Damit ist die Sache erledigt. Aber vielleicht kommt sie whrend des Prozesses zur Sprache. Ich war ziemlich deprimiert. In den letzten Tagen war mir immer klarer geworden, da es gar nicht zu einem Proze kommen durfte. Ein Proze, selbst wenn er mit einem Freispruch endete, wrde Arts Ruf und Ansehen und seine Praxis schwer schdigen.
Sie glauben also, da bei Karen Randall eine Unterfunktion der Hypophyse vorlag? fragte Sanderson.
Ja.
Und was war Ihrer Meinung nach die Ursache?
Vermutlich eine Geschwulst.
Des Hypophysenvorderlappens?
Wahrscheinlich.
In welchem Stadium?
Sehr lange kann sies noch nicht gehabt haben, sagte ich.
Eine Durchleuchtung vor ein paar Monaten hat nichts ergeben.
Doch sie hat ber Sehstrungen geklagt.
Vielleicht wars ein Pseudotumor? Pseudotumor cerebri ist eine Sache, die vor allem bei Frauen und kleinen Kindern vorkommt. Die Patienten bekommen smtliche Symptome eines Tumors, haben aber in Wirklichkeit gar keinen. Bei Frauen tritt die Strung manchmal auf, wenn sie Antibabypillen nehmen. Doch soviel ich wute, hatte Karen keine genommen. Ich sagte das Sanderson.
Ein Jammer, da wir keine Gehirnschnitte haben, sagte er.
Ich nickte.
Andererseits, sagte Sanderson, steht fest, da eine Ausschabung vorgenommen worden ist.
Sicher, sagte ich. Aber das ist in meinen Augen nur ein weiterer Beweis dafr, da Art es nicht gewesen ist. Er htte nie eine Ausschabung vorgenommen, ohne zuerst einen Kaninchentest zu machen, und der wre negativ gewesen.
Das ist bestenfalls ein Indiz.
Natrlich, sagte ich, aber ein sehr handfestes.
Es gibt noch eine andere Mglichkeit, sagte Sanderson.
Vielleicht hat derjenige, der die Ausschabung gemacht hat, Karens Behauptung, sie wre schwanger, nicht bezweifelt.
Ich runzelte die Stirn. Ausgeschlossen. Art hat das Mdchen berhaupt nicht gekannt; er hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Er htte nie 
Ich meine ja gar nicht Art, sagte Sanderson. Er starrte auf seine Fe.
Wieso  wen sonst?
Ach, das ist nur so eine dunkle Vermutung von mir  Ich wartete.
Es ist schon soviel Dreck aufgewhlt worden. Ich wei wirklich nicht, ob ich das sagen soll  Ich schwieg.
Ich hatte keine Ahnung davon, sagte er zgernd. Ich dachte immer, ich wte in dieser Hinsicht ganz gut Bescheid, aber ich hab erst heute davon erfahren. Sie knnen sich ja denken, da die gesamte rzteschaft vllig aus dem Huschen ist. J. D. Randalls Tochter stirbt an einer Abtreibung  das ist fr die anderen rzte natrlich ein gefundenes Fressen, und vor allem fr die rztefrauen. Er seufzte. Die Frau von einem Kollegen hats meiner Frau erzhlt. Obs stimmt, wei ich nicht.
Ich drngte Sanderson nicht. Sollte er sich ruhig Zeit lassen.
Ich zndete mir eine Zigarette an und wartete.
Verdammt noch mal, sagte er, wahrscheinlich ist es nur dummer Tratsch. Ich kann mir nicht denken, da ich nie was davon gehrt htte.
Wovon? fragte ich nun doch.
Da Peter Randall Abtreibungenmacht . Ganz im geheimen und nur in besonderen Fllen.
Mein Gott, sagte ich und setzte mich auf einen Stuhl. Ich kanns fast nicht glauben, sagte Sanderson. Ich zog an meiner Zigarette und berlegte. Ob J. D. davon wute? Dachte er, Peter htte es getan, und versuchte er, ihn zu decken? Hatte er deshalb von einer Familienangelegenheit gesprochen? Aber wenn es so war  wie war Art dann in das Ganze hineingeraten? Aber htte denn Peter so ohne weiteres bei dem Mdchen eine Ausschabung gemacht? Es hatte doch genug Anhaltspunkte dafr gegeben, da ihr etwas anderes fehlte. Ein so guter Arzt wie er htte doch auf die Idee kommen mssen, da sie einen Hypophysentumor hatte. Wenn das Mdchen ihm erzhlt htte, da sie schwanger sei, wren ihm doch sicher ihre Sehstrungen eingefallen, und er htte verschiedene Untersuchungen und Tests gemacht. Peter wars nicht, sagte ich.
Vielleicht hat sie ihn unter Druck gesetzt. Sie hatte doch nur bers Wochenende Zeit, und so hat ers schnell gemacht.
Nein. Er htte sich von ihr nicht unter Druck setzen lassen.
Schlielich war sie doch seine Nichte.
Er hat mir selbst erzhlt, wie hysterisch sie war, sagte ich.
Kann man mit hundertprozentiger Sicherheit ausschlieen, da ers war?
Nein, gab ich zu.
Angenommen, er wars. Und angenommen, Mrs. Randall wute von der Abtreibung. Oder das Mdchen hat ihr, bevor sie starb, gesagt, da Peter sie gemacht hat. Was htte Mrs.
Randall tun sollen? Ihren Schwager denunzieren? Ich verstand, was er meinte. Eins der vielen Rtsel dieses Falles wre damit immerhin gelst gewesen  warum Mrs.
Randall die Polizei verstndigt hatte. Doch ich konnte es nicht glauben, und ich sagte das Sanderson. Sie wollen es nicht glauben, weil Sie Peter mgen.
Kann sein.
Sie knnen es sich nicht leisten, ihn oder irgend jemand anders auszuklammern. Wissen Sie, wo Peter Sonntag nacht war?
Nein.
Ich auch nicht, sagte Sanderson. Man sollte versuchen, das herauszukriegen.
Ich glaube nicht, da das von Bedeutung ist, sagte ich.
Peter htte so was nie getan. Und wenn, dann htte er sie nicht so zugerichtet. Keinem richtigen Arzt wre so ein Schnitzer passiert.
Sind Sie da so sicher?
Schauen Sie, wenn man Peter zutraut, da er es gemacht hat  ohne grndliche Untersuchung, ohne Tests , dann mu man es auch Art zutrauen.
Eben, sagte Sanderson leise. Der Gedanke ist mir auch schon gekommen.


5

 Ich war ziemlich wtend, als ich Sanderson verlie  warum, war mir nicht ganz klar. Vielleicht hatte er recht; vielleicht war es unvernnftig und unlogisch von mir, nach festen Punkten zu suchen, nach Dingen und Leuten, auf die man sich sttzen konnte.
Doch da war noch etwas anderes. Wenn es zu einem Proze kam, bestand die Mglichkeit, da Sanderson und ich hineingezogen wurden und da das Spiel, das wir mit dem Gewebekomitee getrieben hatten, aufgedeckt wurde. Sowohl fr Sanderson wie fr mich stand eine Menge auf dem Spiel, ebensoviel wie fr Art. Wir hatten nicht darber gesprochen, doch ich war mir dessen genau bewut, und Sanderson bestimmt auch. Und das warf ein ganz anderes Licht auf die Sache.
Sicher, wir konnten versuchen, Peter Randall zu berfhren.
Doch wir wrden uns ber unser Motiv nicht genau im klaren sein. Wir konnten uns einreden, da wir es taten, weil wir glaubten, da Peter Randall es gewesen sei. Oder weil wir einen Unschuldigen retten wollten. Doch wir wrden uns immer wieder fragen, ob wir es nicht taten, um uns selbst zu schtzen.
Bevor ich etwas unternahm, mute ich mehr wissen. Vorausgesetzt, Sanderson hatte recht, so erhob sich die Frage, ob Mrs.
Randall wute, da Peter die Abtreibung gemacht hatte, oder ob sie es nur vermutete. Und wenn Mrs. Randall es nur vermutete und Peter vor der Verhaftung bewahren wollte, warum hatte sie dann Art beschuldigt? Was wute sie von Art? Art Lee war ein umsichtiger und vorsichtiger Mann. Er hatte relativwenig Patientinnen; nur wenige rzte wuten, da er Abtreibungen machte, und er machte sie nur in sorgfltig ausgewhlten Fllen. Wieso hatte Mrs. Randall davon gewut? Es gab jemanden, der mir diese Frage vielleicht beantworten konnte: Fritz Werner.
Fritz Werner wohnte in der Beacon Street. Im Parterre seines Hauses befanden sich die Praxis  ein Vorzimmer und ein groer, gemtlicher Raum mit einem Schreibtisch, einem Lehnstuhl und einer Couch  und die Bibliothek; im ersten und zweiten Stock lag seine Wohnung. Ich ging in den ersten Stock hinauf und trat ins Wohnzimmer, das den vertrauten Anblick bot: der groe Schreibtisch am Fenster, voller Bleistifte, Pinsel, Skizzenhefte, Farbtuben; Zeichnungen von Picasso und Miro an den Wnden; ein Foto von T. S. Eliot, der mit dsterer Miene in die Kamera starrte; ein Bild von Marianne Moore mit Widmung. Werner sa in einem wuchtigen Polstersessel. Er trug Blue jeans und einen riesigen, viel zu weiten Sweater. Im Mund hatte er eine dicke Zigarre und auf den Ohren Stereokopfhrer.
Trnen rollten ber seine mageren, blassen Wangen.
Als er mich sah, wischte er sich die Augen und nahm die Kopfhrer ab.
Ah, John. Kennst du Albinoni?
Nein, sagte ich.
Dann hast du das Adagio noch nie gehrt?
Ich frchte, nein.
Es macht mich immer traurig, sagte er und tupfte mit dem Taschentuch die Augen ab. Entsetzlich traurig. Diese Se  Setz dich doch.
Ich setzte mich. Er schaltete den Plattenspieler aus und nahm die Platte herunter. Er staubte sie sorgfltig ab und steckte sie in die Hlle.
Schn, da du vorbeischaust. Was gibts Neues?
Allerlei.
Warst du bei Bubbles?
Ja.
Wie findest du sie?
Verwirrend.
Wie meinst du das? Ich lchelte. Hr auf, mich zu analysieren, Fritz. Ich bezahle Arztrechnungen grundstzlich nicht.
Nein?
Erzhl mir von Karen Randall, sagte ich. Wirklich eine scheuliche Geschichte.
Jetzt redest du wie Charlie Frank.
Charlie ist nicht so dumm, wie du denkst, sagte er. brigens, habe ich dir schon erzhlt, da ich einen neuen Freund habe?
Nein, sagte ich.
Ein wundervoller Mensch, hchst amsant. Wir mssen mal ber ihn reden.
Wir wollten ber Karen Randall reden, sagte ich.
Ach ja. Er holte tief Luft. Du willst also wissen, wie sie war, sagte er. Sie war kein nettes Mdchen. Sie war ein gemeines, verlogenes, widerliches Ding mit einer schweren Neurose. Hart an der Grenze zur Psychose, wenn dus genau wissen willst.
Er ging ins Schlafzimmer und zog seinen Sweater aus. Ich ging ihm nach und sah ihm zu, wie er ein frisches Hemd anzog und sich eine Krawatte umband.
Ihre Probleme, sagte er, waren sexueller Art. Das alte Lied: Unterdrckung durch die Eltern in der Kindheit. Ihr Vater ist alles andere als gut angepat. Typisch, da er diese Frau geheiratet hat. Kennst du sie?
Die jetzige Mrs. Randall?
Ja. Ein grliches Weib, sagte er erschaudernd, whrend er sich vor dem Spiegel die Krawatte band.
Hast du Karen gekannt? fragte ich.
Leider ja. Und ihre Eltern kenne ich auch. Moment mal, wo hab ich sie eigentlich kennengelernt? Ach ja, auf dieser herrlichen, wundervollen Party bei der Barone de 
Bitte, Fritz, sagte ich.
Er seufzte. Dieses Mdchen, diese Karen Randall, sagte er, war ein Spiegelbild der Neurosen ihrer Eltern. Sie setzte die Trume ihrer Eltern in die Tat um.
Was fr Trume?
Na, die Formen zu zerbrechen  sexuell frei zu sein, sich nicht um die Meinung der Leute zu kmmern, mit unmglichen Leuten zu verkehren. Mit Sportlern, Schwarzen und so.
Verkehren im gesellschaftlichen und sexuellen Sinn.
War sie mal bei dir in Behandlung?
Nein  Gott sei Dank nicht. Ich sollte sie mal behandeln, aber ich hab abgelehnt. Ich hatte damals drei andere junge Mdchen, und die haben mir gengt.
Wer hat dich darum gebeten?
Peter natrlich. Er ist der einzige einigermaen Normale in der Familie.
Was weit du von Karens Abtreibungen?
Abtreibungen?
Komm, tu doch nicht so, Fritz.
Er ging zum Schrank, nahm ein Sportjackett heraus, zog es an und zupfte an den Aufschlgen. Da das so schwer begreiflich zu machen ist, sagte er kopfschttelnd. Es ist immer wieder das gleiche  der gleiche Vorgang, das gleiche Syndrom, die gleichen Symptome; ebenso hufig und ebenso leicht diagnostizierbar wie ein Herzinfarkt. Ein Kind, das sich auflehnt, peilt den schwachen Punkt seines Vaters oder seiner Mutter an  mit unfehlbarer, unheimlicher Genauigkeit  und hackt darauf herum. So lange, bis es bestraft wird, und die Strafe soll von der gleichen Art sein wie der schwache Punkt.
Es mu alles zusammenpassen: Wenn jemand auf franzsisch eine Frage stellt, dann will er eine Antwort auf franzsisch.
Das verstehe ich nicht.
Karen ging es darum, bestraft zu werden. Sie wollte bestraft werden, und die Strafe sollte, wie ihre Auflehnung, sexueller Art sein. Sie wollte den Geburtsschmerz erleiden und auf diese Weise symbolisch mit ihrer Familie, ihrer Gesellschaft, ihrer Moral brechen  sie wollte leiden, und deshalb wurde sie schwanger.
Wie oft ist sie schwanger gewesen?
Zweimal, soviel ich wei. Das hab ich aber nur von anderen Patientinnen gehrt. Eine Menge Frauen fhlten sich durch Karen bedroht. Sie rttelte an ihrem Wertsystem, das System, nach dem sie Gut und Bse geordnet haben. Sie forderte sie heraus, gab ihnen zu verstehen, da sie alt und sexuell reizlos und furchtsam und dumm sind. Eine ltere Frau ertrgt so eine Bedrohung nicht; sie jagtihr Angst ein. Sie mu sich dagegen verteidigen, mu sich wehren, und so bildet sie sich eine Meinung, hinter der sie sich verschanzen kann  sie verdammt die Karens dieser Welt.
Du hast also eine Menge Klatsch gehrt.
Ich habe eine Menge Angst gesehen. Er zog an seiner Zigarre. Blauer Rauch schwebte durch die Sonnenstrahlen, die ins Zimmer fielen. Er setzte sich aufs Bett und zog seine Schuhe an.
Offen gesagt, fuhr er fort, allmhlich bekam ich auch eine ziemliche Wut auf sie. Sie hats bertrieben, sie ist zu weit gegangen.
Vielleicht konnte sie nicht anders.
Vielleicht, sagte er, htte sie eine ordentliche Tracht Prgel gebraucht.
Das sagst du als Seelenarzt? Er grinste. Das sage ich aus begrndeter menschlicher Emprung.
Wenn du wtest, wie viele Frauen sich auf entsetzliche Affren eingelassen haben  und alles blo wegen Karen 
Diese Frauen interessieren mich nicht, sagte ich. Sondern Karen.
Sie ist tot, sagte Fritz.
Du scheinst ja fast froh darber zu sein.
Quatsch. Wie kannst du so was sagen?
Fritz, sagte ich, wie viele Abtreibungen hat sich Karen auer der am letzten Wochenende machen lassen?
Zwei.
Eine im letzten Sommer, sagte ich. Im Juli. Und vorher noch eine?
Ja.
Wer hat sie gemacht?
Keine Ahnung, sagte er, an seiner Zigarre ziehend.
Es mu jemand gewesen sein, der was davon verstanden hat, sagte ich, denn Bubbles hat mir erzhlt, da sie nur einen Nachmittag lang weg war. Es mu ein sehr guter Arzt gewesen sein, sehr geschickt und erfahren.
Anzunehmen. Sie hatte ja genug Geld.
Ich sah ihn an, wie er da auf dem Bett sa und, seine Zigarre paffend, die Schuhe zuschnrte. Ich war nur sicher, er wute es. War es Peter Randall, Fritz?
Warum fragst du, wenn dus weit?
Ich wei es nicht. Ich vermute es nur.
Du kannst einen ganz schn fertigmachen, mein Lieber.
Also schn: es war Peter.
Wute J. D. davon?
Um Himmels willen! Nein!
Und Mrs. Randall?
Hmmm. Er zuckte die Achseln. Mglich wrs. Aber ich bezweifle es.
Wute J. D., da Peter Abtreibungen macht?
Klar. Das wei doch jeder. Peter ist einer der grten Abtreiber von Boston.
Aber J. D. hat nie von der Abtreibung bei Karen erfahren?
Nein.
In welcher Beziehung steht Mrs. Randall zu Art Lee?
Du bist heute aber sehr scharfsinnig, sagte Fritz. Ich wartete.
Fritz zog zweimal an seiner Zigarre, hllte sein Gesicht in einen Rauchschleier und starrte zur Decke auf.
Ach so, sagte ich. Wann?
Vergangenes Jahr. Gegen Weihnachten, glaube ich.
J. D. ist nicht dahintergekommen?
Du weit doch sicher, sagte Fritz, da J. D. vergangenes Jahr im November und Dezember in Indien war, im Auftrag des State Department. Irgendwas mit Entwicklungshilfe oder so.
Und wer war der Vater?
Darber gibts verschiedene Meinungen. Aber niemand wei es genau  vielleicht nicht mal Mrs. Randall.
Wieder hatte ich das Gefhl, da er log.
Fritz! Willst du mir nun helfen oder nicht?
Du bist unwahrscheinlich gerissen, Mensch. Er stand auf, ging zum Spiegel und knpfte sein Jackett zu. Dann fuhr er mit den Hnden ber die Brust. Das war eine Gewohnheit von ihm; er betastete dauernd seinen Krper, als wollte er sich vergewissern, da er noch da sei.
Ich habe mir oft gedacht, sagte er, die jetzige Mrs. Randall knnte ganz gut Karens Mutter sein. In dieser Hinsicht waren sie sich ungeheuer hnlich. Mrs. Randall ist mindestens so mannstoll wie Karen.
Ich zndete mir eine Zigarette an. Warum hat J. D. sie geheiratet?  Fritz zuckte die Achseln und steckte ein Taschentuch ein. Er zerrte die Hemdmanschetten aus den Jackenrmeln. Was wei ich? Diese Heirat war damals eine ziemliche Sensation.
Sie ist zwar aus guter Familie und wurde in einem Schweizer Internat erzogen. Aber fr einen Mann von ber sechzig, der noch dazu ein vielbeschftigter Chirurg ist, war sie nicht das Richtige. Sie fing bald an, sich in ihrem muffigen Haus zu langweilen. In Internaten lernt man ja, sich unter allen Umstnden zu langweilen.
Er drehte sich um und blickte ber die Schulter noch einmal in den Spiegel. Und so hat sie sich eben Vergngungen gesucht, sagte er.
Wie lange ging das so?
ber ein Jahr.
Hat sie dafr gesorgt, da Karen das Kind weggemacht wurde?
Mglich wrs, aber ich glaube kaum. Ich glaube eher, da das Signe getan hat.
Signe?
Ja. J. D.s Geliebte.
Ich holte tief Luft. Solltedas ein Witz sein? J. D. hatte eine Geliebte?
Ja, eine Finnin. Sie hat im Memorial gearbeitet, im kardiologischen Labor. Eine ziemliche Sexbombe, soviel ich wei.
Hast du sie mal kennengelernt?
Leider nein.
Woher weit du das dann? Er lchelte geheimnisvoll.
Karen hat diese Signe gemocht?
Ja. Sie waren gute Freundinnen. Altersmig waren sie ja nicht allzuweit auseinander.
Fritz schwieg einen Moment; dann fuhr er fort: Du mut wissen, Karen hat an ihrer Mutter, der ersten Mrs. Randall, sehr gehangen. Als sie vor zwei Jahren an Krebs starb  Mastdarm, glaub ich , war das ein schwerer Schlag fr Karen. Mit ihrem Vater hat sie sich nie besonders vertragen, aber mit ihrer Mutter verstand sie sich wie mit einer lteren Schwester.
Vieles, was sie danach  anstellte, ist sicher auf schlechten Einflu zurckzufhren.
Du meinst, Signe hat sie schlecht beeinflut?
Nein. Signe soll ein recht anstndiges Mdchen gewesen sein.
Was meinst du dann?
Einer der Grnde, warum Karen ihren Vater hate, war, da sie von seinen Seitensprngen wute. Er hatte schon immer irgendwelche Freundinnen gehabt. Meistens junge Mdchen.
Die erste war Mrs. Jewett, und dann diese Affre mit 
Nicht so wichtig, sagte ich. Allmhlich begriff ich. Er hat also auch schon seine erste Frau betrogen? Fritz nickte.
Und Karen wute davon?
Sie war ein ziemlich helles Kind.
Eins verstehe ich nicht, sagte ich. Wenn Randall die Abwechslung so liebte, warum hat er dann wieder geheiratet?
Na, das ist doch klar. Du brauchst dir die jetzige Mrs. Randall blo anzusehen, dann weit dus. Sie ist fr ihn ein Dekorationsstck, eine Verzierung an seinem Leben. So hnlich wie eine exotische Zimmerpflanze. brigens wirklich kein schlechter Vergleich, wenn man bedenkt, wieviel sie trinkt. Blo kein Wasser.
Trotzdem unbegreiflich, sagte ich.
Er lchelte leise. Findest du? Wie ist denn das mit dieser Krankenschwester, mit der du zweimal in der Woche mittags zusammen it?
Sandra? Das ist doch nur Freundschaft. Sie ist ein sehr nettes Mdchen. Ich fand, er war erstaunlich gut informiert.
Weiter nichts?
Natrlich nicht, sagte ich ein wenig verlegen.
Ihr trefft euch jeden Donnerstag und Freitag ganz zufllig in der Kantine?
Ja. Unsere Dienstplne 
Was, glaubst du, empfindet dieses Mdchen fr dich?
Hr mal, ich wei wirklich nicht, worauf du hinauswillst.
Sie ist zehn Jahre jnger als ich.
Fhlst du dich nicht geschmeichelt?
Wie meinst du das? sagte ich, obwohl ich das ganz genau wute.
Erfllt dich das Zusammensein mit ihr nicht mit Befriedigung?  Sandra war Schwester in der Internen Abteilung im achten Stock. Sie war sehr hbsch und hatte sehr groe Augen und eine sehr schmale Taille und einen Gang  Wir haben nichts miteinander, sagte ich. Und trotzdem trefft ihr euch jede Woche zweimal.
Nichts weiter als eine nette Abwechslung. Kannst du dir nicht denken, wie gut einem so was bei all der Arbeit tut? Und was hat das berhaupt mit Karen zu tun?
Sehr viel, finde ich. Hast du dich nie gefragt, warum sie ihre Mutter so geliebt und ihren Vater so gehat hat? Hast du dich nie gefragt, warum sie sich nach dem Tod ihrer Mutter so verhalten hat? Woher bei ihr diese Sucht nach Sex und Drogen und Selbsterniedrigung kam? Warum sie sogar so weit ging, sich mit der Geliebten ihres Vaters anzufreunden? Ich sagte nichts und lehnte mich zurck.
Das Mdchen reagierte doch nur  teils defensiv, teils offensiv  auf das, was ihre Eltern taten. Sie konnte gar nicht anders. Sie brauchte einen gewissen Halt.
Schner Halt, sagte ich.
Stimmt, sagte Fritz. Widerlich, scheulich, pervers. Aber vielleicht hat sie keinen anderen gefunden.
Ich wrde gern mit dieser Signe sprechen, sagte ich.
Das geht leider nicht. Signe ist vor sechs Monaten nach Helsinki zurckgegangen.
Und Karen?
Karen ist vllig abgerutscht, sagte er. Sie hatte keinen Menschen mehr, keine Freunde, keine Sttze.
Und Bubbles und Angela Harding? Fritz starrte mich an. Wieso? Was meinst du?
Htten die ihr nicht helfen knnen?
Kann ein Ertrinkender einen Ertrinkenden retten? Er brachte mich zur Haustr hinunter.

 

 6

 In den fnfziger Jahren war Crusher Thompson mal Catcher gewesen. Er hatte einen flachen, spatelfrmigen Kopf, den er seinen Gegnern, sobald sie auf dem Boden lagen, gegen die Brust prete, bis ihnen die Luft ausging. Ein paar Jahre lang hatte das Publikum das komisch gefunden, und er hatte sich damit genug Geld verdient, um eine Kneipe kaufen zu knnen, in der hauptschlich junge Akademiker verkehrten. Es war eine gutgefhrte Kneipe; Thompson war trotz seines Kopfs kein Trottel. Einiges deutete darauf hin, da er einen kleinen Spleen hatte  an der Tr lag als Fuabstreifer eine Ringkampfmatte, und an den Wnden hingen Fotos von ihm in Catcherpose  doch alles in allem war die Kneipe ganz gemtlich.
Es war nur ein Gast da, ein untersetzter, gutgekleideter Schwarzer, der am hinteren Ende der Theke ber einem Martini hockte. Ich setzte mich und bestellte einen Scotch. Thompson stand selbst hinter der Theke, mit hochgerollten rmeln, so da man seine krftigen, haarigen Unterarme sah. Kennen Sie einen George Wilson? fragte ich.
Klar, sagte Thompson grinsend.
Sagen Sie mir bitte, wenn er kommt, ja? Thompson deutete mit dem Kopf auf den Mann. Das ist er.
Der Schwarze blickte auf und lchelte mich an, halb belustigt, halb verlegen. Ich ging zu ihm und gab ihm die Hand.
Entschuldigen Sie, sagte ich. Ich bin John Berry.
Schon gut, sagte er, woher sollten Sie mich auch kennen?  Er war noch ziemlich jung, vielleicht Ende zwanzig. Von seinem rechten Ohr lief eine blasse Narbe seinen Hals hinunter und verschwand unter dem Hemdkragen. Er sah mich ruhig und gelassen an, rckte seine gestreifte Krawatte zurecht und sagte: Wollen wir uns nicht in eine Nische setzen?
Okay. Als wir zu der Nische gingen, drehte Wilson sich um und sagte: Noch zweimal dasselbe, Crusher. Der Mann hinter der Theke zwinkerte. Ich sagte: Sind Sie schon lange bei Bradford? 
Etwas ber ein Jahr, sagte er. Es war das bliche. Sie haben mir ein schnes Zimmer mit Aussicht auf das Empfangspult gegeben, damit mich die Leute beim Kommen und Gehen sehen.
Ich wute, was er meinte, doch trotzdem stieg eine leise Erbitterung in mir hoch. Unter meinen Freunden waren ein paar junge Anwlte, und keiner davon hatte die ersten Jahre nach dem Eintritt in eine Firma ein eigenes Zimmer gekriegt. Objektiv betrachtet, konnte dieser junge Mann zufrieden sein, doch das brauchte ich ihm nicht zu sagen, denn wir wuten beide, warum er Glck gehabt hatte  er war eine Art Migeburt, ein Produkt, dessen Nutzen die Gesellschaft pltzlich erkannt hatte, ein gebildeter Schwarzer. Ihm standen jetzt alle Tren offen, und seine Zukunft war gesichert. Aber er blieb trotzdem eine Migeburt. Was ist Ihr Ressort?
Hauptschlich Steuer- und Erbschaftssachen. Und ein paar Zivilprozesse habe ich auch schon gefhrt. Bei uns fallen nicht sehr viele Strafsachen an. Als ich anfing, habe ich gesagt, da ich mich vor allem dafr interessieren wrde, aber ich htte nie gedacht, da sie mir diese Sache anvertrauen wrden.
Und?
Ich mchte nur, da Sie Bescheid wissen.
Sie meinen, sie haben Ihnen einen aussichtslosen Fall aufgehalst? 
Kann sein. Er lchelte. Zumindest denken sie das.
Und was denken Sie?
Da man das vorher nicht sagen kann. Da die Entscheidung erst im Gerichtssaal fllt.
Sind Sie sich schon im klaren, wie Sie die Sache angehen wollen?
Ich bin dabei, einen Schlachtplan auszuarbeiten, sagte er.
Das gibt eine Menge Arbeit, denn er mu wirklich gut werden.
Die Geschworenen werdens gar nicht gern sehen, da ein Nigger einen chinesischen Abtreiber verteidigt. Ich trank meinen Scotch aus. Thompson brachte zwei neue Glser und stellte sie auf den Tisch. Andererseits, sagte Wilson, ist das fr mich die Chance.
Wenn Sie gewinnen.
Das, sagte er gelassen, habe ich vor.
Mir wurde pltzlich klar, da Bradfords Entscheidung  ganz gleich, aus welchem Grund er Wilson den Fall bertragen hatte  sehr klug gewesen war. Denn dieser Junge mute alles daransetzen zu gewinnen. Haben Sie mit Art gesprochen?
Ja, heute morgen.
Und was fr einen Eindruck hatten Sie?
Da er unschuldig ist. Ich bin fest davon berzeugt.
Wieso?
So etwas sprt man doch, sagte Wilson.
Ich erzhlte Wilson, was ich in den letzten Tagen herausgekriegt hatte. Er hrte mir schweigend zu und machte sich hin und wieder Notizen.
Als ich fertig war, sagte er: Sie haben mir eine Menge Arbeit erspart.
Inwiefern?
Nach allem, was Sie mir gesagt haben, wird es nicht schwer sein, Dr. Lee freizubekommen.
Sie meinen, weil das Mdchen nicht schwanger war? Er schttelte den Kopf. In mehreren frheren Fllen wurde entschieden, da Schwangerschaft keine unbedingte Voraussetzung ist. Es ist auch nicht wesentlich, ob der Fetus bereits vor der Abtreibung tot war.
Mit anderen Worten  da Karen Randall nicht schwanger war, ist ohne Bedeutung.
Ja.
Aber beweist denn nicht der Umstand, da kein Schwangerschaftstest vorgenommen worden ist, da der Eingriff von einem Laien gemacht wurde? Ohne genaue vorherige Untersuchung htte Art nie eine Abtreibung gemacht.
Soll ich das als Argument vorbringen? Da Dr. Lee viel zuviel von Abtreibungen versteht, um so einen Fehler zu begehen?
Nein, natrlich nicht, sagte ich gereizt.
Schauen Sie, sagte Wilson, man kann eine Verteidigung nicht auf dem Charakter des Angeklagten aufbauen. Das ist vllig aussichtslos. Er bltterte in seinem Notizbuch. Ich glaube, ich mu Ihnen mal kurz die rechtliche Lage erlutern.
Es gibt bei uns ein altes Gesetz, wonach eine knstliche Schwangerschaftsunterbrechung unter allen Umstnden strafbar ist. Stirbt die Patientin nicht, so betrgt die Strafe hchstens sieben Jahre; stirbt sie, zwischen fnf und zwanzig Jahren.
Spter wurde das Gesetz durch verschiedene oberstgerichtliche Entscheidungen ergnzt. So wurde entschieden, da eine Abtreibung, die vorgenommen werden mu, um das Leben der Mutter zu retten, nicht strafbar ist. Das trifft aber in diesem Fall nicht zu.
Nein.
Laut einer anderen Entscheidung ist ein vorstzlicher, mit Hilfe eines Instruments vorgenommener Eingriff ein Verbrechen  auch dann, wenn nicht erwiesen ist, da er einen Abortus oder den Tod der Patientin zur Folge hatte. Das knnte sich als sehr wichtig erweisen. Falls der Staatsanwalt zu beweisen versuchen sollte  und ich bin sicher, da er das tun wird , da Dr. Lee seit Jahren stndig Abtreibungen gemacht hat, wird er das Argument vorbringen, das Fehlen eines direkten Beweises genge nicht, Lee zu entlasten.
Knnte er damit Erfolg haben?
Nein. Aber versuchen kann ers, und das wrde uns unge- heuer schaden.
Weiter.
Es gibt noch zwei andere wichtige Entscheidungen, die zeigen, da die Gesetze sich vor allem gegen den Abtreiber richten und viel weniger gegen die beteiligte Frau. Im einen Fall wurde entschieden, da die Einwilligung der Patientin unerheblich sei und die Abtreibung nicht rechtfertige. Das gleiche Gericht entschied, da der Tod der Frau lediglich ein erschwerender Umstand sei. Das bedeutet, da die Nachforschungen, die Sie ber Karen Randall angestellt haben, juristisch gesehen vllig sinnlos waren.
Aber Sie meinten doch 
 da Lee schon so gut wie frei ist? Das ist er auch.
Wieso?
Es gibt zwei Mglichkeiten. Die erste besteht darin, die Familie Randall mit dem, was Sie herausgekriegt haben, vor dem Proze zu konfrontieren: Mit der Tatsache, da Peter Randall, der behandelnde Arzt des Mdchens, Abtreibungen macht. Mit der Tatsache, da er bei dem Mdchen frher zwei Abtreibungen gemacht hat. Mit der Tatsache, da Mrs. Randall sich von Dr. Lee eine Abtreibung hat machen lassen, da sie deshalb mglicherweise gegen ihn eingenommen war und aus diesem Grund flschlich behauptet hat, Karen htte ihn beschuldigt.
Abgesehen davon, da Karen eine uerst labile junge Dame war, deren Worte, noch dazu in diesem Zustand, wenig glaubwrdig waren. Wenn wir die Familie damit konfrontieren, kann man sie vielleicht dazu bringen, die Beschuldigungen noch vor dem Proze zurckzuziehen.
Ich holte tief Luft. Der Kerl schien vor nichts zurckzuschrecken.
Und die zweite Mglichkeit?
Die bestnde, falls es zum Proze kommt. Die Anklage basiert hauptschlich auf Mrs. Randalls Aussage. Wir mssen Mrs. Randall so fertigmachen, da ihr die Geschworenen kein Wort mehr glauben. Und dann mssen wir Karens Persnlich- keit sezieren. Wir mssen darlegen, da sie drogen- und medikamentenschtig war, da sie mannstoll war und eine pathologische Lgnerin. Wir mssen die Geschworenen davon berzeugen, da alles, was Karen gesagt hat, ob zu ihrer Stiefmutter oder anderen Leuten, vllig unglaubwrdig war.
Auerdem knnen wir darauf hinweisen, da Peter Randall zwei Abtreibungen bei ihr gemacht hat und da er deshalb hchstwahrscheinlich auch die dritte gemacht hat.
Ich bin aber berzeugt, da Peter Randall es nicht war, sagte ich.
Kann sein, sagte Wilson. Aber das ist unwesentlich.
Wieso?
Weil nicht Peter Randall unter Anklage steht, sondern Dr.
Lee. Und weil wir alles tun mssen, um ihn rauszuhauen.
Ich sah ihn an. Ihnen mchte ich nicht im Finstern begegnen.

Gefallen Ihnen meine Methoden nicht? Er lchelte leise.
Offen gesagt, nein.
Mir auch nicht, sagte Wilson. Doch die Gesetze sind nun mal so, da sie uns dazu zwingen. Die Gesetze richten sich in vielen Fllen, in denen es um Arzt und Patient geht, gegen den Arzt. Die Strafprozeordnung gestattet dem Staatsanwalt und dem Verteidiger die Anwendung bestimmter Methoden und Taktiken, die leider auf einen Rufmord an den in den Fall verwickelten Personen hinauslaufen. Der Staatsanwalt wird alles daransetzen, Dr. Lee in Mikredit zu bringen. Ich, der Verteidiger, werde mich bemhen, das gleiche mit der Toten, Mrs. Randall und Peter Randall zu tun. Dem Staatsanwalt kommt zugute, da Bostoner Geschworene gegenber jemandem, der wegen Abtreibung angeklagt ist, von vornherein voreingenommen sind. Unser Vorteil ist, da Bostoner Geschworene begierig darauf sind, zu sehen, wie eine alte Familie in den Dreck gezogen wird.
Widerlich. Er nickte. Da haben Sie recht.
Gibt es denn keine andere Mglichkeit?
Doch, sagte er. Sicher. Herauszufinden, wer den Eingriff wirklich gemacht hat.
Wann wird der Proze stattfinden?
Fr nchste Woche ist eine Vorverhandlung angesetzt.
Und der Proze selbst?
Vielleicht zwei Wochen danach. Das Gericht hat den Fall vorgezogen. Warum wei ich nicht, aber ich kanns mir denken.

Weil Randall darauf drngt? Wilson nickte. Er schwieg einen Moment und starrte mich an. Dann sagte er: Warum sind Sie eigentlich so darauf aus, die Randalls zu schonen?
Bin ich doch gar nicht.
Es kommt mir fast so vor.
Ich bin sicher, Art wrde das nicht wollen.
Art, sagte er, will nur eins: aus dem Gefngnis raus. Und ich garantiere Ihnen, ich werde ihn rausholen.
Auf so gemeine Weise?
Herrgott, das ist nun mal ein gemeines Spiel. Was dachten Sie  ein Kasperletheater? Er trank sein Glas aus und sagte: Was wrden Sie denn an meiner Stelle tun, Berry?
Warten, sagte ich.
Worauf?
Auf den, ders wirklich getan hat.
Und wenn er nicht auftaucht? Ich schttelte den Kopf. Ich wei nicht, sagte ich.
Dann denken Sie mal drber nach, sagte er und ging.

 

 7

 Ich war wtend auf Wilson, doch er hatte mich ziemlich nachdenklich gemacht. Ich fuhr heim, schenkte mir einen Wodka ein, setzte mich und berlegte. Ich lie mir alles, was ich erfahren hatte, durch den Kopf gehen, und mir wurde klar, da es eine Menge wichtige Fragen gab, die ich nicht geklrt hatte. Zum Beispiel, was Karen am Samstag abend gemacht hatte, als sie mit Peters Wagen wegfuhr. Was sie Mrs. Randall am nchsten Tag gesagt hatte. Ob sie Peter den Wagen zurckgegeben hatte. Er war inzwischen gestohlen worden. Wann hatte Peter ihn wiederbekommen? Ich trank den Wodka und sprte, wie ich langsam ruhiger wurde. Ich war zu hastig gewesen; ich hatte zu oft die Beherrschung verloren; ich hatte mehr auf die Leute reagiert als auf das, was sie mir sagten. Ich nahm mir vor, von jetzt an sorgfltiger und vorsichtiger zu sein.
Das Telefon klingelte. Es war Judith. Sie war drben bei den Lees. Was ist los? Mit fester Stimme sagte sie: Knntest du nicht herkommen.
Drauen ist eine Art Demonstration.
Was?
Ein Haufen Leute, sagte Judith, drauen auf dem Rasen.
Ich bin gleich da, sagte ich und legte auf. Ich schnappte meinen Mantel und wollte hinaus zum Wagen laufen, doch dann blieb ich stehen.
Ich lief zurck, rief die Lokalredaktion des Globe an und berichtete von der Demonstration vor dem Haus der Lees  stockend und atemlos, als sei ich ganz auer mir. Dann stieg ich in den Wagen und fuhr hin. Als ich ankam, schwelte das Holzkreuz auf dem Rasen noch. Ein Polizeiauto stand da, und eine groe Menschenmenge hatte sich angesammelt, hauptschlich Leute aus der Nachbarschaft. Es war noch frh am Abend und der Himmel tiefblau, und von dem Kreuz stieg wei der Rauch auf. Ich drngte mich zwischen den Leuten durch. Smtliche Fenster, die ich sehen konnte, waren eingeschlagen.
Im Haus weinte jemand. An der Tr hielt mich ein Polizist auf. Wer sind Sie?
Dr. Berry. Meine Frau und meine Kinder sind drinnen. Er trat beiseite, und ich ging hinein. Sie waren alle im Wohnzimmer.
Betty Lee weinte; Judith versuchte die Kinder zu beruhigen.
berall lagen Glassplitter. Zwei der Kinder hatten tiefe Schnittwunden, die aber nicht gefhrlich zu sein schienen. Ein Polizist verhrte Betty, brachte aber nichts aus ihr heraus. Sie sagte nur: Wir haben Sie um Schutz gebeten. Wir haben Sie angefleht, aber Sie sind nicht gekommen  Ich half Judith, die Kinder zu verbinden. Pltzlich drehte sich der Polizist zu mir um. Wer sind Sie?
Ich bin Arzt.
Ach so, sagte er. Hchste Zeit. Dann wandte er sich wieder zu Betty.
Vor zwanzig Minuten hats angefangen, sagte Judith. Sie war ganz bla. Den ganzen Tag ber kamen Drohanrufe und haufenweise Briefe. Und dann passierte es: Vier Autos fuhren vor, und eine Horde Jungens stieg aus. Sie stellten das Kreuz auf, schtteten Benzin drber und zndeten es an. Es mssen ungefhr zwanzig gewesen sein. Sie standen drauen auf dem Rasen und sangen und johlten. Und als wir aus dem Fenster schauten, fingen sie an, Steine zu schmeien. Es war entsetzlich.

Wie haben die Jungens ausgesehen? Waren sie gut angezogen? Was fr Wagen hatten sie? Sie schttelte den Kopf. Das war das allerschlimmste. Es waren junge, nett aussehende Burschen. Ganz normale Teenager.
Du httest ihre Gesichter sehen sollen. Als wir die Kinder verbunden hatten, brachten wir sie ins Nebenzimmer.
Ich wrde gern mal die Briefe sehen, sagte ich und ging zum Tisch, auf dem sie lagen. Sie waren sorgfltig aufgeschnit- ten und ordentlich aufeinandergestapelt. Die meisten waren mit der Hand geschrieben, ein paar mit Maschine. Sie waren alle kurz, einige bestanden nur aus einem Satz, alle waren haerfllt wie ein Fluch, und keiner trug eine Unterschrift.
Auch der letzte Brief war mit der Hand geschrieben, in einer sauberen femininen Schrift.
Zu meinem groen Bedauern habe ich von Ihrem Migeschick erfahren. Ich kann mir vorstellen, da das fr Sie und Ihre Familie schwere Tage sind. Ich mchte Ihnen nur sagen, da ich Ihnen fr das, was Sie letztes Jahr fr mich getan haben, sehr dankbar bin. Sie sind der beste Arzt und der wundervollste Mensch, den ich je gekannt habe, und mein Mann und ich werden Ihnen ewig dankbar sein. Ich werde jeden Abend fr Sie beten.
Mrs. Allison BankDiesen Brief steckte ich ein. Es war besser, ihn nicht so herumliegen zu lassen. Hinter mir hrte ich Stimmen. Hm, hm, hm. Unfabar. Ich drehte mich um. Es war Peterson. Unglaublich.
 Er sah sich um. Schne Bescherung, was?
Das kann man wohl sagen.
Hm, hm. Er ging im Zimmer herum. Sieht ja schrecklich aus.
Ein anderer Mann strzte herein. Er trug einen Regenmantel und hatte einen Notizblock in der Hand.
Wer sind Sie? sagte Peterson.
Curtis. Vom Globe, Sir.
Wer hat Sie denn geholt, Mensch? Peterson starrte mich an. Nicht nett von Ihnen, sagte er. Gar nicht nett.
Wieso? Das ist eine serise Zeitung. Der Junge wird die Wahrheit schreiben. Dagegen knnen Sie doch nichts haben.
Hren Sie, sagte Peterson. Dies ist eine Zweieinhalbmillionenstadt, und wir haben nicht genug Leute. Wir knnen nicht jedesmal, wenn ein Verrckter sich beschwert oder wenn ein Irrer jemanden bedroht, Ermittlungen anstellen. Wenn wir das machen wrden, knnten wir nichts anderes mehr tun, zum Beispiel den Verkehr regeln.
Die Familie eines Angeklagten, sagte ich  ich merkte, da der Reporter mich aufmerksam ansah,  die Familie eines Angeklagten wird telefonisch und durch Briefe bedroht. Seine Frau und seine kleinen Kinder. Die Frau hat Angst und bittet Sie um Schutz. Sie kmmern sich nicht darum.
Das ist nicht wahr. Sie wissen ganz genau, da das nicht stimmt.
Dann passiert etwas. Man zndet vor ihrem Haus ein Kreuz an und schmeit ihr die Fenster ein. Die Frau ruft die Polizei.
Es dauert fnfzehn Minuten, bis Ihre Leute hier sind. Wie weit ist das nchste Revier?
Das tut nichts zur Sache.
Der Reporter schrieb.
Sie werden ziemlichen rger kriegen, sagte ich. Eine Menge Brger dieser Stadt sind gegen Abtreibung, aber noch mehr sind gegen die mutwillige Zerstrung von Privateigentum durch jugendliche Kriminelle 
Das waren keine Kriminellen.
Ich wandte mich zu dem Reporter. Captain Peterson uert die Ansicht, da die Burschen, die das Kreuz anzndeten und smtliche Fenster des Hauses einwarfen, keine Kriminellen waren.
So hab ich das nicht gemeint, sagte Peterson rasch.
Genau das hat er gesagt, sagte ich zu dem Reporter. Es wird Sie sicher interessieren, da zwei Kinder durch herumfliegende Glassplitter schwer verletzt wurden. Zwei Kinder im Alter von drei und fnf Jahren schwer verletzt.
Soviel ich gehrt habe, sind es keine schweren 
Ich glaube, sagte ich, ich bin im Moment hier der einzige Arzt. Oder hat die Polizei einen Arzt mitgebracht, als sie der Frau endlich zu Hilfe kam? Er schwieg.
Hat die Polizei einen Arzt mitgebracht? fragte der Reporter.
Nein.
Hat sie einen Arzt verstndigt?
Nein.
Der Reporter schrieb eifrig.
Das zahle ich Ihnen heim, Berry, sagte Peterson. Verlassen Sie sich drauf.
Vorsicht. Sie vergessen den Reporter.
Seine Augen funkelten. Er drehte sich um und ging zur Tr.
Noch eine Frage, sagte ich. Was gedenkt die Polizei zu unternehmen, damit so was nicht noch mal passiert? Er blieb stehen. Darber ist noch nicht entschieden.
Sie sollten dem Reporter erklren, wie sehr Sie das Ganze bedauern und da Sie das Haus von jetzt an Tag und Nacht bewachen lassen werden, sagte ich. Meinen Sie nicht, da das in Ihrem eigenen Interesse wre? Er prete die Lippen zusammen, doch ich war berzeugt, da er dafr sorgen wrde. Das war alles, was ich wollte  Schutz fr Betty und ein bichen Druck auf die Polizei.


8

 Judith brachte die Kinder nach Hause, und ich blieb bei Betty und half ihr, die Fenster mit Brettern zu vernageln. Wir brauchten dazu fast eine Stunde. Bettys Kinder hatten sich beruhigt, wollten aber nicht schlafen. Dauernd kamen sie die Treppe herunter und jammerten, da ihre Verletzungen weh tten oder da sie Durst htten. Vor allem Henry beklagte sich ber Schmerzen im Fu, und so nahm ich den Verband ab, um nachzusehen, ob ich nicht einen Splitter bersehen hatte.
Tatschlich fand ich einen in der Wunde. Whrend ich mit dem kleinen Fu in der Hand dasa und die Wunde noch einmal reinigte, berkam mich pltzlich eine tiefe Mdigkeit. berall roch es nach Rauch. Es war kalt, und durch die kaputten Fenster zog es; es wrde Tage dauern, bis das Haus wieder in Ordnung gebracht war. Alles war so sinnlos.
Als ich mit Henrys Fu fertig war, nahm ich mir noch einmal die Briefe vor, und sie deprimierten mich noch mehr. Ich fragte mich, wie Menschen so etwas tun konnten; was sie sich dabei wohl gedacht hatten. Wahrscheinlich dachten sie berhaupt nicht. Sie reagierten einfach, so wie ich reagiert hatte, so wie alle reagiert hatten.
Pltzlich wnschte ich, das Ganze wre vorbei. Ich wnschte, es wrden keine Briefe mehr kommen, die Fenster wren repariert, die Wunden verheilt, das Leben wieder normal. Mein Verlangen war so stark, da ich George Wilson anrief.
Ich habe mir gedacht, da Sie anrufen werden, sagte er.
Wie wrs mit einer kleinen Spazierfahrt? fragte ich.
Wohin?
Zu den Randalls.
Was haben Sie vor?
Die Hunde zurckzupfeifen, sagte ich.
Holen Sie mich in zwanzig Minuten ab, sagte er.
Whrend wir zum Haus der Randalls fuhren, sagte Wilson: Was hat Sie dazu gebracht, Ihre Meinung zu ndern?
Verschiedenes.
Die Kinder?
Verschiedenes, wiederholte ich.
Wir schwiegen eine Weile, dann sagte er: Sie sind also einverstanden damit, da wir Mrs. Randall und Peter das Messer auf die Brust setzen? Ich nickte.
Ich dachte, Sie sind mit ihm befreundet.
Ich mag nicht mehr. Ich bin mde.
Ich dachte, bei euch rzten gibts keine Mdigkeit.
Ach, hren Sie doch auf.
Es war schon spt, fast neun. Der Himmel war schwarz.
Da wir uns ber eins im klaren sind, sagte er. Sie lassen mich reden, ja?
Okay, sagte ich.
Es hat keinen Sinn, wenn wir beide reden. Das sehen Sie doch ein, oder?
Ich werde Ihnen die Schau schon nicht stehlen, sagte ich.
Er lchelte. Sie mgen mich nicht, was?
Nein. Nicht besonders.
Aber Sie brauchen mich.
So ist es, sagte ich.
Ich wute nicht mehr genau, wo das Haus war, und so ging ich mit der Geschwindigkeit herunter, als wir in die Gegend kamen. Endlich sah ich es, doch als ich in die Zufahrt einbiegen wollte, zuckte ich zusammen. Auf dem kiesbedeckten Wendeplatz vor dem Haus standen zwei Wagen: J. D. Randalls silberner Porsche und ein grauer Mercedes. Ich hielt an, schaltete die Scheinwerfer aus und stie zurck.
Was ist denn los? fragte Wilson.
Ich wei nicht, sagte ich.
Gehen wir nun rein oder nicht?
Nein, sagte ich. Ich stie auf die Strae zurck und parkte auf der anderen Seite neben einem Gebsch. Von dort aus konnte ich die Zufahrt berblicken und beide Wagen sehen.
Warum nicht?
Weil dort ein Mercedes steht.
Und?
Peter Randall fhrt einen Mercedes.
Um so besser, sagte Wilson. Dann knnen wir sie uns gleich beide zusammen vorknpfen.
Ich schttelte den Kopf. Peter Randall hat mir erzhlt, sein Wagen sei gestohlen worden.
Wann?
Gestern.
Ich berlegte. Irgendwas stimmte nicht, doch ich wute nicht, was. Dann durchzuckte mich ein Gedanke  der graue Mercedes, der in der Garage gestanden hat, als ich mit Mrs.
Randall sprach.
Ich machte die Tr auf. Kommen Sie.
Wo wollen Sie denn hin?
Ich mchte mir den Wagen ansehen, sagte ich. Die Nacht war khl und feucht. Whrend wir die Zufahrt hinaufgingen, holte ich meine kleine Taschenlampe hervor; ein Andenken an meine Praktikantenzeit. Ich war froh, da ich sie bei mir hatte.
Sind Sie sich darber im klaren, flsterte Wilson, da das unbefugtes Betreten von Privateigentum ist?
Ja, sagte ich.
Wir verlieen den knirschenden Kies und gingen durch das weiche Gras den Hgel zum Haus hinauf. Im Parterre brannte Licht, doch die Jalousien waren geschlossen, und wir konnten nicht hineinschauen.
Als wir zu den Wagen kamen, traten wir wieder auf den Kies. Ich ging zum Mercedes und knipste die Taschenlampe an. Der Wagen war leer; es lag nichts auf dem Rcksitz. Ich beugte mich vor. Der Fahrersitz war voll Blut. Wilson ri die Augen auf.
Ich wollte eben etwas sagen, da ging die Haustr auf, und wir hrten Stimmen. Wir liefen ber den Rasen und versteckten uns hinter einem Busch.
J. D. Randall trat aus dem Haus und hinter ihm Peter. Die beiden stritten leise miteinander; Peter sagte: Das ist doch lcherlich, und J. D.: Man kann nicht vorsichtig genug sein; mehr konnte ich nicht verstehen. Sie kamen die Vortreppe herunter und gingen zu den Wagen. Peter stieg in den Mercedes und lie den Motor an. J. D. sagte: Fahr mir nach, und Peter nickte. Dann stieg J. D. in den silbernen Porsche und fuhr die Zufahrt hinunter. An der Strae bogen sie nach rechts ab und fuhren in sdlicher Richtung davon.
Schnell, sagte ich.
Wir rannten die Zufahrt hinunter und ber die Strae zu meinem Wagen. Die beiden anderen Autos waren schon weit weg; wir hrten kaum noch ihr Motorengerusch, sahen aber ihre Lichter die Kstenstrae entlanggleiten. Ich startete und fuhr ihnen nach. Wilson griff in die Tasche und nahm etwas heraus.
Was haben Sie da? Er hielt es mir hin; ein kleines silbernes Ding. Eine Minox.
Haben Sie immer eine Kamera bei sich?
Immer, sagte er.
Ich hielt gengend Abstand, damit die beiden nichts merkten.
Peter fuhr dicht hinter J. D.
Nach fnf Minuten bogen die zwei Wagen auf den Zubringer zur Sdwest-Autobahn ein. Ich setzte mich hinter sie.
Ich verstehe das nicht, sagte Wilson. Zuerst nehmen Sie den Burschen in Schutz, und dann verfolgen Sie ihn wie ein Bluthund.
Ich mchte nur wissen, was sie vorhaben, sagte ich. Weiter nichts.
Nach einer halben Stunde, bei Marshfield, wurde die Strae schmaler; die drei Fahrbahnen verengten sich auf zwei. Es herrschte kein starker Verkehr, und so konnte ich noch weiter zurckbleiben.
Vielleicht irren Sie sich, sagte Wilson. Vielleicht steckt gar nichts dahinter 
Nein, sagte ich. Mir war inzwischen verschiedenes klargeworden.
Peter hat Karen seinen Wagen frs Wochenende geliehen. Das wei ich von William, ihrem Bruder. Karen hat ihn benutzt. Der Fahrersitz ist voll Blut. Sie haben ihn in Randalls Garage gestellt, und Peter ist zur Polizei gegangen und hat gesagt, er sei gestohlen worden. Und jetzt 
Jetzt bringen sie ihn weg, sagte Wilson. Anscheinend.
Mensch, sagte Wilson, falls das stimmt  Die Wagen fuhren weiter sdwrts, vorbei an Plymouth, aufs Cape zu. Die Luft hier war irisch und salzig. Die Strae wurde immer leerer, und die beiden drehten auf. Sie fuhren jetzt fast hundertdreiig. Nach Hyannis gingen pltzlich ihre Bremslichter an, und sie bogen nach rechts auf einen Feldweg ab, der zur Kste fhrte.
Wir folgten ihnen. Der Weg schlngelte sich zwischen struppigen Kiefern durch. Ich schaltete die Scheinwerfer ab. Ein kalter Wind wehte vom Meer herauf.
Ziemlich de Gegend, sagte Wilson.
Ich nickte.
Bald hrten wir das Rauschen der Brandung. Ich fuhr den Wagen zwischen die Bume und hielt an. Wir stiegen aus und gingen weiter, bis wir die beiden Wagen sehen konnten. Ich kannte die Stelle. Wir waren auf der Ostseite des Cape; dort vorn war ein ziemlich steiler, sandiger, etwa dreiig Meter tiefer Abhang. An seinem Rand, ber dem Meer, standen die beiden Wagen. Randall und Peter waren ausgestiegen und sprachen miteinander. Dann stieg Peter in den Mercedes und fuhr ihn so weit vor, da die Vorderrder nur noch ein paar Zentimeter vom Rand entfernt waren. Er stieg wieder aus und ging zurck.
J. D. hatte inzwischen den Kofferraum desPorsche geffnet und einen Benzinkanister herausgenommen. Zusammen schtteten die beiden das Benzin in Peters Wagen.
Ich hrte neben mir ein leises Klicken. Wilson drckte die kleine Kamera ans Auge und knipste.
Ist es dazu nicht zu dunkel? fragte ich.
Tri-X, sagte er und drckte auf den Auslser. Fr ein gutes Labor kein Problem. Und ich habe ein gutes Labor.
Ich schaute wieder zu den beiden Wagen hinber. J. D. legte den Kanister in seinen Kofferraum. Er stieg ein, lie den Motor an und wendete, so da sein Wagen mit dem Khler zur Strae stand.
Dann rief er Peter etwas zu, stieg aus und ging zu ihm. Ein Streichholz flackerte auf, und pltzlich schossen im Innern des Mercedes Flammen hoch.
Die zwei Mnner strzten zum Heck und stemmten sich dagegen. Langsam setzte sich der Wagen in Bewegung, kippte ber den Rand und rutschte den sandigen Abhang hinunter. Die beiden traten zurck und blickten ihm nach.
Unten explodierte er anscheinend, denn es gab einen lauten Krach, und ein roter Blitz zuckte auf.
Sie rannten zum Porsche, stiegen ein und fuhren los.
Kommen Sie, sagte Wilson, als sie an uns vorbei waren, und lief zum Rand des Abhangs. Unten am Wasser lag der brennende, zerbeulte Mercedes.
Wilson machte noch ein paar Aufnahmen; dann steckte er die Kamera ein und sah mich an.
Menschenskind, sagte er, haben wir ein Schwein.
Auf der Rckfahrt bog ich bei Cohasset von der Autobahn ab.
He, sagte Wilson. Wo wollen Sie denn hin?
Zu Randall.
 Jetzt?
Ja.
Sind Sie wahnsinnig? Das ist doch nicht Ihr Ernst?
Doch, sagte ich. Ich habe mir vorgenommen, Art Lee rauszuholen. Daran hat sich nichts gendert.
Wilson starrte mich fassungslos an. Nachdem wir das gesehen haben? Er klopfte auf die kleine Kamera in seiner Tasche.
Jetzt knnen wir vor Gericht gehen.
Ich habe Ihnen doch gesagt, ich will nicht, da die Sache vor Gericht kommt.
Aber warum denn nicht? Mit diesen Beweisen sind wir nicht zu schlagen. Ich hab den Freispruch buchstblich hier in meiner Tasche.
Ich schttelte den Kopf.
Hren Sie, sagte Wilson. Einen Zeugen kann man fertigmachen.
Man kann seine Glaubwrdigkeit erschttern, man kann ihn so lcherlich machen, da ihn kein Mensch mehr ernst nimmt. Aber gegen ein Foto kann niemand an. Ein Foto ist durch nichts zu erschttern. Sie haben die Schlinge um den Hals. Wir brauchen sie blo zuzuziehen.
Nein, sagte ich.
Er seufzte. Wenn sie das nicht getan htten, htte ich bluffen mssen. Ich htte versuchen mssen, sie einzuschchtern, ihnen Angst einzujagen, sie zu der berzeugung zu bringen, wir htten irgendwelche Beweise, die wir in Wirklichkeit gar nicht gehabt htten. Aber jetzt ist alles anders. Wir haben den Beweis. Wir haben alles, was wir brauchen.
Wenn Sie nicht wollen, dann rede eben ich mit ihnen.
Berry, sagte Wilson, wenn Sie das tun, vermasseln Sie alles.
Ich werd schon mit ihnen fertig.
Berry, Sie verpatzen alles. Gerade weil ihnen bewut ist, da sie eben etwas sehr Belastendes getan haben, werden sie sich auf die Hinterbeine stellen.
Wir brauchen ihnen ja nur sagen, was wir wissen.
Und wenn es doch zum Proze kommt? Was dann? Dann haben wir unser Pulver verschossen.
Keine Angst. Es kommt nicht zum Proze.
Wilson kratzte sich an seiner Narbe. Ich verstehe Sie nicht, sagte er. Wollen Sie denn nicht gewinnen?
Doch, sagte ich, aber ohne Kampf.
Es wird aber zum Kampf kommen. Verlassen Sie sich drauf.
Ich fuhr die Zufahrt zu Randalls Haus hinauf. Sagen Sie das nicht mir, sagte ich, sondern den Randalls.
Sie machen einen groen Fehler, sagte er. Das mu sich erst herausstellen, sagte ich.
Wir gingen die Vortreppe hinauf, und ich klingelte.
Zgernd fhrte uns der Butler ins Wohnzimmer. Es hatte etwa die Gre einer mittleren Basketballhalle; ein riesiger Raum mit einem gewaltigen Kamin. Um das knisternde Feuer saen Mrs. Randall in einem Hausanzug und Peter und J. D., beide groe Brandyglser in der Hand.
Der Butler blieb in der Tr stehen, richtete sich hoch auf und sagte: Dr. Berry und Mr. Wilson, Sir. Sie sagen, sie wrden erwartet.
J. D. sah uns stirnrunzelnd an. Peter lehnte sich zurck und erlaubte sich ein leises Lcheln. Mrs. Randall schien unseren Auftritt uerst amsant zu finden.
J. D. sagte: Was wollen Sie? Ich berlie Wilson das Wort. Er machte eine kleine Verbeugung und sagte: Ich glaube, Dr. Berry kennen Sie ja, Dr.
Randall. Ich bin George Wilson, Dr. Lees Verteidiger.
Freut mich, sagte J. D. Er schaute auf seine Uhr. Es ist nur schon fast Mitternacht, und wir wollten gerade schlafen gehen. Im brigen wte ich nicht, was ich mit Ihnen zu reden htte. Wenn Sie also bitte 
Verzeihen Sie, Sir, sagte Wilson, aber wir haben eine weite Fahrt gemacht, um mit Ihnen zu sprechen. Genauer gesagt, wir kommen vom Cape.
J. D. zwinkerte; dann wurde sein Gesicht starr. Peter hustete ein leises Lachen nieder. Mrs. Randall sagte: Was haben Sie denn auf dem Cape gemacht?
Wir haben uns ein Feuerwerk angesehen, sagte Wilson.
Ein Feuerwerk?
Ja, sagte Wilson. Er wandte sich zu J. D.: Wenn wir bitte einen Brandy haben knnten? Diesmal konnte Peter sich nicht beherrschen und lachte laut.
J. D. starrte ihn vorwurfsvoll an; dann klingelte er dem Butler und sagte ihm, er solle noch zwei Brandy bringen. Als er hinausging, rief er ihm nach: Zwei kleine, Herbert. Die Herren bleiben nicht lange.
Wrdest du uns bitte allein lassen, meine Liebe? sagte er zu seiner Frau.
Sie nickte und verlie das Zimmer. Setzen Sie sich, meine Herren.
Wir stehen lieber, sagte Wilson. Der Butler brachte zwei kleine Kristallglser. Wilson hob sein Glas. Auf Ihr Wohl, meine Herren.
Danke, sagte J. D. khl. Also, was wollen Sie?
Eine kleine juristische Angelegenheit, sagte Wilson. Sie sollten sich vielleicht noch mal berlegen, ob es nicht besser wre, die Beschuldigungen gegen Dr. Lee zurckzunehmen.
berlegen?
Ja. Genau.
Da gibts nichts zu berlegen, sagte J. D.
Wilson nippte an seinem Brandy. Wirklich nicht?
Nein, sagte J. D.
Vielleicht, sagte Wilson, hat Ihre Frau sich geirrt, als sie behauptete, Karen Randall htte ihr gesagt, da Dr. Lee die Abtreibung gemacht hat. Und vielleicht hat sich auch Peter Randall geirrt, als er der Polizei meldete, sein Wagen sei gestohlen worden. Oder hat er gar keine Anzeige erstattet?
Weder meine Frau noch mein Bruder haben sich geirrt, sagte J. D. Peter hustete wieder und zndete sich eine Zigarre an.
Ist irgendwas, Peter? fragte J. D.
Nein, wieso? Er zog an der Zigarre und trank einen Schluck Brandy. Sie vergeuden Ihre Zeit, meine Herren, sagte J. D. Es hat sich niemand geirrt, und es gibt nichts zu berlegen.
Dann kommt die Sache vor Gericht, sagte Wilson leise.
J. D. nickte. Natrlich.
Und man wird Sie fragen, was Sie heute abend gemacht haben.
Warum nicht. Wir haben den ganzen Abend Schach gespielt.
 Er deutete auf ein Schachbrett in der Ecke. Mrs.
Randall wird das bezeugen.
Wer hat gewonnen? fragte Wilson.
Ich natrlich, sagte Peter lachend. Er ist ein miserabler Schachspieler.
Ich wei wirklich nicht, was daran so komisch ist, Peter.
Du bist ein schlechter Verlierer, sagte Peter.
J. D. starrte ihn wtend an.
Peter hrte pltzlich zu lachen auf. Er verschrnkte die Arme ber dem Bauch und sagte nichts mehr. J. D. Randall kostete das Schweigen einen Moment aus; dann sagte er: Sonst noch was, meine Herren?
Sie Idiot, sagte ich zu Wilson. Jetzt stehen wir schn da.
Ich habe mein Bestes getan.
Sie haben ihn herausgefordert. Sie haben ihn gezwungen, vor Gericht zu gehen. Sie htten ihnen Angst einjagen mssen.
Sie htten ihnen sagen mssen, was Sie mir in der Kneipe gesagt haben. Sie htten Ihnen von den Fotos erzhlen mssen 
Das wre zwecklos gewesen, sagte Wilson.
Bestimmt nicht.
Doch. Sie sind fest entschlossen, die Sache vor Gericht zu bringen. Sie 
Ja, sagte ich. Weil Sie sich so bld benommen haben.
Unmglich haben Sie sich aufgefhrt. Diese Arroganz  diese lcherlichen Drohungen, dieses Theater mit dem Brandy 
Ich wollte ihnen eine Brcke bauen, sagte er achselzukkend.
Ich wei ganz genau, was Sie wollten, Wilson. Sie haben sie dazu gezwungen, vor Gericht zu gehen, weil Sie auf diesen Proze aus sind. Sie wollen eine Arena, in der Sie Ihre Knste zeigen knnen, eine Gelegenheit, sich zu produzieren, sich einen Namen zu machen, zu beweisen, was fr ein toller Hecht Sie sind. Es ist Ihnen doch wohl klar, da Art Lee, wenn es zu einem Proze kommt, nur verlieren kann  ganz gleich, wie er ausgeht. Er wird seinen Ruf verlieren, seine Patienten, vielleicht sogar seine Lizenz. Und auch die Randalls knnen nur verlieren, wenn es zum Proze kommt. Sie werden sie mit Dreck beschmeien, kaputtmachen, ruinieren. Am Ende wird nur einer glnzend dastehen. Sie  Wilson. Nur Sie knnen durch einen Proze etwas gewinnen.
Das ist Ihre Ansicht, sagte er. Allmhlich wurde er wtend.
Das ist eine Tatsache.
Sie haben doch gesehen, wie unzugnglich J. D. war.
Sie htten ihn in die Enge treiben knnen.
Nein, sagte Wilson. Aber vor Gericht werde ich ihn in die Enge treiben. Er lehnte sich zurck und starrte einen Moment vor sich hin. Ehrlich gesagt, ich begreife Sie nicht, Berry. Sie sind doch Wissenschaftler. Man sollte meinen, Beweise gingen Ihnen ber alles. Heute abend hat Ihnen Peter Randall den eindeutigen Beweis geliefert, da er schuldig ist. Gengt Ihnen das noch nicht?
Hat er auf Sie einen schuldbewuten Eindruck gemacht?
Mein Gott, er ist eben ein guter Schauspieler.
Ja oder nein?
Ja, sagte Wilson.
Sie sind also berzeugt, da ers gewesen ist?
Ja, sagte Wilson. Und ich werde auch die Geschworenen davon berzeugen.
Und wenn es nicht stimmt und es gelingt Ihnen trotzdem, die Geschworenen zu berzeugen?
Dann htte er eben Pech. Genauso wie Art Lee Pech htte, wenn die Geschworenen Mrs. Randall glauben.
Sie machen sich doch selbst was vor.
Ich? Er schttelte den Kopf. Nein, Sie tun das, mein Lieber.
Sie spielen den edlen Arzt. Sie wollen nicht, da die Fahne Ihrer Zunft beschmutzt wird. Sie wollen nicht glauben, da einer der Ihren ein Schwein ist. Am liebsten wre es Ihnen, wenn irgendein ehemaliger Sanitter oder eine Krankenschwester vor Gericht kme. Oder eine nette, kleine alte Hebamme.
Ich mchte, da der vor Gericht kommt, ders getan hat, sagte ich. Niemand sonst.
Sie wissen doch, wers getan hat, sagte Wilson. Das wissen Sie doch ganz genau.
Ich setzte Wilson ab; dann fuhr ich heim und schenkte mir einen ordentlichen Wodka ein. Im Haus war es still. Ich trank den Wodka und dachte nach. Wilson hatte recht: alles deutete auf Peter Randall hin. In seinem Wagen war Blut gewesen, und er hatte den Wagen vernichtet. Ihm wre jetzt nichts mehr zu beweisen gewesen  wenn wir nicht gesehen htten, wie er den Wagen verbrannte. Und wenn Wilson recht hatte, dann fgte sich auch alles andere zusammen. Angela und Bubbles hatten die Wahrheit gesagt: Karen war nicht bei ihnen gewesen  sie war am Sonntag abend zu Peter gefahren. Und Peter hatte sie bei dem Eingriff verletzt; auf der Heimfahrt fing Karen zu bluten an. Sie sagte es Mrs. Randall, und die brachte sie mit ihrem Wagen ins Krankenhaus. Sie hatte nicht gewut, da das Krankenhaus nicht die Polizei verstndigen wrde, und um den Skandal von ihrer Familie abzuwenden, hatte sie die Sache dem einzigen anderen Arzt, von dem sie wute, da er Abtreibungen machte, in die Schuhe geschoben: Art Lee. Alles war klar.
Nur eins nicht: Peter Randall war seit Jahren Karens Arzt gewesen. Er hatte gewut, wie hysterisch sie war. Also htte er ganz bestimmt einen Schwangerschaftstest gemacht, um so mehr, als er von ihren Sehstrungen gewut hatte, und Sehst- rungendeuten auf einen Hypophysentumor, der manchmal Schwangerschaftssymptome auslst. Andererseits hatte er sie offenbar zu Art Lee geschickt. Warum? Wenn er fr eine Abtreibung gewesen war, dann htte er sie doch von vornherein selbst gemacht.
Auerdem hatte er ihr doch schon zwei Abtreibungen gemacht, und alles war glattgegangen. Warum htte er beim drittenmal einen so schweren und unverzeihlichen Fehler machen sollen? Nein, dachte ich, nichts ist klar.
Und dann fiel mir ein, was Peterson gesagt hatte: Ihr rzte haltet zusammen wie Pech und Schwefel. Peterson und Wilson hatten recht. Ich wollte glauben, da Peter unschuldig war. Teils, weil er Arzt war; teils, weil ich ihn mochte. Trotz aller Beweise wollte ich glauben, da er unschuldig war.
Seufzend trank ich mein Glas aus. Was ich heute abend gesehen hatte, war klar und eindeutig. Und es lie nur einen Schlu zu  da Peter Randall den Eingriff gemacht hatte.

 

 Donnerstag, 13. Oktober

 l

 Ich erwachte mit einem scheulichen Gefhl; wie ein Tier in einem Kfig kam ich mir vor, wie ein Tier in einer Falle. Was da geschah, war schrecklich, doch ich konnte nichts dagegen tun. Das schlimmste war, ich war Wilson gegenber machtlos.
Art Lees Unschuld zu beweisen, war schwer genug, doch zu beweisen, da auch Peter Randall unschuldig war, unmglich.
Judith sah mich an und sagte: Grantig? Ich knurrte und ging unter die Dusche. Sie fragte: Irgendwas Neues? Ich nickte. Wilson will die Sache Peter Randall anhngen.
Sie lachte. Dem guten alten Peter?
Dem guten alten Peter, sagte ich.
Hat er Beweise?
Ja.
Na, dann ist ja alles in Butter, sagte sie.
Nein, sagte ich, das ist es nicht. Ich stellte die Dusche ab und griff nach dem Handtuch. Ich kann nicht glauben, da Peter es gewesen ist, sagte ich.
Weil du ein guter Kerl bist.
Ich schttelte den Kopf. Die Sache einem anderen Unschuldigen in die Schuhe zu schieben, ist doch keine Lsung.
Geschieht ihnen ganz recht, sagte Judith.
Wem?
Den Randalls.
Wie kannst du so gemein sein?
Du hast leicht reden. Du warst nicht drei Tage bei Betty.
Sicher, es ist bestimmt schwer fr dich 
Fr mich? sagte sie. Ich rede von Betty. Hast du den gestrigen Abend vergessen?
Nein, sagte ich. Gestern abend, dachte ich, hatte ich das Ganze verkorkst  durch meinen Entschlu, Wilson anzurufen.
Betty hat Entsetzliches durchgemacht, sagte Judith. Und schuld daran sind nur die Randalls. Sollen sie ruhig eine Weile in ihrem eigenen Saft schmoren. Damit sie sehen, wie das ist.
Aber Judith  wenns Peter nicht gewesen ist 
Peter ist sehr amsant, sagte sie. Aber das heit doch nicht, da ers nicht gewesen sein kann.
Aber auch nicht, da ers war.
Allmhlich pfeif ich drauf, wers war. Ich mchte nur eins: da Art endlich freigelassen wird.
Beim Rasieren starrte ich mir ins Gesicht. Ein ziemlich durchschnittliches Gesicht; ein bichen zu dicke Backen und zu kleine Augen und zu dnnes Haar  alles in allem aber nichts Auergewhnliches. Merkwrdig, da ausgerechnet ich in so was hineingeraten war, da ich seit drei Tagen im Zentrum des Ganzen stand, im Zentrum einer Katastrophe, in die ein halbes Dutzend Menschen verwickelt war. Whrend ich mich anzog, kamen mir Zweifel, ob ich wirklich im Zentrum stand. Es war ein beunruhigender Gedanke. Vielleicht war ich nur im Kreis drumherumgelaufen und berhaupt nicht auf das Wesentliche gestoen? Mute ich mich nicht bemhen, Peter zu retten? Mute ich mich fr ihn nicht genauso einsetzen wie fr Art? Sie waren beide Menschen, beide rzte, beide sympathisch, beide irgendwie Auenseiter, und bei beiden stand die Existenz auf dem Spiel. Wenn man es genau betrachtete, war einer soviel wert wie der andere. Peter war humorvoll, Art sarkastisch. Peter war dick, Art dnn. Aber im Grunde war da kein Unterschied.
Ich zog meine Jacke an und versuchte das Ganze zu vergessen.
Ich war nicht der Richter, der dieses Knuel wrde entwirren mssen; Gott sei Dank. Das Telefon klingelte. Ich ging nicht ran. Gleich drauf rief Judith: Fr dich. Ich nahm den Hrer.
Hallo? Eine vertraute, drhnende Stimme sagte: John, hier Peter Randall. Ich wollte Sie bitten, heute mittag zu mir zu kommen.
Wir knnten zusammen essen.
Weshalb? sagte ich.
Ich mchte Ihnen das Alibi zeigen, das ich nicht habe.
Was soll das heien?
Um halb eins? fragte er.
Also schn. Bis dann, sagte ich.


2

 Peter Randall wohnte westlich von Newton in einem modernen Haus. Es war klein, aber sehr geschmackvoll eingerichtet: Breuer-Sessel, eine Jacobsen-Couch, ein Rachmann-Tisch. Er ffnete mir mit einem Glas in der Hand. Ah, John. Kommen Sie rein. Er fhrte mich ins Wohnzimmer. Was mchten Sie trinken?
Danke, nichts.
Wrde Ihnen aber guttun, sagte er. Scotch?
Meinetwegen. Mit Eis, bitte.
Setzen Sie sich, sagte er und ging in die Kche. Ich hrte, wie er Eiswrfel in ein Glas tat. Was haben Sie heute vormittag gemacht?
Nichts, sagte ich. Nachgedacht.
Worber?
ber alles.
Wenn Sie nicht wollen, brauchen Sies mir nicht zu sagen.
Er stellte mir den Scotch hin. Wissen Sie, da Wilson Fotos gemacht hat?
Ich habs mir fast gedacht. Der Junge ist sehr ehrgeizig.
Ja, sagte ich.
Ich sitze also in der Tinte?
Scheint so, sagte ich.
Er starrte mich einen Moment an; dann fragte er: Was halten Sie von dem Ganzen?
Ich wei nicht mehr, was ich davon halten soll.
Wissen Sie eigentlich, da ich Abtreibungen mache?
Ja, sagte ich.
Da ich bei Karen welche gemacht habe?
Ja. Zwei, nicht? Er lehnte sich zurck. Drei, sagte er, um genau zu sein.
Dann haben Sie 
Nein, nein, sagte er. Die letzte war im Juni.
Und die erste?
Als sie fnfzehn war. Er seufzte. Offen gesagt, ich hab mich vielleicht nicht ganz richtig verhalten. Ich hab mich Karens ein bichen zu sehr angenommen, und das war wohl ein Fehler. Aber ihr Vater hat sich nicht um sie gekmmert, und ich mochte sie sehr gern. Sie war ein reizendes Mdchen.
Etwas wirr und konfus, aber sehr nett. Deshalb habe ich ihr das erste Kind weggemacht. Warum auch nicht. Ich tus ja bei anderen Patientinnen hin und wieder auch. Schockiert Sie das?
Nein.
Schn. Das Dumme war nur, da Karen immer wieder schwanger wurde. In drei Jahren dreimal; bei einem Mdchen dieses Alters war das nicht normal. Es war pathologisch.
Deshalb habe ich beschlossen, ihr das vierte Kind nicht wegzumachen.
Ich war dafr, da sie es zur Welt bringt.
Warum?
Weil sie offenbar unbewut unbedingt ein Kind wollte.
Oder vielleicht weniger das Kind selbst als die Schande und den Verdru. Ich habe also die vierte Abtreibung abgelehnt.
Sind Sie ganz sicher, da sie wirklich schwanger war?
Nein, sagte er. Und Sie wissen ja, warum ich meine Zweifel hatte. Bei solchen Sehstrungen mu man immer an Hypophysentumor denken. Ich wollte verschiedene Tests machen, doch Karen hat sich geweigert. Sie wollte nichts als eine Abtreibung, und als ich ablehnte, die zu machen, wurde sie ziemlich wtend.
Daraufhin haben Sie sie zu Dr. Lee geschickt?
Ja, sagte er.
Und er hat sie gemacht? Er schttelte den Kopf. Ohne Tests? Bestimmt nicht. Dazu ist Art doch ein viel zu guter Arzt. Auerdem war sie im vierten Monat; zumindest nach ihren Angaben. Er hats bestimmt schon deshalb abgelehnt.
Und Sie auch, sagte ich.
Ja doch. Glauben Sie mir nicht?
Ich wrde Ihnen gern glauben.
Sie sind nicht ganz berzeugt? Ich zuckte die Achseln. Sie haben Ihren Wagen verbrannt.
Auf dem Sitz war Blut.
Ja, sagte er. Von Karen.
Wie ist es draufgekommen?
Ich habe Karen den Wagen bers Wochenende geliehen. Ich hatte ja keine Ahnung, da sie vorhatte, sich die Abtreibung machen zu lassen.
Soll das heien, sie ist mit dem Wagen zu dem Abtreiber gefahren, hat sich den Eingriff machen lassen, fing auf der Heimfahrt zu bluten an und ist dann in den gelben Porsche umgestiegen?
Nicht ganz, sagte Peter. Aber das kann Ihnen jemand anders besser erklren. Er drehte sich um und rief: Liebling, komm doch bitte mal.
Er lchelte mich an. Darf ich Ihnen mein Alibi vorstellen? Mrs. Randall trat ins Zimmer und setzte sich neben ihn in einen Sessel.
Ist Ihnen jetzt klar, in was fr einer Klemme ich bin? sagte Peter.
Sie waren Sonntag abend zusammen? Er nickte.
Den ganzen Abend? Er schenkte sich noch einen Scotch ein. Ja.
Was haben Sie gemacht?
Darber, sagte er, mchte ich lieber nicht unter Eid aussagen.

Mit der Frau Ihres Bruders? fragte ich.
Er zwinkerte Mrs. Randall zu. Bist du die Frau meines Bruders? 
Angeblich, sagte sie. Aber mir kommts nicht so vor.
Sie sehen, ich weihe Sie in die intimsten Familienangelegenheiten ein, sagte Peter. Entsetzt?
Nein, sagte ich. Entzckt.
Eine schne Klemme, was? sagte Peter. Sie kann sich nicht von meinem Bruder scheiden lassen und mich heiraten.
Das ist vllig unmglich. Wir haben das eingesehen und uns damit abgefunden.
Das Ganze drfte ziemlich schwierig fr Sie sein, sagte ich.
Nicht einmal. Er stellte sein Glas auf den Tisch und setzte sich wieder. Joshua ist sehr beschftigt. Er arbeitet oft bis spt in die Nacht hinein. Und Evelyn ist in so vielen Klubs und Komitees, da sie genug Grnde hat, abends wegzugehen.
Frher oder spter wird er dahinterkommen.
Er wei es, sagte Peter.
Ich mu ihn ziemlich erstaunt angesehen haben, denn er sagte rasch: Nicht bewut, natrlich. Aber unbewut ist er sich klar darber, da er eine junge Frau hat, die er vernachlssigt und die  die sich woanders sucht, was sie braucht.
Ich sah Mrs. Randall an. Wrden Sie beschwren, da Peter am Sonntag abend mit Ihnen zusammen war?
Wenns sein mte, sagte sie. Wilson wird Sie dazu zwingen. Er will einen Proze.
Ich weiߓ, sagte sie. Warum haben Sie Art Lee beschuldigt?  Sie wandte sich ab und sah Peter an. Peter sagte: Weil sie mich decken wollte.
Art ist der einzige andere Arzt, von dem Sie wuten, da er Abtreibungen macht?
Ja, sagte sie.
Hat er bei Ihnen auch eine gemacht?
Ja. Vergangenes Jahr im Dezember.
War Ihnen nicht klar, was Sie Art damit antun? Sie zgerte einen Augenblick; dann sagte sie: Ich war vllig durcheinander. Ich hatte Angst. Nein, es war mir nicht klar.
Sie haben Art in eine scheuliche Lage gebracht, sagte ich.
Sie mssen ihm wieder heraushelfen.
Wie?
Indem Sie Ihre Beschuldigungen zurcknehmen.
So einfach ist das nicht, sagte Peter.
Wieso?
Das haben Sie doch gestern abend gesehen. J. D. ist entschlossen, die Sache auszufechten. Er ist ein typischer Chirurg.
Fr ihn gibts nur Gut und Bse. Nur Schwarz und Wei, Tag und Nacht. Kein Grau. Kein Zwielicht.
Evelyn stand auf. Das Essen ist in fnf Minuten fertig, sagte sie. Mchten Sie noch einen Drink?
Bitte, sagte ich und sah Peter an. Ich glaube, jetzt wrde mir einer guttun.
Als Evelyn hinausgegangen war, sagte Peter: Wahrscheinlich halten Sie mich fr einen gemeinen Lump. Aber da tun Sie mir unrecht. Es sind eine Menge Fehler gemacht worden, auf allen Seiten. Mir wrs am liebsten 
 es wrde sich alles in Wohlgefallen auflsen.
So ungefhr. Leider ist mein Bruder vllig unbeeinflubar.
Als Evelyn Dr. Lee beschuldigte, hat er das unbesehen fr bare Mnze genommen. Er hat sich daran geklammert wie an einen Rettungsring. Er wird sich nicht davon abbringen lassen.
Ich schwieg.
Aber das Wesentlichste ist  ob Sie mir glauben oder nicht , ich habe den Eingriff nicht gemacht. Und Sie sind berzeugt, da ihn Dr. Lee nicht gemacht hat. Wer dann?
Keine Ahnung, sagte ich.
Glauben Sie, da Sies rauskriegen werden?
Heit das, ich soll Ihnen helfen?
Ja, sagte er.
Beim Essen fragte ich Evelyn: Was hat Karen im Auto wirklich gesagt?
Sie sagte: Dieses Schwein. Immer und immer wieder.
Weiter nichts.
Hatten Sie irgendeine Vermutung, wen sie damit gemeint hat?
Nein, sagte sie. Keine.
Hat sie sonst noch irgendwas gesagt?
Ja, sagte sie. Sie hat dauernd von einer Nadel geredet.
Da sie die Nadel nicht will, da sie sie raushaben will, da man die Nadel wegtun soll. Was sie damit gemeint hat, wei ich nicht.
Was haben Sie damals gedacht?
Nichts, sagte sie. berhaupt nichts. Nur, da sie stirbt und da sie schnellstens ins Krankenhaus mu. Ich hatte Angst, Peter knnte es getan haben, obwohl ich mir ziemlich sicher war, da ers nicht getan hatte. Ich hatte Angst, da Joshua dahinterkommen wrde. Ich hatte nichts als Angst.
Auch um Karen?
Ja, sagte sie. Auch um Karen.

 

 3

 Das Essen war ausgezeichnet. Als wir fertig waren, starrte ich die beiden an und wnschte, ich wre nicht gekommen und sie htten mir nicht erzhlt, was zwischen ihnen war. Ich wnschte, ich wte nichts davon und ich mte nicht darber nachdenken.
Danach trank ich mit Peter Kaffee. In der Kche hrte ich Evelyn mit dem Geschirr klappern. Es war schwer vorstellbar, da sie Geschirr splte, doch in Peters Haus war sie vllig anders; fast sympathisch.
Ich glaube, sagte Peter, es war falsch, Sie heute hierherzubitten.

Ich auch, sagte ich. Er seufzte und strich die Krawatte auf seinem Bauch glatt.
Ich bin noch nie in so einer Situation gewesen. In so einer schrecklichen Klemme.
Ich dachte bei mir, da er sich selbst in diese Klemme hineinmanvriert hatte, mit offenen Augen. Doch es war merkwrdig; irgendwie konnte ich es ihm nicht belnehmen.
Das Furchtbarste ist, sagte er, da mich dauernd die Frage qult, was ich htte anders machen sollen. Ich zerbreche mir stndig den Kopf darber. Aber ich komme einfach nicht dahinter, womit das Ganze angefangen hat, was mein entscheidender Fehler war. Vielleicht, da ich mich mit Ev eingelassen habe. Aber das wrde ich wieder tun. Oder da ich mich um Karen so gekmmert habe. Aber auch das wrde ich wieder tun. Einzeln, fr sich betrachtet, war nichts falsch. Doch alles zusammen  Ich sagte: Sie mssen J. D. dazu bringen, die Beschuldigungen zurckzunehmen.
Er schttelte den Kopf. Ich habe mich mit meinem Bruder nie besonders verstanden, sagte er. Wir sind zu verschieden, in jeder Beziehung, sogar krperlich. Wir denken verschieden, wir handeln verschieden. Als kleiner Junge hatte ich insgeheim den Verdacht, da er gar nicht mein Bruder ist, da meine Eltern ihn adoptiert hatten oder so was. Wahrscheinlich dachte er das gleiche von mir. Er trank seinen Kaffee aus und legte sein Kinn auf die Brust. Ev hat sich bemht, J. D. dazu zu bringen, die Beschuldigungen zurckzunehmen, sagte er.
Aber er lt nicht mit sich reden, und auerdem wei sie nicht 
Was sie ihm als Argument sagen soll?
Ja.
Unverzeihlich, da sie Lee das angetan hat.
Ja, sagte er. Aber das lt sich nicht mehr ndern.
Er brachte mich zur Tr, und ich trat hinaus ins graue, fahle Sonnenlicht. Als ich zu meinem Wagen ging, sagte er: Ich knnte verstehen, wenn Sie alles hinschmeien wrden.
 Ich drehte mich um. Sie wissen ganz genau, da ich nicht daran denke, aufzugeben.
Ich war mir nicht ganz sicher, sagte er. Aber ich habe es gehofft.
Ich stieg in meinen Wagen und fragte mich, was ich jetzt tun sollte. Ich hatte keine Ahnung, keinerlei Anhaltspunkt, nichts.
Vielleicht sollte ich noch mal mit Zenner sprechen oder mit Ginnie oder mit Angela und Bubbles; mglicherweise fiel ihnen doch noch irgendwas ein. Aber wahrscheinlich hatte das nicht viel Sinn.
Ich griff in die Tasche nach den Schlsseln und stie auf irgendwas. Ich nahm es heraus: ein Foto von einem Schwarzen in einem glnzenden Anzug. Roman Jones. Ich hatte ihn vllig vergessen. Lange starrte ich das Bild an, versuchte in seinem Gesicht zu lesen, ihn einzuschtzen. Es war unmglich; die Pose war eingebt, geknstelt lssig, das Grinsen leer, eine Pose frs Publikum, die mir nicht das mindeste sagte. Ich bin nicht sehr wortgewandt, und es berrascht mich immer wieder, wie gut Johnny, mein Sohn, in dieser Hinsicht ist.
Wenn er allein ist, spielt er mit Worten; er denkt sich Reime aus und erzhlt sich selber Geschichten. Er hat sehr scharfe Ohren, und wenn er irgendwas aufschnappt, gibt er keine Ruhe, bis ichs ihm genau erklrt habe. Einmal fragte er mich, was Apokalypse ist, und er sprach das Wort vllig richtig aus, aber ganz vorsichtig, als sei es zerbrechlich. Es erstaunte mich deshalb nicht besonders, als er daheim pltzlich auftauchte und fragte: Daddy, was ist eine Abtreibung?
Wieso?
Einer von den Polizisten hat gesagt, Onkel Art macht Abtreibungen.
Ist das was Schlimmes?
Manchmal, sagte ich.
Er lehnte sich an mein Knie und sttzte sein Kinn drauf. Er hat groe braune Augen; Judiths Augen.
Aber was ist es denn, Daddy?
Das ist nicht so einfach zu sagen, sagte ich, um Zeit zu gewinnen.
Ist es eine Art Operation?
Ja, sagte ich. So was hnliches. Ich setzte ihn auf mein Knie. Er war schon ziemlich schwer und gro. Judith meinte, es wre hchste Zeit, da wir uns noch ein Kind zulegten.
Es hat mit Babys zu tun, sagte ich.
Mit Gynkologie?
Ja, mit Gynkologie.
Bedeutet es, da das Baby aus der Mami herausgenommen wird?
Ja, so ungefhr. Weit du, manchmal ist ein Baby nicht richtig gesund. Manchmal gibt es Babys, die nicht sprechen knnen 
Babys knnen doch nie gleich sprechen. Das knnen sie doch immer erst spter.
Ja, sagte ich. Aber manchmal hat ein Baby keine Arme und Beine. Und dann nimmt es der Arzt frher heraus.
Wenn es noch ganz klein ist?
Ja, wenn es noch ganz klein ist.
Bin ich auch frher rausgenommen worden?
Nein, sagte ich und drckte ihn an mich.
Warum haben manche Babys keine Arme und Beine?
Das ist eine Art Panne, sagte ich. Manchmal macht die Natur eben einen Fehler.
Er schaute seine Hand an, streckte sie aus und machte sie auf und zu.
Ein Arm ist was Feines, sagte er. Er berlegte einen Moment, dann sah er mich an. Wo kommt denn das Baby hin, wenn es aus der Mami rausgenommen wird?
Weg. Ich hatte keine Lust zu weiteren Erklrungen.
Hm, sagte er und kletterte von meinem Knie herunter.
Macht Onkel Art wirklich Abtreibungen?
Nein, sagte ich. Ich mute das sagen, denn sonst htte ich einen emprten Anruf von seiner Kindergrtnerin gekriegt.
Da bin ich aber froh, sagte er und lief hinaus.
Judith sagte: Du it ja gar nicht.
Ich schob meinen Teller weg. Ich hab keinen besonderen Hunger.
Judith wandte sich zu Johnny und sagte: Komm, i auf.
Er umklammerte mit seiner kleinen Faust die Gabel. Ich hab keinen Hunger, sagte er und sah mich an.
Aber ja, natrlich hast du Hunger, sagte ich.
Nein, sagte er, gar keinen.
Debby legte Messer und Gabel hin. Ich hab auch keinen Hunger, erklrte sie. Es schmeckt scheulich.
Mir schmeckts sehr gut, sagte ich und a pflichtschuldigst einen Bissen. Die Kinder sahen mich mitrauisch an, besonders Debby. Du willst ja blo, da wir essen, Daddy.
Mir schmeckts, sagte ich.
Du tust doch blo so.
Unsinn.
Warum machst du dann so ein ernstes Gesicht? fragte Debby.
Zum Glck beschlo Johnny im selben Moment, weiterzuessen.
Er klopfte sich auf den Bauch. Gut, sagte er.
Wirklich? fragte Debby.
Ja, sagte Johnny, prima.
Debby stocherte herum, dann nahm sie zgernd ein wenig auf die Gabel. Als sie sie zum Mund fhrte, fiel es herunter auf ihr Kleid. Wtend legte sie die Gabel wieder hin. Scheulich , sagte sie. Ich mag nichts mehr.
Sie starrte dster auf den Tisch, whrend Johnny weitera und schlielich stolz seinen Teller hochhob. Fertig, sagte er strahlend.
Es dauerte eine halbe Stunde, bis Judith die Kinder zu Bett gebracht hatte. Ich blieb in der Kche sitzen.
Kaffee? fragte sie, als sie zurckkam.
Ja, sagte ich. Gern.
Tut mir leid mit den Kindern, sagte sie. Aber die letzten Tage waren ziemlich aufreibend fr sie.
Fr uns alle, sagte ich.
Sie schenkte mir den Kaffee ein und setzte sich zu mir. Ich mu dauernd an diese Briefe denken, die Betty gekriegt hat, sagte sie.
Wieso?
Ich verstehe nicht, da Menschen so gemein sein knnen.
So dumm, so fanatisch, so engstirnig 
Wir leben in einer Demokratie, sagte ich. Diese Menschen sind das Volk. Und das Volk regiert in unserem Land.
Machst du dich ber mich lustig?
Nein, sagte ich, ich verstehe dich sehr gut.
Es macht mirangst , sagte Judith. Sie schob mir die Zukkerdose zu und sagte: Am liebsten wrde ich von Boston weggehen. Und nie mehr wiederkommen.
Die Menschen sind berall so, sagte ich. Damit mut du dich abfinden.
Ich sa zwei Stunden in meinem Arbeitszimmer, bltterte in alten Broschren und Zeitschriften und dachte nach  ber Karen Randall und Superhead und Alan Zenner und Bubbles und Angela und Weston, doch es kam nichts dabei heraus.
Judith kam herein und sagte: Es ist neun. Ich stand auf und zog meine Jacke an. Gehst du noch weg?
Ja.
Wohin? Ich grinste. In eine Bar, sagte ich. In der Stadt.
Wozu denn das? Ich zuckte die Achseln. Das wte ich auch gern.
Das Electric Grape war in einer Seitenstrae der Washington Street; ein schbiger alter Ziegelbau mit groen Fenstern. Die Fenster waren mit Plakaten berklebt, so da man nicht hineinschauen konnte. Auf den Plakaten stand: Jeden Abend Die Zephyrs. Go-Go-Girls. Drinnen hrte man dumpfe Rock-n- Roll-Rhythmen. Es war kurz nach zehn. Donnerstagabend, ein ruhiger Abend. Ein paar Matrosen, einige Huser weiter ein paar Huren, das Gewicht auf ein Bein verlagert, die Hfte vorgereckt. Eine fuhr langsam mit einem kleinen Sportwagen vorbei und zwinkerte mir mit ihren langen schwarzen Wimpern zu. Ich ging hinein.
Es war hei, die Luft zum Schneiden, der Krach ohrenbetubend.
Ich blieb einen Moment stehen, um meine Augen an die Dunkelheit zu gewhnen. An der einen Wand waren Nischen mit kahlen Holztischen, an der andereneine Theke und neben dem Bandpodium eine winzige Tanzflche, auf der zwei Matrosen mit zwei dicken, schmuddeligen Mdchen tanzten. Auf dem Podium standen dieZephyrs , fnf Mann  drei Gitarristen, ein Schlagzeuger und ein Snger, der das Mikrofon streichelte und seine Beine um das Stativ geschlungen hatte.
Obwohl sie so einen Heidenlrm machten, waren ihre Gesichter merkwrdig leer, als ob sie auf irgendwas warteten und sich inzwischen mit Spielen die Zeit vertrieben.
Auf der anderen Seite des Podiums standen zwei Go-Go- Girls. Sie trugen Minircke mit Fransen. Die eine hatte Pausbacken, die andere ein hbsches Gesicht und einen reizlosen Krper. Ihre Haut war in dem Scheinwerferlicht kalkwei.
Ich ging zur Theke und bestellte Scotch pur mit Eis. Ich wute, so wrde ich Scotch mit Wasser kriegen, und den wollte ich.
Ich zahlte und drehte mich zur Band um. Der eine Gitarrist war Roman, ein drahtiger, muskulser Mann von Ende Zwanzig mit lockigem schwarzen Haar, das in dem rosa Licht fett glnzte. Er starrte beim Spielen auf seine Finger. Nicht schlecht, die Burschen, sagte ich zum Barkeeper.
Er zuckte die Achseln. Mgen Sie diese Musik?
Klar. Sie nicht?
Ich schei drauf, sagte er.
Was fr Musik mgen Sie denn?
Opern, sagte er und ging zu einem anderen Gast. Ich stand mit meinem Glas da. Als dieZephyrs mit der Nummer fertig waren, klatschten die beiden Matrosen auf der Tanzflche.
Sonst klatschte niemand. Der Snger beugte sich zum Mikrofon vor und sagte mit atemloser, heiserer Stimme, als applaudierten begeistert lausende von Menschen: Danke, vielen Dank.
Dann sagte er: Als nchstes bringen wir eine alte Chuck- Berry-Nummer.
Schon nach ein paar Takten merkte ich, da es Long Tall Sallywar, ein alter Little-Richard-Schlager, keine Chuck- Berry-Nummer. Ich kannte ihn aus der Zeit vor meiner Heirat, als ich fter mit Mdchen in solche Lokale gegangen war, aus der Zeit, als man Schwarze noch amsant gefunden hatte, als sie noch keine Menschen gewesen waren, sondern nur Leute, die Musik zum Tanzen machten. Aus der Zeit, als weie Jungens noch ins Apollo in Harlem gehen konnten.
Nach dieser Nummer schalteten dieZephyrs einen Plattenspieler ein, stiegen von Podium herunter und schlenderten zur Theke. Ich ging Roman ein paar Schritte entgegen und legte meine Hand auf seinen Arm. Darf ich Sie zu einem Drink einladen? Er sah mich erstaunt an. Warum?
Ich bin ein Little-Richard-Fan.
Er musterte mich von oben bis unten. Das glauben Sie doch selber nicht.
Doch, wirklich.
Schn, einen Wodka, sagte er und setzte sich neben mich.
Ich bestellte einen Wodka, und er kippte ihn hinunter. Wollen Sie tatschlich ber Little Richard reden? fragte er. Dann setzen wir uns am besten dort rber. Lassen Sie noch einen springen?
Okay, sagte ich.
Er lie sich nachschenken, stand auf und ging zu einem Tisch auf der anderen Seite des Lokals. Ich folgte ihm. Sein silberner Anzug schimmerte im Halbdunkel. Wir setzten uns, und er starrte auf das Glas und sagte: Wo haben Sie Ihre Silberbrosche? 
Was? Er sah mich mit gequlter Miene an. Ihre Marke, Mann.
Ihre Anstecknadel.
Ich machte anscheinend ein ziemlich dummes Gesicht.
Mein Gott, sagte er, fr einen Polyp haben Sie aber eine ziemlich lange Leitung.
Ich bin doch kein Polyp, sagte ich. Er nahm sein Glas und stand auf. Moment, sagte ich, holte meine Brieftasche hervor und nahm meinen Arztausweis heraus. Da. Er beugte sich vor und warf einen Blick drauf.
Nein, so was, sagte er spttisch. Doch er setzte sich wieder.
Ich bin wirklich Arzt.
Okay, sagte er. Sie sind Arzt. Sie riechen zwar wie ein Polyp, aber Sie sind Arzt. Da Sie sich aber ber eins im klaren sind: Sehen Sie die Jungens dort drben? Er deutete auf seine Kollegen. Falls irgendwas sein sollte, werden sie bezeugen, da Sie mir einen Arztausweis gezeigt haben und keine Marke.
Sie wissen, was Ihnen dann blht, falls Sie ein Polyp sind, ja?
Ich wollte mich doch blo ein bichen mit Ihnen unterhalten.
 Er trank einen Schluck. Dann lchelte er leise und sagte kopfschttelnd: Unwahrscheinlich, wie schnell sich das rumspricht. Er sah mich an. Wer hats Ihnen gesagt?
Ich habs eben erfahren.
Von wem? Ich zuckte die Achseln. Ist das so wichtig?
Fr wen wollen Sies?
Fr mich.
Er lachte. Fr Sie? Das knnen Sie Ihrer Gromutter erzhlen.

Schn, dann nicht, sagte ich und stand auf. Anscheinend bin ich an der falschen Adresse.
Nun rennen Sie doch nicht gleich weg, Mensch. Ich wandte mich um. Er hatte sein Glas in die Hand genommen und drehte es zwischen den Fingern. Setzen Sie sich. Ich setzte mich wieder. Er starrte auf das Glas. Der Stoff ist gut, sagte er. Unvermischt, erste Qualitt. Der Preis entsprechend.
Okay, sagte ich.
Er kratzte sich hastig und nervs an den Armen und Hnden.
Wie viele Kuverts?
Zehn. Fnfzehn. Soviel Sie haben.
Ich hab soviel Sie wollen.
Dann fnfzehn, sagte ich. Aber ich mchte den Stoff erst sehen.
Gut. Meinetwegen. Sie knnen ihn erst sehen. Er kratzte sich am Arm; dann lchelte er: Aber zuerst mchte ich wissen, wers Ihnen gesagt hat.
Ich zgerte. Angela Harding, sagte ich.
Er ri erstaunt die Augen auf, und ich fragte mich, ob ich etwas Falsches gesagt hatte. Dann rutschte er nervs auf seinem Stuhl herum und fragte: Ist sie eine Freundin von Ihnen?
So ungefhr.
Wann haben Sie sie zum letztenmal gesehen?
Gestern, sagte ich.
Er nickte langsam. Dort ist die Tr, sagte er. Ich geb Ihnen dreiig Sekunden. Wenn Sie dann nicht drauen sind, mach ich aus Ihnen Hackfleisch. Verstanden? Dreiig Sekunden.
 Ich sagte: Also schn, es war nicht Angela. Es war eine Freundin von ihr.
Wer?
Karen Randall.
Nie gehrt.
Nein? Angeblich sollen Sie sie gut gekannt haben.
Er schttelte den Kopf. Wie kommen Sie darauf?
Man hat es mir erzhlt.
Dann hat man Ihnen was Falsches erzhlt.
Ich griff in die Tasche und holte sein Bild hervor. Dieses Foto war in ihrem Zimmer im College.
Bevor ich michs versah, hatte er es mir aus der Hand gerissen und in kleine Stcke zerfetzt.
Was fr ein Foto? sagte er. Keine Ahnung, was Sie meinen.
Ich hab das Mdchen nie gesehen.
Ich lehnte mich zurck.
Er starrte mich bse an. Verschwinden Sie, sagte er. Ich bin hierhergekommen, um was zu kaufen, sagte ich.
Ich gehe, sobald ichs hab.
Er kratzte sich wieder am Arm. Ich sah ihn an, und mir wurde klar, da aus ihm nichts mehr herauszuholen war.
Okay, sagte ich und stand auf. Meine Brille lie ich auf dem Tisch liegen. Wissen Sie brigens, wo ich etwas Thiopental kriegen kann? Er zuckte leicht zusammen; dann sagte er: Was?
Thiopental.
Keine Ahnung. Nie gehrt. Verduften Sie endlich, sagte er.
Sonst passiert was.
Ich ging hinaus. Es war kalt, und es hatte wieder zu regnen angefangen. Ich schaute zur Washington Street hinunter und zu den hellen Reklamelichtern der andern Rock-n-Roll- Schuppen und wartete dreiig Sekunden. Dann ging ich zurck.
Meine Brille lag noch auf dem Tisch. Ich nahm sie, drehte mich um und lie meinen Blick durch das Lokal schweifen.
Roman stand in einer Ecke und telefonierte.
Das war alles, was ich wissen wollte.


4

 An der nchsten Ecke war ein Selbstbedienungslokal. Durchs Fenster sah ich ein paar junge Mdchen, die kichernd belegte Brote aen, und zwei oder drei Wermutbrder in zerfetzten Mnteln, die ihnen fast bis zu den Schuhen reichten. Auf der einen Seite standen drei Matrosen, die sich vor Lachen bogen und sich gegenseitig auf die Schulter hauten. An der hinteren Wand war ein Telefon.
Ich riefdas Memorial an und verlangt Dr. Hammond. Die Telefonistin sagte mir, da er Nachtdienst in der Notaufnahme htte, und stellte durch. Norton, hier John Berry.
Was gibts?
Ich wollte dich um einen Gefallen bitten, Norton, sagte ich. Knntest du mal in eurem Archiv was nachsehen?
Meinetwegen, sagte er. Zum Glck ist heute nacht nicht viel los. Ein oder zwei leichte Verletzungen und ein paar Besoffene, die sich geprgelt haben. Weiter nichts. Was brauchst du?
Wrdest du bitte notieren, sagte ich. Roman Jones, Schwarzer, ungefhr vierundzwanzig oder fnfundzwanzig. Ich mchte wissen, ob er mal bei euch gelegen hat oder ambulant behandelt worden ist. Die genauen Daten bitte.
Okay, sagte Hammond. Roman Jones. Ich schau gleich mal nach.
Danke, sagte ich. Rufst du noch mal an?
Nein. Ich schau spter bei dir vorbei. Wie sich bald herausstellen sollte, war das eine ziemliche Untertreibung.
Als ich auflegte, merkte ich, da ich Hunger hatte, und so holte ich mir ein Paar Wrstchen und eine Tasse Kaffee.
Hamburger a ich in solchen Lokalen grundstzlich nicht.
Erstens weil sie oft Pferdefleisch oder Kaninchenfleisch oder irgendwelche Eingeweide mit durch die Fleischmaschine drehen, und zweitens weil sie im allgemeinen von Krankheitserregern wimmeln, zum Beispiel von Trichinen. Man kann nicht vorsichtig genug sein.
Ich habe einen Freund, der Bakteriologe ist. Er leitet ein Krankenhauslabor und legt von den Erregern, mit denen sich die Patienten angesteckt haben, Kulturen an. Nach allem, was der Junge gesehen hat, geht er in kein Restaurant mehr essen, und auch zu Hause it er kein Steak, das nicht vllig durchgebraten ist. Er hat richtig Angst. Ich war einmal mit ihm essen  es war schrecklich: der Schwei stand ihm auf der Stirn.
Jedenfalls sind Wrstchen noch das ungefhrlichste, und so holte ich mir welche und stellte mich damit und mit der Tasse Kaffee an die Theke. Whrend ich a, schaute ich durchs Fenster auf die Leute drauen.
Roman fiel mir ein. Was er gesagt hatte, gefiel mir gar nicht.
Es gab keinen Zweifel, er handelte mit Stoff, vermutlich mit ziemlich starkem Stoff. Marihuana war zu leicht zu kriegen.
Lysergsure wird tonnenweise in Italien produziert, und jeder Chemiestudent kann daraus LSD machen, wenn er ein paar Reagenzglser und Glaskolben aus seinem Labor klaut. Psilocybin und DMT sind noch leichter herzustellen.
Wahrscheinlich handelte Roman mit Rauschgift  mit Morphium und Heroin. Das komplizierte das Ganze natrlich  vor allem, wenn man bedachte, wie er reagiert hatte, als ich Angela Harding und Karen Randall erwhnte. Ich war mir nicht sicher, was fr ein Zusammenhang da bestand, doch irgendwie hatte ich das Gefhl, da ich bald dahinterkommen wrde.
Ich a meine Wrstchen auf und trank einen Schluck Kaffee.
Als ich wieder aus dem Fenster schaute, sah ich drauen Roman vorbeilaufen. Er bemerkte mich nicht. Er blickte geradeaus, mit dsterem, verkniffenem Gesicht. Ich trank schnell den Kaffee aus und folgte ihm.


5

 Ich lie ihm einen halben Block Vorsprung. Er schob und drngte sich zwischen den Leuten durch bis zur Stuart Street, wo er nach links abbog. Ich folgte ihm um die Ecke. Dieser Teil der Stuart Street war ziemlich leer. Ich ging etwas langsamer und zndete mir eine Zigarette an. Wenn er sich umblickte, wrde er mich bestimmt erkennen. Er ging einen Block weit und bog dann wieder nach links ab, in die gleiche Richtung, aus der er gekommen war. Er ging rasch, mit fahrigen Bewegungen, wie jemand, der Angst hat. Wir waren jetzt in der Harvey Street. Ich blieb vor einem der chinesischen Restaurants stehen und tat, als ob ich die Speisekarte im Fenster las. Roman blickte sich nicht um. An der nchsten Ecke bog er nach rechts. Ich ging ihm nach. Sdlich des Common-Parks ndert sich der Charakter der Stadt pltzlich.
Am Rand des Parks, in der Tremont Street, gibt es elegante Geschfte und Lokale; einen Block weiter wirds allmhlich immer schbiger: dort gibts Kneipen und Huren und Striplokale.
Dann kommen ein paar chinesische Restaurants und danach Grohandelsgeschfte und Lagerhuser, hauptschlich fr Kleidung.
Dort waren wir jetzt.
Die Lden waren finster. Stoffballen standen in den Schaufenstern.
Die Huser hatten groe Wellblechtore und Rampen, an denen die Lastwagen entladen und beladen wurden. Ein paar kleine Kurzwarengeschfte. Ein Kostmverleih  in der Auslage Netzstrmpfe, eine alte Uniform, Percken. In einem Keller eine Billardhalle, durch deren Fenster man das leise Klicken der Kugeln hrte. Die Straen waren feucht und finster. Kein Mensch war zu sehen. Roman ging rasch einen Block weiter; dann blieb er stehen.
Ich trat in einen Hauseingang und wartete. Er sah sich einen Moment um, ging weiter und bog wieder um die nchste Ecke.
Immer wieder drehte er sich um. Einmal fuhr ein Auto vorbei; die Reifen zischten auf dem nassen Pflaster. Roman trat rasch in eine dunkle Nische und kam erst wieder hervor, als das Auto verschwunden war. Kein Zweifel, er war nervs.
Ich folgte ihm etwa fnfzehn Minuten. Ein paarmal blieb er stehen und blickte auf etwas in seiner Hand. Ich konnte nicht erkennen, was es war; vielleicht eine Uhr. Schlielich ging er in nrdlicher Richtung  durch Seitenstraen um den Common- Park und das State House herum. Erst da wurde mir klar, da er zum Beacon Hill ging. Weitere zehn Minuten verstrichen, und meine Aufmerksamkeit mu nachgelassen haben, denn ich verlor ihn. Er bog in eine Seitenstrae ein, und als ich gleich darauf an die Ecke kam, war er verschwunden; die Strae war leer. Ich blieb stehen und horchte, doch es waren keine Schritte zu hren. Rasch lief ich weiter. Da geschah es.
Etwas Schweres und Feuchtes und Kaltes sauste auf meinen Kopf nieder, und ich sprte einen stechenden Schmerz ber meiner Stirn und dann einen Schlag in den Bauch. Ich strzte zu Boden, und alles begann sich um mich zu drehen. Ich hrte einen Schrei und hastige Schritte, und dann wurde es still.


6

 Alles war merkwrdig verzerrt, wie in einem Traum. Die Huser waren schwarz und unheimlich hoch und drohten jeden Moment einzustrzen. Ich fror, meine Kleider waren na, Regen spritzte mir ins Gesicht. Ich hob den Kopf und sah: alles war rot.
Ich sttzte mich auf den Ellbogen. Blut tropfte auf meinen Regenmantel. Benommen starrte ich aufs rote Pflaster.
berall war Blut. Mein Blut? Mein Magen krampfte sich zusammen, und ich bergab mich. Mir war schwindlig, und einen Moment wurde alles um mich grn.
Mhsam richtete ich mich auf die Knie auf.
In der Ferne hrte ich eine Sirene. Langsam kam das Heulen nher. Zitternd stand ich auf und lehnte mich an ein Auto.
Ich hatte keine Ahnung, wo ich war. Ich starrte auf das Blut auf dem Gehsteig und fragte mich, was ich tun sollte.
Die Sirene kam nher.
Ich schleppte mich um die Ecke; dann blieb ich stehen und rang nach Luft. Die Sirene war jetzt ganz nahe; in der Strae hinter mir blitzte blaues Licht auf. Ich taumelte weiter; wie weit, wei ich nicht. Ich hatte keine Ahnung, wo ich war.
Endlich sah ich am Straenrand ein Taxi; sein Motor lief.
Ich sagte: Bringen Sie mich zum nchsten Krankenhaus.
Der Fahrer sah mich an und schttelte den Kopf.
Ich wollte einsteigen.
Er ri mir die Tr aus der Hand, knallte sie zu und fuhr los.
In der Ferne hrte ich wieder die Sirene. Wieder wurde mir schwindlig. Ich hockte mich auf den Boden und bergab mich.
Irgendwo im Gesicht blutete ich. Kleine rote Tropfen fielen auf das Erbrochene. Es regnete noch immer, und ich fror schrecklich.
Ich stand auf und versuchte, mich zu orientieren; ich war irgendwo sdlich der Washington Street. Auf einem Straenschild stand Curley Place, doch das sagte mir nichts. Ich ging weiter, taumelnd, immer wieder anhaltend. Ich hoffte, da ich nicht in die falsche Richtung ging. Ich wute, ich verlor Blut, doch ich wute nicht, wieviel. Alle paar Schritte mute ich stehenbleiben und mich an ein Auto lehnen und Luft holen.
Das Schwindelgefhl wurde immer schlimmer. Ich stolperte und fiel hin. Meine Knie schlugen aufs Pflaster; ein scharfer Schmerz durchzuckte mich. Einen Augenblick wurde mein Kopf klar, und es gelang mir, wieder aufzustehen. Meine nassen Schuhe quietschten. Meine Kleider waren na.
Ich konzentrierte mich auf das Quietschen meiner Schuhe und zwang mich weiterzugehen, einen Schritt nach dem anderen.
Drei Huserblocks weiter sah ich ein Licht. Ich mute es schaffen.
Schritt fr Schritt taumelte ich auf das Licht zu. Ich lehnte mich an ein blaues Auto, einen Moment nur, um Luft zu holen.
So, wir sind da.
Jemand packte mich. Ich sa in einem Auto; jemand zog mich heraus. Mein Arm wurde um eine Schulter gelegt, und ich ging. Vor nur sah ich helle Lichter. Ein Schild:NOTAUFNAHME, blau beleuchtet. Neben der Tr eine Schwester.
Schn langsam. Immer mit der Ruhe.
Mein Kopf baumelte hin und her. Ich wollte etwas sagen, doch mein Mund war zu trocken. Ich fror und hatte schrecklichen Durst. Ich sah den Mann an, der mich sttzte; es war ein alter Mann mit einem grauen Bart und einer Glatze. Meine Knie waren wie aus Gummi, und ich zitterte am ganzen Krper.
So, gleich haben wirs geschafft. Die Schwester trat in den Lichtschein vor der Tr; dann lief sie hinein. Zwei Praktikanten kamen heraus, packten mich an den Armen und hoben mich hoch. Meine Schuhe scharrten durch die Pftzen. Mein Kopf fiel nach vorn, und ich sprte den Regen auf meinem Nacken.
Der Mann mit der Glatze lief voraus und ffnete die Tr.
Drinnen war es warm. Sie legten mich auf einen gepolsterten Tisch und begannen mich auszuziehen, doch meine Kleider waren na und blutdurchtrnkt; sie klebten an meinem Krper, und schlielich muten sie sie mit einer Schere herunterschneiden.
Es war alles sehr schwierig, und es schien Stunden zu dauern. Ich hielt die Augen geschlossen, denn das grelle Licht tat mir weh.
Jemand machte sich an meinem Kopf zu schaffen und tupfte meine Stirn ab. Sie war kalt und gefhllos. Inzwischen hatten sie mich vllig ausgezogen. Sie trockneten mich mit einem steifen Handtuch ab, wickelten mich in eine Decke und legten mich auf einen anderen gepolsterten Tisch. Ich wurde durch einen Gang gerollt. Ich schlug die Augen auf und sah, da sich der glatzkpfige Mann mit besorgter Miene ber mich beugte.
Wo haben Sie ihn gefunden? fragte der eine Praktikant.
Auf einem Auto. Er lag auf einem Auto. Ich dachte zuerst, er sei betrunken. Dann hab ich gesehen, da er gut angezogen und voll Blut ist. Und so hab ich ihn hierhergebracht.
Haben Sie eine Vermutung, was passiert ist? fragte der Praktikant.
Meiner Meinung nach ist er verprgelt worden, sagte der Mann.
Er hat keine Brieftasche bei sich, sagte der Praktikant.
Was kriegen Sie fr die Fahrt?
Nichts, sagte der Kahlkpfige.
Er wird sie Ihnen bestimmt bezahlen wollen.
Schon gut, sagte der Mann. Anscheinend war es ein Taxifahrer.
Ich mu jetzt gehen.
Hinterlassen Sie in der Anmeldung Ihren Namen, sagte der Praktikant.
Doch der Mann war schon weg.
Sie rollten mich in einen blaugekachelten Raum. Die Operationslampe ber meinem Kopf ging an. Gesichter starrten auf mich nieder. Gummihandschuhe wurden bergestreift, Gazemasken aufgesetzt.
Wir mssen zuerst die Blutung stoppen, sagte der Praktikant.
Dann machen wir ein paar Rntgenaufnahmen. Er sah mich an.
Hren Sie mich? Ich nickte und machte den Mund auf, brachte aber kein Wort hervor.
Nicht sprechen, sagte er. Mglicherweise haben Sie einen Kieferbruch. Ich nhe erst mal die Wunde an Ihrer Stirn; dann sehen wir weiter.
Die Schwester wusch mein Gesicht, zuerst mit warmer Seife.
Als sie den Schwamm wegnahm, war er voll Blut. Jetzt mit Alkohol, sagte sie. Brennt vielleicht etwas.
Die Praktikanten sahen sich die Wunde an. Notieren Sie: Sechs Zentimeter lange Oberflchenwunde an der rechten Schlfe, sagte der eine.
Ich sprte den Alkohol kaum. Er war kalt und brannte ein wenig, weiter nichts. Der Praktikant steckte die gekrmmte Nadel in einen Nadelhalter.
Die Schwester trat zurck, und er beugte sich ber meinen Kopf. Es tat nicht weh; ich sprte nur einen leichten stechenden Schmerz an der Stirn. Der Praktikant, der mich nhte, sagte: Verdammt tief an dieser Stelle. Fast wie von einem Skalpell.
Vielleicht von einem Messer?
Kann sein, sieht aber eigentlich nicht so aus. Die Schwester befestigte eine Venenklemme an meinem Arm und zapfte Blut ab. Am besten, Sie geben ihm gleich Tetanusserum und Penicillin, sagte der Praktikant, whrend er weiternhte.
Zwinkern Sie einmal fr ja, zweimal fr nein. Sind Sie gegen Penicillin allergisch? Ich zwinkerte zweimal. Sind Sie ganz sicher? Ich zwinkerte einmal.
Okay, sagte er und nhte weiter. Die Schwester gab mir zwei Injektionen. Der andere Praktikant untersuchte schweigend meinen Krper.
Anscheinend wurde ich wieder ohnmchtig. Als ich die Augen aufmachte, sah ich ber meinem Kopf einen riesigen Rntgenapparat. Nicht bewegen, sagte jemand in gereiztem Ton.
Ich verlor wieder das Bewutsein.
Als ich zu mir kam, lag ich in einem anderen Raum mit grngestrichenen Wnden. Die rzte hielten die tropfnassen Rntgenbilder gegen das Licht und sprachen darber. Dann ging der eine weg, und der andere kam zu mir. Scheint nichts Ernstliches zu sein, sagte er. Ein paar Zhne sind vielleicht locker, aber gebrochen ist offenbar nichts.
Ich war jetzt klar genug im Kopf, um zu fragen: Hat sich der Rntgenologe die Aufnahmen angeschaut? Er sah mich erstaunt an; offenbar dachte er das gleiche wie ich: da Schdelaufnahmen schwer zu lesen sind, da man dazu viel Erfahrung braucht; doch ihm war anscheinend rtselhaft, woher ich das wute. Nein, der Rntgenologe ist im Moment nicht da.
Wo ist er?
In der Kantine, eine Tasse Kaffee trinken.
Holen Sie ihn, sagte ich. Mein Mund war trocken und steif; mein Kiefer tat weh. Ich betastete meine Wange und sprte eine groe Schwellung, die stark schmerzte. Kein Wunder, da sie einen Bruch vermutet hatten. Wie ist mein Hmatokrit? sagte ich.
Wie bitte? Anscheinend hatte er mich nicht verstanden; meine Zunge war dick, und ich sprach undeutlich. Wie mein Hmatokrit ist! Die beiden sahen sich an; dann sagte der eine: Vierzig, Sir.
Ich hab Durst. Geben Sie mir ein Glas Wasser.
Der eine ging hinaus, um ein Glas zu holen. Der andere sah mich mit einem merkwrdigen Blick an, als htte er eben erst entdeckt, da ich ein Mensch war. Sind Sie Arzt, Sir?
Wieso? sagte ich. Ist das irgendwie von Bedeutung? Er schien verwirrt. Er holte sein Notizbuch hervor und sagte: Waren Sie schon mal hier in Behandlung, Sir?
Nein, sagte ich. Und ich habe auch jetzt nicht die Absicht, hierzubleiben.
Sir, Sie haben eine ziemlich schwere Verletzung, und 
Unsinn, sagte ich. Holen Sie einen Spiegel.
Einen Spiegel? Ich seufzte Ich mchte sehen, wie Sie die Wunde genht haben, sagte ich.
Sir, falls Sie Arzt sind 
Holen Sie einen Spiegel.
Mit erstaunlicher Geschwindigkeit brachte man nur einen Spiegel und ein Glas Wasser. Ich trank zuerst das Wasser; es schmeckte herrlich.
Sie sollten so was nicht auf die leichte Schulter nehmen, Sir.
Bei einem Hmatokrit von vierzig kanns nicht so schlimm sein, sagte ich. Ich nahm den Spiegel und sah mir die Wunde an meiner Schlfe an. Langsam wurde ich wtend auf die beiden Praktikanten, und das lie mich den Schmerz und die belkeit vergessen. Die Wunde war sauber und leicht geschwungen; sie lief von der Augenbraue hinunter zum Ohr. Sie hatten sie mit etwa zwanzig Stichen genht. Wann bin ich hergebracht worden? fragte ich.
Vor etwa einer Stunde, Sir.
Hren Sie auf, mich Sir zu nennen, sagte ich. Machen Sie lieber noch einen Hmatokrit. Ich mchte wissen, ob ich innere Blutungen habe.
Sie haben nur fnfundsiebzig Puls, Sir, und Ihre Hautfarbe 
Los, machen Sie schon, sagte ich. Sie stachen mir noch einmal in die Vene, und der Assistent zapfte etwa fnf Kubik ab. Mein Gott, sagte ich, es ist doch blo fr einen Hmatokrit.
 Er sah mich verlegen an und ging rasch hinaus. In der Notaufnahme nimmt mans nicht so genau. Fr einen Hmatokrit htte der Bruchteil eines Kubikzentimeters gengt; ein Tropfen aus dem Finger.
Mein Name ist George Berry, sagte ich zu dem anderen Praktikanten. Ich bin Pathologe im Lincoln.
Jawohl, Sir.
Das brauchen Sie nicht aufzuschreiben.
Jawohl, Sir. Er legte sein Notizbuch weg.
Ich mchte nicht, da irgend jemand etwas von der Sache erfhrt. Sie werden also kein Krankenblatt anlegen. Verstanden? 
Aber, Sir, wenn Sie berfallen und beraubt worden sind 
Unsinn, sagte ich. Ich bin gestolpert und hingefallen. Ein vllig harmloser Unfall.
Sir, Ihre Verletzung lt aber darauf schlieen 
Ihre Diagnose interessiert mich nicht. Ende der Diskussion.

Sir 
Keine Widerrede, sagte ich.
Ich sah ihn an. Auf seinem weien Mantel waren Blutspritzer; wahrscheinlich von nur. Sie tragen ja gar kein Namensschild , sagte ich.
Er schwieg.
Sollten Sie aber. Wir Patienten mchten gern wissen, mit wem wirs zu tun haben.
Er holte tief Luft; dann sagte er: Sir, ich bin im achten Semester 
Hr mal, mein Junge, unterbrach ich ihn. Ich hab keine Lust, hier noch lnger rumzuliegen. Hol Dr. Hammond.
Wen, Sir?
Dr. Hammond. Den diensthabenden Assistenten.
Jawohl, Sir.
Als er zur Tr ging, kam ich zu dem Schlu, da ich zu grob zu ihm gewesen war. Er war ja schlielich noch ein Student, und er schien ein ganz netter Junge zu sein. Noch eine Frage, sagte ich. Haben Sie die Wunde genht? Er schwieg einen Moment und starrte auf den Boden. Ja, Sir.
Gar nicht so schlecht, sagte ich.
Er grinste. Danke, Sir.
Sie sollen mich nicht dauernd Sir nennen. Haben Sie die Wunde untersucht, bevor Sie sie genht haben?
Ja, S Ja.
Was fr einen Eindruck hatten Sie?
Es war ein erstaunlich sauberer Schnitt. Wie von einem Rasiermesser.
Ich lchelte. Oder von einem Skalpell?
Wieso? Wie kommen Sie darauf?
Ich glaube, das wird eine interessante Nacht fr Sie werden , sagte ich. Holen Sie Hammond. Als er hinausgegangen war, lenkte mich nichts mehr von meinen Schmerzen ab. Am meisten tat mein Bauch weh; es war, als htte ich eine Billardkugel verschluckt. Ich legte mich auf die Seite, und der Schmerz lie etwas nach. Nach einer Weile erschienen Hammond und der Praktikant. Hammond sagte: Mensch, du machst ja schne Sachen.
Hallo, Norton, sagte ich.
Ich hatte keine Ahnung, da du eingeliefert worden bist, sagte Norton, sonst 
Nicht so schlimm. Deine Jungens haben mich prima verarztet.

Was ist denn passiert?
Ein kleiner Unfall.
Er beugte sich ber mich und sah sich die Wunde an. Du hast Glck gehabt, sagte er. Der Schnitt ist nicht sehr tief.
Geblutet hast du wie eine Sau. Aber dein Hmatokrit ist normal.

Ich hab eben eine gute Milz, sagte ich.
Anscheinend. Wie fhlst du dich?
Beschissen.
Kopfschmerzen?
Ein bichen.
Schlfrig? belkeit?
Komm, hr auf, Norton 
Leg dich zurck, sagte er. Er holte seine Taschenlampe hervor und leuchtete mir in die Pupillen; dann sah er sich mit einem Ophthalmoskop den Augenhintergrund an. Schlielich prfte er an beiden Armen und Beinen die Reflexe.
Siehst du? sagte ich. Nichts.
Ein Hmatom knntest du trotzdem haben.
Unsinn.
Du solltest noch zur Beobachtung hierbleiben, sagte er.
Kommt nicht in Frage. Ich setzte mich sthnend auf. Mein Bauch tat weh. Ich steh jetzt auf. Komm, hilf mir.
Ich frchte, deine Kleider 
Sind zerschnitten worden. Ich wei. Kannst du mir einen weien Anzug geben?
Wozu?
Ich mchte dabeisein, wenn die andern eingeliefert werden.

Welche andern?
Das wirst du schon sehen.
Der Praktikant fragte mich nach meiner Gre, und ich sagte sie ihm. Er wollte hinausgehen, doch Hammond hielt ihn am Arm fest.
Moment. Er wandte sich zu mir. Du kriegst einen, aber nur unter einer Bedingung: da du bis morgen frh hierbleibst , sagte er ruhig.
Ich mchte aber nicht, da ein Krankenblatt angelegt wird.
Okay. Meinetwegen kannst du hier in der Notaufnahme bleiben.
Ich runzelte die Stirn. Schn, sagte ich, ich bleibe.
Der Praktikant ging den weien Anzug holen. Hammond sah mich kopfschttelnd an. Wer hat dich so zugerichtet?
Das wei ich selbst nicht genau. Aber bald werde ichs wissen.
Der Praktikant brachte den weien Anzug, und ich schlpfte hinein. Es war ein merkwrdiges Gefhl; ich hatte seit Jahren keinen getragen. Frher war ich stolz darauf gewesen. Jetzt kam er mir steif und unbequem vor. Sie brachten mir meine Schuhe; sie waren na und voll Blut. Ich wischte sie ab und zog sie an. Ich war mde und erschpft, doch ich durfte mich nicht unterkriegen lassen. Ich war ganz sicher, da sich noch heute nacht alles klren wrde.
Man brachte mir eine Tasse Kaffee und ein belegtes Brot. Es schmeckte wie Zeitungspapier, doch ich wrgte es hinunter, weil ich das Gefhl hatte, ich mte irgendwas zu mir nehmen.
Hammond setzte sich neben mich. brigens, sagte er, ich hab wegen diesem Roman Jones nachgesehen.
Und?
Er war einmal bei uns. Auf der Urologischen. Anscheinend hatte er eine Nierenkolik. Sie haben eine Urinanalyse gemacht.

Und wie war das Ergebnis?
Es war Blut drin. Rote Blutkrperchen mit Kernen. Ich konnte mir denken, was mit ihm los gewesen war. Es passierte oft, da Leute im Krankenhaus erscheinen und ber starke Unterleibsschmerzen und Harnstauung klagen  Symptome, die darauf schlieen lassen, da ein Nierenstein im Harnleiter eingeklemmt ist. Da eine solche Kolik uerst schmerzhaft ist, gibt man ihnen meistens sofort Morphium und untersucht, um eine genaue Diagnose stellen zu knnen, den Urin auf Blut.
Nierensteine verursachen im allgemeinen eine leichte Blutung im Urinaltrakt. Morphiumschtige simulieren hufig Nierenkoliken, weil sie wissen, da sie auf diese Weise leicht zu einer Morphiumspritze kommen knnen. Zum Teil sind sie darin sehr geschickt; sie kennen die Symptome und imitieren sie uerst berzeugend. Wenn man sie auffordert, eine Urinprobe abzugeben, gehen sie auf die Toilette, urinieren in die Flasche, stechen sich in den Finger und tun einen kleinen Tropfen Blut hinein.
Manche sind dazu jedoch zu zimperlich und nehmen statt ihrem eigenen Blut tierisches Blut, zum Beispiel von einem Huhn. Die Sache hat nur einen Haken: die roten Blutkrperchen eines Huhns haben Kerne, menschliche haben keine.
Deshalb lassen rote Blutkrperchen mit Kernen ziemlich sicher darauf schlieen, da der Patient die Nierenkolik simuliert, und das tun im allgemeinen nur Rauschgiftschtige.
Hat man ihn nach Einstichen abgesucht?
Nein. Als der Arzt ihn untersuchen wollte, ist er weggerannt.
Er hat sich nie wieder blicken lassen.
Interessant. Dann ist er vermutlich rauschgiftschtig.
Ja. Vermutlich.
Nachdem ich das Brot gegessen hatte, fhlte ich mich etwas besser. Ich stand mhsam auf und rief Judith an und sagte ihr, da ich im Memorial sei; es wre alles in Ordnung, und sie solle sich keine Sorgen machen. Von meiner Verletzung sagte ich ihr nichts, um sie nicht unntig aufzuregen.
Als ich mit Hammond den Korridor hinunterging, mute ich mich zusammennehmen, um vor Schmerzen nicht zu sthnen.
Er fragte in einem fort, wie ich mich fhlte, und ich versicherte ihm immer wieder, da ich okay sei. In Wirklichkeit fhlte ich mich miserabel. Mir war schlecht von dem Brot und dem Kaffee, und meine Kopfschmerzen waren, seit ich aufgestanden war, schlimmer geworden. Am schlimmsten aber war die Mdigkeit. Ich war entsetzlich schwach.
Wir gingen zum Eingang der Notaufnahmestation, einem berdachten Vorbau, unter dem die Kranken aus den Ambulanzwagen ausgeladen wurden, und traten ins Freie. Die Nacht war trb, und es regnete noch immer, doch die khle Luft tat mir gut.
Du bist blaߓ, sagte Hammond.
Ich bin in Ordnung, sagte ich.
Wir haben dich berhaupt nicht auf innere Blutungen untersucht.

Mir fehlt nichts, sagte ich. Hr endlich auf. Wir warteten.
Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei, und die Reifen zischten auf dem nassen Pflaster; sonst herrschte tiefe Stille.
Worauf warten wir eigentlich? fragte Hammond nach einer Weile.
Ich wei nicht genau. Aber ich glaube, man wird bald einen Schwarzen und ein Mdchen bringen.
Roman Jones? Hat er dich so zugerichtet?
Vermutlich.
In Wirklichkeit war ich mir ziemlich sicher, da er es gewe- sen war. Ich konnte mich an nichts genau erinnern, auch nicht an das, was vor dem berfall gewesen war. Ich hatte zwar keine richtige retrograde Amnesie, die hufig nach Gehirnerschtterungen auftritt und etwa fnfzehn Minuten vor den Zeitpunkt zurckreicht, doch ich war ziemlich durcheinander.
Es mu Roman gewesen sein, dachte ich. Es war die einzige logische Erklrung. Er war in Richtung Beacon Hill gegangen.
Und auch dafr gab es nur eine logische Erklrung.
Es blieb nichts brig, als zu warten. Wie fhlst du dich? fragte Hammond.
Fang nicht schon wieder damit an, sagte ich. Ich sag dir doch, ich bin in Ordnung.
Du siehst aus, als ob du ziemlich fertig wrst.
Das bin ich auch. Die ganze Woche schon. Ich schaute auf meine Uhr. Fast zwei Stunden waren vergangen, seit ich zusammengeschlagen worden war. Das war eine Menge Zeit.
Mehr als genug.
Allmhlich fragte ich mich, ob etwas schiefgegangen war. Im selben Moment bog mit kreischenden Reifen und heulender Sirene und blitzendem Blaulicht ein Polizeiauto um die Ecke.
Gleich dahinterkam ein Ambulanzwagen und dann ein drittes Auto. Whrend der Ambulanzwagen in die Einfahrt zurckstie, sprangen zwei Mnner in grauen Anzgen aus dem dritten Auto: Reporter. Man sah es an ihren aufgeregten Gesichtern.
Der eine hatte eine Kamera in der Hand.
Keine Fotos, sagte ich.
Die hintere Tr des Ambulanzwagens wurde aufgemacht und eine Tragbahre herausgehoben. Ein Mann lag darauf. Das erste, was ich sah, waren seine Kleider  am Oberkrper und an den Armen zerfetzt und aufgeschlitzt, als sei er in irgendeine grliche Maschine geraten. Dann sah ich im kalten Neonlicht das Gesicht: Roman Jones. Sein Schdel war an der rechten Seite eingebeult wie ein kaputter Fuball, und seine Lippen waren schwrzlichblau. Der Reporter ri die Kamera hoch; Blitzlicht flammte auf. Hammond beugte sich ber ihn. Mit einer einzigen flinken Bewegung umklammerte er mit der linken Hand sein Handgelenk, legte das Ohr auf seine Brust und drckte die rechte Hand auf seine Halsschlagader. Dann richtete er sich auf und begann seine Brust zu massieren, indem er die eine Hand flach drauflegte und mit dem Ballen der andern fest und rhythmisch draufdrckte.
Verstndigt den Ansthesisten, sagte er, und holt den diensthabenden Chirurgen. Ich brauche Araminlsung  eins zu tausend  Sauerstoffberdruckbeatmung.
Wir trugen ihn hinein und den Korridor hinunter zu einem der kleinen Behandlungsrume. Hammond setzte die ganze Zeit die Herzmassage fort. Als wir in den Raum traten, wartete der Chirurg bereits.
Herzstillstand?
Ja, sagte Hammond. Keine Atmung, kein Puls.
Der Chirurg holte eine Packung Gummihandschuhe. Er ri sie auf, nahm die Handschuhe heraus und streifte sie ber, ohne Roman Jones aus den Augen zu lassen.
Wir mssen ihn aufmachen, sagte er und streckte seine Finger in den Handschuhen.
Hammond nickte und massierte weiter. Es schien nicht viel zu ntzen: Romans Lippen und seine Zunge wurden immer schwrzer.
Seine Haut, vor allem im Gesicht und an den Ohren, war fleckig und dunkel.
Die Schwester stlpte ihm eine Sauerstoffmaske ber.
Wieviel? fragte sie.
Sieben Liter, sagte der Chirurg. Er lie sich ein Skalpell reichen. Man ri Romans bereits zerfetzte Kleider ber der Brust auf. Der Chirurg trat vor; das Skalpell fest in der rechten Hand, den Zeigefinger auf der Klinge.
Okay, sagte er und machte einen tiefen Einschnitt schrg ber die linke Brust. Blut quoll hervor, doch er kmmerte sich nicht darum. Er legte die weilich glnzenden Rippen frei, machte zwischen ihnen einen zweiten Einschnitt und legte Refraktoren an. Die Refraktoren wurden gespreizt, und mit einem krachenden Gerusch zerbrachen die Rippen.
Durch den klaffenden Einschnitt sah man die Lunge, zusammengesunken und runzlig, und das Herz, gro und blulich. Es schlug nicht und lag da wie ein schlaffer Sack. Der Chirurg griff in die Brust und begann das Herz zu massieren, mit glatten, gleichmigen Bewegungen; zuerst krmmte er den kleinen Finger und dann nacheinander alle anderen Finger seiner Hand bis zum Zeigefinger und drckte so das Blut aus dem Herz, im gleichen Rhythmus leise keuchend.
Jemand hatte Roman die Manschette eines Blutdruckmessers um den Arm gelegt, und Hammond pumpte sie auf. Er starrte einen Moment auf die Nadel; dann sagte er: Nichts.
Er fibrilliert, sagte der Chirurg. Kein Epinephrin. Warten wir noch.
Er massierte, weiter; eine Minute, zwei Minuten. Romans Haut verfrbte sich immer dunkler. Er wird schwcher. Geben Sie mir fnf Kubik eins zu tausend.
Die Schwester reichte ihm die Spritze. Er injizierte direkt ins Herz. Dann massierte er weiter. Mehrere Minuten vergingen.
Ich blickte auf das zusammengedrckte Herz und auf die rhythmisch vom Respirator aufgeblhten Lungen. Doch der Patient verfiel immer mehr. Schlielich richtete der Chirurg sich auf. Aus, sagte er. Er nahm die Hand von der Brust und zog den Handschuh aus. Er untersuchte die Verletzungen auf der Brust und an den Armen und die Wunde am Kopf. Wahrscheinlich primrer Atemstillstand, sagte er. Er mu einen ziemlichen Schlag auf den Kopf gekriegt haben. Er wandte sich zu Hammond: Stellen Sie den Totenschein aus? Hammond nickte.
Im selben Moment strzte eine Schwester herein. Dr.
Hammond, sagte sie. Dr. Jorgensen braucht Sie. Ein Md- chen mit einem hmorrhagischen Schock  Der erste, den ich drauen auf dem Gang sah, war Peterson.
Er stand in einem Zivilanzug da und starrte dster vor sich hin.
Als er mich erblickte, fuhr er herum und hielt mich am rmel fest. He, Berry 
Spter, sagte ich.
Ich trat mit Hammond und der Schwester in den andern Behandlungsraum.
Ein Mdchen lag da, flach auf dem Rcken, sehr bla. Ihre Handgelenke waren verbunden. Sie war nur halb bei Bewutsein; ihr Kopf rollte hin und her, und sie sthnte leise. Jorgensen, der Assistent, stand neben ihr.
Selbstmordversuch, sagte er zu Hammond. Aufgeschnittene Pulsadern. Wir haben die Blutung gestoppt und machen jetzt eine Transfusion. Er suchte am Bein nach einer Vene. Es kommt noch mehr Blut von der Bank, sagte er und stach die Nadel hinein. Sie braucht mindestens zwei Einheiten. Das Hmatokrit ist in Ordnung, aber das sagt ja nichts.
Warum am Bein? fragte Hammond und deutete auf die Nadel.
Weil wir die Handgelenke verbinden muten. Ich mchte deshalb nicht viel an den Armen herummachen.
Ich trat an den Tisch. Das Mdchen war Angela Harding.
Sie sah jetzt nicht mehr so hbsch aus; ihr Gesicht war kalkwei und um den Mund herum grau.
Was meinen Sie? sagte Hammond zu Jorgensen.
Ich glaube, wir werden sie durchbringen, sagte er. Das heit, wenns keine Komplikationen gibt.
Hammond sah sich die bandagierten Handgelenke an. Haben Sie da genht?
Ja.
Er betrachtete die Hnde. Die Finger waren voller dunkelbrauner Flecken. Er wandte sich zu mir um. Ist das das Mdchen, von dem du mir erzhlt hast?
Ja, sagte ich, Angela Harding.
Starke Raucherin, sagte Hammond.
Sieh dirs mal genauer an.
Hammond nahm die eine Hand und roch an den Fingern.
Das stammt nicht von Tabak, sagte er. Ich schttelte den Kopf. Ist sie vielleicht Krankenschwester? Ich nickte.
Die Flecken stammten von Jodtinktur, einer gelblichbraunen Flssigkeit, mit der man bei Patienten die Haut vor einem chirurgischen Eingriff oder vor Einfhrung einer Infusionsnadel desinfiziert. Versteh ich nicht, sagte Hammond. Ich hob ihre Hnde hoch. Die Daumenballen und die Handrcken waren voller winziger, oberflchlicher Schnittwunden.
Was glaubst du, was das ist?
Probeschnitte? Patienten, die einen Selbstmordversuch durch ffnen der Pulsadern verben, haben hufig kleine Schnittwunden an den Hnden, weil sie zuvor die Schrfe der Klinge erproben oder feststellen wollen, wie weh es tut.
Nein, sagte ich.
Was dann?
Hast du schon mal jemanden gesehen, der mit einem Messer angegriffen wurde? Hammond schttelte den Kopf. Verstndlich, da er so was noch nie gesehen hatte, doch fr mich als Pathologen war es nichts Neues: Kleine Schnitte an den Hnden deuten auf eine Messerstecherei hin; sie stammen daher, da der Angegriffene die Hnde hochhebt, um das Messer abzuwehren. Du meinst, sie wurde mit einem Messer angegriffen?
Ja.
Von wem?
Das sag ich dir spter.
Ich ging zu Roman Jones zurck. Er lag noch immer in demselben Raum, und neben ihm standen Peterson und ein anderer Mann und untersuchten seine Augen. Sie mssen anscheinend Ihre Nase berall reinstecken, Berry , sagte Peterson.
Genau wie Sie.
Das ist mein Job, sagte Peterson. Er deutete mit dem Kopf auf den anderen Mann. Damit Sie sich nicht wieder so aufregen, hab ich diesmal einen Arzt mitgebracht. Einen Polizeiarzt.
Das ist nmlich ein Fall fr den Gerichtsmediziner.
Ich wei.
Der Bursche heit Roman Jones. Wir konnten ihn anhand der Papiere in seiner Brieftasche identifizieren.
Wo haben Sie ihn gefunden?
Auf der Strae. In einer netten, ruhigen Strae am Beacon Hill. Mit eingeschlagenem Schdel. Er mu auf den Kopf gefallen sein. Im ersten Stock des Hauses, vor dem er lag, war ein Fenster zerbrochen. Die Wohnung gehrt einem Mdchen namens Angela Harding. Sie ist auch hier.
Ich wei.
Gibts eigentlich irgendwas, was Sie nicht wissen? Ich gab ihm keine Antwort. Meine Kopfschmerzen waren schlimmer geworden  ein schrecklicher pochender Schmerz , und ich war furchtbar mde. Am liebsten htte ich mich auf der Stelle hingelegt und lange, lange geschlafen. Ich beugte mich ber Roman Jones. Sein Oberkrper und seine Oberarme waren voller tiefer Schnittwunden. An den Beinen hatte er keine Verletzungen. Charakteristisch, dachte ich.
Der Arzt richtete sich auf und sah Peterson an. Schwer zu sagen, was die Todesursache war, nachdem sie ihn so zugerichtet haben, sagte er und deutete auf die klaffende Brustwunde.
Aber vermutlich Schdelbruch. Sie sagten, er ist aus einem Fenster gestrzt?
Vermutlich, sagte Peterson und sah mich an.
Ich mu die Formulare ausfllen, sagte der Arzt. Geben Sie mir bitte die Brieftasche? Peterson gab ihm Roman Jones Brieftasche. Der Arzt setzte sich an einen kleinen Tisch an der Wand und begann zu schreiben.
Ich sah mir Roman Jones Kopf an. Als ich die Delle in seinem Schdel betastete, sagte Peterson: Was soll das?
Ich untersuche ihn.
Wer hat Ihnen das erlaubt? Ich seufzte. Wen mu ich um Erlaubnis fragen? Er starrte mich mit groen Augen an. Ich sagte: Ich ersuche Sie um die Erlaubnis, eine uerliche Untersuchung der Leiche vorzunehmen.
 Dabei blickte ich zu dem Arzt hinber. Er schrieb irgendwelche Daten aus den Papieren in der Brieftasche ab, doch ich war sicher, da er zuhrte.
Es wird eine Obduktion stattfinden, sagte Peterson.
Ich ersuche um Ihre Erlaubnis, sagte ich.
Kommt nicht in Frage.
Da drehte sich der Arzt um und sagte: Herrgott noch mal, Jack, haben Sie sich doch nicht so.
Peterson sah ihn an, dann mich und dann wieder ihn. Schlielich sagte er: Okay, Berry. Untersuchen Sie ihn. Aber verpfuschen Sie nichts.
Ich sah mir die Schdelverletzung an. Es war eine Einbuchtung etwa in der Gre einer Mnnerfaust, doch sie stammte von keiner Faust. Sie mute von einem mit betrchtlicher Kraft gefhrten Schlag mit einem Stock oder einem Rohr herrhren.
Als ich genauer hinschaute, sah ich, da an der blutigen Kopfhaut kleine braune Holzteilchen klebten. Ich rhrte sie nicht an.
Sie meinen, diese Schdelverletzung stammt von einem Sturz?
Ja, sagte Peterson. Warum?
Nur so.
Warum?
Und die Verletzungen am Krper?
Die hat er sich wahrscheinlich in der Wohnung zugezogen.
Vermutlich hat er mit diesem Mdchen, mit dieser Angela Harding, gekmpft. In der Wohnung lag ein blutiges Kchen- messer. Sie mu damit auf ihn losgegangen sein. Jedenfalls ist er aus dem Fenster gestrzt, oder sie hat ihn rausgestoen. Und beim Aufschlagen auf den Gehsteig hat er sich den Schdel eingeschlagen. Er brach ab und sah mich an.
Weiter, sagte ich.
Das ist alles, sagte er.
Ich nickte, ging hinaus und holte eine Spritze. Ich beugte mich ber Jones und jagte ihm die Nadel in die Halsschlagader.
Ich hatte keine Lust, lange nach der Armvene herumzustochern.
Was machen Sie da?
Ich nehme Blut ab, sagte ich, zog den Kolben zurck und zapfte ein paar Milliliter bluliches Blut ab.
Wozu?
Ich mchte feststellen, ob er vergiftet war, sagte ich, um mir weitschweifende Erklrungen zu ersparen.
Vergiftet?
Ja.
Wie kommen Sie auf die Idee, da er vergiftet war?
Nur eine Vermutung, sagte ich.
Ich steckte die Spritze in die Tasche und ging zur Tr.
Peterson starrte mir nach; dann sagte er: Einen Moment.
Ich blieb stehen.
Ich htte ein paar Fragen an Sie.
Bitte.
Unserer Ansicht nach, sagte er, haben die beiden miteinander gekmpft. Jones ist dabei aus dem Fenster gestrzt, und das Mdchen hat einen Selbstmordversuch gemacht.
Das haben Sie schon gesagt.
Die Sache hat nur einen Haken, sagte Peterson. Jones ist ein Riesenkerl, mindestens einsneunzig. Halten Sies fr mglich, da ein kleines Mdchen wie Angela Harding ihn rausgestoen hat?
Vielleicht ist er von selbst rausgefallen.
Vielleicht hat ihr jemand geholfen.
Kann auch sein.
Er blickte auf das Pflaster unter meinem Ohr. Was haben Sie denn da?
Ich bin heute abend gestrzt. Die Strae war glatt.
Also eine Schrfwunde?
Nein. Ich hab beim Hinfallen eine von Ihren blden Parkuhren gestreift.
Eine Riwunde?
Nein. Eine Schnittwunde.
So wie die von Roman Jones?
Ich hab sie nicht verglichen.
Kannten Sie Roman Jones?
Ja.
So? Seit wann?
Seit heute abend. Seit ungefhr drei Stunden.
Interessant, sagte Peterson.
Finden Sie? sagte ich.
Ich knnte Sie zur Einvernahme vorlufig festnehmen.
Sicher, sagte ich. Blo  mit welcher Begrndung? Er zuckte die Achseln. Zum Beispiel dringender Verdacht auf Beihilfe.
Dann wrde ich Ihnen eine Klage anhngen, da Ihnen Hren und Sehen vergeht. Schon morgen frh htten Sie eine Schadenersatzklage auf zwei Millionen Dollar am Hals.
Nur wegen einer Einvernahme?
Wegen Rufschdigung, sagte ich. Sie wissen doch, fr einen Arzt ist ein guter Ruf sein ein und alles. Der geringste Schatten, der darauf fllt, bringt ihm schweren Schaden  finanziellen Schaden, der sich vor Gericht leicht nachweisen lt.
Art Lee scheint nicht die Absicht zu haben, mich zu verklagen.
 Ich lchelte. Sind Sie da so sicher? Peterson schwieg einen Moment. Dann sagte er: Wieviel wiegen Sie, Doktor?
Hundertfnfundachtzig Pfund, sagte ich. Das gleiche wie vor acht Jahren.
Vor acht Jahren?
Ja, sagte ich, als ich Polizist war.
Ich hatte ein Gefhl, als ob mein Kopf in einem Schraubstock steckte. Als ich den Korridor hinunterging, wurde mir pltzlich schlecht. Ich lief zur Toilette und erbrach das Brot, das ich gegessen hatte, und den Kaffee. Danach bekam ich einen Schwcheanfall; kalter Schwei brach mir aus. Als ich mich wieder etwas besser fhlte, ging ich zu Hammond.
Wie gehts dir? fragte er. Du siehst aus, als ob dir todbel wre.
Ich fhle mich ausgezeichnet, sagte ich. Ich nahm die Spritze mit Jones Blut aus der Tasche und legte sie auf den Tisch. Dann nahm ich eine andere Spritze aus dem Sterilisationsapparat und ging zur Tr. Kannst du mir eine Maus besorgen? sagte ich.
Eine Maus?
Ja.
Er runzelte die Stirn. Cochran hat ein paar Ratten in seinem Labor. Vielleicht ist es offen.
Ich brauche eine Maus.
Wir knnen ja mal nachsehen.
Wir gingen hinaus. Auf dem Gang hielt eine Schwester Hammond an und sagte ihm, da Angela Hardings Eltern angerufen htten. Hammond bat sie, ihn zu holen, wenn sie kmen oder wenn das Mdchen aufwachte. Wir gingen hinunter in den Keller und durch ein Labyrinth von Gngen. Wie die meisten groen, an eine Universitt angeschlossenen Krankenhuser hatte das Memorial verschiedene Forschungslabors, und fr die Experimente wurden eine Menge Tiere bentigt. Hinter den Tren, an denen wir vorbeikamen, hrten wir Hundegebell und das leise Flattern von Vgeln. Vor einer Tr, an derKLEINTIEREstand, blieben wir stehen, Hammond ffnete sie.
Der Raum war voller Kfige mit Ratten und Musen. Ein merkwrdiger, scharfer Gestank herrschte darin. Jeder junge Arzt kennt diesen Gestank, und jeder Arzt mu ihn kennen, denn er ist von diagnostischer Bedeutung. Der Atem von schwer leberkranken Patienten hat einen eigenartigen Geruch, den sogenannten fetor hepaticus; er riecht ganz hnlich wie ein Raum voller Muse. Wir fanden eine Maus, und Hammond packte sie am Schwanz und nahm sie aus dem Kfig. Die Maus zappelte und versuchte ihn in die Hand zu beien, doch es gelang ihr nicht. Hammond legte sie auf einen Tisch und hielt sie an einer Hautfalte hinter dem Kopf fest. Und jetzt? Ich nahm die Spritze, injizierte ihr ein wenig von dem Blut, das ich Roman Jones abgenommen hatte, und Hammond setzte sie in einen Glaskasten.
Die Maus hockte einen Moment da; dann begann sie im Kreis in dem Glaskasten herumzurennen.
Und? sagte Hammond.
Noch nie vom Musetest gehrt? fragte ich.
Nein.
Na ja, du bist ja kein Pathologe. Es ist ein sehr alter Test.
Frher war er der einzige an einem lebenden Tier anwendbare Drogentest.
Was fr Drogen?
Morphium, sagte ich.
Die Maus rannte noch immer im Kreis herum. Allmhlich wurde sie langsamer, ihre Muskeln verkrampften sich, und sie streckte den Schwanz steil nach oben.
Positiv, sagte ich.
Morphium? Ich nickte.
Heutzutage gab es bessere Tests, zum Beispiel mit Nalorphin, doch bei einem Toten kam nur der Musetest in Frage. Er war schtig? fragte Hammond.
Ja.
Und das Mdchen?
Das werden wir gleich wissen.
Sie war bei Bewutsein, als wir in das Zimmer traten; mde und benommen nach der Transfusion von drei Einheiten Blut, doch bestimmt nicht mder als ich. Mich erfllte eine tiefe, berwltigende Erschpfung, ein ungeheures Verlangen zu schlafen. Die Schwester, die in dem Zimmer war, sagte: Ihr Blutdruck ist hundert zu fnfundsechzig. Ich kmpfte meine Mdigkeit nieder und trat zu ihr und ttschelte ihre Hand. Wie fhlen Sie sich, Angela?
Scheulich, sagte sie mit matter Stimme.
Sie werden bald wieder auf den Beinen sein.
Es ist schiefgegangen, sagte sie dumpf.
Was meinen Sie? Eine Trne lief ber ihre Wange. Ich habs versucht, und es ist schiefgegangen.
Wir mchten Sie was fragen, sagte ich.
Sie drehte den Kopf weg. Lassen Sie mich.
Es ist sehr wichtig, Angela.
Ihr verdammten rzte, sagte sie. Warum knnt ihr mich nicht in Ruhe lassen? Deshalb hab ichs getan. Um Ruhe zu haben.
Die Polizei hat Sie gefunden.
Sie lachte leise. rzte und Polizisten.
Angela, wir brauchen Ihre Hilfe.
Nein. Sie hob ihre verbundenen Arme hoch und sah sie an.
Nein.
Schn, wie Sie wollen. Ich wandte mich zu Hammond um.
Hol bitte etwas Nalorphin.
Ich war sicher, da das Mdchen mich verstanden hatte, doch sie lie sich nichts anmerken.
Wieviel? fragte Hammond. Zehn Milligramm, sagte ich. Eine ordentliche Dosis.
Angela erschauderte leicht, sagte aber nichts. Sind Sie einverstanden, Angela? Sie blickte zu mir auf und sah mich wtend an, doch in ihren Augen war noch etwas anderes  eine leise Hoffnung. Sie wute also, was ich vorhatte. Was haben Sie gesagt? fragte sie.
Ob Sie damit einverstanden sind, da wir Ihnen zehn Milligramm Nalorphin geben?
Meinetwegen, sagte sie. Warum nicht? Nalorphin war ein Morphium-Antagonist. Wenn dieses Mdchen morphiumschtig war, dann wrde es sie bei gengend hoher Dosierung mit brutaler Schnelligkeit zu sich bringen.
Eine Schwester, die mich nicht kannte, kam herein. Sie zwinkerte erstaunt, als sie mich sah, fate sich aber schnell.
Doktor, Mrs. Harding ist da. Die Polizei hat sie verstndigt.
Danke, sagte ich. Ich werde mit ihr reden.
Ich ging hinaus. Eine Frau und ein Mann mit ngstlichen Gesichtern standen auf dem Korridor. Der Mann war gro, und man sah, da er sich hastig angezogen hatte  er trug zwei verschiedene Socken. Die Frau war recht hbsch. Als ich sie ansah, hatte ich das merkwrdige Gefhl, sie schon einmal gesehen zu haben, obwohl ich wute, da das nicht stimmte.
Doch ihr Gesicht war mir auf fast unheimliche Weise vertraut.
Ich bin Dr. Berry, sagte ich.
Tom Harding. Der Mann drckte meine Hand, als wollte er sie auswringen. Meine Frau. Ich sah die beiden an. Es waren sympathische Leute, so um die fnfzig. Mr. Harding rusperte sich und sagte: Die  h  Schwester hat uns gesagt, was los ist. Mit Angela.
Sie wird bald wieder in Ordnung sein, sagte ich.
Knnen wir sie sehen? fragte Mrs. Harding.
Im Moment nicht. Wir machen gerade ein paar Tests.
Es ist doch nicht 
Nein, nein, sagte ich. Reine Routinetests.
Tom Harding nickte. Ich hab meiner Frau gesagt, sie braucht sich keine Sorgen zu machen. Sie tun ja bestimmt alles fr sie  Wo sie doch Krankenschwester ist.
Natrlich, sagte ich.
Ist es wirklich nichts Schlimmes? fragte Mrs. Harding.
Wirklich nicht, sagte ich. Sie knnen ganz beruhigt sein.
Mrs. Harding wandte sich zu ihrem Mann: Ruf doch Leland an und sag ihm, da er nicht zu kommen braucht.
Er wird schon unterwegs sein.
Versuchs doch mal, sagte Mrs. Harding.
Am Empfangspult ist ein Telefon, sagte ich.
Mr. Harding ging den Korridor hinunter. Ruft er Ihren Hausarzt an? fragte ich Mrs. Harding.
Nein, sagte sie, meinen Bruder. Er ist Arzt. Er hat Angela immer sehr gern gehabt, schon als kleines Mdchen, und 
Leland Weston? sagte ich. Jetzt wute ich, woher ich ihr Gesicht kannte.
Ja, sagte sie. Kennen Sie ihn?
Wir sind alte Freunde.
Bevor sie antworten konnte, erschien Hammond, in der Hand die Nalorphin-Ampulle und eine Spritze. Er sagte: Meinst du wirklich, wir sollen 
Das ist Mrs. Harding, sagte ich rasch. Dr. Hammond, der diensthabende Assistent.
Mrs. Harding nickte ihm zu. Ihr Blick wurde mitrauisch.
Ihre Tochter wird bald wieder in Ordnung sein, sagte Hammond.
Hoffentlich, sagte sie in seltsam khlem Ton.
Wir entschuldigten uns und gingen zurck zu Angela.
Ich hoffe nur, du weit, was du tust, sagte Hammond, als wir den Korridor hinuntergingen.
Keine Sorge. Ich blieb an einem Wasserbrunnen stehen und fllte einen Becher mit Wasser. Ich trank es in einem Zug, dann fllte ich den Becher noch einmal. Mein Kopf tat jetzt schrecklich weh, und ich konnte mich vor Mdigkeit kaum noch auf den Beinen halten. Am liebsten htte ich mich hingelegt, alles vergessen, geschlafen  Doch ich sagte nichts. Ich wute, was Hammond tun wrde, wenn er dahinterkam. Ich wei genau, was ich tue, sagte ich. Keine Angst.
Keine Angst  du bist gut. Wenn irgendwas passiert, mu ich es ausbaden. Er schwieg einen Moment. Zehn Milligramm von dem Zeug knnen sie umbringen. Fang lieber mit einer kleinen Dosis an, mit zwei Milligramm. Wenn sich nach zwanzig Minuten keine Wirkung zeigt, geh auf fnf rauf und so weiter.
Schon gut, sagte ich.
Wir traten in Angelas Zimmer. Sie lag auf der Seite und kehrte uns den Rcken zu. Ich lie mir von Hammond die Nalorphin-Ampulle geben und legte sie zusammen mit der Spritze auf den Tisch neben ihrem Bett, so da sie sehen konnte, was auf der Ampulle stand. Dann ging ich wieder um das Bett herum und stellte mich hinter sie. Ich griff ber sie hinweg, nahm die Ampulle und die Spritze und fllte die Spritze rasch mit Wasser aus dem Becher. Wrden Sie sich bitte umdrehen, Angela? Sie legte sich auf den Rcken und streckte den Arm aus.
Hammond stand da und starrte mich fassungslos an. Ich streifte ihr die Venenklemme ber den Arm, zog sie zu und strich ber die Vene in ihrer Ellenbeuge, bis sie prall war.
Dann stach ich hinein und drckte die Spritze aus. Sie schaute mir schweigend zu.
So, das wars, sagte ich.
Sie sah mich an, dann Hammond und dann wieder mich.
Wieviel haben Sie mir gegeben?
Genug.
Zehn? Zehn Milligramm? Sie sah mich erschrocken an. Ich klopfte ihr beruhigend auf den Arm. Kein Grund zur Aufregung.
Doch nicht zwanzig?
Aber nein, sagte ich. Blo zwei. Zwei Milligramm.
Zwei!
Es wird Sie nicht umbringen, sagte ich leise.
Sie seufzte und drehte den Kopf weg.
Enttuscht? sagte ich.
Warum machen Sie das? fragte sie. Was wollen Sie?
Das wissen Sie ganz genau, Angela.
Aber zwei Milligramm sind doch 
Gerade genug, um Abstinenzerscheinungen hervorzurufen.
Schweiausbrche und Krmpfe und Schmerzen. Sie wissen schon 
Mein Gott.
Es wird Sie nicht umbringen, sagte ich noch einmal.
Ihr gemeinen Hunde. Ich wollte nicht hierher, ich will nicht 
Aber jetzt sind Sie hier, Angela. Und Sie haben Nalorphin in den Adern. Nicht viel, aber genug.
Sie brach in Schwei aus. Geben Sie mir was dagegen, sagte sie.
Morphium?
Irgendwas. Bitte. Ich will nicht.
Reden Sie, sagte ich. Was war mit Karen?
Geben Sie mir zuerst was.
Nein.
Hammond sah mich entsetzt an und trat einen Schritt vor.
Ich stie ihn zurck.
Reden Sie, Angela.
Ich wei nichts.
Dann warten wir, bis es wirkt. Bis Sie vor Schmerzen schreien. Dann werden Sie reden.
Ihr Kissen war schweidurchtrnkt. Ich wei nichts, ich wei nichts.
Reden Sie.
Ich habe keine Ahnung, was Sie  Sie begann zu zittern, zuerst ganz leicht, dann immer strker, bis es sie am ganzen Krper schttelte.
Es fngt an, Angela.
Sie bi die Zhne zusammen.
Es wird immer schlimmer, Angela.
Nein  nein  nein  Ich holte eine Ampulle Morphium hervor und stellte sie neben sie auf den Tisch.
Reden Sie.
Es schttelte sie so stark, da das Bett wackelte. Sie htte mir leid getan, wenn ich nicht gewut htte, da es nur eine eingebildete Reaktion war, da ich ihr gar kein Nalorphin injiziert hatte.
Angela.
Also schn, keuchte sie. Ich habs getan. Ich mute es tun.
Warum?
Wegen der Polizei. Die Polizei war im Krankenhaus.
Sie haben das Morphium in der Chirurgie gestohlen?
Ja  nicht viel  immer blo ein bichen 
Seit wann?
Seit drei Jahren  oder vier 
Und was war letzte Woche?
Roman ist in die Apotheke eingebrochen  Roman Jones.
Und?
Die Polizei hat alle verhrt und berprft.
Und da konnten Sie nichts mehr stehlen?
Ja 
Was haben Sie gemacht?
Ich wollte was von Roman kaufen.
Und?
Ich hatte nicht soviel Geld, wie er wollte.
Wer hat Ihnen gesagt, da Sie die Abtreibung machen sollen? 
Roman.
Damit Sie das Geld kriegen?
Ja.
Wieviel wollte er? Ich wute die Antwort im voraus. Sie sagte: Dreihundert Dollar.
Und Sie haben die Abtreibung gemacht?
Ja  ja  ja 
Und wer hat sie ansthesiert?
Roman. Mit Thiopental.
Und dann?
Sie war vllig in Ordnung, als sie ging  Wir habens auf meinem Bett gemacht  Auf meinem Bett  Es ging alles gut 
Aber spter ist sie gestorben.
Ja  O Gott, geben Sie mir was  bitte 
Moment, sagte ich.
Ich fllte eine Spritze mit Wasser, drckte den Kolben hinein, bis es in einem dnnen Strahl herausspritzte, und injizierte es ihr in die Vene. Sie beruhigte sich sofort. Ihr Atem wurde langsamer und gleichmiger.
Angela, sagte ich. Sie haben die Abtreibung gemacht?
Ja.
Und Karen ist daran gestorben?
Ja, flsterte sie.
Okay. Ich klopfte ihr auf den Arm. Jetzt ists gleich vorbei.
 Wir gingen den Korridor hinunter. Mr. Harding wartete ein Stck weiter vorn mit seiner Frau. Er rauchte eine Zigarette und ging nervs auf und ab. Wie gehts ihr, Doktor?
Gut, sagte ich. Sie wird sich schnell erholen.
Gott sei Dank, sagte er erleichtert.
Ja, sagte ich.
Norton Hammond warf mir einen verstohlenen Blick zu, dem ich auswich. Ich fhlte mich miserabel; mein Kopf tat schrecklich weh, und hin und wieder verschwamm alles vor meinen Augen.
Doch irgendwer mute es ihnen ja sagen. Ich sagte: Mr.
Harding, ich frchte, Ihre Tochter ist in eine dumme Sache verwickelt, fr die sich die Polizei interessiert. Er sah mich verblfft und unglubig an. Dann lste sich pltzlich die Starrheit seines Gesichts, als wrde ihm schlagartig alles klar, als htte er es lngst geahnt. Rauschgift, sagte er leise. Ja, sagte ich.
Wir haben nichts davon gewut, sagte er rasch. Mein Gott, wenn wir das 
Aber wir haben es vermutet, sagte Mrs. Harding. Wir sind mit Angela nie richtig fertiggeworden. Sie war schon immer sehr eigensinnig. Sehr selbstsicher und selbstbewut  schon als Kind  Hammond wischte sich mit dem rmel den Schwei vom Gesicht. So, sagte er, das htten wir hinter uns.
Ja.
Obwohl er neben mir ging,schien er ganz weit weg und seine Stimme ganz leise. Alles um mich war weit weg und klein und verschwommen. Ich blieb einen Moment stehen und versuchte mich zusammenzureien. Was hast du denn?
Nichts. Ich bin nur furchtbar mde.
Er nickte. Na, jetzt ist ja alles vorbei, sagte er. Du hasts geschafft  empfindest du keine Befriedigung?
Du? Wir gingen ins Besprechungszimmer, einen kleinen Raum mit zwei Sthlen und einem Tisch. An den Wnden hingen Karten mit Anweisungen fr akute Notflle: hmorrhagischen Schock, Lungendem, Verbrennungen, Herzinfarkt, Quetschwunden.
Wir setzten uns, und ich zndete mir eine Zigarette an.
Wir schwiegen, und Hammond starrte auf die Karten.
Schlielich sagte er: Mchtest du einen Drink? Ich nickte.
Ich hatte ein ekelhaftes, flaues Gefhl im Magen, als mte ich gleich wieder kotzen. Ein Drink wrde mir guttun, wrde dieses widerliche Gefhl vertreiben. Oder mir wrde davon noch schlechter werden. Er ffnete einen Wandschrank und nahm eine Flasche heraus. Wodka, sagte er. Geruchlos. Fr akute Notflle. Er schraubte die Flasche auf und trank einen Schluck; dann gab er sie mir. Whrend ich trank, sagte er kopfschttelnd: Dieser Placeboeffekt  Sie kriegte Abstinenzerscheinungen, obwohl du ihr blo Wasser gespritzt hast.
Ist doch klar, warum, sagte ich.
Ja, sagte er. Weil sie dir geglaubt hat.
Genau, sagte ich. Weil sie mir geglaubt hat. Ich blickte auf eine Karte, auf der die Symptome einer Bauchhhlenschwangerschaft verzeichnet waren. Ich kam bis zu der Stelle, wo von Menstruationsstrungen und krampfartigen Schmerzen im rechten unteren Quadranten die Rede war; dann verschwammen die Worte vor meinen Augen.
John? Hammonds Stimme kam aus weiter Ferne. Es dauerte endlos lange, bis sie bei mir war, und endlos lange, bis ich imstande war, Ja zu sagen. Es klang dumpf, wie in einem Grab.
Wie fhlst du dich?
Gut. Es hallte in meinem Kopf wider: gut, gut, gut  Du siehst furchtbar schlecht aus.
Mir fehlt nichts  Nichts, nichts, nichts  John, bist du wtend?
Ich bin nicht wtend, sagte ich und machte die Augen zu.
Die Lider waren zu schwer, ich konnte sie nicht mehr offenhal- ten. Ich bin froh.
Froh?
Was?
Du bist froh?
Nein, sagte ich. Was redete er fr Unsinn? Seine Stimme war hoch und quakig, wie bei einem Baby, eine plappernde Kinderstimme. Nein, sage ich. Ich bin nicht wtend.
John 
Sag nicht dauernd John zu mir.
So heit du doch, sagte er. Langsam, mit traumhaft langsamen Bewegungen stand er auf; ich sah es wie durch einen Schleier. Er griff in die Tasche und holte seine Taschenlampe hervor und leuchtete mir ins Gesicht. Ich drehte den Kopf weg; das Licht war grell und tat meinen Augen weh. Besonders meinem rechten Auge. Sieh mich an.
Seine Stimme war laut und schroff. Eine Feldwebelstimme.
Zornig und gereizt.
Hau ab, sagte ich.
Ich sprte seine Finger an meinem Kopf und das grelle Licht in meinen Augen. La mich, Norton.
Halt still, John.
La mich. Ich schlo die Augen. Ich war mde. Todmde.
Ich wollte nichts als schlafen, tausend Jahre schlafen. Schlafen mute herrlich sein, wie ein Meer, das einen leise rauschend wiegte, das alles wegsplte. Ich bin okay, Norton. Ich bin blo mde.
Halt still, John. Halt still, John. Halt still, John. Halt still, John.
Herrgott noch mal, Norton 
Sei ruhig, sagte er. Sei ruhig, sei ruhig.
Er holte seinen kleinen Gummihammer hervor und klopfte damit auf meine Knie. Meine Beine zuckten auf und nieder.
Ein widerliches, ekliges Gefhl. Ich wollte schlafen, nichts mehr hren, nichts mehr sehen, nur schlafen. Ich bin mde.
Das seh ich.
Ich nicht. Ich kann nichts sehen. Nichts. Ich kann nichts sehen.
Ich versuchte die Augen aufzumachen. Kaffee. Ich mchte Kaffee.
Nein, sagte er.
Gib mir einen Fetus, sagte ich und wute nicht, warum. Es war ganz sinnlos. Oder nicht? Oder doch? Alles war so verworren.
So kompliziert. Mein rechtes Auge tat weh. Der Schmerz in meinem Kopf war direkt hinter meinem rechten Auge. Als ob ein kleiner Mann mit einem Hammer von hinten auf meinen Augapfel schlug.
John, sagte Norton, versuch mal, von hundert rckwrts zu zhlen. Wieviel ist hundert weniger sieben? Ich schwieg. Das war gar nicht einfach. Ich sah im Geist ein Blatt Papier vor mir, ein strahlend weies Blatt Papier, darauf ein Bleistift. Hundert weniger sieben. Vor der Sieben ein Minusstrich. Dreiundneunzig.
Gut. Weiter.
Das war noch schwerer. Ich brauchte ein neues Blatt Papier.
Ich mute das alte vom Block abreien, um weiterrechnen zu knnen. Und als ich das alte abgerissen hatte, hatte ich vergessen, was draufstand. So schwer. So kompliziert.
Weiter, John. Dreiundneunzig.
Dreiundneunzig weniger sieben. Ich berlegte. Fnfundachtzig.
Nein. Sechsundachtzig.
Weiter.
Neunundsiebzig.
Ja.
Dreiundsiebzig. Nein. Vierundsiebzig. Nein, nein. Moment.
 Ich ri das Blatt ab, ganz langsam. Es war so mhsam, das Blatt abzureien, so schwierig. Es war so schwer, sich zu konzentrieren. Siebenundachtzig.
Nein.
Fnfundachtzig.
John, was fr ein Tag ist heute?
Tag? So eine blde Frage. Warum stellte Norton dauernd so blde Fragen? Was fr ein Tag? Heute, sagte ich.
Welches Datum?
Datum?
Ja, Datum.
Mai, sagte ich. Heute war Mai.
John, wo bist du?
Im Krankenhaus, sagte ich und blickte auf meinen weien Anzug. Ich machte die Augen auf, nur ganz wenig, denn sie waren schwer, und mir war schwindlig, und das Licht tat mir weh. Wenn er doch endlich ruhig sein und mich schlafen lassen wrde. Ich brauchte den Schlaf. Ich war schrecklich, schrecklich mde.
In welchem Krankenhaus?
Im Krankenhaus.
In welchem?
Im  Ich wollte etwas sagen, doch im selben Moment hatte ichs vergessen, und es fiel mir nicht mehr ein. Mein Kopf tat jetzt schrecklich weh; es klopfte hinter meinem rechten Auge, vorn rechts in meinem Kopf, ein schrecklicher pochender Schmerz.
Heb die linke Hand, John.
Was?
Heb die linke Hand, John.
Ich hrte ihn, hrte, was er sagte, doch es war reiner Unsinn.
Wie konnte er blo solchen Unsinn reden? Was? Das nchste, was ich sprte, war ein Vibrieren rechts an meinem Kopf. Ein komisches brummendes Vibrieren. Ich machte die Augen auf und sah ein Mdchen. Sie war hbsch, und sie machte irgendwas an meinem Kopf. Braune flaumige Flocken fielen von meinem Kopf. Schwebten hinab. Nortons Gesicht war ber mir, und er sagte irgendwas, doch ich verstand ihn nicht. Ich schlief halb, und alles war ganz seltsam. Als die Flocken weg waren, sah ich Schaum. Und dann ein Rasiermesser.
Ich sah das Rasiermesser und den Schaum, und pltzlich kotzte ich, und berall war grner Schleim, und Norton sagte: Schon gut. Schnell jetzt. Und dann brachten sie den Bohrer.
Ich konnte ihn kaum sehen, weil ich meine Augen nicht richtig aufbekam, und mir wurde wieder schlecht.
Das letzte, was ich sagte, war: Ich will kein Loch im Kopf.
Ich sagte es ganz klar und deutlich. Glaube ich.

 

 Freitag, Samstag, Sonntag, 24., 15., 16. Oktober

 1

 Ich fhlte mich, als htte jemand versucht, meinen Kopf abzuschneiden und als seiihm das nicht ganz gelungen. Als ich zu mir kam, klingelte ich nach der Schwester und verlangte noch eine Morphiumspritze. Sie setzte ein Lcheln auf, mit dem Schwestern schwierige Patienten anzusehen pflegen, und schttelte den Kopf. Ich sagte ihr, sie solle sich zum Teufel scheren. Sie ging mit beleidigtem Gesicht hinaus, und ich betastete den Verband um meinen Schdel. Gleich darauf kam Norton Hammond herein. Du bist ein miserabler Barbier, sagte ich und deutete auf meinen Kopf.
Ich dachte, wir habens ganz gut gemacht.
Wie viele Lcher?
Drei. Wir haben eine ziemliche Menge Blut abgezapft.
Kannst du dich an irgendwas erinnern?
Nein, sagte ich.
Du warst schlfrig und hast dich bergeben, und deine eine Pupille war erweitert. Wir haben nicht erst auf den Rntgenologen gewartet; wir haben dir den Schdel gleich aufgebohrt.
Hm, sagte ich. Wann kann ich hier raus?
Vielleicht in drei oder vier Tagen.
Das ist doch nicht dein Ernst? In drei oder vier Tagen?
Ein Blutergu im Gehirn ist eine gefhrliche Sache, sagte er.
Du brauchst vllige Ruhe.
Festbinden knnt ihr mich ja nicht.
Er seufzte. Es stimmt tatschlich, sagte er, rzte sind die lstigsten Patienten.
Gib mir noch Morphium, sagte ich.
Nein, sagte er.
Darvon.
Nein.
Aspirin.
Meinetwegen, sagte er. Ein paar Aspirin kannst du haben.

Echtes Aspirin? Keine Zuckerpillen?
Sieh dich blo vor, sonst hol ich den Psychiater, sagte er lachend und ging hinaus.
Ich schlief ein, und dann kam Judith und setzte sich an mein Bett. Sie schimpfte zuerst ziemlich mit mir, doch bald beruhigte sie sich. Ich sagte ihr, da ich nichts dafr knnte, und sie sagte, ich sei ein verdammter Idiot, und kte mich. Dann kam die Polizei, und ich tat, als ob ich schlief, bis sie wieder ging.
Am Abend brachte mir die Schwester ein paar Zeitungen, und ich sah nach, ob irgendwas ber Art drinstand, fand aber nichts; nur ein paar reierisch aufgemachte Artikel ber Angela Harding und Roman Jones. Am Abend, whrend der Besuchszeit, kam Judith noch einmal und sagte mir, da es Betty und den Kindern gutginge und da Art am nchsten Tag entlassen wrde.
In einem Krankenhaus verliert man jedes Zeitgefhl. Ein Tag geht in den anderen ber, und es ist jeden lag das gleiche: Temperaturmessen, Essen, Visite, wieder Temperaturmessen, wieder Visite. Sanderson besuchte mich, und Fritz, und ein paar andere Leute. Und die Polizei, doch diesmal konnte ich nicht so tun, als ob ich schlief. Ich erzhlte ihnen alles, was ich wute, und sie hrten mir zu und machten Notizen. Am Abend des zweiten Tages fhlte ich mich besser. Ich war krftiger, mein Kopf war klarer, und ich schlief nicht mehr soviel. Ich sagte es Hammond, doch er brummte blo und sagte: Warten wir ab, wies morgen aussieht. Am Nachmittag besuchte mich Art Lee. In seinem Gesicht war dar alte verkniffene Grinsen, doch er sah mde aus. Und lter.
Na, sagte ich, wie fhlst du dich als freier Mann?
Gut, sagte er.
Er trat ans Fuende des Bettes und sah mich kopfschttelnd an. Tuts sehr weh?
Jetzt nicht mehr.
Tut mir leid, da das passiert ist, sagte er.
Nicht so schlimm. Irgendwie wars ganz interessant. Ich schwieg einen Moment. Dann sagte ich: Ich nehme an, die Polizei hat inzwischen alles aufgeklrt.
Er nickte. Roman Jones hat Angela berredet, die Abtreibung zu machen. Als ihm klarwurde, da du dich fr die Sache interessierst und schon eine ganze Menge rausgekriegt hattest, ging er zu ihr; wahrscheinlich, um sie umzubringen. Er merkte, da er verfolgt wurde, lauerte dir auf und ging mit dem Rasiermesser auf dich los. Daher die Schnittwunde an deiner Schlfe. Dann rannte er zu Angela. Angela wehrte sich mit einem Kchenmesser und hat ihn damit ziemlich zugerichtet.
Mu ein schnes Bild gewesen sein, er mit dem Rasiermesser und sie mit dem Kchenmesser. Schlielich hat sie ihm einen Stuhl ber den Kopf gehauen und ihn aus dem Fenster gestoen.

Hat sie das gesagt?
Ja, offenbar.
Ich nickte.
Wir sahen uns einen Moment schweigend an.
Vielen Dank fr alles, sagte er. Fr  fr deine Hilfe 
Schon gut. Bist du so sicher, da ich dir wirklich geholfen hab? Er lchelte. Du siehst doch  ich bin frei.
Das meine ich nicht.
Er zuckte die Achseln und setzte sich auf den Bettrand.
Da ich hier erledigt bin, ist ja nicht deine Schuld, sagte er.
Aber ich hatte sowieso schon die Nase voll von Boston.
Wo willst du hingehen?
Wahrscheinlich zurck nach Kalifornien. Am liebsten nach Los Angeles. Vielleicht werde ich Filmschauspielerinnen helfen, ihre Babys zur Welt zu bringen.
Filmschauspielerinnen kriegen keine Babys. Die kriegen blo Oscars.
Er lachte, doch nur einen Moment; dann wurde er ernst und starrte auf den Boden.
Ich sagte: Warst du schon in deiner Praxis?
Blo um den Laden dichtzumachen. Alles andere berlasse ich den Leuten von der Spedition.
Wann willst du denn bersiedeln?
Nchste Woche.
So bald schon? Er zuckte die Achseln. Ich mchte so schnell wie mglich von hier weg.
Ich nickte. Das kann ich mir denken, sagte ich.
An allem, was danach passierte, war vermutlich meine Wut schuld. Es war bereits genug Dreck aufgewhlt worden, und ich htte nicht weiter an der Sache rhren sollen. Ich htte Schlu machen und das Ganze vergessen sollen. Judith wollte fr Art eine Abschiedsparty geben; ich sagte nein, das wre ihm bestimmt nicht recht. Auch das machte mich wtend.
Am dritten Tag meckerte ich so lange herum, bis Hammond sich schlielich bereit erklrte, mich zu entlassen; wahrscheinlich hatten sich auch die Schwestern ber mich beschwert.
Nachmittags um drei kam Judith mit meinen Sachen und fuhr mich heim. Unterwegs sagte ich: Bieg bitte an der nchsten Ecke nach rechts ab.
Warum?
Ich hab was zu erledigen.
John 
Komm, mach schon. Ich brauch bestimmt nicht lange.
Sie runzelte die Stirn, bog aber an der Ecke ab. Ich lotste sie zu der Strae, in der Angela Harding wohnte. Vor dem Haus parkte ein Polizeiauto. Ich stieg aus und ging in den ersten Stock hinauf. Ein Polizist stand vor der Tr. Dr. Berry vom Mallory-Labor, sagte ich in amtlichem Ton. Sind die Blutproben schon abgenommen worden? Er sah mich verstndnislos an. Blutproben?
Ja. Von den Mbeln. Das eingetrocknete Blut. Dr. Lazare schickt mich. Er wartet drauf.
Keine Ahnung, sagte der Polizist. Sehn Sie doch mal nach. Er machte die Tr auf. Aber rhren Sie nichts an. Die Heinis vom Erkennungsdienst sind grade da.
Ich trat in die Wohnung. Sie sah frchterlich aus; umgestrzte Mbel, Blutspritzer an der Couch und am Tisch. Drei Mnner beugten sich ber eine Glasplatte; sie schttelten Puder drauf, pusteten es weg und fotografierten die Fingerabdrcke.
Der eine blickte auf und sah mich fragend an. Ich komme wegen des Stuhls, sagte ich.
Dort drben, sagte er und deutete auf einen Stuhl, der in einer Ecke stand. Aber fassen Sie ihn nicht an.
Ich ging hin und starrte den Stuhl an. Es war ein billiger hlzerner Kchenstuhl. An dem einen Bein war etwas Blut. Ich drehte mich zu den drei Mnnern um. Haben Sie ihn schon untersucht?
Ja. Komische Sache. In dem Zimmer sind Hunderte von Fingerabdrcken. Von Dutzenden von Leuten. Wir werden Wochen brauchen, um sie alle zu identifizieren. Blo an zwei Gegenstnden ist kein einziger Abdruck. An dem Stuhl da und an dem Knopf an der Wohnungstr.
Wieso? Er zuckte die Achseln. Jemand mu den Stuhl und den Trknopf abgewischt haben. Sieht jedenfalls ganz so aus. Verdammt merkwrdig. Sonst ist nichts abgewischt worden, nicht mal das Messer, mit dem sie sich die Pulsadern aufschnitt.
Ich nickte. War schon jemand wegen der Blutproben hier?
Ja.
Okay, sagte ich. Darf ich mal telefonieren? Ich mchte im Labor Bescheid sagen. Er zuckte die Achseln. Bitte.
Ich ging zum Telefon, nahm den Hrer ab und whlte die Nummer der Wettervorhersage. Als sich die Tonbandstimme meldete, sagte ich: Geben Sie mir Dr. Lazare, bitte.
 sonnig und khl, am Sptnachmittag teilweise bewlkt 
Fred? Hier Berry. Ich bin hier in der Wohnung.
 voraussichtlich vereinzelte Regenschauer 
Ja, die Proben sind angeblich abgenommen worden. Hast du sie noch immer nicht gekriegt?
 morgen heiter und trocken, sinkende Temperaturen 
Aha. Okay. Bis gleich.
 Ostwind mit etwa fnfundzwanzig Stundenkilometern  Ich legte auf und wandte mich zu den drei Mnnern um.
Danke, sagte ich.
Keine Ursache.
Sie blickten nicht auf, als ich hinausging, und auch die Polizisten drauen kmmerten sich nicht um mich. Sie hatten das alles schon hundertmal gemacht, und es war fr sie eine reine Routinesache.

 

 Postskriptum

 Montag, 17. Oktober

 Am Montag war ich schlecht gelaunt. Ich sa fast den ganzen Vormittag herum und trank Kaffee und rauchte Zigaretten und hatte einen widerlichen sauren Geschmack im Mund. Immer wieder sagte ich mir, da es das beste wre, aufzuhren und es dabei bewenden zu lassen. Ich konnte Art nicht helfen, und ich konnte nichts ungeschehen machen. Ich konnte alles nur noch schlimmer machen.
Auerdem, genau betrachtet, war Weston an dem Ganzen nicht schuld. Ich htte gern jemandem die Schuld zugeschoben, doch er konnte eigentlich gar nichts dafr. Und er war ein alter Mann.
Es war sinnlos. Ich trank Kaffee und sagte mir immer und immer wieder, da es sinnlos war. Trotzdem tat ichs.
Kurz vor Mittag fuhr ich zum Mallory und ging in Westens Bro. Er sa ber seinem Mikroskop und untersuchte irgendwelche Schnitte und diktierte die Befunde in ein kleines Tonbandgert.
Als ich eintrat, blickte er auf. Hallo, John. Was fhrt Sie zu mir?
Wie gehts? sagte ich.
Mir? Er lachte. Mir gehts gut. Und Ihnen? Er deutete auf meinen Kopfverband. Ich hab davon gehrt. Sind Sie wieder in Ordnung?
Einigermaen, sagte ich.
Ich blickte auf seine Hnde. Sie lagen auf seinem Scho. Er hatte sie vom Tisch genommen, als ich ins Zimmer trat. Ich sagte: Tun sie weh?
Was?
Ihre Hnde.
Er tat, als ob er mich nicht verstand, doch es gelang ihm nicht recht. Ich deutete auf seine Hnde, und er legte sie auf den Schreibtisch. Zwei Finger seiner linken Hand waren verbunden.
Haben Sie sich verletzt?
Ja. Blde Sache. Ich hab meiner Frau in der Kche geholfen und eine Zwiebel gehackt. Dabei hab ich mich geschnitten.
Nicht weiter schlimm, aber peinlich. Nach all den Jahren sollte ich eigentlich mit einem Messer umgehen knnen.
Haben Sie sich selbst verbunden?
Ja. Es war ja blo ein kleiner Schnitt. Ich setzte mich auf den Sessel vor seinem Schreibtisch, zndete mir eine Zigarette an, zog daran und stie den Rauch aus, zur Decke hinauf. Sein Gesicht war ruhig und ausdruckslos; er machte es mir schwer.
Aber das war wohl sein Recht. Ich htte mich wahrscheinlich genauso verhalten. Haben Sie irgendwas auf dem Herzen? fragte er.
Ja, sagte ich.
Wir starrten einander einen Moment an; dann schob er das Mikroskop beiseite und schaltete das Tonbandgert ab. Worum gehts? Um Karen Randall? Um meine Diagnose? Ich glaube, Sie hatten ja irgendwelche Zweifel, nicht? Ich sagte: Ja, hatte ich.
Mchten Sie, da sich doch noch jemand anders die Schnitte ansieht? Sanderson vielleicht? Ich schttelte den Kopf. Nicht mehr wichtig. Wenigstens nicht juristisch.
Da haben Sie recht, sagte er.
Wir schwiegen. Die Stille war unertrglich, doch ich wute nicht, wie ich es ihm sagen sollte. Der Stuhl, sagte ich, ist abgewischt worden. Wuten Sie das? Er sah mich einen Moment stirnrunzelnd an, und ich dachte schon, er wolle sich dumm stellen. Doch dann nickte er. Ja, sagte er. Sie hat mir gesagt, da sie ihn abgewischt hat.
Den Trknopf auch.
Ja. Den Trknopf auch.
Wann sind Sie gekommen? Er seufzte. Es war schon ziemlich spt, sagte er. Ich hatte lange im Labor gearbeitet, und auf der Heimfahrt hab ich noch bei Angela vorbeigeschaut, um zu sehen, wies ihr geht. Das hab ich fter gemacht.
War sie bei Ihnen in Behandlung?
Sie meinen, ob ich ihr Rauschgift gegeben habe?
Ich meine, ob Sie sie behandelt haben.
Nein, sagte er. Mir war klar, da das sinnlos gewesen wre. Ich hab versucht, Sie dazu zu bringen, eine Entziehungskur zu machen, aber  Er zuckte die Achseln.
Und warum haben Sie sie fter besucht?
Einfach, um nach ihr zu sehen, um ihr so gut wie mglich zu helfen, wenns ihr schlechtging 
Und Donnerstag abend?
Er war schon da, als ich kam. Ich hrte Schreie und Gepolter, und als ich die Tr aufmachte, sah ich, da er mit einem Rasiermesser auf sie losging. Sie hatte ein langes Brotmesser in der Hand und wehrte sich. Er wollte sie umbringen, weil sie ihn htte belasten knnen. Du weit zuviel, Baby, sagte er immer und immer wieder mit leiser Stimme. Was dann passierte, wei ich nicht genau. Er sagte irgendwas zu mir, ein paar Worte, und dann strzte er sich mit dem Rasiermesser auf mich. Er sah schrecklich aus; Angela hatte ihm mit dem Messer die Kleider aufgeschlitzt 
Und da haben Sie sich den Stuhl geschnappt?
Nein. Ich bin zurckgewichen, und erst als er mir den Rkken zuwandte und wieder auf Angela losging  da hab ich mir den Stuhl geschnappt.
Ich deutete auf seine Finger. Und Ihre Schnittverletzungen? 
Keine Ahnung. Ich glaube, die sind von seinem Rasiermesser.
Erst als ich heimkam, hab ich gesehen, da auch in meinem Jackenrmel ein Schnitt war. Aber ich kann mich nicht erinnern.
Und dann?
Er ist zu Boden gestrzt. Besinnungslos.
Und was haben Sie gemacht?
Angela sagte, ich solle sofort verschwinden  sie wrde schon mit allem fertig werden. Sie wollte nicht, da ich in das Ganze hineingezogen wrde. Und so 
 sind Sie gegangen, sagte ich.
Er blickte auf seine Hnde. Ja.
War Roman schon tot, als Sie gingen?
Das wei ich nicht. Er lag vor dem Fenster. Ich nehme an, sie hat ihn rausgeworfen und dann den Stuhl abgewischt. Aber genau wei ichs nicht.
Ich sah ihn an, starrte auf die Falten in seinem Gesicht und auf sein weies Haar und dachte daran, wie er als Lehrer gewesen war, wie er uns angetrieben und schikaniert und gelobt hatte, wie ich ihn respektiert hatte, wie er mit uns Assistenten jeden Donnerstagnachmittag in eine Kneipe in der Nhe des Krankenhauses gegangen war und dort mit uns getrunken und geplaudert hatte, wie er jedes Jahr an seinem Geburtstag eine groe Torte mitgebracht und allen ein Stck davon angeboten hatte. Alles fiel mir ein, die Witze, all das Gute und all das Schlechte, die Fragen und die Erklrungen, die langen Stunden im Sezierraum.
Ja, sagte er mit traurigem Lcheln, so wars.
Ich zndete mir eine neue Zigarette an und wlbte dabei die Hnde darum und senkte den Kopf, obwohl nicht der leiseste Lufthauch im Zimmer war. Es war schwl und hei wie in einem Gewchshaus. Weston stellte die Frage nicht. Ich ersparte es ihm. Vielleicht, sagte ich, billigt man Ihnen Notwehr zu.
Ja, sagte er leise, vielleicht.
Drauen reckten sich die kahlen Zweige der Bume in den kalten Herbsthimmel. Als ich die Vortreppe hinunterging, fuhr ein Ambulanzwagen vorbei, unterwegs zur Notaufnahme.
Einen kurzen Moment sah ich hinter dem Fenster ein Gesicht auf einem Kissen, darbergestlpt eine Sauerstoffmaske, die ein Krankenpfleger festhielt. Ob es ein Mann oder eine Frau war, konnte ich nicht erkennen. Einige Leute auf dem Gehsteig blieben stehen und blickten dem Ambulanzwagen nach, teils neugierig, teils besorgt und mitleidsvoll. Man merkte, da sie sich fragten, wer wohl in dem Wagen lag und was fr eine Krankheit er hatte und ob er das Krankenhaus wohl je wieder verlassen wrde. Sie wuten keine Antwort auf diese Fragen, doch ich konnte aus dem, was ich sah, meine Schlsse ziehen.
Die Lampe auf dem Dach des Wagens blinkte, doch die Sirene heulte nicht, und er fuhr mit geradezu gleichgltiger Langsamkeit.
Das bedeutete, da der Mensch, der darin lag, nicht sehr krank war.
Oder da er bereits tot war. Das war schwer zu sagen. Einen Moment befiel mich eine seltsame Neugier, ein fast unwiderstehlicher Drang, zur Notaufnahme zu gehen und nachzusehen, wer der Patient war und wie es mit ihm stand. Doch ich lie es bleiben. Ich ging die Strae hinunter, stieg in mein Auto und fuhr nach Hause. Ich versuchte den Ambulanzwagen zu vergessen, denn es gab Millionen Ambulanzwagen und Millionen Menschen, jeden Tag, in jedem Krankenhaus. Schlielich verga ich ihn, und das war wohl das beste.



